Dr. Alexander Krüger / 28. August 2019


Die EZB hat das Augenmaß verloren

Die EZB steht vor neuen Lockerungen. Statt Wachstums- und Inflationsrate dürften aber vor allem Staatshaushalte und Finanzmärkte profitieren. Gleichzeitig werden die schädlichen Nebenwirkungen dieser Geldpolitik wohl zunehmen. Für uns hat die EZB den Point of no Return überschritten. Eine Kommentierung von Dr. Alexander Krüger.

EZB

Mit Ihrer Geldpolitik überschreitet die EZB den Point of no Return. (Foto: Photodune.com)

 
Auf der Ratssitzung Ende Juli hatte die EZB den Bedarf einer akkommodierenden Geldpolitik erneut betont. Neben dämpfenden Effekten der globalen Wachstumsdynamik auf die EWU-Wirtschaft ist es vor allem die mit 1,1 % klar unter dem Preisziel liegende Inflationsrate, die der Notenbank ein Dorn im Auge ist. Die EZB ist deshalb bereit, ihre Instrumente anzupassen, um die Inflationsrate nachhaltig und zielkonform zu erhöhen. An den Finanzmärkten wird daher für September mit einer Einlagesatzsenkung und für 2020 mit neuen unkonventionellen Maßnahmen gerechnet.

Stark getrübte Absatzerwartungen

Wir teilen die Markterwartungen: Bezüglich neuer Impulse ist die EZB schon so weit vorgeprescht, dass sie diese nicht mehr schadlos enttäuschen kann. Abseits des Wann und Wie etwaiger Maßnahmen rechnen wir aber damit, dass sie ihre Ziele nicht erreichen wird. Das Zinsniveau ist nun mal bereits derart niedrig, dass neue Investitionsprojekte von weiteren Basispunkten nicht mehr angeschoben werden dürften. Ihnen stehen vielmehr stark getrübte Absatzerwartungen aufgrund der beständig sinkenden Auslandsnachfrage entgegen. Ähnlich verhält es sich bei der Inflationsrate: Gegen strukturell dämpfende Effekte, wie sie etwa seitens der Globalisierung, Digitalisierung und Demografie bestehen, ist die EZB machtlos. Mit neuen Lockerungen würde sie wachstums- und inflationsseitig also ein totes Pferd reiten.

Seit Jahren regiert extremer Krisenleitzins

Die EZB wird das wenig beeindrucken. Am scheidenden Ratsmitglied Ewald Nowotny, der jüngst aus unserer Sicht zurecht aufgefordert hat, mit niedrigen Wachstums- und Inflationsraten leben zu lernen,2 dürfte sie sich daher kaum orientieren. Da die Notenbank ihren extremen Krisenleitzins trotz jahrelanger Konjunkturhausse gehalten hat, ist der Verdacht vielmehr erhärtet, dass sie (auch) andere Ziele verfolgt. Mit der offenbar bevorstehenden Durchsetzung von Negativ- und Tiefstzinsen zielt die EZB daher wohl auf zweierlei ab: die seit der Finanzkrise 2008 bei Privathaushalten, Staaten und Unternehmen gestiegenen Schulden zu beherrschen und Vermögensverluste zu vermeiden. Die niedrige Inflationsrate sehen wir daher als Vorwand, um neue expansive Impulse zu setzen.

Geldbesteuerung und Helikoptergeld

Der jüngste EZB-Schwenk auf eine symmetrische Preiszielauslegung unterstreicht dies, verstehen wir ihn doch als Freifahrtschein für eine bis zum Sankt Nimmerleinstag andauernde und noch ultra-expansiver werdende Geldpolitik. Die schädlichen Wirkungen letzterer werden dann aber wohl stärker zunehmen. Hierzu zählen wir vor allem einen geringen Reformwillen von Regierungen, fehlallokierte Kredite, belastete Banken und ein für den Lohnanstieg gefährlich niedriges Produktivitätswachstum. Treten sie auf, dürften sie wiederum neue expansive Notenbank-Aktionen auslösen. Dies vor Augen bleiben wir überzeugt: Gewöhnt an radikale EZB-Maßnahmen, wie sie etwa mit der Geldbesteuerung und dem Helikoptergeld zurzeit diskutiert werden, wird die Definition von Leitzinserhöhung und Bilanzverkürzung von der jungen Generation künftig erst ergoogelt werden müssen.

 
Verweise: