BILD-Blome: Setzt SPIEGEL auf Metamorphose?
Es gibt hierzulande wohl kaum einen Journalisten, der so eng mit dem Springer Verlag in Verbindung gebracht wird, wie BILD-Vize Nikolaus Blome. Umso überraschter zeigen sich weite Teile der Medienwelt über dessen Berufung zum stellvertretenden Chefredakteur des Nachrichtenmagazins Spiegel.

Mehr noch: Die Personalie hat bei den Spiegel-Mitarbeitern große Verärgerung ausgelöst. Unwesentlich ist die geballte Kritik nicht. Anders als in herkömmlich organisierten Verlagen haben die Redakteure des weitgehend neoliberal anmutenden Magazins, das einst als "Sturmgeschütz der Demokratie" in die Mediengeschichte einging, ein kräftiges Wörtchen mitzureden. Immerhin ist die "Spiegel-Mitarbeiter KG" seit 1974 Anteilseigner in Höhe von 50,5 Prozent des Spiegel-Verlags. Und sie ist sich sicher, dass sie bei der Besetzung wichtiger Positionen mit abstimmen darf.
Kleine Rebellion im großen Verlag
Vielleicht hat Wolfgang Büchner das bei seiner Neubesetzungsoffensive übersehen. Der ebenfalls erst kürzlich berufene Spiegel-Chefredakteur, der seinen neuen Posten ab 1. September 2013 antreten wird und die Personalie Blome bereits im Vorfeld entschieden hat, versteht den Streit und die Verärgerung zur Neubesetzung seines umstrittenen Stellvertreters wohl eher nicht. Während sich die Auseinandersetzung innerhalb der "Spiegel-Mitarbeiter KG" zu einer kleinen Rebellion aufschaukelt, sieht er die redaktionelle Neutralität auch mit einem einstigen Bild-Blattmacher in jedem Fall gewahrt.
Was schleppt Blome mit hinüber?
Dies suggeriert zumindest die Antwort Büchners auf die Frage eines Spiegel-Redakteurs, ob mit der Berufung des konservativen Blome "ein Richtungswechsel verbunden sei." Demnach lehnt Büchner ein Silo-Denken" mit "Bild" auf der einen und "Spiegel" auf der anderen Seite grundsätzlich ab. Hat er mit dieser Haltung Recht? Zeitungen und Magazine haben längst ihren Status "überparteilich" abgelegt und verdeutlichen in der Regel klar erkenntlich ihre jeweilige politische Haus-Position. Dass überdimensionierte Bilder, umrahmt von mageren, sprachholprigen Dreizeilern den Ansprüchen des Nachrichtenmagazins Spiegel kaum gerecht werden, muss dem gewieften Journalisten Blome niemand erklären. Doch was ist mit der konservativen politischen Linie, die der Noch-Bild-Vize möglicherweise ins neue Blatt mit hinüberschleppt?
Bild-Blome vs. Spiegel-Blome
Man darf getrost davon ausgehen, dass Blome Profi genug ist, sich der neuen Hausordnung im erforderlichen Maße anzunähern. Die Kritik an Blome bezieht sich explizit auf seine bisherige Heimat "Bild". Derlei Kritik ließe sich auch bei jedem anderen (abhängig beschäftigten) Journalisten, der von einem Blatt abgeworben wird, unterstellen. Zu links, zu rechts, zu spießig, zu mittig - bei solchen Spielchen käme kaum noch ein Vertrag zustande. Hinken die Kritikpunkte der "Spiegel-Mitarbeiter KG" also und gibt es andere Kritik-Gründe in Sachen Bild-Blome vs. Spiegel-Blome?
Journalistische Schwächen eines Verlags
Immerhin kommt der noch Bild-Redakteur Nikolaus Blome aus einem Haus, das den so wichtigen NSA-Skandal auf geradezu unerträgliche Weise herunterspielt. Datenschutz und damit Bürgerrechte sind keine von Redakteuren verhandelbare Größen, sondern verfassungsrechtlich verbriefte Rechte der Bürger. Nicht nur an diesem Beispiel offenbaren sich journalistische Schwächen eines Verlags, aus dem der so hoch gehandelten Blome nunmehr hinüberwechseln soll.
Büchner setzt auf Risiko
Blome kommt auch aus jenem Haus, das mit dem legendären Telefonat des damaligen Bundespräsidenten Christian Wulff auf der Mailbox des Bild-Chefredakteurs Kai Diekmann Mediengeschichte schrieb. Zweifelsfrei ein verunglückter Anruf. Doch vor allem eine gezielte Kampagne, die in einer aufgeblähten Staatsaffäre endete. Unzählige Medien stimmten ohne kritische Hinterfragung ein. Nach in der Rückschau benötigt es jede Menge Fantasie, um aus den verzweifelten Worten des damaligen Bundespräsidenten eine schlagzeilenfähige Medien-Beeinflussung herauszusaugen (*kompletter Text weiter unten). Die daraus konstruierte Story mit allen Folgen war ebenfalls keine saubere journalistische Leistung. Sie zielte offensichtlich auf eine Massenbeeinflussung auf der Grundlage nicht-authentischer Fakten zur aggressiven Ankurbelung von Umsätzen ab.
"Papier gewordener Populismus"
Blome selbst gilt als Initiator der im Jahre 2011 gestarteten Bildkampagne "Pleite-Griechen". Damit reagierte das Blatt auf eine ganz eigene populistische Weise auf die Euro-Schuldenkrise und packte ihre Leser am empfindlichen Nerv. Die drastischen Inhalte veranlasste die gewerkschaftsnahe Otto-Brenner-Stiftung schließlich zu der Schlussfolgerung, "Bild" habe damit den Bereich des Journalismus endgültig verlassen und sei nur noch "Papier gewordener Populismus". Nur drei von so manch fragwürdigen Publikationen des (vermehrt durch den Presserat gerügten) Verlags, für den Blome bisher tätig war. Möglich, dass Blome selbst einem solchen "Journalismus" den Rücken kehren will.
Hinter der glanzvollen Spiegel-Fassade
Möglich aber auch, dass Defizite, die sich schon länger hinter der glanzvollen Spiegel-Fassade tarnen, durch mehr Investigation, Frische, Angriff, Sensation und notfalls auch unter Einsatz populistischer Einlagen gepusht werden soll. Das wäre dann durchaus als Richtungswechsel zu deuten. Da Büchner ein Silo-Denken" mit "Bild" auf der einen und "Spiegel" auf der anderen Seite ablehnt, wird am Ende gar noch (teil-)fusioniert und es kommt ein SpiegelBild dabei heraus? Nichts scheint unmöglich. Spiegel-Chefredakteur Büchner setzt jedenfalls schon einmal ganz auf Metamorphose. Wie das ausgeht? Wir werden es lesen!
Blome zur NSA-Affäre:
*Wulff-Gespräch auf der Mailbox von Kai Diekmann:
"Guten Abend, Herr Diekmann, ich rufe Sie an aus Kuwait. Bin grad auf dem Weg zum Emir und deswegen hier sehr eingespannt, weil ich von morgens acht bis abends elf Termine habe. Ich bin in vier Golfstaaten unterwegs und parallel plant einer Ihrer Journalisten seit Monaten eine unglaubliche Geschichte, die morgen veröffentlicht werden soll und die zum endgültigen Bruch mit dem Springer-Verlag führen würde. Weil es einfach Methoden gab mit Dingen im Nachbarschaftsumfeld, die über das Erlaubte hinausgehen und die Methoden auch öffentlich gemacht werden von mir.Ich habe alles offengelegt, Informationen gegeben, gegen die Zusicherung, dass die nicht verwandt werden. Die werden jetzt indirekt verwandt, das heißt, ich werde auch Strafantrag stellen gegenüber Journalisten morgen und die Anwälte sind beauftragt. Und die Frage ist einfach, ob nicht die Bild-Zeitung akzeptieren kann, wenn das Staatsoberhaupt im Ausland ist, zu warten, bis ich Dienstagabend wiederkomme, also morgen, und dann Mittwoch eine Besprechung zu machen, wo ich mit Herrn ... den Redakteuren und Ihnen, wenn Sie möchten, die Dinge erörtere und dann können wir entscheiden, wie wir die Dinge sehen und dann können wir entscheiden, wie wir den Krieg führen.
Aber so wie das gelaufen ist in den letzten Monaten, ist das inakzeptabel und meine Frau und ich werden Mittwochmorgen eine Pressekonferenz machen zwischen dem japanischen Ministerpräsidenten und den weiteren Terminen und werden dann entsprechend auch öffentlich werden, weil diese Methoden Ihrer Journalisten, des investigativen Journalismus nicht mehr akzeptabel sind. Und Sie werden ja voll umfassend im Bilde sein.
Ich vermute, nicht voll richtig objektiv informiert sein – aber im Bilde sein. Und ich wollte einfach, dass wir darüber sprechen, denn wenn das Kind im Brunnen liegt, ist das Ding nicht mehr hoch zu holen – das ist eindeutig, nach den Erfahrungen, die wir die letzten Wochen gemacht haben. Es gab immer dieses jahrelange Gerücht, Maschmeyer hätte was damit zu tun. Wir haben dargelegt, dass das alles Unsinn ist. Und jetzt werden andere Geschichten behauptet, die Unsinn sind.
Und da ist jetzt bei meiner Frau und mir einfach der Rubikon in dem Verhalten überschritten. Und ich erreiche Sie leider nicht. Ich höre, Sie sind in New York – insofern ist es da jetzt ja Mittag und hier ist natürlich schon Abend. In Berlin ist es jetzt 18 Uhr. Es wäre nett, wenn Ihr Büro versuchen kann, Herrn Glaeseker oder Herrn Hagebölling, den Chef des Bundespräsidialamtes, oder mich zu erreichen.
Ich bin nur jetzt im Gespräch und dann hab ich hier eine Rede zu halten und ich bin also erst wieder etwa in eineinhalb Stunden in der Lage, dort in der deutschen Botschaft zu sprechen. Ich würde aber dann natürlich gern mit Ihnen sprechen. Denn dass man nicht bis Mittwoch wartet, die Dinge bespricht und dann sagt: Okay, wir wollen den Krieg und führen ihn, das finde ich sehr unverantwortlich von Ihrer Mannschaft und da muss ich den Chefredakteur schon jetzt fragen, ob er das so will, was ich eigentlich mir nicht vorstellen kann.
Vielen Dank ... und ... bis... dann ... wo wir uns dann sprechen. Ich hoffe, dass Sie die Nachricht abhören können, und bitte um Vergebung, aber hier ist jetzt für mich ein Punkt erreicht, der mich zu einer Handlung zwingt, die ich bisher niemals in meinem Leben präsentiert habe. Die hatte ich auch nie nötig. Die Dinge waren immer ordentlich sauber bei allen Vorbehalten und Gerüchten, die es immer verbreitet gab, die alle falsch waren. Und jetzt würde ich diese Dinge dieser investigativen Journalisten dieses Netzwerkes offenlegen. Und ... Insofern – ja .... denke ich mal, es gibt jetzt noch ’ne Chance, und die sollten wir nutzen. Dankeschön! Wiederhören, Herr Diekmann."
Quelle: Fokus Online, 14.12.2012
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