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Politik

Sexismus-Debatte - STERN-Stunde des deutschen Journalismus?

Das Nachrichtenmagazin „STERN“ rühmt sich, eine lange überfällige Sexismus-Debatte in Deutschland erst entfacht zu haben. Grund zum Feiern gibt es dennoch nicht. Zurück bleiben irritierte, männliche Zeitgenossen, ein beschädigter Politiker und Journalistinnen, deren Arbeit erschwert wird.

Marlen Albertini

Seit rund zehn Tagen beherrscht eine Sexismus-Debatte unser Land. Vermeintliche Experten in der Sache geben sich in Deutschlands Talkshow-Runden die Klinke in die Hand. Von der Boulevard-Gazette bis zum politischen Magazin zieren Leitartikel zu diesem Thema das publizistische Tagesgeschäft. Zurück bleiben Absurditäten, Unsachlichkeiten, ein beschädigter Politiker und verärgerte Journalistinnen, deren ernsthafte Arbeit künftig deutlich erschwert wird.

Im Licht eines zweifelhaften Ruhms

Das Nachrichtenmagazin "STERN" wiegt sich dabei im Licht des zweifelhaften Ruhms, eine vermeintlich lange überfällige Sexismus-Debatte entfacht zu haben. Als Grundlage dieser Selbsteinschätzung dient ein Portrait über Rainer Brüderle (FDP). Der publizistische Beitrag beginnt mit einer Klage der Autorin Laura Himmelreich. Sie bedauert, es sei für sie nicht immer leicht "29 Jahre alt zu sein, eine Frau und Politikjournalistin". Als Grund ihres Dilemmas benennt sie Männer "wie Rainer Brüderle, der neuen, nun ja, Lichtgestalt der FDP."

Sexismus kontra Altersdiskriminierung

Mit dieser 67-jährigen "Lichtgestalt der FDP" beginnt sie vor über einem Jahr ein Gespräch - und zwar am Abend vor dem traditionellen Dreikönigstreffen 2012 in Stuttgart. Sie wählt zum Einstieg provokante Worte und fragt, "wie er es findet, im fortgeschrittenen Alter zum Hoffnungsträger aufzusteigen." Was folgt, ist nicht etwa eine lange überfällige Debatte zur latent praktizierten Altersdiskriminierung, sondern eine aus den Fugen geratene Konversation an einer Bar zu später Stunde, dessen Inhalte sich mehr und mehr aufplustern. Inzwischen verfügt es über das Potenzial, in die Geschichte einzugehen – im Schlepptau stets das medial vermittelte Bild vom vermeintlich lüsternen Politiker Brüderle, der Journalistinnen anmacht. Die Autorin betont, Brüderle ausdrücklich keine Übergriffe vorzuwerfen, doch sein Ansehen hat längst Schaden genommen. Ist das gerechtfertigt und welchen Nutzen hat die Story?

Musterverhalten geht in die Geschichte ein

In Ihrem Brüderle-Profil plaudert die Autorin von zugegebenermaßen nicht sehr gehaltvollen Schoten, die der FDP-Politiker an der einen oder anderen deplatzierten Stelle von sich gegeben habe. Inhaltlich soll es beispielsweise um befremdliche Äußerungen gehen, wie etwa über die "Erotisierung der Kuh" und Bemerkungen um einen höheren Fettgehalt, der erst den Reiz einer Frau ausmacht. "Wein, Weib, Gesang. Kann das im Jahr 2013 noch funktionieren?" fragt Autorin Laura Himmelreich. Soweit, so absurd. Wer bis hierhin die Aufregung über den deutschen Sexismus noch nicht ganz verstanden hat, wird belehrt, dass es sich im Fall Brüdele um eine Art von Musterverhalten handelt, das bereits über längere Zeiträume beobachtet worden sei. Reicht eine breite Veröffentlichung einer solchen, subjektiv empfundenen Diagnose bzw. Aussage tatsächlich aus, um Frauen künftig vor echtem Sexismus zu bewahren? Und ist es gerechtfertigt, den FDP-Politiker Rainer Brüderle in der angefachten Diskussion als Schlüsselfigur regelrecht zu benutzen?

Gegen Schoten ist ein Kraut gewachsen

Nein, das ist es nicht. Es reicht und es wird höchste Zeit, die Diskussion auf eine sachliche Ebene zu lenken oder sie zu beenden. Frauen mieten eigene Wohnungen an, kaufen ein Haus, erziehen Kinder allein, bewältigen qualifizierte Jobs, reisen kreuz und quer durch die ganze Welt und treffen jede Menge Entscheidungen. Der weitaus überwiegende Teil ist durchaus in der Lage, zweideutigen Schoten des männlichen Geschlechts angemessen und energisch zu begegnen. Und zwar ohne ein mögliches, schlechtes Benehmen gleich als sexistisch zu bewerten. Sexismus ist eine spezielle Form der Diskriminierung. Wer dies beklagt, sollte selbst nicht in Versuchung geraten, bewusst zu diskriminieren. Dazu zählt es auch, einem Politiker jenseits der 60 praktisch abzuerkennen, er könne Hoffnungsträger seiner Partei sein, zumal sich die in den Worten mitschwingenden Zweifel objektiv durch nichts untermauern lassen. Die Autorin schreibt, ihre "Absicht sei es gewesen aufzuzeigen, dass Brüderle ein Politiker sei, der aus der Zeit gefallen zu sein scheint."

Der ganz alltägliche Diskriminierungs-Wahnsinn

Ganz gleich, welche Zeit die Autorin auch meint, sie ist reif für sachbezogene(!) Diskussionen über den ganz alltäglichen Diskriminierungs-Wahnsinn in Deutschland. Angesprochen fühlt sich eine Vielzahl an Mitmenschen. Migranten, Alleinerziehende, Arbeitssuchende, Senioren und dann gerne auch Frauen UND Männer, die sich in ihrer ureigenen Geschlechterrolle auf welche Weise auch immer diskriminiert fühlen. Von der jetzigen Sexismus-Debatte, deren Initialzündung sich der STERN so rühmlich auf die Stirn drückt, bleibt nicht viel mehr als irritierte, männliche Zeitgenossen, ein beschädigter Politiker und eine Story mit schalem Beigeschmack. Und natürlich Politiker, die fest entschlossen sind, Journalistinnen nur noch unter Anwesenheit einer Aufsichtsperson Interviews zu gewähren. Eine STERN-Stunde des deutschen Journalismus sieht anders aus und der Preis für ein solches, mediales Geplauder wird einmal mehr von jenen gezahlt, die in der Sache gar nicht beteiligt sind.

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