Ursula Pidun / 6. Mai 2019


Vollgeld: Viele Banker und Ökonomen verstehen das heutige Geldsystem nicht

Geht es um unser kritikwürdiges Finanzsystem, fällt immer häufiger der Begriff „Vollgeldsystem“. Was steckt dahinter und könnten sich damit unerwünschte Effekte im Rahmen der noch immer schwelenden Finanzkrise verhindern lassen? Trägt es möglicherweise dazu bei, Steuerzahler endlich aus der Haftung für marode Banken zu entlassen und lohnt sich mit einem solchen Geldsystem wieder das Sparen? Nachgefragt! Im Gespräch mit Prof. Dr. Joseph Huber.

Der Experte war von 1992 bis 2012 Inhaber des Lehrstuhls für Wirtschafts- und Umweltsoziologie an der Martin-Luther-Universität in Halle und von 1992 bis 1995 auch Direktor des Universitätszentrums für Umweltwissenschaften. Huber forscht zudem im Themenbereich Geld- und Bankensystem und ist Vordenker der Vollgeld-Idee und Mitgründer des Monetative e.V.

Herr Prof. Huber, unser Geldsystem offenbart – insbesondere vor dem Hintergrund der weltweiten Finanzkrise – deutliche Mängel. Wie sieht eine nüchterne Diagnose des Ist-Zustandes des derzeitigen Systems aus Ihrer fachlichen Sicht aus?

Prof. Dr. Joseph Huber (Foto: Marc Dietenmeier)

Prof. Dr. J. Huber

(Foto: Marc Dietenmeier)

Das Geldsystem wird heute zu 95% vom Giralgeld der Banken bestimmt, also den Guthaben auf Girokonten, mit denen wir bargeldlos bezahlen. Als Deckung dafür benötigen die Banken nur noch etwa 2,5–3% Bargeld in der Kasse und Guthaben bei der Zentralbank.

Das ist viel zu wenig, als dass die Zentralbank mit ihrem Leitzins auf diese Deckungsreserve das Verhalten der Banken noch maßgeblich beeinflussen könnte. Eine wirksame Kontrolle über das Geld ist damit weitgehend verloren gegangen.

Als Folge davon erzeugen die Banken zusammen mit anderen großen Finanzinstituten überschießend viel Geld, Kredit und Schulden. Die Mittel fließen vor allem in solche Finanzgeschäfte, die zur Finanzierung des Wirtschaftsprodukts kaum etwas beitragen – Geldanlagen in Immobilien und Aktien, Devisen- und Derivatehandel. Im Übermaß erzeugt dies Instabilität und Krisen und bewirkt außerdem eine zunehmende Ungleichheit zugunsten der Finanzvermögen und zulasten der Arbeitseinkommen.

Sie forschen seit langer Zeit auf dem Gebiet Geld- und Bankensystem und bringen u.a. im Rahmen des Vereins Monetative e.V. die Vollgeld-Idee ins Gespräch. Was genau steckt dahinter und inwiefern unterscheidet es sich wesentlich von unserem jetzigen System?

Vollgeld ist die Kurzform für vollgültiges und unbeschränktes gesetzliches Zahlungsmittel. Bargeld ist Vollgeld, ebenso Kontoguthaben bei der Zentralbank. Das Konzept besteht nun darin, das Giralgeld der Banken durch Vollgeld der Zentralbank zu ersetzen. Je vollständiger dieser Austausch erfolgt, desto vollständiger wird die Kontrolle über das Geld zurückgewonnen. Vollgeld ist sicheres Geld. Anders als heute wären das Geld und der Zahlungsverkehr in Finanzkrisen nicht mehr bedroht. Finanzmarkt-Übertreibungen und Krisen kann wirksamer vorgebeugt werden. Banken müssten nicht mehr mit Steuergeldern gerettet werden und das Finanzsystem wäre insgesamt erheblich stabiler.

Geld, das auf dem Konto liegt, ist nicht mehr im Besitz des Eigentümers, sondern gehört rechtlich der Bank. Was dem Kunden bleibt, ist lediglich eine Forderung. Ist diese rechtliche Tatsache wirklich allen Bankkunden klar und warum gibt es gegen ein so offensichtlich schieflagiges System so wenig Widerstand?

Die meisten Leute, aber auch Bankmitarbeiter und viele Ökonomen, verstehen tatsächlich nicht, wie das Geldsystem heute funktioniert. Ihr Denken ist ungefähr hundert Jahre hinter der Zeit. Bargeld und Zentralbank-Guthaben, die den Banken zufließen, gehören in der Tat den Banken. Was aber unsere Bankkonten angeht, so liegt darauf genau genommen gar kein Geld. Unsere ‚Geld‘-Guthaben sind in Wirklichkeit nur ein zu 97% ungedecktes Zahlungsversprechen der Banken, die Guthaben auf Verlangen bar auszuzahlen oder unbar zu überweisen durch Übertragung von Zentralbank-Guthaben an Empfängerbanken. Sobald mehr als üblich Bargeld abgehoben wird oder Überweisungen vorgenommen werden, reicht die 3%-Reserve der Banken nicht mehr. Sie müssen ihren Zahlungsverkehr einstellen. Das nennt man Bankrun, faktisch ein Bankenzusammenbruch, der durch massive Stützungsmaßnahmen von Zentralbank und Regierung aufgefangen werden muss.

Kann Vollgeld eine solche Besitzstandsbenachteiligung beseitigen und wie ließe sich ein Vollgeldsystem aus praktischer Sicht integrieren, ohne dass es während der Einführungsphase zu einem spürbaren Bankensterben kommt?

Technisch und bankkaufmännisch gesehen bereitet eine Umstellung auf Vollgeld keine Probleme – sei es, dass die Vollgeldkonten zunächst parallel zu Girokonten eingeführt werden, oder gleich anstelle der Girokonten. Eine moderne Zentralbank kann ja jederzeit so viel Geld bereitstellen wie sie für erforderlich hält. Eine Geldknappheit kann von daher ausgeschlossen werden. Entscheidend ist, dass die Zentralbank die Gelderzeugung wirksam unter Kontrolle bekommt. Heute dagegen sind die Dinge völlig außer Kontrolle geraten, denn die Geld- und Kapitalmärkte, anders als Lehrbücher behaupten, kennen von sich aus kein Halten. Positive Rückkopplungen zwischen Angebot und Nachfrage führen unweigerlich zu maßlosen Übertreibungen. Die fälligen Korrekturen erfolgen durch Krisen und Zusammenbrüche.

Im Rahmen der Finanzkrise wurden die Steuerzahler für das taumelnde Bankensystem in Anspruch genommen und werden es in der Zukunft weiterhin, denn auch sogenannte Bad-Banks sind Sprungtücher für Banken, die von den Steuerzahlern gehalten werden. Kann ein Vollgeldsystem auch hier dazu beitragen, Steuerzahler aus solchen Haftungsszenarien zu entlassen?

Ja. Durch Vollgeld wird die Geldschöpfung allein Sache der Zentralbank, getrennt von den Kredit- und Investmentgeschäften der Banken und anderer Finanzinstitute. Da Vollgeld sicheres Geld ist, braucht es dafür keine Depositenversicherung und Staatsgarantien mehr zu geben. Banken können zusammenbrechen, ohne dass das Geld und der Zahlungsverkehr davon berührt werden.

Was aber auch bei Vollgeld bleibt, ist das Risiko von Kapitalanlagen an und für sich. Wenn ich mein Gespartes gegen Zins anlege, auch bei einer Bank – sodass das Geld nicht mehr verfügbar, sondern als Kapital angelegt ist – gehe ich ein Risiko ein. Das soll der Staat niemandem abnehmen und kann es in großem Umfang auch nicht.

Der wohl größte Einschnitt für Verbraucher seit Beginn der Finanzkrise im Jahre 2008 ist wohl die faktische Auflösung der Vermögensbildung durch Spareinlagen. Im Gegenteil – wer zu viel Geld auf der Bank hat, soll nun auch noch dafür bezahlen. Kann ein Vollgeldsystem Abhilfe schaffen?

Ja, dadurch dass eine überschießende Geldschöpfung unterbunden wird. Denn der heutige Niedrig- und Nullzins wird nicht in erster Linie von den Zentralbanken bestimmt, sondern von dem weltweiten Angebots-Überschuss an Geld und Kapital, hervorgerufen durch Giralgeldschöpfung der Banken, Geldmarktfonds und neue Verbriefungsmethoden, welche den finanzwirtschaftlichen Umlauf des Geldes beschleunigen. Wenn man diese Maßlosigkeiten durch Vollgeld in den Griff bekommt, wird sich auch das Zinsniveau wieder normalisieren.

Mit welchen Aktivitäten versuchen Sie zusammen mit den Mitgliedern des Monetative e.V. die Vollgeld-Idee weiter bekanntzumachen und wie erfolgreich sind Ihre Anstregungen?

Wir bemühen uns in erster Linie um die Verbreitung von Information und Wissen zum heutigen Geldsystem und den Möglichkeiten seiner Weiterentwicklung. Das tun wir inzwischen zusammen mit 30 anderen Initiativen weltweit (internationalmoney­reform.org). Dadurch haben wir bereits dazu beitragen, dass einzelne Zentralbanken und Ökonomen inzwischen ihre Texte zum Thema Geld und Banken aktualisieren. Was freilich den Kontrollverlust der Zentralbanken und das Thema Geldreform angeht, hält man sich noch etwas bedeckt.

In der Schweiz gab es 2018 eine Volksabstimmung für oder gegen Vollgeld. Die wurde mit 25:75% der Stimmen abgelehnt (was in der Schweiz eher normal ist). Hinsichtlich der bevölkerungsweiten Wissens- und Meinungsbildung zum Geldsystem war die Sache dennoch ein großer Erfolg.

Wie hoch schätzen Sie die Möglichkeit eines solchen Systemwechsels ein und in welchem Zeitrahmen könnte so etwas aus Ihrer Sicht Realität werden?

Wahrscheinlich werden einzelne nationale Zentralbanken in den kommenden Jahren Vollgeld tatsächlich einführen, zum Beispiel in Schweden in elektronischer Form, der sog. E-Krone, oder in Uruguay in Form eines E-Peso. Allerdings wird es sich dabei nicht um eine vollständige Ersetzung des Giralgelds der Banken handeln. Vielmehr wird man diese Formen von Vollgeld nur nach und nach neben dem weiterbestehenden Giralgeld in Verkehr bringen. Immerhin, so wird ein Anfang gemacht. Auch die Europäische Zentralbank wird sich dem auf Dauer nicht entziehen können, um ihrem Auftrag gerecht zu werden, für ein stabiles Geldsystem zu sorgen.