Dr. Alexander Krüger / 30. April 2019


Wachstumsfrühling im Euroraum

Allen Unkenrufen zum Trotz ist das EWU-BIP im ersten Quartal 2019 spürbar gewachsen. Da im spätzyklischen Umfeld neue Treiber aber fehlen, dürfte die Dynamik nicht anhalten. Mit den drohenden US-Zöllen für den Autosektor bestehen zudem ernste Konjunkturrisiken. Die EZB wird tiefe Leitzinsen daher wohl bald bis weit ins Jahr 2020 versprechen.

Trotz Wachstumfrühling in der EU bleibt die Prognose verhalten. (Foto: drizzd

Das EWU-BIP ist auch im Jahresanfangsquartal 2019 gewachsen: Der vorläufigen Schnellschätzung von Eurostat zufolge betrug der Anstieg 0,4 % gegenüber dem Vorquartal. Bereits bekannt sind die Zuwächse um 0,3 bzw. 0,7 % in Frankreich und Spanien. Alles in allem hält der EWU-Aufschwung nun seit sechs Jahren an. Es zeigt sich jedoch, dass er seit Mitte 2018 beständig an Tempo verloren hat. So lag der im Vergleich zum Vorjahresquartal gemessene BIP-Zuwachs zu Jahresbeginn erneut „nur“ bei 1,2 % (Q2/2018: 2,2 %). Dies ist der niedrigste Wert seit rund fünf Jahren.

Politische Risiken dämpfen

Für neuen Schwung fehlen aus unserer Sicht die Treiber. Wir erwarten daher unverändert, dass die BIP-Zuwächse der nächsten Quartale etwa 1,0 % über ihren je¬weiligen Vorjahreswerten liegen werden. Damit bliebe es beim derzeit moderaten Konjunkturtempo, das für uns mit Blick auf die bemerkenswerten Wachstumserfolge der Jahre 2016/17 als Normalisierung anzusehen ist. Unsere BIP-Prognosen von je 1,0 % für 2019/20 gehen weiter mit einem ausgeglichenen spätzyklischen Umfeld einher. Die 2019/20er-Rezessionswahrscheinlichkeit sehen wir bei 20 bzw. 35 %.
Bis zuletzt ist die Wachstumsdynamik von politischen Risiken gedämpft worden

(u. a. Brexit-Chaos), die vor allem außenwirtschaftlich belasten. Durch die US-Dro¬hung, den EU-Autosektor mit Zöllen zu belegen, stehen Exporten und Investitionen zudem wohl neue Belastungen bevor, von denen, wie der US-Konflikt mit China zeigt, konjunkturelle Abwärtsrisiken ausgehen. Eine demnächst wieder bessere Stimmung haben wir daher nicht auf dem Zettel. Da der Konsum aber weiter robust wachsen dürfte, besteht unseres Erachtens ein konjunkturelles Sicherheitsnetz.

Zinspolitisch noch lange der Bank of Japan folgend

Angesichts des verhaltenen BIP-Wachstums wird die EZB wohl stärker überlegen, ihren aktuellen Expansionsgrad bis weit ins Jahr 2020 zu halten. Ihr Normalisierungswille war bereits Anfang März ins Stocken geraten, als sie ihre extreme Krisenleitzinsphase aufgrund lediglich verhalten ausgefallener Konjunktur- und Inflationsdaten verlängert hatte. Für eine erneute Verlängerung spricht, dass wir die BIP-Projektion der EZB von 1,6 % für 2020 für deutlich zu hoch halten. Enttäuschte Wachstumserwartungen und ein moderat bleibender Preisdruck sind für uns ein Cocktail, der die Notenbank zinspolitisch noch lange der Bank of Japan folgen lässt.

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