Lars Jaeger / 17. Januar 2018


Von Big Data zu Big Brother – Wie unsere Privatsphäre ausgeschnüffelt wird

Werden totalitäre und skrupellose Machthaber schon bald über eine derartig vollkommene Überwachung- und Manipulationstechnologie verfügen, dass man sie gar nicht mehr bekämpfen kann? Man stelle sich nur einmal die Nationalsozialisten in den 1930er Jahren oder die Stasi in der DDR mit dieser Technologie vor. Jeglicher Widerstand wäre komplett aussichtlos. Ein Essay von Lars Jaeger zu einem der brisantesten Themen unserer Zeit.

Wir haben die Macht über unsere Daten schon längst verloren. (Foto: Clipealer.de)

1983 bewegte ein einziges Thema die gesamte Bundesrepublik: die geplante Volkszählung. Jeder Haushalt in Westdeutschland sollte Fragebögen mit 36 Fragen zur Wohnsituation, den im Haushalt lebenden Personen und über ihre Einkommensverhältnisse ausfüllen. Es regte sich massiver Widerstand, hunderte Bürgerinitiativen formierten sich im ganzen Land gegen die Befragung. Man wollte nicht „erfasst“ werden, die Privatsphäre war heilig. Es bestand die (berechtigte) Sorge, dass die Antworten auf den eigentlich anonymisierten Fragebögen Rückschlüsse auf die Identität der Befragten zulassen. Das Bundesverfassungsgericht gab den Klägern gegen den Zensus Recht: Die geplante Volkszählung verstieß gegen den Datenschutz und damit auch gegen das Grundgesetz. Sie wurde gestoppt.

Sorgloser Umgang mit privaten Daten

Nur eine Generation später geben wir sorglos jedes Mal beim Einkaufen die Bonuskarte der Supermarktkette heraus, um ein paar Punkte für ein Geschenk oder Rabatte beim nächsten Einkauf zu sammeln. Und dabei wissen wir sehr wohl, dass der Supermarkt damit unser Konsumverhalten bis ins letzte Detail erfährt. Was wir nicht wissen, ist, wer noch Zugang zu diesen Daten erhält. Deren Käufer bekommen nicht nur Zugriff auf unsere Einkäufe, sondern können über sie auch unsere Gewohnheiten, persönlichen Vorlieben und Einkommen ermitteln. Genauso unbeschwert surfen wir im Internet, googeln und shoppen, mailen und chatten. Google, Facebook und Microsoft schauen bei all dem nicht nur zu, sondern speichern auf alle Zeiten alles, was wir von uns geben, was wir einkaufen, was wir suchen, und verwenden es für ihre eigenen Zwecke. Sie durchstöbern unsere E-Mails, kennen unser persönliches Zeitmanagement, verfolgen unseren momentanen Standort, wissen um unsere politischen, religiösen und sexuellen Präferenzen (wer kennt ihn nicht, den Button „an Männern interessiert“ oder „an Frauen interessiert“?), unsere engsten Freunde, mit denen wir online verbunden sind, unseren Beziehungsstatus, welche Schule wir besuchen oder besucht haben und vieles mehr.

Den meisten von uns ist es ziemlich egal, wie viele Spuren sie im globalen Datenraum hinterlassen. Andere sind aus Schaden klug geworden und versuchen, ihren Footprint im Netz klein zu halten. Geschichten über Facebook-Nutzer, die einen Job nicht bekommen haben, weil die Personalabteilung im Internet peinliche alte Fotos gefunden hat, haben den einen oder anderen vorsichtiger werden lassen. Doch es reicht nicht, seine Daten nur sehr eingeschränkt zur Verfügung zu stellen. Auch wer Google, Amazon, Facebook und E-Mail-Dienste bewusst meidet, bar bezahlt, um ec- und Kreditkarte zu vermeiden, und dabei auch keine Bonuskarte verwendet, und auch keine erotischen Abenteuer im Internet erleben will, gibt Informationen über sich preis. Denn jeder braucht eine Krankenkasse, ein Bankkonto, eine Renten- und Steuernummer. Wer über die Autobahn fährt oder in Großstädten Europas als Fußgänger durch die Straßen geht, wird aufgezeichnet. Bei Neuwagen ist es heute zum Beispiel üblich, eine Internetverbindung einzubauen mitsamt der Software, die jederzeit registriert, wohin man mit dem Auto gefahren ist, mit welcher Geschwindigkeit man gefahren ist und ob man falsch geparkt hat.

Das Smartphone als „Verräter“

An der Spitze der „Verräter“, die unsere privatesten Geheimnisse öffentlich machen, steht das Smartphone. Da sind die Millionen Apps, die kleinen und diskreten Software-Paketchen, die wir eigenhändig mit einem Klick auf unser Smartphone laden und die dort ein eigenes Online-Leben führen. Sie sind das Resultat unermesslicher menschlicher Kreativität und machen ihren Anwendern jede Menge Spaß, lenken seinen Spieltrieb in schöpferische Bahnen und befeuern seinen Wissenshunger. Und um wie viel einfacher ist das Leben mit diesen kleinen alltäglichen Helfern. Wer fragt schon danach, warum die meisten Apps kein Geld kosten? Doch abgerechnet wird auf andere Weise: mit unseren persönlichen Daten. Dazu kommt: Bei vielen Daten, die über uns gesammelt werden, wissen wir gar nicht, dass sie überhaupt existieren.

E-Books sind beliebt, sie sind günstiger als Printausgaben und es müssen keine dicken Bücher herumgeschleppt werden. Auch Amazon hat seine Freude mit ihnen: Der Konzern weiß nun ganz genau, wie schnell wir ein Buch lesen, welche Seiten wir besonders interessant finden und welche wir vielleicht überspringen. Während wir das Buch lesen, liest dieses auch uns. Woher sonst kommen die Vorschläge von Amazon, die zuweilen zwar nerven, aber doch erstaunlich oft den eigenen Geschmack treffen? All diese Daten werden gespeichert, verarbeitet und verkauft. Diese Berge an Informationen sind „das Öl des 21. Jahrhunderts“. Und wir geben dieses Öl an Google, Facebook und Co. (oder auch der Supermarktkette) für nicht mehr als ein paar Videos auf Youtube oder virtuelle Treffpunkte (oder 1% Einkaufsbonus) – ganz wie im 16. Jahrhundert die Bewohner der neuen Welt, die mit den europäischen Eroberern ganze Inseln für ein paar Glasperlen tauschten.

Dabei ist das Sammeln von Daten auf unseren elektronischen Geräten unterdessen fast schon ein alter Hut im Vergleich dazu, wie uns neuerdings auf (und unter) die Haut gerückt wird. Daten werden an Orten und von Geräten erhoben, die „völlig unverdächtig“ sind. Hier nur einige Beispiele für solche neuen, mit immer intelligenterer Software ausgestatteten Spionage-Geräte:
Die in Xbox-Konsolen eingebauten Überwachungskameras und Hochfrequenzmikrofone senden konstant Ton und Bilder auf die Datenserver ihrer Hersteller (Microsoft). Aus diesen Daten lassen sich u.a. Reaktionsgeschwindigkeit und die Lernfähigkeit ermitteln. Sogar emotionale Zustände der Spieler werden „gescannt“: Die Box kann erkennen, ob der Spieler traurig oder fröhlich ist, ob er oder sie das Gesicht verzieht oder gelangweilt beiseite schaut. Internetfähige Fernseher verfügen über eine eingebaute Kamera, damit ihre Besitzer zum Beispiel skypen können. Wer sich in dieses elektronische Auge hackt, vermag zu beobachten, was sich im privaten Wohnzimmer abspielt. Dass dies keine Übertreibung ist, zeigt ein Release von Wikileaks im März 2017: Unter dem Codenamen „Weeping Angel“ versuchte die CIA seit 2013 durch Hacking Smart-TVs von Samsung anzuzapfen, um sie in einen Modus zu schalten, der dem Nutzer suggeriert, er hätte den Fernseher ausgeschaltet – dabei ist dieser in Wahrheit noch an und sammelt Daten über das, was in der Wohnung passiert.

Firma „Nest“, Staubsauger „Roomba“ und „My Friend Cayla“

Im Jahr 2015 kaufte Google für mehrere Milliarden Dollar die Firma „Nest“ – ein kleines, damals erst fünf Jahre altes Unternehmen, das lediglich zwei Produkte vertreibt. Eines davon ist ein intelligenter Rauchmelder mit Kamera. Dieser erkennt unter anderem, wie viele Personen sich wie lange in welchen Zimmern aufhalten – und kann diese Daten direkt an Google schicken. Unterdessen gibt es den intelligenten Lautsprecher von Google, ein blumenvasenartige Gerät, das per Spracherkennung Hausgeräte steuert, die Heizung reguliert oder online Essen bestellt. Auch wenn wir nicht mit der Software sprechen, die Mikrofone nehmen ständig auf. Und dann ist da noch der Staubsaugroboter „Roomba“: dieser sammelt nicht nur Staub ein, sondern auch jede Menge Daten über unser Zuhause, die er seinen Herstellern ohne weiteres übermitteln kann.

Im Februar 2017 nahm die Bundesnetzagentur die vernetzte Kinderpuppe „My Friend Cayla“ aus dem Handel – wegen Überwachungsgefahr. Die Puppe war zur heimlichen Bild- und Tonaufnahme geeignet, und Fremde mit etwas technischem Wissen könnten sich einhacken und über die Puppe mit den Kindern direkt unterhalten. Die offizielle Begründung der Agentur: „Gegenstände, die sendefähige Kameras oder Mikrofone verstecken und so Daten unbemerkt weiterleiten können, gefährden die Privatsphäre der Menschen. Das gilt auch und gerade für Kinderspielzeug.“

2016 verklagte eine Verbraucherin den Hersteller eines vernetzten Vibrators, der über eine App höchst intime Daten über den Einsatz des Masturbationsgerätes gesammelt hatte.
Google kennt bereits jedes Detail unserer „Aufenthaltsorte“ im digitalen Raum des Internets. Der Schritt dahin, dass sie auch unsere Bewegungen im physikalischen Raum verfolgen können, ist nicht mehr weit. Und bei all dem fühlt sich Google kaum an lokale deutsche Datenschutzstandards gebunden, sondern agiert, wenn überhaupt, nach amerikanischen Standards. Und die sind so lax wie sonst nirgendwo in der westlichen Welt. De facto ist der Datenschutz in den Vereinigten Staaten rechtlich kaum geregelt. Es gibt noch nicht einmal eine umfassende unabhängige Datenschutzaufsicht. Und die minimalen Standards gelten auch nur auf Bürger der USA, und nicht für Daten, die aus dem Ausland kommen. Für letztere ist alles erlaubt. Man darf getrost davon ausgehen, dass auch der Geheimdienst NSA Zugang zu diesen Daten hat und von ihnen Gebrauch macht. Denn der Staat ist ebenso gierig nach unseren Daten wie die Firmen.

Auch der Staat giert nach unseren Daten

Über die „Präsenz-Technologie“ will er ermitteln, ob, zu welcher Zeit und an welchem Ort ein Nutzer auf welchem Online-Dienst (Smartphone, E-Mails, Instant-Messaging, Facebook, etc.) erreichbar ist. Dazu zeichnen Kameras in Großstädten und auf Hauptverkehrsachsen konstant unsere Bewegungen auf (wie in London längst Realität). Unbemannte Flugobjekte weit über uns (oder bald schon insektengroße Drohnen in unserer permanenten Nähe) verfolgen jeden unserer Schritte. Wenn das europäische Navigationssystem Galileo einsatzbereit ist (voraussichtlich 2020), das zehnmal genauer ist als das amerikanische System GPS, können Satelliten erkennen, dass wir im Garten eine Bratwurst grillen. Mit der passenden Software für Gesichts- und Bilderkennung stellt die Echtzeit-Erstellung von Bewegungsprofilen einzelner Menschen kein technisches Problem mehr dar. Mit entsprechenden Algorithmen lassen sich dabei sogar ihre Emotionen aufzeichnen. Mit all diesen Informationen über unsere Internet-Präsenz, unsere physischen Aufenthaltsorte sowie zuletzt unser emotionales Empfinden geben wir den immer intelligenteren Algorithmen bzw. ihren Besitzern reichlich Material, um uns zu überwachen – und früher oder später auch zu manipulieren. Dass all dies nicht Ergebnis einer hysterischen Reaktion irgendwelcher linker Bürgerrechtsgruppen ist, ja dass die staatliche Bespitzelung sogar noch viel weiter geht, zeigen die folgenden Beispiele: In Großbritannien wurde 2015 ein Programm des britischen Geheimdienstes aufgedeckt, das unter dem Namen „Karma Police“ großflächig das Surf- und Kommunikationsverhalten aller Internet-User innerhalb (sowie teils auch außerhalb) des Vereinigten Königreichs sammelt und auswertet. Ziel ist es, jede besuchte Website eines jeden Users aufzuzeichnen.

Auch auf europäischer Ebene wird kräftig gesammelt und abgeglichen: 2014 endete das EU-Forschungsprojekt INDECT (intelligent information system supporting observation, searching and detection for security of citizens in urban environment, das heisst: „Intelligentes Informationssystem für die Beobachtung, Suche und Detektion für die Sicherheit der Bürger in städtischen Umfeldern“). In dem zu erwartenden echten Einsatz eines solchen Systems wird das Hauptziel sein, Überwachungsdaten aus vielen verschiedenen Quellen, darunter auch Daten aus den sozialen Medien, zu verknüpfen und diese automatisiert auf mögliche „Gefahren“ und „abnormes Verhalten Einzelner“ zu untersuchen. „Vorbeugende Kriminalitätsbekämpfung“ lautet das Stichwort dieses Konzepts. Das Argument dahinter lautet immer gleich: Es dient alles unserer Sicherheit, damit wir ein freiheitliches und selbstbestimmtes Leben leben können. Der unbescholtene Bürger hat schließlich nichts zu befürchten. Wäre eine Welt, in der wir aufgrund der umfassenden Informiertheit der Behörden keiner Bedrohung mehr durch Kriminelle, Terroristen oder auch nur Leichtsinnigen ausgesetzt wären, nicht das Paradies auf Erden? Staaten versprechen Sicherheit und Schutz und nehmen dafür einen Teil unserer Freiheit: Dies ist ein jahrtausendealtes Spiel, heute jedoch gespielt mit der technologischen Infrastruktur des 21. Jahrhunderts.

China zeigt, wohin es geht

Wie weit die Bespitzelung und Kontrolle konkret gehen kann, zeigt das Beispiel China, wo Daten- und Bürgerschutz keinerlei (bisherigen) westlichen Maßstäben genügen: Dort hat die Regierung angekündigt, bis 2020 einen „Citizen’s Score“ einzuführen. Darin sollen Informationen über Steuerehrlichkeit, Verkehrsverhalten und Einkommen, aber auch politische Meinungsäußerungen, Hobbies und Konsum eines jeden Bürgers in ein Punktesystem eingehen. Wer einen bestimmten Wert unterschreitet, weil er auf den falschen Websites war oder auf Facebook die falschen Freunde hat, wird aus bestimmten Berufen ausgeschlossen, oder sein Bewegungsradius wird eingeschränkt. Mit einem hohen Wert winken dagegen Belohnungen wie Visa-Erleichterungen oder ein besserer Zugang zu einer guten Schule für die Kinder. Besonders effektiv ist, dass in die Bewertung eines Menschen auch die Punktzahl seiner Freunde in den sozialen Medien eingehen. Ist ein Dissident darunter, rutscht sofort die eigene Punktzahl und es wird schwieriger, zum Beispiel die Kinder studieren zu lassen. Dies generiert einen wirkungsvollen sozialen Druck, Abweichler aus der Gemeinschaft auszustoßen und zu isolieren.

In der chinesischen Wirtschaft gibt es bereits Beispiele und Vorbilder für ein solches Punktsystem. Beim „Sesame Credit“ der Online-Shopping-Plattform „Alibaba“ erhält jeder Kunde einen Punktwert, der sich aus seinem Surf- und Konsumverhalten im Internet berechnet. Viele Chinesen schätzen diese Punktezahl als eine Bestätigung des eigenen sozialen Standes – wer viele Punkte hat, ist ein zahlungskräftiger (de facto Alibaba-loyaler) Konsument. Die ihnen zugewiesene Punktezahl wirkt sich sogar auf die Selbsteinschätzung einzelner Personen aus: 100.000 Menschen prahlen bereits mit ihren Punkten in den sozialen Medien und nutzen sie u.a. auf Online-Dating-Sites, um das andere Geschlecht zu beeindrucken. Eine solche totale Datenkontrolle besitzt eine erschreckende Dimension: die Möglichkeit totaler Machtausübung. Werden totalitäre und skrupellose Machthaber schon bald über eine derartig vollkommene Überwachung- und Manipulationstechnologie verfügen, dass man sie gar nicht mehr bekämpfen kann? Man stelle sich nur einmal die Nationalsozialisten in den 1930er Jahren oder die Stasi in der DDR mit dieser Technologie vor. Jeglicher Widerstand wäre komplett aussichtlos. Es ist dies eine Dystopie, die näher liegt als die meisten Menschen glauben. Nur dass es nicht mehr nur der Staat ist, der uns beschnüffelt, sondern auch profitgierige Unternehmen.