Journalisten und Verlage - eine schwierige Allianz
Der Deal der Springer AG mit der Funke-Mediengruppe stößt auf viel Kritik. Doch eine solche Entwicklung war zu erwarten. Der derzeitige Trend, der Journalisten vermeintlich in die Defensive drängt, bietet allerdings Möglichkeiten, über die eigene Rolle nachzudenken und sich wieder eigenständiger als vierte Macht im Staat zu positionieren.
Verleger sind keine Wohltäter. Sie sind auch keine Garanten für eine Dauerbeschäftigung von Journalisten. Verlage sind knallhart agierende Unternehmen, die ihre Wettbewerbsfähigkeit sichern. Das hat der kürzlich bekanntgegebene Deal der Axel Springer AG mit der Funke-Mediengruppe (einstmals WAZ-Gruppe) noch einmal auf signifikante Art dargelegt. Sofern das Kartellamt mitmacht, verkauft Springer eine Vielzahl traditioneller (Print)-Blätter und will sich deutlich stärker am digitalen Markt aufstellen. "Das Alte ist vergangen", sagt Mehrheitsaktionärin Friede Springer. "Wirklich vergangen." Sofern sich das Internet als eine der größten Erfindungen überhaupt in Hinblick auf diverse Überwachungspraktiken nicht eines Tages als größte Geißel der Menschheit entpuppt, so hat sie wohl Recht.
Ein knallharter, aber kalkulierbarer Schritt
Die Konsequenz der Springer AG stößt auf immens viel Kritik. Immerhin stehen unzählige Stellen von Redakteuren und Journalisten auf dem Spiel. Das ist in der Tat bitter, war aber dennoch kalkulierbar. Ein wirtschaftlich agierendes Unternehmen muss sich auf Einnahmen und Renditen konzentrieren. Bei einer Aktiengesellschaft halten Anteilseigner nicht nur Augen und Ohren sondern auch die Hand auf. Das liegt im Wesen solcher Unternehmungen. Nicht Print- sondern digitale Welten versprechen Zukunft. 24-Stunden-Entertainment – so lautet das Zauberwort, in Kombination mit Immobilienportale und Internet-Jobbörsen generiert das Umsätze, die eine AG erwartet. Geboten wird, was nachgefragt ist. Insofern war diese Entwicklung kein Überraschungs-Affront.
Auf Linie getrimmte Journalisten
Der derzeitige Trend, der Journalisten vermeintlich in die Defensive drängt, bietet allerdings auch die Möglichkeit, über die eigene Rolle gründlich nachzudenken und sich wieder deutlicher als "vierte Macht" im Staat zu positionieren. Letzteres haben Verlage den Journalisten Zug um Zug abgetrotzt, obwohl diese besondere Macht auch dazu dient, Missbrauch durch (Massen)-Medien im Sinne gezielter Meinungsmache entgegenzuwirken. Darüber hinaus formuliert dieser Begriff einen Berufs-Ethos der Journalisten und nicht etwa börsennotierter DAX-Unternehmen. Hinzu kommt: Kaum ein Blatt nennt sich noch "überparteilich".
Es geht nicht selten darum, die Gesellschaft zurecht zu biegen und Positionen machtvoll durchzusetzen. Journalisten und Redakteure, die in einem Verlag angestellt sind, werden häufig auf sehr geschickte Weise auf Linie getrimmt. Verlagseigene Journalistenschulen ziehen sich den Nachwuchs selbst heran. Dabei heraus kommt durchaus auch ein Gefälligkeitsjournalimsus für die ideologisch geprägte Hand, die den Journalisten füttert. Das wird der Rolle eines neutralen Journalisten so wenig gerecht, wie es wirtschaftlich knallhart agierenden Verlagen heute noch zusteht, den Titel "4. Macht im Staate" mit allen dazu gehörigen Privilegien vorbehaltlos zu zuerkennen.
Auf den ersten Blick bittere Zeiten
So bitter die Zeiten für Journalisten momentan auch sind, so sehr könnte sich die Chance herauskristallisieren, Journalismus wider authentischer und unabhängiger zu gestalten. Journalisten in abhängiger Beschäftigung beim Verlag – das wird mehr und mehr zu einer fragwürdigen Allianz. Doch auch das Modell der zwangssubventionierten öffentlich-rechtlichen Sender beweist nicht die so dringend erforderliche Unabhängigkeit. Das zeigt allein die Besetzungsliste der im Rundfunkrat präsenten Funktionäre. Schon der damalige ZDF-Chefredakteur Nikolaus Brender kritisierte den dadurch entstehenden Einfluss der Parteien und sprach sogar von einem "internen Spitzelsystem", das er mit dem DDR-System verglich. "Es sei ein feingesponnenes Netz von Abhängigkeiten entstanden, aus dem sich Karrierechancen, aber auch Verpflichtungen ableiten ließen", erklärte er.
Wahre Journalisten sind nicht erpressbar
Besser lässt sich Unabhängigkeit im Status "Freier Journalist" realisieren. Dieser Bereich könnte deutlich wachsen. Dazu gehört allerdings der Mut der Protagonisten. Da sich authentischer Journalismus nun einmal aus einem unabhängigen, nicht erpressbarem Potenzial speist, sollte das möglich sein. Vielleicht trennt sich hier auch die Spreu vom Weizen. Waschechte Journalisten lehnen nach Kenntnisnahme der wahren Hintergründe durchaus auch einmal Aufträge ab. Sie sind generell nicht käuflich und widerstehen auch dann, wenn sich wirtschaftliche Sicherheit nur allzu verlockend präsentiert. Dazu gehört auch - Ausgrenzungen und Anfeindungen hin oder her - nicht willig dem Mainstream zu folgen, sondern ausgewogen und nach allen Seiten hin offen zu bleiben. Zensur hat schließlich viele Gesichter. Eine solche Haltung unterscheidet entsprechende Journalisten sozusagen vom Rest der Branche, in der sich durchaus auch so manche Möchtegern-Spezialisten tummeln.
Neupositionierung gilt auch für Journalisten
So, wie Verlage in Zeiten der digitalisierten Medien um das wirtschaftliche Überleben ringen und sich bei der Wahl der dazu notwendigen Instrumente oftmals mehr und mehr für Meinungsmache (ist billiger in der Produktion, aber füllt die Seiten) vermischt mit Unterhaltungselementen (ist teurer in der Produktion, aber schafft mehr Klick-Rates) entscheiden, so müssen sich ernsthaft arbeitende Journalisten ebenfalls neu positionieren. Was genau ist in diesen Zeiten die Aufgabe, wie lassen sich die Herausforderungen ohne Druck, Vorgaben und Abhängigkeiten lösen und wie lässt sich damit auch die Existenz sichern? Die Beantwortung dieser Fragen kommt einer ziemlichen Herausforderung gleich. Doch je mehr Journalisten sich für Mut und Authentizität entscheiden, umso so eher stützt es die angekratzte Demokratie. Am Ende lässt sich auch ein gesunder Markt in diesem Segment wiederherstellen, der dann auch vernünftige Einnahmen generiert.
Journalismus kostet künftig viel Geld
Noch härter wird es für Journalisten, wenn es um das massenhafte Abfischen von Daten geht. Selbst hochrangige Politiker wie etwa Wolfgang Schäuble spielen den kürzlich aufgedeckten Datenskandal quasi als Fata Morgana herunter und ignorieren die weitreichenden Konsequenzen. Für Journalisten verfügt der Skandal über eine weitere, erhebliche und alles entscheidende Brisanz. Wie lassen sich Recherchen und der Austausch mit Informanten unter solchen Bedingungen noch realisieren und vertraulich garantieren? Digital jedenfalls nicht! Reporter in Krisengebieten seien gezielt Opfer von Spähaktionen geworden, erklärt ein neuseeländischer Journalist. Seine Telefondaten sollen in Afghanistan abgeschöpft worden sein. Schwere Zeiten für Journalisten aber auch große Herausforderungen. In der herkömmlichen Allianz mit Verlagen ist das nicht mehr zu meistern. Das Alte ist eben "vergangen". "Wirklich vergangen"!
