Lars Jaeger / 9. April 2019


Die Klimakrise und das Versagen konservativ-liberaler Politik

Es sagt einiges über den Zustand unserer Gesellschaft aus, dass es die Initiative der jüngsten Menschen in unserer Gesellschaft, der Schülerinnen und Schüler brauchte, um die Gefahr der globalen Erwärmung in den Vordergrund der gesellschaftlichen Aufmerksamkeit zu bringen und dieser längst überfälligen Diskussion endlich die notwendige Breite zu geben. Eine Betrachtung von Lars Jaeger.

(Foto:  pajche/Clipdealer.de)

Liberal-konservativer Politiker und wirtschaftliche Lobbyorganisationen

torpedieren überfälliges Handeln. (Foto: pajche/Clipdealer.de)

Sie finden weltweit statt, zumeist freitags, zuletzt auch in der Schweiz am Wochenende: Klimastreiks bzw. Klimademonstrationen. Mit ihnen ist die Debatte, wie wir dem Klimawandel begegnen, endlich im öffentlichen Diskurs angekommen. Die altbekannten Reaktionsmuster von Seiten liberal-konservativer Politiker, wirtschaftlicher Lobbyorganisationen und Rechtsintellektueller von Ableugnen, Schimpftiraden gegen Wissenschaftler, Beharren auf der Alternativlosigkeit unseres wirtschaftlichen Schaffens, bis hin zur schamlosen Lüge ziehen nicht mehr. Und darin liegt die gute Nachricht dieser zunächst doch eher zaghaften Form des zivilen Ungehorsams der Jugend.

Falsche Logik unseres Wirtschafts- und Gesellschaftssystems

So wie ihre Eltern in den 1980er Jahren den Aussagen der Politiker von der Unumgänglichkeit einer weiteren militärischen Aufrüstung gegen das damals bereits nahezu bankrotte sowjetische Ost-Europa immer weniger Glauben schenkten, oder wie ihre Grosseltern die Lebenslügen ihrer eignen Eltern aus den 1930er Jahren schonungslos offenlegten, so erkennen die jungen Menschen heute die Hilflosigkeit unserer Gesellschaft gegenüber der falschen Logik unseres Wirtschafts- und Gesellschaftssystems, das im unkontrollierten Ausstoss von Treibhausgasen immer noch einen zu externalisierenden Kostenfaktor sieht, der in keinerlei wirtschaftlicher Kosten-Nutzenrechnung aufzutauchen hat.

Externalisierung von Kosten bedeutet, dass die wirtschaftlichen Aktivitäten einer Person oder einer Personengruppe sich auf andere (unter Umständen sogar auf alle anderen) Menschen auswirken, ohne dass die handelnde Person die vollen Kosten dafür trägt. Der klimaschädliche Ausstoss von CO2 ist nach wie vor nicht mit grösseren Kosten für die Produzenten verbunden (so wie auch das Sicherheitsrisiko von Kernkraft oder Erdgas-Fracking weitestgehend von der Allgemeinheit getragen wird). So lauten die Forderungen der Demonstrierenden nicht wie noch bei ihren Grosseltern in den 1960er Jahren „Schafft den Kapitalismus ab, er ist an allem schuld!“, sondern „Führt eine CO2-Steuer ein! Fliegen muss teurer werden“.

Abwehrmechanismen gegen sinnvolle Forderungen

Die bisherigen Abwehrmechanismen von wirtschaftsliberalen und konservativen Politikern gegenüber solchen Forderungen war: „Wir wollen keine Beschränkungen unserer individuellen Freiheit“. Adam Smiths 243 Jahre alte Metapher von der „unsichtbaren Hand“, dient bis heute als Legitimationsprinzip für die Auffassung, dass ein Markt nur dann die Gesellschaft als Ganzes zu maximalem Wohlstand führt, wenn der Güter- und Dienstleistungsaustausch und andere ökonomische Aktivitäten sich völlig unbeschränkt entfalten können. Staatliche Einmischung wie soziale Wohlfahrtsbestrebungen oder auch ökologische Forderungen würden da nur stören.

Dass das dahinter liegende Idealbild wirtschaftlicher Prozesse nicht den realen gesellschaftlichen und ökonomischen Umständen entspricht, ist längst bekannt. Doch anstatt diese Defizite anzuerkennen und beispielsweise bisher externalisierte Kosten mit in die ökonomischen Bilanzen einzubeziehen (was so schwierig gar nicht ist, jedoch teils lästige Auswirkungen auf so heilige Kühe wie Unternehmensgewinne und möglichst freier und preisgünstiger Konsummöglichkeiten hat), entscheiden sich die Verantwortlichen dafür, einen anderen Weg zu gehen: den Weg der Ablehnung, des Abstreitens der Relevanz wissenschaftlicher Erkenntnisse und noch schlimmeren Formen der Unredlichkeit, bis hin zur bewussten Lüge. So war eine der schönsten Parolen, die der Autor dieser Zeilen auf der Klimademonstration gesehen hat: „Listen to the sound of science!“

Vehementes Leugnen des Klimawandels

Je offensichtlicher er stattfindet, desto vehementer wird der Klimawandel geleugnet. Die Webseiten „LifeZette“ oder die deutschsprachige „eike-klima-energie.eu“ zum Beispiel sammeln unermüdlich angebliche Indizien für die Behauptung, dass der Klimawandel eine Erfindung geldgieriger Wissenschaftler sei. Solche Fundgruben für Verschwörungstheoretiker kann eine Gesellschaft normalerweise gut aushalten. Dass magische Steine, Zweihandruten oder der esoterische Glaube an New-Age-Offenbarungen unsere Welt zu einem besseren Ort machen, findet ja auch keine allzu breite Anhängerschaft.

Dass Medien wie diese aber im Briefing Room des Weißen Hauses als Informationsquelle herangezogen werden oder ihre Aussagen Eingang in die Programme von Volksparteien finden, ist überaus bedenklich. Trotz eines eindeutigen wissenschaftlichen Konsenses und klaren Indizien, wie immer heißere Sommer in Europa, das Abschmelzen der Gletscher in den Alpen, auf Island und in Grönland, steigende Meeresspiegel, die besonders heftigen Monsunregenfällen in Indien, zerstörerische Hurrikans in Nordamerika und Taifune in Asien und nicht zuletzt die immensen Kostenabschätzungen von Wirtschaftsfachleuten, lautet der Kanon so mancher reaktionärer politischen Akteure: „Wir lehnen den Klimawandel ab.“ Was wohl passieren würde, wenn sie auch mal das Gravitationsgesetz „ablehnen“?

Mittelalterliche Ansichten und Komplettverweigerung

Man muss sich fragen: Was bewegt Menschen, den Klimawandel zu leugnen, auch wenn es einen derart hohen Preis erfordert wie der, sich komplett aus dem methodischen Rahmen wissenschaftlicher Erkenntnisgewinnung verabschieden zu müssen und damit nur allzu nah in den logisch-argumentativen Deutungsraum von mittelalterlichen Hexenverfolgungen, Räucherstäbchen-Spiritualisten und Zeugen-Jehova-Apokalyptiken zu geraten? Ist der Glaube an die wissenschaftliche Methode in unserer heutigen Gesellschaft insgesamt geringer geworden? Nein. Auch für Klimaskeptiker, Trump-, AfD- oder SVP-Anhänger, Chefs von Öl- und anderen Rohstoffgesellschaften und weiteren Protagonisten des Leugnens ist es selbstverständlich, mit Blitzableitern ihre Häuser vor Gewittern zu schützen, statt durch Opfergaben an Götter.

Auch sie vertrauen den aerodynamischen Gesetzen der Physik, wenn sie in ihre Flugzeuge steigen, und noch keiner von ihnen gibt sich (öffentlich) für die Aussage her, dass es Gott ist, der alle Geschicke des Menschen und unseres Universums lenkt. Und auch niemand von ihnen widerspricht den Gesetzen der Quantenphysik, die das Funktionieren von Transistoren in ihren Handys und Computern garantieren, auch wenn sich diese um Vieles bizarrer und unglaubwürdiger anhören als die Gesetze der Atmosphärenphysik, die für den Treibhauseffekt verantwortlich sind.

Kein Klimaskeptiker will, dass seine Kinder von der wissenschaftlichen und wissenschaftsmethodischen Ausbildung an Schulen und Universitäten ausgeschlossen werden, weil unter Wissenschaftlern ja doch nur Interessenkonflikte und unredliches Verhalten vorherrschen. Es muss also etwas anderes sein, was Menschen dazu bringt, wenn es um die Ergebnisse der Klimaforschung geht, die polemische Keule gegen Wissenschaftler auszupacken, diesen Kompetenz auf ihrem eigenen Fachgebiet abzusprechen und sich selber als sehr viel fachkundiger auf Gebieten wie Geo- und Atmosphärenphysik, Chemie molekularer Gasreaktionen oder der Physik nichtlinearer dynamischer Systeme zu erklären.

Selbsttäuschung und Selbstlüge

Nein, hier wirken ganz andere Mechanismen: Es sind die der Selbsttäuschung und der Selbstlüge. Klimawandelleugner folgen ihren eigenen Aussagen, obwohl sie intellektuelle Einsicht in ihre Falschheit haben (also wissen, dass es Lügen sind). Diese Einsicht wollen sie jedoch nicht wahrhaben. Um diese Lügen aufrecht zu erhalten, ist es notwendig, Tatsachen oder Erinnerungen zu verdrängen, die darauf hinweisen, dass es sich um Lügen handelt. Dieses Verhalten ist keineswegs neu. Es ist von Seiten der Philosophie bereits vor langer Zeit und immer wieder eingehend beschrieben worden. So spricht Immanuel Kant in diesem Zusammenhang von der „inneren Lüge“ und beschreibt diese als „Unredlichkeit sich selbst gegenüber“. Es ist leichter, wie er schreibt, „sich blauen Dunst vorzumachen“, als den Widerspruch zwischen dem moralischen Anspruch und dem eigenen Denken und Tun zuzugeben.

Diese Form der Unredlichkeit nennt Kant auch den „faulen Fleck unsrer Gattung“, in dem sich das „radikale Böse der menschlichen Natur“ manifestiert. Für ihn entspricht dies zunächst einer „Ermangelung an Gewissenhaftigkeit“, und er sieht darin „eine Schwachheit“ des einzelnen Menschen. Redlichkeit beschreibt er dagegen als eine Form der Unbestechlichkeit unseres eigenen Urteilsvermögens sich selbst gegenüber, und die Fähigkeit, nicht gegen eigene Überzeugungen zu denken und zu handeln. Für Kant stand fest, was die Gründe für solch mangelnde Rationalität und Einsichtsfähigkeit sind. „Faulheit und Feigheit sind die Ursachen, warum ein so großer Teil der Menschen, nachdem sie die Natur längst von fremder Leitung freigesprochen, dennoch gern zeitlebens unmündig bleiben.“ So schreibt er in seinem Aufsatz „Was ist Aufklärung?“.

Loslösung von Faulheit im Denken und Handeln

Doch genau die Redlichkeit und Loslösung von Faulheit im Denken und Handeln braucht es heute: Wir können das Klimaproblem, das wohl erste wahrlich globale Problem unserer menschlichen Zivilisation, nur mit radikaler Ehrlichkeit und Konsequenz im Denken wie im Handeln lösen. Es muss klar sein: Eine Haltung intellektueller Integrität schließt das Leugnen der menschengemachten globalen Klimaveränderung schlicht aus. Selbst wer meint, dass die Chancen für einschneidende oder gar katastrophale Entwicklungen immer noch gering sind (eine Einschätzung, die an sich noch nicht unredlich ist, da bei wissenschaftlichen Ergebnissen immer eine gewisse – wenn auch in diesem Fall sehr geringe – Wahrscheinlichkeit besteht, dass die Theorie oder Einsicht falsch ist), muss dem Gebot der Risikoethik folgen.

Auch ist die Akzeptanz wissenschaftlicher Ergebnisse kein Gegenstand eines demokratischen Diskurses (die auf dieser beruhenden politischen Schlussfolgerungen hingegen schon). Oder haben wir jemals über die Gültigkeit der Kepler‘schen Gesetze der Planetenbewegung oder über die Einstein-Gleichungen der Allgemeinen Relativitätstheorie abgestimmt? Demokratie baucht den Konsens über Fakten, um ihr Potential zu entfalten. Die Wissenschaft ist immer noch ihr verlässlichster Lieferant.

Phase der Lethargie und Untätigkeit ist vorbei

Den wirtschaftlichen Interessen einzelner Personen, Konzerne oder Nationen Vorrang über die der Menschheit als Ganzes zu geben, ist ethisch unredlich. Ebenso ethisch unredlich ist es, sich einfach nur der Hedonie und dem Konsumrausch hinzugeben und einer Haltung des „Nach mir die Wüste“ zu folgen. Wirtschafts- und Klimawissenschaftler haben längst aufgezeigt, dass ein nachhaltiges und klimaneutrales Wirtschaften möglich ist. Es erfordert unserer aller Anstrengung und Bereitschaft zu handeln. Unsere Kinder rufen es uns laut und deutlich zu: Die Phase der Lethargie und Untätigkeit ist vorbei!

 
 

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