Ursula Pidun / 17. Mai 2018


Marx in Zeiten der Globalisierung

Vor 200 Jahren wurde der Philosoph, Ökonom und Kapitalismuskritiker Karl Marx in Trier geboren. Gemeinsam mit Friedrich Engels wurde er zum bekanntesten und einflussreichsten Denker hinsichtlich des Kommunismus und Sozialismus. Seine Theorien gewinnen in Zeiten von Globalisierung und Digitalisierung zunehmend an Relevanz. Eine Betrachtung von Ursula Pidun.

Karl Marx

Thesen von Karl Marx rücken wieder in den Fokus. (Foto: mikewaters/Clipdealer.de)

Sie möchten Ihre Zeitgenossen erschrecken? Dann klemmen Sie sich den umfangreichen Band „Das Kapital“ von Karl Marx unter den Arm und begeben sich beispielsweise in die S-Bahn von Berlin. So ausgestattet, werden Sie garantiert zum Eyecatcher. Verächtliche und neugierige Blicke sind Ihnen ebenso sicher wie Erstaunen, Zustimmung oder harsch abweisende Haltungen. Um die Inhalte auch nur eines der Kapitel des „Kapitals“ von Karl Marx zu verinnerlichen, reicht eine Fahrt mit der S-Bahn allerdings garantiert nicht aus. Sie müssten schon tagelang von morgens bis abends die Strecken bis zur Endstation abfahren, um seiner Theorien auch nur annähernd Herr zu werden. Selbst wochenlange Zeiten in strenger Klausur gereichen nicht, den Inhalten in Gänze habhaft zu werden.

Marx Thesen wieder im Fokus des Interesses

Realistischer ist es da schon, sukzessive einzelne Kapitel nach Thematiken zu durchforsten, die auf die heutige Zeit bezogen relevant und interessant erscheinen. Dementsprechend erwartet den Leser hier also in keinem Fall eine Rezension dieses gewaltigen und zudem zäh und anstrengend zu lesenden Werkes des Denkers und Theoretikers Marx. Wir widmen ihm vielmehr zum 200. Geburtstag einen Beitrag, um in Zeiten der Globalisierung und Digitalisierung an ihn und seine Kritik zu erinnern. Sie gewinnt deshalb wieder an Relevanz, weil politische Entscheidungen der letzten zwei Jahrzehnte zu enormen gesellschaftlichen Schieflagen geführt haben und ein Umdenken mehr als überfällig ist.

Dabei muss niemand zum Kommunisten oder Sozialisten mutieren, um gesellschaftsverträgliche Rahmenbedingungen einzufordern. Es genügt, den gesunden Menschenverstand zu aktivieren und an die umfangreichen Folgelasten zu denken, die der exzessiv betriebenen neoliberalen Politik der vergangenen Jahre geschuldet sind. Im Ringen um die diesbezüglich denkbar schlechtesten Gesetzgebungen steht die SPD mit ihrer Schröder-Agenda und dem dahinterstehenden größten und politisch bewusst kalkulierten Niedriglohnsektor Europas ganz vorne. Dicht gefolgt von der Union die dies alles bis heute toleriert und massiv weiter vorantreibt.  In einer Rede vor der versammelten Welt-Wirtschaftselite in Davos im Jahr 2005 pries der einstige SPD-Kanzler und Agenda-Wegbereiter den konstruierten Niedriglohnsektor in Deutschland mit den folgenden, kühnen und suffisanten Worten an:

„Wir müssen und wir haben unseren Arbeitsmarkt liberalisiert. Wir haben einen der besten Niedriglohnsektoren aufgebaut, den es in Europa gibt. Ich rate allen, die sich damit beschäftigen, sich mit den Gegebenheiten auseinander zu setzen, und nicht nur mit den Berichten über die Gegebenheiten. (Komplette Rede HIER) .

Sinn und Ziel war es, Deutschland einen gigantischen Wettbewerbsvorteil zu sichern – auf Kosten und zum Schaden vieler abhängig Beschäftigter. Daraus resultierend offenbart sich ein eklatanter Vermögensabbau bis in die Mitte der Gesellschaft und wirtschaftliches Unvermögen weiter Teile der Bevölkerung inklusive stark zunehmender Elendsrenten. Ein Armutszeugnis für eines der reichsten Länder dieser Welt und Rückschritt pur bis hin zu Elementen, die zu Beginn des industriellen Zeitalters Hochkonjunktur hatten.

Ökonomische Hintergründe – penibel und detailgenau

Dessen Auswüchse beschrieb schon Marx mit drastischen Worten und sie bewogen ihn (gemeinsam mit Friedrich Engels), den Kampf gegen den exzessiven Kapitalismus zur Lebensaufgabe zu machen. Interessanterweise konnte Marx selbst mit Geld überhaupt nicht umgehen. Über weite Strecken war er hoch verschuldet, was für seine Frau und die gemeinsamen Kinder zu einer enormen Belastung und Herausforderung wurde. 1876 übergab er seinem Verleger das Manuskript zum ersten Band „Das Kapital“ mit den Worten:

„Ich glaube nicht, dass jemals jemand so viel über Geld geschrieben hat, der so wenig davon besitzt.“

Am 5. Mai 1818 in Trier/Rheinland-Pfalz in gut bürgerlichen Verhältnissen geboren und aufgewachsen, Studium in Bonn am Rhein, Stationen in Brüssel und Köln, in Deutschland schließlich nach Veröffentlichung des „Kommunistischen Manifests“ wegen „Aufrührung zur Rebellion“ verurteilt, emigrierte Marx 1849 nach London und verbrachte dort sein Leben durchgehend bis zu seinem Tod im Jahre 1883. In London entstand auch nach vielen Jahren ökonomischer Studien der erste Band der Trilogie „Das Kapital“ unter dem Titel „Der Produktionsprozess des Kapitals“.

Erst nach Marx Tod stellte Engels aus Marx Manuskripten zwei weitere Bände zusammen. 1885 wurde Teil 2 und damit der Band „Der Zirkulationsprozess des Kapitals“ veröffentlicht. Im Jahre 1894 folgte schließlich Band 3 mit dem Titel „Der Gesamtprozess der kapitalistischen Produktion.“ Kernaussage des ökonomischen Werks liegt in einer detaillierten Beschreibung der Prozesse der Kapitalakkumulation und des Ausbeutungsprozederes des Proletariats durch die Kapitalisten im 19. Jahrhundert. Dabei holt Marx weit aus und beschreibt penibel und detailgetreu ökonomische Hintergründe.

Marx formuliert zwei wesentliche Kritikpunkte

Seine Hauptkritik richtet sich auf die kapitalistische Gesellschaft mit ihrer kapitalistischen Produktionsweise. Dabei handele es sich um eine „Klassengesellschaft“, in der sich privates Eigentum an Produktionsmitteln durch die Inanspruchnahme von Lohnarbeit vermehrt. Damit käme es zu einer Akkumulation (also Vermehrung) des Reichtums im Sinne von Kapital, während die Lohnarbeiter von diesen Effekten dauerhaft ausgeschlossen werden. Ihnen bliebe lediglich eine Beteiligung insofern, als die Beanspruchung ihrer Arbeitskraft eine Entlohnung erfordert. Seine weitere Kritik richtet sich gegen die Politik, die ihre Macht vermeintlich komplett in den Dienst des Kapitals stelle. Damit würde sie die Abhängigkeit der Arbeiterklasse vom privaten Eigentum rechtlich absichern.

Was bleibt von Marx?

Was bleibt von Marx Theorien und seinen umfassenden Thesen zum Thema Kommunismus/Sozialismus vs. Marktwirtschaft auch in Hinblick auf unsere moderne Zeit? Zumindest sind die aufgeführten Probleme in Zeiten von Globalisierung, Digitalisierung und fehlendem politischen Gestaltungswillen aktueller denn je. Niedriglöhner, Clickworker ohne jegliche Sicherheit, Armutsrentner & Co. dokumentieren anschaulich die Folgen der desaströsen Politik vergangener Jahre. Sie haben mit sozialer Marktwirtschaft nichts zu tun und stärken allenfalls links- und rechtsradikale Ränder.

Die Auswüchse sämtlicher in diesem Zusammenhang bestehenden Probleme sind allerdings keine Naturgewalt, sondern von Zeitgenossen aus Politik und Wirtschaft erdacht und initiiert und von so manchen Medien (nicht allen) journalistisch ilegitim gepusht wurden. Schließlich wurden die verhängnisvollen neoliberal-politischen Thesen so festgezurrt, als handele es sich um das Evangelium. Sich daraus zu lösen – ohne zwingend Sozialist, Kommunist oder gar Marxist zu werden – sollte eine gesamtgesellschaftliche Forderung sein – und zwar die wichtigste in dieser Zeit.