Ursula Pidun


Sprachkreationen in Zeiten der Migration

Worte haben Macht. Im Angesicht inzwischen ganz selbstverständlicher Begriffsgebräuchlichkeiten wie "Asyltourismus" und "Anti-Abschiebe-Industrie", wie sie unter anderen auch von einigen Vertretern der Union verwendet wurden, lässt sich das anschaulich darlegen. Eine Betrachtung von Ursula Pidun.

Migration

Die Gefahr lauert buchstäblich im Legitmierten. (Foto: anjokan / Clipdealer.de)

Verroht im Land der Dichter und Denker, deren Dasein sich zunehmend im Schatten egomanischer, götzengleicher Anbetungen an nie enden wollende Wachstumsversprechen und Wertschätzung ausschließlich gemäß Kapitalkraft abspielt, nun auch noch unsere Sprache? Diese Frage lässt sich wohl mit einem klaren „Nein“ beantworten.

Nicht an der Sprache selbst mit ihrem gewaltigen Wortschatz, den unbegrenzten Möglichkeiten der Verwendung und Differenzierung liegt es, wenn das eine oder andere ausgesprochene Wort schlecht herüberkommt. Die deutsche Sprache an sich ist in Bestform. Man denke nur an die Vielfalt des Wortschatzes, die ausgefeilte Sprachakrobatik in der Literatur oder an die Einsatzbereiche der Sprache in der Wissenschaft und den Medien, aber auch (in etwas skurriler Form) der Bürokratie.

Die Gefahr lauert im Legitimierten

Zu Schieflagen kommt es in der Regel durch einzelne Begriffe und Worte, die anlassbezogen wie Pilze aus dem Boden schießen. Abwertende, diskriminierende, rassistische und selbstverständlich auch vulgäre Wortkreationen. Worte, die das krasse Gegenteil eines „Schatzes“ sind. Plötzlich – wie in der sogenannten „Flüchtlingskrise“ – sind sie in (fast) aller Munde, werden schnell legitim und fließen wie selbstverständlich in den allgemeinen Sprachgebrauch ein.

Gemeint ist nicht nur das laut polternde, sich vordrängende, in Szene setzende und nach Aufmerksamkeit lechzende Geschwurbel auf dem Niveau einer Klamaukjournallie, wie etwa bei dem Auszug aus einer zurückliegenden BILD-Story: Dort wurde „aus acht abgeschobenen Asylbewerbern“ ein „Flieger voller Sex-Täter“. Die Gefahr lauert hier im Versteckten, im eigentlich schon Legitimierten, durch Vorbilder und jene, die sich zur Elite zählen. Oftmals unüberlegt ausgesprochen und damit für gesellschaftsfähig erklärt. Denn ganz sanft und kaum merklich eingeleitet wird die verächtliche, von puren Ressentiments gesteuerte Hetze mit dem Wort „abgeschoben“.

„Abschiebung“ – ein abwertendes Wort negativ-herabwürdigender Konnotation, das im Deutschen Bundestag gebräuchlich ist und sogar offiziell in der Gesetzgebung bzw. im Auslandsrecht zur Anwendung kommt. Unnötigerweise, denn die Europäische Union kommt gänzlich ohne diesen fragwürdigen Begriff aus und spricht ausschließlich und sachlich von Rückführung. Zwar beschreiben beide den gleichen Sachverhalt. Doch bestimmte Worte schaffen Metaphern. Film ab im Kopfkino also und damit eine gefundene Marketingstrategie für Rechtspopulisten.

Die Hemmschwellen fallen weiter

Im Rahmen der aktuellen und zurückliegenden Migrationsbewegung lässt sich das Problem solcher Gedankenabläufe auf geradezu krasse Weise weiter verdeutlichen. Da wird die Rettung von Flüchtlingen im Mittelmeer aus dem Mund eines CSU-Politikers zum „Shuttle-Service“. Beinahe Ertrunkene, in letzter Sekunde aus den Klauen des tödlichen Mittelmeeres gefischt, werden mittels komfortablem EU-Transportservice chauffiert – wohin auch immer. Eine unglaubliche Metapher. Daneben die völlig schieflagige Verunglimpfung engagierter, oftmals privater Initiativen zur Seenotrettung. Eine Besänftigungsfloskel für Wutbürger im Sinne von Wählerstimmen, nun legitim und gesellschaftsfähig.

Die Hemmschwellen fallen weiter. Während das Sterben im Mittelmeer zur tragischen Routine wird, bahnen sich Begriffe wie „Transitzentren“, „Ausschiffungsplattformen“, „Ankerzentren“, „Selektionen“ als „effiziente Aussortierung in Transitzonen“ und gar „Finale Lösung der Flüchtlingsfrage“ den Weg in den Wortschatz und erzählen die Geschichte vom hässlichen Deutschen ganz neu.