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Wirtschaft

Sinn-Krise bei Professor Sinn? - Thesen für ein besseres Deutschland

In seiner neuen Publikation zum Thema Zukunftsprogramm für Deutschland gibt ifo-Chef Prof. Dr. Hans-Werner Sinn selbstbewusst seine Erklärung zur Dynamik des deutschen Arbeitsmarktes zum Besten. Deren Plausibilität lässt sich kaum erschließen. Ein Kommentar von Roland Hermanns.

Roland Hermanns

Prof. Dr. Hans-Werner Sinn leitet das ifo Institut für Wirtschaftsforschung, das über der Hälfte aus Zuwendungen der öffentlichen Hand finanziert wird und gerne die jeweiligen Bundesregierungen berät. Darüber hinaus lehrt er Nationalökonomie und Finanzwissenschaft an der Ludwig-Maximilians- Universität München. Die gut alimentierten Jobs lassen ihm scheinbar viel Zeit, um immer wieder einmal Bücher zu schreiben. Aktuell erscheint im Redline-Verlag seine Publikation „Verspielt nicht eure Zukunft!“. Dabei stellen Sinn(?)freie Thesen in acht Punkten die Ideologie eines Zukunftsprogramms für Deutschland dar.

Außer Thesen nichts gewesen

These Nr. 1, der wir uns hier widmen, erzählt von Sinns brennendem Wunsch nach einer möglichst breiten Ausweitung des bereits bestehenden Niedriglohsektors. Damit hängt sich der Ökonom an die in Politikerkreisen gängige Vorstellung, Deutschlands Wettbewerbsfähigkeit sei unter anderem mit der seit Bestehen der Agenda 2010 betriebenen Niedriglohnkultur und einem dramatischen Ausbau des größten Niedriglohnsektor Europas zu sichern.

FOCUS-Online publizierte kürzlich im Rahmen der Buchvorstellung auszugsweise aus einem Gastbeitrag für die FOCUS-Ausgabe 19/2013 Sinns selbstbewusste und gleichsam seltsame Erklärung zur Dynamik des deutschen Arbeitsmarktes. Deren Plausibilität lässt sich allerdings nur schwerlich erschließen. So erklärt Sinn:

„Es ist ein großer Fehler, dem Zeitgeist folgend, Mindestlöhne beziehungsweise Lohnuntergrenzen abzunicken. Damit verlässt man den Weg zu einer strukturellen Gesundung des Arbeitsmarkts und gefährdet den Niedriglohnsektor, der Deutschland in den letzten Jahren so viel wirtschaftliche Dynamik gebracht hat.“

Diese Aussage, die ein verzerrtes, ja geradezu bizarres Wunschbild vermeintlicher Erfolge am Arbeitsmarkt zeichnet, offeriert bereits in den wenigen geäußerten Worten puren Un(Sinn). Ein Arbeitsmarkt gesundet nicht, vielmehr entartet er, wenn der Preis des vermeintlichen Erfolgs darin besteht, unzähligen Menschen angemessene Lohnzahlungen bewusst vorzuenthalten. Eine diesbezügliche gesellschaftliche Duldung rechtfertigt solche Tatbestände nicht und kann demzufolge auch nicht als Dynamik wirtschaftlicher Verhältnisse in Deutschland gewertet werden.

Wettbewerbsfähigkeit als Dumpinglohnmodell?

Wettbewerbsfähigkeit, die es schon immer, also auch bereits vor zunehmenden Globalisierungsfaktoren gab, zählen zum grundsätzlichen und maßgeblichen Faktor einer jede Unternehmung. Sie lässt sich aller Erfahrung nach nur mittels Innovation des Produkte bzw. Dienstleistungen, herausragendem Engagement, Fleiß, Einsatzbereitschaft und Präzision erreichen. Mit Dumpinglöhnen und Lohnzuschusskosten hingegen sind qualitative, wettbewerbsfähige Maßstäbe nicht erreichbar. Damit wird allenfalls eine Spirale immer absurderer Armutslöhne angefacht, die am Ende in einer sozialpolitischen Katastrophe enden. Schließlich kann es die vermeintliche Konkurrenz - ob in Asien oder hierzulande - immer noch ein wenig billiger. Unternehmen, die moderate, aber akzeptable Löhne nicht zahlen können, machen zudem keinen gesellschaftlichen Sinn. Für Professor Sinn hingegen macht genau das Sinn. Er geht noch einen Schritt weiter und erklärt:

„Noch stärker als bisher sollte man auf Lohnzuschusselemente setzen. Motto muss sein, dass jeder, der arbeiten will, arbeiten kann und dann – unterstützt durch Lohnzuschüsse – genug zum Leben hat.“

De facto bedeutet es, dass Alimentierungen und Lohnkostenzuschüsse an Unternehmen durch Steuerzahler gängige Praxis werden und nicht etwa streng eingegrenzte Ausnahmefälle bleiben. Marktwirtschaftliches Unternehmertum sieht anders aus. Sinns Zukunfts-Phantastereien hebeln gezielt ausgewogene Vereinbarungen zwischen Arbeitnehmern und Arbeitgebern aus, die abhängige Beschäftigung überhaupt erst rechtfertigt und zu einem sinnvollen, gesellschaftsrelevanten Instrument macht. Zudem: Der abhängig beschäftigte Arbeitnehmer stellt neben seiner Tätigkeit an sich auch kontinuierlich seinen (Lebens)-Zeit in erheblichem Maße zur Verfügung. Für Unternehmen ein hohes Gut, denn so kann verlässlich geplant werden. Auch dies rechtfertigt eine angemessene Entlohnung selbst einfacher Tätigkeiten. Sinn hingegen präferiert mit seinen Forderungen die Aushebelung angemessener Gegenleistungen für betroffene Arbeitnehmer zu Gunsten einseitiger Gewinnmaximierung.

Sünde und Würde - welch große Worte

Ein solches, inadäquates Unternehmerverhalten will der Wirtschaftsexperte zusätzlich mittels kräftiger Lohnzuschusskosten – freundlich gesponsert vom Steuerzahler – honorieren. Spezielles Paradoxon: Am Ende der Kette solcher Abstrusitäten alimentieren sich Niedriglöhner über die Zahlung von Mehrwertsteuer für dringend benötigte Verbrauchsgüter gar noch selbst - also auch dann, wenn sie aufgrund niedrigster Löhne keine Einkommensteuer zahlen. Sinn unterstützt mit seiner These für Deutschland zudem ausdrücklich die inzwischen wie selbstverständlich praktizierte Methode, Menschen trotz Vollzeitjob in die Aufstockung durch Jobcenter zu drängen. Solche unzumutbaren Verhältnisse beinhalten, dass ein werktätiger Bürger am Ende eines arbeitsreichen Monats bettelt, um das nackte Überleben zu sichern. Dauer-Alimentierung einer erheblichen Werktätigengruppe inklusive staatlichem Gängelfaktor - ein Zukunftsprogramm für Deutschland sieht anders aus.

Sinn rechtfertigt seine These schließlich mit folgender Aussage:

„Nur eine solche Unterstützung der Menschen „in der Arbeit“ ist menschenwürdig. Eine Unterstützung allein „außerhalb der Arbeit“ ist eine Sünde gegen ihre Würde.“

Sünde und Würde – welch große Worte! Es muss schon eine gewaltige Sinn-Krise sein, die Sinn als Autor der Publikation zu solchen Thesen hinreißen lässt. Ausnahmsweise zitieren wir einmal Wolfgang Schäuble (CDU), der einmal sagte, es sei mit der „Autorität von akademischen Titeln und von wissenschaftlichen Instituten, die mit viel Geld vom deutschen Steuerzahler subventioniert werden, eine besondere Verantwortung verbunden“. Der Finanzminister bezog dies zwar auf bestimmte Äußerungen Sinns zur Finanzkrise. Zu seiner befremdlich anmutenden These Nr. 1 im Thesenpapier für ein Zukunftsprogramm für Deutschland passt dieser treffliche Seitenhieb allerdings mindestens ebenso perfekt.

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