Ursula Pidun / 14. Mai 2015 / 9 Kommentare


Instant Articles – „Für mich ist das ein klimatisierter Albtraum“

Facebook will Verlegern mit dem Angebot Instant Articles" auf die Sprünge helfen, um deutlich mehr Reichweite zu erzielen. Was sich anhört wie ein Erfolgsmodell hat durchaus Tücken. Wir haben nachgefragt. Im Gespräch mit dem Journalisten und Medienunternehmer Peter Turi.

„Instant Articles“ – so lautet die Zauberformel, um kriselnden Medien auf die Sprünge zu helfen. Dahinter verbirgt sich ein Angebot für Medien, die mobile Facebook-App noch effizienter zu nutzen. Einige Leitmedien haben bereits verkündet, kräftig mitzumischen. So etwa Spiegel Online, BILD.de, der Guardian und die BBC. Worauf sie setzen, inwieweit Verlage womöglich ihre Seele verkaufen und was das vielleicht auch mit Kapitulation zu tun hat – darüber haben wir mit Peter Turi gesprochen. Seit 1986 arbeitet er als Medienjournalist und -unternehmer. So hat er 1995 den „kressreport“ gekauft, 2000 wieder verkauft und 1996 kress.de und „kresskoepfe“ etabliert. Seit 2007 bietet Turi den erfolgfreichen Branchendienst turi2.de.

Das Thema „Instant Articles“ ist in aller Munde und steht auch beim Branchendienst turi2.de aktuell im Fokus. Nicht jeder kann damit sofort etwas anfangen. Worum geht es und welche Vorteile erhoffen sich teilnehmende Publisher?

Peter Turi (Foto: turi2.de)

Peter Turi (Foto: turi2.de)

Vereinfacht ausgedrückt hat Facebook die weltweit wichtigsten Verlage eingeladen, mal zu testen, ob es nicht bequemer und lohnender wäre, wenn sie am Ende aufhören würden, eigene Webseiten zu publizieren und ihre Inhalte stattdessen dem Super-Verlag Facebook geben würden.

Facebook lockt Leser und Verleger dabei mit dem Argument der Bequemlichkeit: Wenn eh schon alle Nutzer bei Facebook sind, warum schlussendlich noch die Mühe eigener Websites?

Aber Vorsicht: Der Preis, den die Verlage und Nutzer zu zahlen hätten, wäre schlichtweg die Meinungsfreiheit und -vielfalt.

Naturgemäß sind Verlage ständig auf der Suche nach neuen Ideen, Märkten und Kanälen, um Reichweite und damit Umsätze zu steigern. Eignet sich das Modell „Instant Articles“ Ihrer Ansicht nach dafür?

Leider ja. Für jeden einzelnen Verlag könnte eine Partnerschaft mit Facebook ein Gewinn sein. Für die Pressefreiheit und die Gesellschaft insgesamt ist eine solche Entwicklung aber ein Verlust – ich möchte sagen: ein klimatisierter Albtraum.

Soweit erkennbar, ist eine Teilnahme derzeit nur einem kleinen Kreis vorbehalten. Wer „darf“ mitmachen und welche Kriterien müssen dazu erfüllt werden?

Keine Ahnung. Am Ende sollen, wollen oder müssen alle Verlage mitmachen – weil der Inhalt da sein muss, wo die Leser sind. Und weil umgekehrt natürlich die Leser da sind, wo der Inhalt ist. Ich vermute mal, dass die großen Verlage mit tollen Konditionen eingekauft wurden. Und ich befürchte, dass es für kleinere Verlage wie turi2 am Ende heißen wird: Friss oder stirb. Die großen Verlage könnten, ohne es zu wollen, eine verhängnisvolle Dynamik auslösen: Wenn sich bei jungen Nutzern die Erkenntnis durchsetzt, dass es alles Wichtige bei Facebook gibt, dann werden Verlage gezwungen sein, selbst bei Facebook zu publizieren.

Mit welchen Konsequenzen?

Am Ende wird allein Facebook die Regeln bestimmen, wer was zu sehen bekommt. Ein klimatisierter Albtraum, finden Sie nicht? Ich nenne ihn klimatisiert, weil er für alle Beteiligten so bequem und vorteilhaft erscheint: Der Nutzer hat alle Inhalte, die er zu brauchen glaubt und die er mit seinen Freunden diskutieren will, auf einer Seite, die Verleger haben keine Mühe mehr mit eigener Website oder dem Anzeigenverkauf – aber wirklichen Grund zur Freude hat am Ende nur Facebook. Denn die mediale Weltherrschaft ist natürlich eine tolle Sache. „Das Schönste ist ein Monopol“, sagte schon der TV-Tycoon Leo Kirch. Der scheiterte damit noch, bei Facebook besteht die Gefahr, dass sich solche Allmachts-Fantasien durchsetzen.

Instant Articles bei Facebook könnten nur ein Anfang sein, äußert der US-amerikanische Journalist Jeff Jarvis und fordert Dienste wie etwa Facebook & Co. auf, mehr Nutzerdaten zu liefern. So könnten „Verlage ihre Inhalte besser konfektionieren“. Ist das ein weiterer Angriff auf den Datenschutz?

Für mich ist ein Facebook-Monopol eine so albtraumhafte Vorstellung, dass mangelnder Datenschutz noch meine kleinste Befürchtung ist.

Sie bemängeln in einem aktuellen Statement auf turi2.de, dass Julian Reichelt, Chefredakteur von BILD.de drei Fragen, die Sie ihm stellten, nicht beantworten will. Dies sei der „Kommunikationsstrategie“ des Hauses nicht „angeraten“, hieß es. Darf ich Ihnen diese Fragen in leicht modifizierter Form stellen?

Gern. Es ist übrigens bezeichnend, dass Springer einem sonst geschätzten Branchendienst und seinen 30.000 Lesern die Beantwortung solch drängender Fragen verweigert. Ich glaube, Springer und der Spiegel-Verlag ahnen, dass sie gerade aus Eigennutz die Basis zerstören, auf der sie selbst agieren.

Okay, los geht`s mit den Fragen:

Bekannte Verlage bzw. Nachrichtenmagazine geben ganze Artikel an Facebook. Ist das Selbstmord aus Angst vor dem Tode?

Ich fürchte: Ja.

Mark Zuckerberg wird so zum Megaverleger: Er bestimmt künftig, wo’s langgeht. Ist das die Kapitulation deutscher Verlag vor der Macht des Silicon Valley?

Wenn man es zu Ende denkt: Ja.

Verkaufen Verlage mit Instant Articles nun etwa für ein bisschen Werbegeld ihre Seele?

Ich fürchte: Ja.

Das war so kurz wie eindeutig und hört sich nach Alarmstimmung an.

Richtig und vielleicht darf ich nochmal erläutern, warum ich so in Alarmstimmung bin? Ich möchte dazu auffordern, die Sache zu Ende zu denken. Dann wird vielleicht klarer, wovor ich mich fürchte:

Was ist, wenn das Publizieren auf Facebook erfolgreicher ist als das Betreiben einer eigenen Website? Wenn die Artikel stärker genutzt werden, weil sie bequemer zu lesen sind, hübscher anzusehen und besser zu refinanzieren? Was wird dann passieren? Alle Verleger werden bei Facebook dabei sein wollen, ihre Websites vernachlässigen oder schließen. Eine wachsende Zahl von Facebook-Nutzern wird in ihrer Haltung bestätigt, dass Facebook nicht ein Teil des Internets ist, sondern das Internet selbst. Die Facebook-Nutzer werden sich nicht mehr die Mühe machen, Inhalte außerhalb von Facebook zu suchen. Irgendwann werden sie die auch nicht mehr finden, weil die Verleger längst den bequemeren Weg gegangen sind. Es tut mir leid, aber für mich ist diese Vorstellung ein Albtraum.

Weil im schlimmsten Fall mit welchem Szenario zu rechnen ist?

Aus dem Internet, einer Emanzipationsbewegung der Nutzer gegen Big Media, würde eine Monopol-Maschine, deren Sieger mehr Macht vereinen als jemals ein Verlag hatte. Amazon das Medienkaufhaus der Welt, Facebook der Super-Verlag – für jeden einzelnen mag es sich bequem und klimatisiert anfühlen, für die Gesellschaft, die Wirtschaft und die Vielfalt wäre es eine Katastrophe, ein klimatisierter Albtraum.

 



9 Kommentare zu "Instant Articles – „Für mich ist das ein klimatisierter Albtraum“"

  1. Netz-TV 14. Mai 2015 at 10:45

    Da hat Peter Turi völlig Recht. Auf Grund der betriebswirtschaftlichen Gesetze und der neuen technischen Voraussetzungen, die mit dem immer mehr aus den großen Cloud-Datenzentren kommenden immer multimedialeren „Internet“ ist die Entwicklung aber vorgegeben. Da wären eigentlich global geltende Regeln notwendig. Unternehmen wie Facebook, Amazon oder Google werden zunehmend zu unverzichtbarer Infrastruktur und unterliegen damit immer weniger den Gesetzen eines funktionierenden Marktes. Wenn die Versorgung mit Daten für unser Leben aber so unverzichtbar wird wie die mit Wasser oder Strom, dann müssen Regeln her. Aber bitte keine „Leistungsschutzrechte“, die einzelne privilegieren und vor dem Wandel schützen sollen. Sondern Regeln, die dafür sorgen, dass de neue Welt funktioniert, und zwar für alle.

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  2. Medien_M 14. Mai 2015 at 11:32

    Gut, dass mal die Schattenseiten zur Sprache kommen. Groß frisst klein und am Ende gibt es nur noch die Monopol-Meinung. Ist ja teilweise jetzt schon alles ziemlich „mainstreamig“.

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  3. Kurt Mueller 14. Mai 2015 at 18:42

    Ich teile zwar Peter Turis Skepsis und finde den Drang zu Facebook auch bedenklich. Vor 15 Jahren waren geschlossene Dienste wie AOL nicht mehr schick, weil sie den Nutzern nur eine Auswahl des Internets präsentierten. Jetzt schickt sich Fratzenbuch an, das AOL der 2010er zu werden – und alle machen mit…

    Trotzdem kommt es auf die Details an: Solange die Verlage auf ihre Seiten verlinken können, ist das vielleicht eine Möglichkeit, Publikum zu erreichen, das sonst icht vorbeikäme…

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  4. Peter Turi 15. Mai 2015 at 06:15

    Aber das ist doch gerade meine Kritik: Für den einzelnen Verlag verlockend („klimatisiert“), für die Gesellschaft verheerend („Albtraum“.

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    • Kurt Mueller 15. Mai 2015 at 12:48

      Noch mal – ich will gar nicht grundsätzlich widersprechen. Ich denke aber, man kann es erst mal Verlagen nicht verdenken, wenn sie jede Gelegenheit nutzen, das Publikum zu erreichen – zumal, wenn es nichts kostet und sogar noch Geld bringen kann.

      Ganz ehrlich, Herr Turi – würden Sie Nein sagen, wenn sich Ihnen Fratzenbuch morgen als Plattform anböte? Ich wette, Sie würden zumindest lange grübeln…

      Wenn ich schon Leser bei Turi 2 oder dem Hintertupfinger Boten bin, brauche ich als Nutzer Fratzenbuch nicht (und will es u.U. auch bewußt nicht). Aber wenn Fratzenbuch die Artikel nicht nach dem „heftig“-Prinzip auswählt, sondern nach Qualität und Relevanz, könnten tatsächlich alle profitieren.

      Wie das in ein paar Jahren aussieht – ma waas es ned. Sollte Fratzenbuch gierig werden und von den Verlagen Geld fordern, sind die wahrscheinlich genauso schnell weg, wie sie da waren. Angeblich ist Zuckerbergs Zauberreich bei den Jüngeren ja ohnehin völlig abgesagt. Und es wäre nicht das erste „Internetportal“, das scheitert – ich erwähnte AOL nicht ohne Grund.

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  5. Roalnd H. 15. Mai 2015 at 07:07

    Dass da nicht nur hin und wieder einmal ein Verlagsartikel in voller Länge erscheinen wird, darauf deutet wohl auch das Werbe-Arrangement hin, das drumherum gestaltet werden kann. Ich teile die Bedenken.

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  6. Henning_tU 15. Mai 2015 at 07:28

    Gehört Journalismus nicht die Hände von z.B. gemeinnützigen Organisationen, damit wiede Unabhängigkeit im Vordergrund steht? Ich finde es überfällig!

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  7. Pingback: Geworfen 2: Titanenkämpfe | Christoph Kappes

  8. Heike Rost 15. Mai 2015 at 13:06

    Trotz aller spannenden Features Multimedia, Interaktiv, Social Sharing etc.pp. und der schicken Darstellung auf mobilen Endgeräten: Eine bedenkliche Entwicklung, was das Thema »Abhängigkeit« von einem Monopolisten wie Facebook angeht (auch beileibe nicht zu verwechseln mit einer gemeinnützigen Organisation…).

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