Lars Jaeger / 25. April 2018


Kanarienvogel im Bergwerk der Demokratie

Kanarienvögel hatten im Bergbau früher eine wichtige Funktion. Trat unter Tage das gefährliche, aber geruchslose Kohlenmonoxid aus, so war es ein Kanarienvogel, der davon am schnellsten betroffen war. Bereits bei einer Konzentration von 0,3% und nach einer Zeit von ca. zweieinhalb Minuten fällt dieser tot von der Stange. Die Bergleute waren gewarnt und hatten noch ausreichend Zeit, sich in Sicherheit zu bringen.

Foto: Lars Jaeger

Die Wissenschaften lassen sich als Kanarienvögel der Demokratie ansehen. Wo Wissenschaft verachtet oder ignoriert wird, ihre Protagonisten unter schlechten Bedingungen leiden, in ihrer Arbeit eingeschränkt oder gar persönlich verfolgt werden, wo politische Führer Wahrheiten ausgeben, die jenseits wissenschaftlicher Überprüfung stehen sollen, dort gilt: Die offene Gesellschaft mitsamt ihren sozialen, humanistischen und ökonomischen Errungenschaften ist in akuter Gefahr. Besonders gerne nehmen autoritäre Machthaber Wissenschaftler ins Visier, denn wie schon Albert Einstein wusste:

„Nichts in der Welt wird so gefürchtet wie der Einfluss von Menschen, die geistig unabhängig sind“.

So wie sich die Wissenschaftler qua ihres beruflichen Ethos von vorgegebenen absoluten Wahrheitsansprüchen frei erklären müssen, so gilt das in einer offenen Gesellschaft auch für die Macht- und Entscheidungslegitimation ihres politischen Führungspersonals. Denn wie die wissenschaftliche Forschung befinden sich auch politische Entscheidungsprozesse in einem permanenten Reparaturmodus, in welchem sich die Protagonisten immer wieder hinterfragen und rechtfertigen müssen. In beiden führt der Weg echten Fortschritts stets über die permanente Korrektur falscher Entscheidungen bzw. Theorien. Nicht ganz ohne Ironie war es genau dieses stetige Sich-Herumschlagen mit Unvollkommenheiten, das letzthin die beispiellose Wissensvermehrung hervorgebracht hat, welche die moderne Fortschrittsdynamik definiert und ihrerseits zu einer vorher nie gekannten gesellschaftlichen Wachstums- und Wohlstandsentwicklung und immer besseren Lebensbedingungen geführt hat. All das passt mit autokratischen und repressiven gesellschaftlichen Herrschaftsformen nicht zusammen.

So sind es dann auch (neben den Künstlern) die Wissenschaftler, die einem Ort, wo Meinungs- oder Pressefreiheiten, Bürger- oder Wahlrechte, der freie Fluss der Ideen und die Kreativität beschnitten werden, als erste den Rücken kehren. Besonders deutlich ließ sich dies im nationalsozialistischen Deutschland beobachten. Deutsche Universitäten verloren in den 1930er Jahren fast ein Drittel ihres Lehrkörpers, darunter Nobelpreisträger wie Albert Einstein, den Physiker Gustav Hertz oder den Chemiker Fritz Haber. Göttingen war im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts das Weltzentrum der Mathematik gewesen. Gerade einmal zwei Jahre brauchten die Nazis, um diesen Status komplett zu zerstören. Die Emigrationswelle deutscher Wissenschaftler ab 1933 ließ die deutschen Universitäten und Wissenschaftseinrichtungen ihre akademische Vormachtstellung in der Welt unwiederbringlich verlieren.

Umso beängstigender ist es, wenn der Chef der Russischen Akademie der Wissenschaften, Alexander Sergejew, die heutige Lage der Wissenschaft in seinem Land als „Tal des Todes“ beschreibt. Anfang der 90er-Jahre gab es noch fast dreimal so viele Wissenschaftler in Russland wie heute. Unterdessen summiert sich die Zahl der hochqualifizierten Auswanderer aus dem Land auf 44’000 pro Jahr. Vor allem in den letzten Jahren, seit der Annexion der Krim und den immer weitergehenden Repressionen des Putin-Regimes gegen politisch Andersdenkende, wanderten mehr und mehr Wissenschaftler, und mit ihnen viele der gescheitesten jungen russischen Geister, in den Westen ab, können sie doch zu Hause nicht das umsetzen, was sie in ihren Köpfen haben. Und dass russischstämmige Physiker im Ausland Erfolge haben können, zeigten u.a. Andrej Geim und Konstantin Nowosjelow von der Universität Manchester, die im Jahre 2010 den Physik-Nobelpreis für die Erforschung des Nanomaterials Graphen erhielten. Auf die Frage, ob er sich eine Rückkehr nach Russland vorstellen könne, antwortete Geim sarkastisch: „Erst nach meiner Wiedergeburt.“

Auch der türkische Kanarienvogel ist längst von der Stange gefallen. Seit dem Sommer 2016 und dem angeblichen Putsch der Bewegung des islamischen Prediger Fethullah Gülen sind dort Tausende Professoren und Dozenten suspendiert, Hochschulen geschlossen, Dekane abgesetzt und Wissenschaftlern die Reiseerlaubnis entzogen und auf vielfältige andere Art und Weise in ihre Arbeit behindert worden. Kurz: Seit fast zwei Jahren erleben wir eine massive Einschränkung akademischer Freiheiten in der Türkei. Die türkische Regierung inszeniert eine Verhaftungswelle nach der anderen, auch unter Wissenschaftlern. Ihnen wird Unterstützung einer Terrororganisation vorgeworfen, konkret eine Anhängerschaft Gülens. Die Mechanismen der Legitimation von Repressionen haben sich seit dem Reichstagsbrand von 1933 kaum verändert.

Zwei weitere Einsatzgebiete für Kanarienvögel sind Ungarn und Polen. In Ungarn haben viele Wissenschaftler, Künstler und Intellektuelle das Land bereits verlassen, weitere dürften folgen. Victor Orbans Kampf gegen die Central European University in Budapest ist nur ein Beispiel für die repressive Politik seiner Regierung gegen unabhängige Wissenschaften und akademische Ausbildungsstätten. Diesem unsäglichen Pfad folgt unterdessen leider auch Polen. Das jüngste Beispiel der Beschränkung der freien akademischen Meinungsäußerung im Geburtsland Nikolaus Kopernikus, die insbesondere die Geschichts- und Sozialwissenschaft betrifft, ist das neue Holocaustgesetz, das für jeden, der Polen als Nation für Verbrechen im Zweiten Weltkrieg beschuldigt, neben deftigen Geldstrafen auch Haftstrafen von bis zu drei Jahren vorsieht. Viele Forscher glauben, dass dieses Gesetz eine einschüchternde Wirkung auf Lehre, Forschung und Medien in Polen haben wird.

Akademische Freiheit und Kreativität waren immer Tragpfeiler und Entwicklungsträger offener und nachhaltig prosperierender Gesellschaften. Und auch das Umgekehrte gilt: Die erfolgreichste wissenschaftliche Forschung findet in offenen Gesellschaften statt. Die Anzahl der Nobelpreise für wissenschaftliche Arbeiten aus Ländern wie dem heutigen Russland, der Türkei, Ungarn oder Polen (oder auch China) lassen sich mit weniger als einer Hand abzählen (auch wenn es einige Preisträger gibt, die in einem dieser Ländern geboren wurden). Unabhängige Forschung, angstfreies Lehren und Lernen, der offene Dialog und der freie Fluss der Ideen dienen aber nicht nur der wissenschaftlichen Erkenntnis, sondern der gesamt-gesellschaftlichen Entwicklung und dem allgemeinen Wohlstand.

Russland, die Türkei, Ungarn, Polen sind allesamt auf dem Wege, bittere vergangene Erfahrungen zu wiederholen. So bleibt nur zu hoffen, dass sich Putin, Erdogan, Orban und Kaczynski an die historische Lektionen erinnern. Falls sie ihre momentane Politik der Beschränkung, Einschüchterung, Drangsalierung oder gar Verhaftungen von Wissenschaftlern (und anderen Intellektuellen) fortführen, kommen nicht nur auf die russische, türkische, ungarische und polnische Wissenschaft, sondern auch auf die Länder als Ganzes, ihre Wirtschaft, ihr Wohlstand und all ihre Menschen schwere und leidvolle Jahre und Jahrzehnte zu. Und wenn den Westen eine solche Entwicklung kalt lässt – oder er sie wie im Fall der Trump-Administration sogar noch fördert, so könnte sich seine Zukunft als nicht weniger düster erweisen.