Ursula Pidun / 14. September 2019


Seenotrettung: 82 Gerettete in Lampedusa an Land

Nach einer tagelangen Wartezeit zur Anlandung informierte die Seenotrettungsleitstelle Rom heute SOS MEDITERRANEE darüber, dass die im zentralen Mittelmeer geretteten Menschen in Italien an Land gehen können. Damit endet eine weitere Odyssee. Neben Erleichterung gibt es auch Kritik an der langen Verzögerung.

(Foto: Laurence Bondard_SOS MEDITERRANEEE)

Nach einer tagelangen Odyssee können die Geretteten nunmehr in Lampedusa

an Land gehen. (Foto: Laurence Bondard_SOS MEDITERRANEEE)

Große Probleme mit Anlandung

Die Teams von SOS MEDITERRANEE und Ärzte ohne Grenzen an Bord der Ocean Viking retteten in zwei Einsätzen in internationalen Gewässern vor der libyschen Küste 84 Menschen. Innerhalb von 14 Stunden nach der Ankunft im libyschen Such- und Rettungsgebiet ging die Meldung eines ersten Seenotfalles am 8. September an Bord der Ocean Viking ein. Es handelte sich um ein Schlauchboot mit 50 Personen.

Die zweite Rettung und der darauffolgende Transfer am 9. September erfolgte bei sich rasch verschlechternden Wetterbedingungen, weil das 14 Meter lange Segelschiff, auf dem die Menschen Schutz gefunden hatten, selber zum Notfall wurde. SOS MEDITERRANEE hat daher die 34 Menschen von Bord des Segelschiffes Josefa übernommen.

 (Foto: Hannah Wallace Bowman)

Rettung in der Nacht unter erschwerten Bedingungen. (Foto: Hannah Wallace Bowman)

Trotz anhaltender Versuche, die libysche Koordinierungsstelle bei allen Schritten der beiden Einsätze zu kontaktieren, kam erst am 10. September eine Anweisung, in der die libysche Koordinierungsstelle Zawiyah (Libyen) als Ort zur Anlandung der Geretteten zuwies. SOS MEDITERRANEE lehnt dies ab, weil Libyen kein sicherer Ort ist. Die libyschen Rettungsleitstelle antwortete auf Anfrage nach einem alternativen Ort nicht.

Evakuierung einer Schwangeren am 11. September

Am 11. September nahm die Ocean Viking Kurs nach Norden, um die medizinische Notevakuierung einer hochschwangeren Frau und ihres Mannes nach Malta zu erleichtern. Nach dieser Evakuierung blieben 82 gerettete Menschen an Bord – darunter ein einjähriges Baby. Am heutigen Samstag, den 14.09.2019, erteilte die Seenotrettungsstelle Rom SOS MEDITERRANNEE nunmehr die Erlaubnis, dass die 82 Geretteten in Italien an Land gehen können. Sechs Tage nach der ersten Rettung hat eine Allianz europäischer Mitgliedsstaaten damit eine Ad-Hoc-Lösung gefunden.

„SOS MEDITERRANEE begrüßt die Entscheidung und ist erleichtert, dass die 82 geretteten Menschen an Bord der Ocean Viking in Lampedusa an Land gehen können,

sagt David Starke, Geschäftsführer von SOS MEDITERRANEE Deutschland.

„Die Zuweisung eines sicheren Ortes, der sich auch als solcher qualifiziert, ist eine gute Nachricht. Aber mehrere Tage oder gar Wochen warten zu müssen, tolerieren wir nicht. Wir fordern die europäischen Staaten nachdrücklich auf, einen wirksamen, koordinierten und vorhersehbaren Mechanismus einzuführen, der die Ausschiffung von im Mittelmeer geretteten Menschen an einem sicheren Ort garantiert“,

erklärt Nicola Stalla, Einsatzkoordinator an Bord der Ocean Viking.

 (Foto: Laurence Bondard_SOS MEDITERRANEE)

Tagelange Irrfahrt ohne Zuweisung eines sicheren Hafens.

(Foto: Laurence Bondard_SOS MEDITERRANEE)

Völkerrecht darf nicht in Frage stehen

Die Zuweisung eines sicheren Ortes ist im Völkerrecht verbrieft. Es besagt, dass aus Seenot gerettete Menschen unverzüglich an einem Ort an Land gebracht werden müssen, an dem ihre Sicherheit gewährleistet ist und ihre Grundbedürfnisse gedeckt werden können.

„Für Menschen, die vor den verzweifelten Zuständen in ihren Heimatländern geflohen sind und in Libyen schreckliche Misshandlungen erlitten haben, kann ein sicherer Ort nicht früh genug kommen“,

sagt Erkinalp Kesikli, Projektkoordinator von Ärzte ohne Grenzen an Bord der Ocean Viking. SOS MEDITERRANEE ist fest davon überzeugt, dass die humanitären Werte von den EU-Mitgliedstaaten gewahrt werden müssen und eine angemessene Reaktion auf die humanitäre Krise im zentralen Mittelmeerraum gefunden werden muss.

Die heutige Entscheidung, dass sich mehrere europäische Mitgliedsstaaten, darunter Italien, auf eine Lösung einigen konnten, ist ein ermutigendes Zeichen. Im Juni 2018 war das gemeinsam von SOS MEDITERRANEE und Ärzte ohne Grenzen betriebene Rettungsschiff Aquarius als erstes humanitäres Schiff, mit der Schließung italienischer Häfen konfrontiert. SOS MEDITERRANEE erinnert daran, dass die Unterstützung von Menschen in Not heute und in Zukunft über alle anderen politischen Erwägungen gestellt werden muss.

SOS MEDITERRANEE fordert die europäischen Mitgliedsstaaten auf:

  • auf den dringenden Bedarf an Such- und Rettungskapazitäten im zentralen Mittelmeerraum zu reagieren;
  • einen koordinierten, gemeinsamen und nachhaltigen Ausschiffungsmechanismus, der den Schutz menschlichen Lebens gewährleistet, einzurichten;
  • die Kriminalisierung der im Mittelmeerraum tätigen humanitären und zivilen Organisationen einzustellen.
 (Foto: Laurence Bondard_SOS MEDITERRANEE)

Die Teams von SOS MEDITERRANEE und Ärzte ohne Grenzen an Bord der Ocean Viking

retteten in zwei Einsätzen in internationalen Gewässern vor der libyschen

Küste 84 Menschen. (Foto: Laurence Bondard_SOS MEDITERRANEE)

Einer von 20 Geflüchteten stirbt

Im zentralen Mittelmeerraum besteht derzeit ein erheblicher Mangel an Rettungsschiffen. Das trägt zu der höchsten jemals registrierten Todesrate bei. Schätzungen zur Folge stirbt einer von 20 Menschen bei dem Versuch aus Libyen über das Mittelmeer zu fliehen.

„Wir werden so schnell wie möglich wieder in das Rettungsgebiet im zentralen Mittelmeer zurückkehren, weil wir dort das derzeit einzige Rettungsschiff sein werden. Denn: Es geht hier um nichts weniger als unsere europäischen Werte. Wir leben diese Werte, indem wir Menschen vor dem Ertrinken retten“,

sagt David Starke, Geschäftsführer von SOS MEDITERRANEE Deutschland.

 

Verweise:

Hiflsbündnis unterstützt die Seenotrettung
Das größte Problem der EU sind die Toten im Mittelmeer
Sprachkreationen in Zeiten der Migration
An Horst Seehofer: SOS von der Lifeline