Ursula Pidun / 21. Oktober 2012 / 1 Kommentar


Plagiatsvorwürfe gegen Annette Schavan (CDU) – Interview mit Prof. Dr. Gerhard Dannemann

Noch vor gut einem Jahr schämte sich Bildungsministerin Annette Schavan (CDU) "nicht nur heimlich" für die Plagiatsaffäre Ihres damaligen Amtskollegen zu Guttenberg. Nun gerät die Bildungsministerin selbst in den Fokus eines Plagiatsjägers. Interview mit Prof. Dr. Gerhard Dannemann, Humboldt-Universität zu Berlin.

Fotorechte: Humboldt-Universität zu Berlin

Fotorechte: Humboldt-Universität zu Berlin

Die Heinrich-Heine-Universität in Düsseldorf beschäftigt sich mit der Disstertation von Bildungsministerin Annette Schavan (CDU) und will am Mittwoch ein erstes Statement abgeben. Die Ministerin hatte die Universität nach Erhebung der Vorwürfe von sich aus um Prüfung gebeten und beteuert, nach „bestem Wissen und Gewissen“ gearbeitet zu haben. Prof. Dr. Gerhard Dannemann, Rechtsexperte an der Humboldt-Universität zu Berlin, hält dagegen. Er äußerte sich in den Medien zu den Plagiatsvorwürfen und sprach von „gravierendem wissenschaftlichem Fehlverhalten“. Wir haben nachgefragt: Im Gespräch mit Prof. Dr. Gerhard Dannemann, Centre for British Studies, Humboldt-Universität zu Berlin.

Herr Professor Dannemann, sind Sie von den derzeitigen Plagiatsvorwürfen gegen Bildungsministerin Annette Schavan (CDU) überrascht worden?

Nein, sie waren mir aus meiner Arbeit bei VroniPlag schon bekannt.

Sie zählten zum sogenannten „VroniPlag„-Team, das sich früher bereits einmal mit der Dissertation von Annette Schavan befasst hat. Sind damals keine „Ungereimtheiten“ entdeckt worden?

Doch, genau dieselben, die jetzt auf dem Blog „schavanplag“ veröffentlicht worden sind.

Spielt in Ihrer Sicht die Quantität möglicher „Ungereimtheiten“ eine Rolle oder ist es nicht doch eher so, dass entweder plagiiert wird oder nicht und dazwischen gibt es nichts?

Es gibt mehrere Grauzonen, insbesondere bei der Übernahme von Belegen aus anderen Quellen, bei Übersetzungen, bei Standard-Definitionen und bei der Frage, was noch zu Allgemeinwissen zählt. Davon abgesehen kann schon eine einziger klarer Verstoß gegen die Zitierregeln den Vorwurf des Plagiats begründen.

Welche diesbezüglichen Kriterien legt das Blog bzw. Team „VroniPlag“ an, um zu entscheiden, ob Vorwürfe an die Öffentlichkeit geraten oder nicht?

Behauptete Plagiate werden auf VroniPlag zunächst in einem weniger öffentlichen Teil des Wikis untersucht. Dabei wird nicht der volle Name des oder der Autor(in) genannt, sondern nur die Initialen. So hatte ich bei meiner ersten Befassung mit dem Fall „As“ zunächst keine Ahnung, welche Person dahinter steckte. Übereinstimmungen zwischen der Arbeit und verschiedenen Quellen werden stückweise aufgenommen, von mehreren Personen gesichtet und dabei als „Kein Plagiat“ oder als „Verdächtig“ bewertet oder einer von vier auf VroniPlag verwendeten Plagiatskategorien (Komplettplagiat, Verschleierung, Bauernopfer, Verschärftes Bauernopfer) zugeordnet. Publik gemacht – also auf die Homepage von VroniPlag gesetzt – wird eine Arbeit frühestens dann, wenn auf 10 Prozent der Textseiten Plagiate gefunden und belegt wurden. Diese Marge hatte die Arbeit von Frau Schavan knapp erreicht.

Der anonyme Initiator von SchavanPlag äußerte in einem Interview, er wolltedas nicht unter den Tisch fallen lassen„. Das heißt, es wurde zuvor möglicherweise etwas unter den Tisch fallen gelassen?

Auf VroniPlag ist eine Anzahl von Arbeiten untersucht worden, ohne dass die Befunde publiziert worden wären. Einige davon haben die 10%-Grenze nicht erreicht. Andere haben die 10%-Grenze klar überschritten, aber es war beispielsweise nicht offensichtlich, wer da wen plagiiert hatte.

Es heißt, die Mehrheit sei damals dagegen gewesen, die Ministerin bloßzustellen. Untersuchungen zu Plagiatsvorwürfen haben aber doch nichts mit bloßstellen zu tun sondern damit, Klarheit zu schaffen?

Ganz richtig, es geht um Transparenz, aber wer in einem Plagiatsfall Transparenz schafft, beschreibt damit zwangsläufig einen Missstand. Der wird in den meisten Fällen dem oder der Autor(in) zuzuschreiben sein, manchmal auch dem oder die Betreuer(in), manchmal vielleicht sogar der Wissenschaftskultur in einer bestimmten Fachrichtung. Richtig ist auch, dass die Entscheidung, den Fall Schavan nicht auf VroniPlag zu publizieren, von einer knappen Mehrheit getragen wurde.

Solche Untersuchungen führen ja im besten Fall auch zu Entlastungen. Warum werden sie dennoch oftmals als Affront gewertet?

Niemand lässt sich gerne wissenschaftliches Fehlverhalten nachweisen. Und Entlastungsbescheinigungen hat VroniPlag bisher nicht ausgestellt. Plagiate in einer Arbeit lassen sich mit großer Präzision nachweisen, aber es ist umgekehrt praktisch nicht nachweisbar, dass eine Arbeit kein einziges Plagiat enthält.

Wird in Ihrer Sicht immer mit gleichen Maßstäben gemessen oder können außergewöhnliche Positionen zu Blockaden hinsichtlich Transparenz und Offenheit bei Untersuchungen zu möglichen Plagiatsvorkommnissen führen?

VroniPlag ist aus GuttenPlag hervorgegangen, viele der heute Aktiven haben schon bei GuttenPlag mitgewirkt. Eine mangelnde Bereitschaft, einem oder einer amtierenden Bundeminister(in) ein Plagiat zu bescheinigen, wird man den Mitarbeitern dieser Wikis nicht unterstellen können. Die Dissertation von Frau Schavan war ein Grenzfall, an dem unterschiedliche Positionen deutlich wurden. Soll VroniPlag grundsätzlich Fälle von erheblichem wissenschaftlichen Fehlverhalten beim Umgang mit Quellen dokumentieren? Oder sollen nur solche Fälle publiziert werden, in denen so offensichtlich und mit so großem Ausmaß plagiiert wurde, dass eine Fakultät, die auf ihren wissenschaftlichen Ruf bedacht ist, den Doktortitel entziehen müsste? Der Fall Schavan fällt klar in die erste, aber nicht in die zweite Kategorie. Für die anderen Aktiven auf VroniPlag kann ich nicht sprechen, aber ich meine, in dieser Einschätzung war man sich weitgehend einig.

Halten Sie die derzeitigen Vorwürfe gegen Annette Schavan in Hinblick auf ihren Posten als Bildungsministerin für besonders heikel?

Natürlich ist ein Plagiatsvorwurf gegen eine Forschungsministerin besonders heikel. Andererseits schlägt sich der regelwidrige Umgang mit wissenschaftlichen Quellen, den eine 25-jährige Doktorandin 1980 gepflegt hat, nicht zwangsläufig auf ihre heutige Arbeit als Ministerin durch. Ich kann mir gut vorstellen, dass bei der bisher nachgewiesenen Qualität und Quantität wissenschaftlichen Fehlverhaltens dieses Frau Schavan nicht mehr präsent war. Für höchst problematisch würde ich es aber halten, wenn Frau Schavan nach gründlichem Studium der Dokumentation auf schavanplag und auf VroniPlag weiterhin darauf bestehen würde, dass ihre Dissertation den Maßstäben guter wissenschaftlicher Praxis genügt.

Sie haben die Dissertation von Annette Schavan gelesen bzw. geprüft. Welches Fazit würden Sie als Rechtsexperte zu dieser Dissertation ziehen?

Weder im Urheberrecht noch im Verwaltungsrecht würde ich mich als Experten bezeichnen. Ich finde es richtig, dass die Universität Düsseldorf sich mit dem Vorfall befasst. Dem Ausgang des Verfahrens kann und will ich nicht vorgreifen. Ich halte ihn nach bisherigem Erkenntnisstand aber ohnehin für völlig offen – mit nur einer Ausnahme. Ich kann mir schwer vorstellen, dass der Promotionsausschuss Frau Schavan bescheinigen wird, die Maßstäbe guter wissenschaftlicher Praxis eingehalten zu haben.

Das Interview führte Ursula Pidun

Fotorechte: Humboldt-Universität zu Berlin



Ein Kommentar zu "Plagiatsvorwürfe gegen Annette Schavan (CDU) – Interview mit Prof. Dr. Gerhard Dannemann"

  1. Steinmüller 29. September 2015 at 12:18

    Mir fällt auf, daß nur prominente Personen der CSU oder CDU
    betroffen sind. Wird auch bei Größen der SPD oder Grünen ge-
    forscht. Gehört Gerhard Dannemann einer Partei an?
    25 Jahre nach Abgabe der Doktorarbeit! Gibt es nichts Wichtigeres
    zur Zeit oder überhaupt? Sind das auch Steuergelder, die dafür ausgegeben werden?

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