Dr. Gérard Bökenkamp / 31. Juli 2012 / Keine Kommentare


Warum mehr Kredite die Krise nicht lösen

Der Ökonom Raghuram Rajan stellte in der Maiausgabe der Zeitschrift Foreign Affairs die Logik der Rezessionsbekämpfung in Frage. Man habe auf den Einbruch der kreditfinanzierten Blase mit dem Versuch reagiert, diesen Kreditfluss wieder zum Fließen zu bringen.

Foto: Clipealer.de

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Der Ökonom Raghuram Rajan stellte in der Maiausgabe der Zeitschrift Foreign Affairs die Logik der Rezessionsbekämpfung in Frage. Man habe auf den Einbruch der kreditfinanzierten Blase mit dem Versuch reagiert, diesen Kreditfluss wieder zum Fließen zu bringen. Die politische Rhetorik ging in die Richtung, jedes Anzeichen von Erholung auf die Kredit- und Konjunkturpolitik zurückzuführen und jeden deutlichen Rückschlag darauf, dass noch nicht genug für die Nachfrage getan werde.

Seit Jahrzehnten würden die Arbeitsplätze, die durch die mangelnde Wettbewerbsfähigkeit verloren gingen, durch Beschäftigung, die auf der Ausweitung der Nachfrage durch öffentliche Ausgaben und Niedrigzinspolitik beruht, ersetzt. Diese Politik sei mit dem Platzen der Immobilienblase gescheitert und könne nun nicht durch eine noch höhere öffentliche Kreditaufnahme weiter betrieben werden. Stattdessen müsse die bessere Qualifikation der Arbeitnehmer betrieben und die Rahmenbedingungen für unternehmerische Tätigkeit verbessert werden.

In den Jahrzenten nach dem Zweiten Weltkrieg ging die Wiederherstellung der Weltwirtschaft mit einem außergewöhnlich hohen Wachstum einher. Diese Phase war in den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts abgeschlossen. Mit dem Rückgang der Wachstumsraten begannen die öffentlichen Ausgaben zu steigen. Mit der Technisierung ging nicht nur einher, dass hoch qualifizierte Arbeitsplätze besser bezahlt wurden als gering qualifizierte. Gering qualifizierte wurden in vielen Bereichen nicht mehr gebraucht. Das Bildungssystem habe bei der Anpassung an diese Rahmenbedingungen versagt.

Statt dieses Problem grundsätzlich anzugehen, habe die Politik auf die Vergabe billiger Kredite gesetzt, um die Nachfrage anzukurbeln und den Wohlstand auch von weniger Qualifizierten zu erhöhen, für die ohne niedrige Zinsen ein Eigenheim nicht erschwinglich war. Auf diese Weise konnten die wachsenden Schwierigkeiten breiter Schichten der Bevölkerung verdeckt werden, sich mit ihrer Ausbildung im internationalen Wettbewerb zu behaupten.

Da der Immobiliensektor durch billige Kredite subventioniert wurde, fanden hier Bauarbeiter einen Job und mäßig verdienende Arbeitnehmer ein neues Heim, dessen Wert von Jahr zu Jahr zu steigen schien. Das war eine spezifische Form von Sozialpolitik in den USA. In anderen Ländern etwa in Südeuropa war es die Ausdehnung des öffentlichen Dienstes, die die mangelnde Qualifikation und Produktivität der Arbeitskräfte für eine Weile verschleiern konnte.

Nach Rajans Einschätzung wird es für viele Länder in absehbarer Zeit schwer sein, auf das Niveau vor dem Ausbruch der Finanzkrise zu kommen, da schon dieses Niveau durch staatliche Nachfrage- und Niedrigzinspolitik künstlich angehoben worden war. Austeritätspolitik führe tatsächlich kurzfristig zu einem Rückgang des Wirtschaftswachstums. Denn die künstlich über öffentliche Ausgaben finanzierten Teile der Wirtschaft und des Arbeitsmarktes im Immobiliensektor und im öffentlichen Sektor schrumpfen unvermeidlicher Weise ohne dauerhafte Zuführung neuer Kredite. Statt die Schuldenpolitik weiter zu betreiben – so Rajan – sollten die Rahmenbedingungen so verändert werden, dass die Arbeitskräfte aus den ohne staatliche Stützung nicht lebensfähigen Teilen der Wirtschaft in produktive und wettbewerbsfähige Teile wechseln können und unternehmerische Tätigkeit attraktiver wird.

Information:
Raghuram Rajan: The True Lessons of the Recession, in Foreign Affairs, May/June 2012

(Siehe auch Anhang)



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