Redaktion Spreezeitung / 21. Juli 2019


Seenotretter werden das Sterben im Mittelmeer nicht hinnehmen

Obwohl Libyen endgültig in einen Bürgerkrieg abgerutscht ist und küstennahe Internierungslager mit Geflüchteten schon von Bomben getroffen wurden, hat die EU ihre Seenotrettung vor Ort praktisch eingestellt. Angesichts der humanitären Krise im Mittelmeer sind die Seenotretter von SOS MEDITERRANEE nunmehr wieder in See gestochen, um schiffbrüchige Geflüchtete vor dem Ertrinken zu retten.

Video: SOS MEDITERRANEE
 
Zivile Rettungsschiffe sind kaum noch im Einsatz. Das neue Schiff, die unter norwegischer Flagge fahrende Ocean Viking, betreibt SOS MEDITERRANEE zusammen mit Ärzte ohne Grenzen als medizinischem Partner. Bis Ende 2018 hatten die beiden Hilfsorganisationen die Aquarius als gemeinsames Rettungsschiff gechartert, welches sie nach politisch motivierten Blockaden aufgeben mussten.

Die tödlichste Fluchtroute der Welt

Täglich sterben nach Angaben des UN-Flüchtlingshilfswerks mindestens sechs Menschen auf der Flucht im Mittelmeer. Eine hohe Dunkelziffer ist wahrscheinlich. Das Mittelmeer gilt als tödlichste Fluchtroute der Welt. Insgesamt sind in diesem Jahr nachweislich 426 Menschen im zentralen Mittelmeer ertrunken, als sie versuchten, den sich zunehmend verschärfenden Konflikt in Libyen und den lebensbedrohlichen Bedingungen der dortigen Internierungslager zu entkommen.

„Als professionelle Seenotretter können wir das Sterben im Mittelmeer nicht hinnehmen,“

sagt David Starke.

Leben retten ist Pflicht!“ betont der Geschäftsführer von SOS MEDITERRANEE in Deutschland.

„Seit einem Jahr beobachten wir, dass die europäische Staatengemeinschaft ihrer Verantwortung für die Geflüchteten entlang der zentralen Mittelmeerroute nicht mehr nachkommt. Die EU-Operation Sophia hat ihren Flottenbestand zurückgezogen und einige EU-Mitgliedstaaten blockieren sogar die zivile Seenotrettung, obwohl wir im Einklang mit dem Seerecht handeln. Viel schwerer wiegt jedoch, dass wir jedes Mal wieder ein Tauziehen darum beginnen, wo wir die Geretteten sicher an Land bringen können,“

sagt Starke.

„In den vergangenen sieben Monaten haben wir aktiv nach einem geeigneten Schiff gesucht, welches den Anforderungen und Standards unserer Operationen entspricht. Die Ocean Viking stellte sich als die beste Wahl dar. Sie ist ein Rettungsschiff und hat nach Einschätzungen von SOS MEDITERRANEE und Ärzte ohne Grenzen, ausreichende Kapazitäten, um alle notwendigen Elemente unterzubringen, um Menschen in Seenot auf dem Mittelmeer zu retten, zu schützen und zu versorgen,“

sagt Frédéric Penard, Einsatzleiter von SOS MEDITERRANEE in Frankreich.

Untätigkeit der EU muss ein Ende haben

Im Moment ist das Schiff in Richtung Mittelmeer unterwegs, wo es mit einer 31-köpfigen Crew im Einsatz sein wird. 13 Mitglieder des Such- und Rettungsteams stellt SOS MEDITERRANEE, neun Crewmitglieder stellt Ärzte ohne Grenzen und neun weitere Mitglieder gehören der Schiffscrew an.

“Die langandauernde Untätigkeit der EU-Mitgliedstaaten zwingt uns als zivilgesellschaftlicher Akteur zurück ins Meer, um Leben zu retten. Vor drei Jahren, als wir unsere Einsätze mit der Aquarius starteten, hätten wir nie gedacht, dass wir 29.523 Menschen auf dem Mittelmeer retten würden. Aus diesem Grund bitten wir die Bürgerinnen und Bürger Europas mehr als zuvor, die lebensrettenden Einsätze unseres neuen zivilen Rettungsschiffs mit einer Spende zu unterstützen”,

erklärt Sophie Beau, Mitbegründerin von SOS MEDITERRANEE in Frankreich.

(Foto: Anthony Jean / SOS MEDITERRANEE)[/caption]

Eine humanitäre Katastrophe mitten in Europa.

(Foto: Anthony Jean / SOS MEDITERRANEE)

 
Hintergrund

Die Ocean Viking ist als Frachtschiff beim Norwegian International Ship Registry (NIS) registriert und fährt deshalb unter norwegischer Flagge. Das Schiff diente als Versorgungs- und Rettungsschiff für die Öl- und Gasindustrie in der Nordsee. Gebaut in 1986, hat es eine Länge von 69,3 Metern und eine Schiffsbreite von 15,5 Metern.

Das große und leere Achterdeck des Schiffes erlaubt es SOS MEDITERRANEE und Ärzte ohne Grenzen ein Container-Modul-System zu installieren. Das Schiff ist ausgerüstet mit vier Schnellrettungsbooten, um Such- und Rettungseinsätze zu fahren. Außerdem gibt es eine medizinische Station für die ärztliche Versorgung sowie Aufnahme- und Erholungsräume.

Das Team von SOS MEDITERRANEE, welche die Such- und Rettungsmissionen verantwortet, besteht aus 13 Personen, darunter zwei Such- und Rettungskoordinatorinnen bzw. -koordinatoren, neun Such- und Rettungsteammitgliedern und einer Person zuständig für Kommunikation. Das Team von Ärzte ohne Grenzen, welches für die medizinischen Bedürfnisse der Geretteten an Bord zuständig ist, besteht aus neun Personen, unter anderem einem Arzt, zwei Pflegekräften und einer Hebamme. Weitere neun Personen sind für das Schiff selbst zuständig und beim Eigentümer des Schiffs angestellt.

 
Rückblick – SOS MEDITERRANEE im Einsatz:

    
Verweise:

Das größte Problem der EU sind die Toten im Mittelmeer
Sprachkreationen in Zeiten der Migration
An Horst Seehofer: SOS von der Lifeline