Redaktion Spreezeitung / 19. Oktober 2016


Das Schlimmste aber war der Judenstern.

Helen Waldstein Wilkes findet Briefe in einer zerschlissenen Pappschachtel. Verzweifelte Briefe. Sie liest und entdeckt eine verschwundene Welt. Sie begibt sich auf Spurensuche und reist mit vielen Fragen und großen Hoffnungen nach Europa. Unsere Buchempfehlung.

Helen Waldstein Wilkes entdeckt eine verschwundene Welt. (Foto: H. Wilkes)

Im Februar 2014 erschien im Osburg Verlag die Publikation „„Das Schlimmste aber war der Judenstern. Das Schicksal meiner Familie“„. Der Hintergrund: Autorin Helen Waldstein Wilkes findet alte Biefe in einer zerschlissenen Pappschachtel. Verzweifelte Briefe. Sie liest, findet Fotos. Sie entdeckt eine verschwundene Welt und macht sich schließlich mit vielen Fragen und großer Hoffnung im Gepäck auf den Weg nach Europa.

„Mein Ziel war und bleibt es, so viele Leser wie möglich zu erreichen, damit wir nicht vergessen wie es einmal war und wie es sich in einer anderen Form wieder ereignen könnte, wenn die Menschen nicht frühzeitig ernsthaft und kritisch zu denken anfangen und den Unterschied zwischen Wahrheit und Propaganda lernen.“

Cover: Osburg Verlag

Cover: Osburg Verlag

Ein Stempel für ein neues Leben

Prag, 15. März 1939: Deutsche Truppen marschieren in die Tschechoslowakei ein, Hitler steht auf der Prager Burg. Am selben Tag, buchstäblich in letzter Sekunde, bekommen Helens Eltern Edmund und Gretl den entscheidenden Stempel in ihr Ausreisevisum gedrückt: „Genehmigt!“. Beginn einer Odyssee, die die junge jüdische Familie nach Kanada verschlägt.

Das Schicksal der Verwandten

In Europa herrscht Krieg. In den Briefen aus der Heimat erfahren sie vom Schicksal ihrer Verwandten. Die Briefe werden weniger. Bald kommt keiner mehr. Helens Eltern beginnen zu schweigen.

Jahre später entdeckt Helen Waldstein Wilkes die Briefe in einer zerschlissenen Pappschachtel. Verzweifelte Briefe. Sie liest, findet Fotos. Sie entdeckt eine verschwundene Welt. Und macht sich schließlich mit vielen Fragen und großer Hoffnung im Gepäck auf den Weg nach Europa.

Helen Waldstein Wilkes schreibt:

Auschwitz jedoch wollte ich nicht besuchen. Und doch denke ich manchmal an das Unvorstellbare.
 
Sogar mit Hilfe von Fließbändern kann es nicht leicht gewesen sein, Tausende und Abertausende von Leichen aus den Gaskammern in die Öfen zu bringen. Ich erinnere mich daran, einen Bäcker beobachtet zu haben, der mit einem hölzernen Schieber die Brote in einen Steinbackofen beförderte. War das Verbrennen der Leichen genauso alltäglich geworden wie das Brotbacken?
 
Trugen sie Schürzen diese Männer, die Leiche um Leiche in den Ofen schoben? Trugen sie Handschuhe? Waren ihre Gesichter mit Masken bedeckt, um sie vor den bleibenden Gasspuren zu schützen?
 
Wer waren diese Männer, die alles sahen, aber nichts sagten? Waren sie gewöhnliche Bürger, begierig auf gut bezahlte Arbeit? Oder waren sie Juden, die nur die Wahl zwischen Unmenschlichkeit und Tod hatten?

Die Autorin Helen Waldstein Wilkes

Helen Waldstein Wilkes wurde in Strobnitz/Horni Stropnice geboren. Im April 1939 ging die Familie von Prag über Antwerpen ins kanadische Exil. Wilkes hat in Romanistik promoviert und über 30 Jahre an Universitäten in Kanada und den USA gelehrt. In ihrem Ruhestand, den sie in Vancouver verbringt, erforscht sie ihr eigenes kulturelles Erbe und dessen Bedeutung. In diesem Zusammenhang entstand auch das Werk „Letters from the lost“, welches 2009 bei AU Press erschien und nun im Osburg Verlag auf Deutsch veröffentlicht wurde.

Siehe auch: Interview mit Helen Waldstein Wilkes
“Antisemitismus – Die Dimension löst jeden Rest menschlicher Individualität auf”