Ursula Pidun


Roland Geiger – der Mann mit den prominenten Stimmen

Wenn Roland Geiger auftaucht, kommt er selten allein: Ob Politiker wie Ex-Kanzler Gerhard Schröder, Renten-Ikone Norbert Blüm, Edmund Stoiber, Ex-Außenminister Joschka Fischer oder Liedermacher wie Udo Lindenberg und Sportler wie Jogi Löw - das Stimmengewirr bekannter Persönlichkeiten ist beachtlich. Nachgefragt!

(Foto: Dirk Sengotta)

Roland Geiger: Sprecher, Imitator, Stimmenperformer. (Foto: Dirk Sengotta)

Mit seiner Stimme imitiert er sie alle und viele mehr. Geiger, gebürtiger Wuppertaler mit Wahlheimat Koblenz, ist professioneller Sprecher, Imitator und Stimmenperformer. Über sein umfangreiches Repertoire, seine beruflichen Stationen und Fragen rund um Kunst und Kultur möchten wir heute sprechen. Anlässlich der brandaktuellen EU-politischen Lage zuvor allerdings meine brennende Frage:

Roland, was würde eigentlich der im Jahr 2017 verstorbene Kanzler der Einheit und glühende Verfechter der EU, Helmut Kohl (CDU), zum derzeitigen Brexit-Desaster sagen?

Wie und wann hast Du bemerkt, dass u.a. Stimmenimitationen genau „Dein Ding“ sind und hast Du schon als Jugendlicher Persönlichkeiten imitiert?

Angefangen hat alles damit, dass ich als Kind sehr gut auswendig lernen konnte. Aufgewachsen in den siebziger Jahren war ich dann ständig den damals beliebten Schallplatten und TV-Sendungen diverser Stars der deutschen Humorszene ausgesetzt, die ich mehr oder weniger komplett mitsprechen konnte. Darunter Otto, Heinz Erhardt, Tegtmeier oder Mike Krüger.

In den 1980ern folgten Jürgen von der Lippe, HaPe Kerkeling und andere. Irgendwann bemerkte ich dann, dass ich auch meine Stimme verstellen und teilweise auch Komiker nachmachen konnte. Und das habe ich dann geübt, weil ich damit bei meinem Umfeld gut ankam. So lernte ich dann auch zu sprechen wie Rudi Carrell, Hannilein von HaPe Kerkeling, Didi Hallervorden, die Politiker der 80er Jahre und und und…

Moment mal…, Edmund Stoiber meldet sich mit einem Einwand zu Wort…

Wenn so etwas gut klappt, dann möchte man natürlich auch ein Publikum begeistern. War es schwierig, erste künstlerische Auftritte zu realisieren und was hast Du initiiert, um diesbezüglich bekannter zu werden?

Die ersten Auftritte gab es natürlich im Familienkreis. Dann erweiterte ich mein Publikum um meine Freunde und Schulkameraden. Im Zuge meiner „Privatvorstellungen“ in der Schule – das war etwa in der 10. oder 11. Klasse – kam dann ein Lehrer auf mich zu und meinte, ich solle doch mal bei einem der schuleigenen „Tee-Abende“ auftreten. Das habe ich dann gemacht, allerdings nicht allein, sondern mit einem Bühnenpartner. Wir rezitierten u.a. den Schwiegermuttermörder von Tegtmeier. Ein Fest!

Und dann kam spürbar der Erfolg?

Ja, denn es startete dann so eine Art Kettenreaktion. Auftritte beim Abiball des vorigen Jahrgangs. Hier wurde dann ein Alleinunterhalter, der auch Künstler vermittelte, auf mich aufmerksam und organisierte meine ersten bezahlten Auftritte. Ich selbst habe eher weniger daran gearbeitet, bekannt zu werden. Hier und da habe ich mich als Stimmenimitator beworben, auch bei TV-Sendungen, bin aber nicht genommen worden. Wahrscheinlich, weil ich auch noch zu jung und unerfahren war. Aber vielleicht war das auch gut so…

Wir sind uns anlässlich einer eigens anberaumten, politischen Sitzung im „Club der Ausgedienten“ begegnet, Du erinnerst Dich? Es ging um die Finanz- und Wirtschaftskrise. Das ist viele Jahre her…

Natürlich erinnere ich mich. Das war für mich sowohl ein großer Spaß als auch eine Herausforderung. Die Texte kamen ja seinerzeit von Dir und ich war für die Umsetzung verantwortlich. Stimmen, Geräuschkulisse und Atmosphäre aufbauen, Schnitt und Postproduktion…

(Krisengipfel im Club der Ausgedienten/2009)

Du hast Dich weiter spezialisiert und imitierst inzwischen nicht nur Stimmen, sondern parodierst und imitierst Dialekte, Akzente und vieles mehr. Was hat es dahingehend von Dir gegeben bzw. was bietest Du an?

Fakt ist, dass z.B. Politiker immer besser geschult werden, wenn es um Außendarstellung geht. Das bedeutet, es gibt immer weniger Persönlichkeiten, die man imitieren und karikieren kann, weil die Ecken und Kanten, die z.B. ein Stoiber, Kohl oder Brandt ausmachten, heutzutage „glattgebügelt“ sind. Daher habe ich angefangen, auch Dialekte und Akzente in den Fokus zu nehmen, um eine hohe Bandbreite meines Angebots aufrechtzuerhalten.

An was arbeitest Du denn aktuell?

Gerade aktuell habe ich z.B. in einem Hörbuch, das eigentlich mehr ein Hörspiel ist, drei Rollen verkörpert. Einen deutschen Politiker (auch eher akzentfrei ;), einen amerikanischen Soldaten und einen IS-Terroristen. Die beiden Letzteren dann mit möglichst authentischen Akzenten.
Ansonsten bin ich in der Hörspielserie „Die drei ??? Kids“ als Eisverkäufer Giovanni in einer Stammrolle zu hören, und im Heide Park Soltau darf ich den beiden Skeletten, die in der Piratenshow mitwirken, die Stimmen von Dieter Bohlen und Bruce Darnell „leihen“.

Hinter all diesen amüsanten Vorträgen steht allerdings der professionelle Sprecher Roland Geiger, der auch Ausbildungen in der Bühnenpräsenz, Stimmbildung und Comedy absolviert hat…

Ich habe Workshops, Coachings bei Profis und Vorträge zum Thema Sprechen besucht und bin Mitglied im „Verband Deutscher Sprecher“, der sich um die Angelegenheiten von Werbe-, Synchron, Hörbuch- und Hörspielsprechern etc. kümmert. Auch dort kommt es zu einem regen Austausch mit Kolleginnen und Kollegen. Vieles von dem, was ich heute kann, habe ich aber autodidaktisch gelernt.

Bei der Arbeit als Imitator gehe ich gerne mal tief ins Detail, weil es um Authentizität geht. Das heißt, ich höre genau auf Atmung, Pausen, Stimmlage und -duktus, sehe mir – wenn möglich – Gestik, Mimik, Alter und Lebensumstände der zu imitierenden Person so exakt wie möglich an. Und quasi „ganz nebenbei“ bekomme ich auch schon mal mit, wie Werbung, Dokumentationen, Hörspielrollen oder Hörbücher eingesprochen werden. Daraus hat sich dann im Laufe der Zeit mein ganz eigener Stil für das „ernstere Genre“ als Sprecher entwickelt, den ich hin und wieder von Profis begutachten und verfeinern lasse.

Kurzer brake…, Udo ist gerade in der Leitung…

Und auch in einem Musical hast Du bereits mitgewirkt. Das war in Deiner Heimat Wuppertal?

Richtig! Gemeinsam mit dem Musiker Sascha Gutzeit, der für Text und Komposition verantwortlich war, stellte ich „Wuppertal – Das Musical“ auf die Beine, oder besser auf die Bühne. Geplant war ursprünglich nur eine CD als musikalische Stadtrundfahrt mit 10 bis 12 verschiedenen Star-Imitationen. Daraus wuchs dann aber noch eine Bühnenshow inkl. Fortsetzung, eine DVD Produktion und diverse Lieder unter anderem für „Radio Wuppertal“, den lokalen Radiosender oder den Wuppertaler Zoo. Mannomann…,ist das wirklich schon 13 Jahre her?

Du präsentierst dies alles mit großer Leichtigkeit. Wie schwierig ist es tatsächlich, solche Auftritte und Präsenzen professionell darzubieten?

Vorbereitung, vor allem, wenn man mit Bühnenpartnern arbeitet, ist das A und O. Schließlich muss der Ablauf stimmen. Ein gewisses Maß an Spontaneität und Improvisationsvermögen können aber helfen, um kleine Fehler zu überspielen. Und: meiner Meinung nach sollte man auch einen Auftritt nicht zu verbissen sehen. Lampenfieber und vor allem Respekt vor dem Publikum sind wichtig –jedoch muss auch der Spaß (für mich als Darsteller) stimmen. Ist das nicht so, leidet die Qualität der Show. Und das merken die Zuschauer natürlich.

Bühnenauftritte meisterst Du über eine lange Strecke auswendig, also ohne jegliche Gedankenstütze. Wie trainierst Du es, den roten Faden auf keinen Fall zu verlieren?

Hier kam bzw. kommt mir wieder meine Fähigkeit des Auswendiglernens zugute, doch es ist auch so, dass Auftritte sich im Laufe der Zeit verändern. Man bereitet etwas vor, präsentiert es, verwirft es und ersetzt es durch Neues. Mit jedem Auftritt sitzt aber alles sicherer und der rote Faden ist nach dem zweiten, dritten Auftritt schon so gut wie geknüpft.

Bist Du derzeit auch „live“ präsent?

Nein, inzwischen trete ich eher selten bis gar nicht mehr live auf, sondern bin fast nur noch im Studio als Sprecher für Hörspiel, Hörbuch, Shows, Werbung und Imagefilm etc. aktiv. Und ich liebe diesen Job! Er birgt jeden Tag aufs neue Herausforderungen in Sachen Flexibilität. Und ich lerne ständig Dinge aus Bereichen, die ich sonst nie kennengelernt hätte. Zum Beispiel, dass der Flughafen London Heathrow 2018 einen Stromverbrauch von 460 Gigawattstunden hatte. Okay, ich gebe zu, das fällt unter die Kategorie „unnützes Wissen“. Aber auch das scheint eines meiner „Dilemmata“ zu sein. Die wichtigen Dinge im Leben konnte ich mir nie merken ;).

Vermisst Du das Publikum und die damit einhergehende Interaktion mit den Zuschauern nicht?

Auch wenn es mich (vor allem dann, wenn ich im Publikum einer Show sitze) reizt, wieder auf die Bühne zu gehen, ob mit Kabarett, Comedy oder auch wieder musikalisch – ich schaffe es derzeit nicht wirklich. Vielleicht liegt es daran, dass ich einerseits kein Autor bzw. Comedywriter bin und daran, dass ich – rein bühnentechnisch – bisher immer mit Bühnenpartnern am besten performt habe. Und da habe ich bisher noch niemanden Passendes gefunden. Vom Tisch ist das Thema Bühne aber noch lange nicht.

Augenblick…, Dieter möchte noch etwas sagen…

Haben Kunst und Kultur, also die Felder, auf denen Du tätig bist, hierzulande an Relevanz verloren?

Der Begriff Kunst und Kultur lässt meiner Meinung nach einen großen Interpretationsspielraum offen. Was Roland Geiger als Kunst oder Kultur bezeichnen mag, ist für einen „Kenner“ eventuell gar nicht erwähnenswert und umgekehrt. Von daher denke ich, Kunst und Kultur können erst an Relevanz verlieren, wenn sich niemand mehr darum kümmert. Doch es kümmern sich ständig Leute darum. Kunst und Kultur finde ich überall. Klar im Theater oder Konzerthaus, aber seit eh und je auch im Café um die Ecke oder am Laternenpfosten, an dem sich ein Streetart-Künstler verewigt hat. Da hat sich, wie ich finde, nichts zum Negativen geändert.

Leidet aus Deiner Sicht – bedingt durch das gigantische mediale Angebot – die Konzentration auf kleinere Darbietungen und leise Zwischentöne?

Das mediale Angebot hat sich zwar verändert und vielleicht erweitert durch Youtube, Netflix, Amazon-Prime und Co. Und man könnte meinen, früher gab es „nur“ das Fernsehen, das uns von den wahren Perlen der Kunst und Kultur abgelenkt hat. Was meiner Meinung nach aber wirklich zählt ist, damals wie heute, ob die Leute dem Impuls nachgeben, sich die neueste Folge Game of Thrones „reinzuziehen“, oder lieber den Kleinkunstabend in der Straßenkneipe besuchen. Warum viele eher den Online-Serien-Stream wählen, ist vielleicht eher ein Problem unserer gesellschaftlichen Situation…aber…ich schweife ab. 🙂

Was wäre denn Dein größter Wunsch hinsichtlich Deiner weiteren beruflichen Karriere?

Der größte Wunsch ist, dass ich weiterhin den Job machen darf, der mir Spaß macht und mich ausfüllt. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Dazu alles Gute und viel Erfolg! Das letzte Wort hat natürlich unser Alt-Kanzler Gerhard Schröder, der sich ohnehin ganz gerne mal ungefragt zu Wort meldet. Also – wie hat ihm denn das SPREEZEITUNG-Gespräch mit Roland Geiger gefallen?

 

Verweis:
Webseite von Roland Geiger
 
 
 

Source: Roland Geiger, Sprecher und Performer, über Stimmenimitation bekannter Persönlichkeiten.