Lars Jaeger / 19. Juli 2019


Mondlandung 1969 – Eine Vision von Politik und Wissenschaft

Am 16. Juli 1969 startete die Trägerrakete Saturn V auf Cape Canaveral. Drei Tage später erreichte sie die Mondumlaufbahn, und am 20. Juli setzte die Landefähre „Eagle“ auf der Mondoberfläche auf. Die Mondlandung vor 50 Jahren dokumentiert eindrucksvoll, was möglich ist, wenn Wissenschaft und Politik eine Vision haben. Ein Essay von Lars Jaeger.

(Foto: moovstock/Clipdealer.de)

Die Astronaut Hall of Fame in Titusville im US-Bundesstaat Florida ist eine öffentliche

Ehrungsstätte für US-amerikanische Astronauten. (Foto: moovstock/Clipdealer.de)

 
Die Landung der ersten Menschen auf dem Mond am 20. Juli 1969 war einer der bewegendsten Augenblicke des 20. Jahrhunderts und die Fernseh-Übertragung der „Apollo 11“-Mission dessen erstes und grösstes globale Medienereignis. Bis zu 600 Millionen Menschen verfolgten in der Nacht von 20. auf 21. Juli 1969 weltweit vor den Bildschirmen, wie Neil Armstrong die ersten Schritte auf dem Erdtrabanten machte. Bei einer damaligen Weltbevölkerung von 3.5 Mrd. war das ca. jeder sechste Erdenbürger und ca. jeder vierte Erwachsene.

Eine kaum fassbare, technische Meisterleistung

Zugleich gilt die Mondlandung der Amerikaner bis heute als eine kaum fassbare technische Meisterleistung, erst recht, wenn man die technischen Mittel der damaligen Zeit berücksichtigt. So sind nach Beendigung des Apollo-Programms im Jahr 1972 bis heute keine weiteren Menschen auf dem Erdtrabanten gelandet. Die Sowjetunion stellte ihr bemanntes Mondflugprogramm nach mehreren technischen Rückschlägen schon 1969 ein. Wie schwer es noch heute ist, auf den Mond zu fliegen, mussten unlängst die indischen Raumfahrer erkennen, die den Start ihre Mondrakete „wegen technischer Probleme“ abbrechen mussten. Und noch 2013 und 2019 feierten die chinesischen Staatsmedien enthusiastisch, dass es einem (unbemannten!) chinesischen Raumschiff gelungen ist, auf dem Mond zu landen (ihr Programm soll erst in den 2030er-Jahren eine bemannte Mondlandung ermöglichen).

Am 16. Juli 1969 startete die Trägerrakete Saturn V auf Cape Canaveral. Drei Tage später erreichte sie die Mondumlaufbahn, und am 20. Juli setzte die Landefähre „Eagle“ auf der Mondoberfläche auf. Am 21. Juli um 3.56 Uhr Mitteleuropäischer Sommerzeit – in den USA war es noch der Abend des 20. Juli – setzte „Apollo 11“-Kommandant Neil Armstrong seinen Fuss auf die Oberfläche des Mondes und sagte dabei seinen berühmten Satz: „Ein kleiner Schritt für einen Menschen – aber ein gewaltiger Sprung für die Menschheit.“ Kurz darauf folgte ihm Buzz Aldrin und betrat den Mondboden. Michael Collins, das dritte Besatzungsmitglied, umrundete währenddessen im Kommandomodul den Mond. Nach zweieinhalb Stunden verliessen die Menschen den Mond wieder und kehrten am 24. Juli auf die Erde zurück.

Mit einer Rede von J. F. Kennedy fing alles

Angefangen hatte alles mit der Rede des US- Präsident John F. Kennedy vor dem amerikanischen Kongress am 25. Mai 1961, nur eineinhalb Monate nach dem Start des sowjetischen Astronauten Juri Gagarin ins Weltall. Darin gab er das Ziel vor, noch im selben Jahrzehnt einen Menschen zum Mond fahren und wieder zurückbringen zu lassen:

„Ich glaube, dass dieses Land sich dem Ziel widmen sollte, noch vor Ende dieses Jahrzehnts einen Menschen auf dem Mond landen zu lassen und ihn wieder sicher zur Erde zurückzubringen.

Kein einziges Weltraumprojekt wird in dieser Zeitspanne die Menschheit mehr beeindrucken oder wichtiger für die Erforschung des entfernteren Weltraums sein; und keines wird so schwierig oder kostspielig zu erreichen sein.“

Sogar einige NASA-Funktionäre zweifelten an der Durchführbarkeit dieses Projekts, und noch 1963 war Kennedy selbst dazu geneigt, einer gemeinsamen US-sowjetischen Mondmission zuzustimmen. Die Landung von Menschen auf dem Mond bis Ende 1969 erforderte eine gewaltige technologische Anstrengung und Kreativität, und mit insgesamt ca. 25.4 Milliarden Dollar (153 Milliarden Dollar zu Preisen im Jahr 2018) nicht weniger exorbitante finanzielle Mittel. Es war die grösste Summe, die jemals von einer Nation in Friedenszeiten für ein technologisches Projekt aufgewendet wurde.

Das Apollo-Unternehmen zeigte in beeindruckender Weise, wie eine politische und technische wissenschaftliche Zusammenarbeit in einer Mammutorganisation wie der NASA ein Problem von dieser Grössenordnung mit so vielen Unbekannten innerhalb eines definierten Zeitraums zu lösen vermag. In der Spitze beschäftigte das Apollo-Programm 400.000 Menschen und benötigte die Unterstützung von über 20.000 Industrieunternehmen und Universitäten – sowie das Wissen der deutschen Luftwaffe: die gewaltige Trägerrakete „Saturn V“, mit einer Höhe von über 110 Metern bis heute die grösste Rakete der Welt, entstand unter Leitung des ehemaligen NSDAP-Mitgliedes und SS-Sturmbannführers Wernher von Braun.

Offene Fragen und unsicherer Erfolg

Wie viele offenen Fragen es zu Beginn des Projektes gab und wie unsicher der Erfolg war, zeigt sich schon daran, dass es zahlreiche verschiedene Möglichkeiten gab, zum Mond zu fliegen:

  • Flug in den Mondorbit und dann Abkopplung einer Landeeinrichtung von dort (so wie es die NASA zuletzt durchführte)
  • Direkter Flug von der Erde auf den Mond
  • Flug von Einzelteilen in die Erdumlaufbahn, die dann dort zu einer Mondraumschiff zusammengebaut werden
  • Flug von zwei Raumschiffen direkt auf den Mond, eine mit dem Material für den Rückflug, die andere mit den Astronauten.

Die Ingenieure und Wissenschaftler mussten mit einer Unzahl von unbekannten Größen umzugehen lernen. Auch das macht das Apollo-Programm bzw. die Mondlandungen zu einem der bedeutendsten technologischen Errungenschaften der Menschheitsgeschichte. Aus ihm ergaben sich zudem neue, bis heute wichtige Technologiefelder und Unternehmen, die diese kommerzialisierten. So waren beispielsweise die für Apollo konstruierten Computer eine treibende Kraft hinter der frühen Erforschung von integrierten Schaltkreisen, ohne die heute kein Computer mehr laufen würde.

Das Apollo-Programm hatte ein klares ideologisches Ziel: die Sowjetunion im Weltraumrennen zu überflügeln, um die Überlegenheit des Systems der freien Marktwirtschaft zu demonstrieren. Es ist eine Ironie der Geschichte, dass, um dieses Ziel zu erreichen, die Organisation enormer öffentlicher Ressourcen innerhalb einer riesigen, zentralisierten Regierungsbürokratie vonnöten war, die alles andere als nach den Regeln eines dezentralen Marktes funktionierte. Kein privater Unternehmer hätte sich je einer solchen Aufgabe angenommen.

Eine Vision von Gesellschaft, Politik und Wissenschaft

So ist die Mondlandung ein wunderbares Beispiel dafür, was möglich ist, wenn die Gesellschaft, Regierung und Wissenschaft unter einer Vision zusammenarbeiten. Welch starke Macht doch der wissenschaftliche und technologische Fortschritt hat, wenn er erst mit einem visionären Ziel verbunden ist! Hat jemals irgendjemand die immensen Summen angeprangert, die notwendig waren, um einen Menschen auf den Mond zu bringen?

Zum Vergleich: Der nahezu parallel zum Apollo-Programm geführte Vietnam-Krieg hat die amerikanischen Steuerzahler das heutige Äquivalent von 660 Milliarden Dollar gekostet, und damit vier Mal so viel wie das gesamte Apollo Programm. Die Kosten für den „Krieg gegen den Terror“ ab dem Jahr 2001 belaufen sich noch einmal auf ein Vielfaches davon. Und auch die globalen Kosten für die Rettung der Banken im Jahr 2008 übersteigen das Apollo-Programm um einiges: Allein in Deutschland liegen sie bei knapp 70 Mrd. Euro. Ist es nicht viel sinnvoller, einer technologischen Vision für eine bessere Welt zu folgen als unfähige Banker oder kriegsgierige Generale zu bezahlen? Projekte dafür gibt es auch heute noch viele.

 
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