Grenzüberschreitung - Augstein, Broder und das Wiesenthal-Zentrum
Das Simon Wiesenthal Center hat den Journalisten und Verleger Jakob Augstein auf eine Liste der zehn gefährlichsten Antisemiten der Welt gesetzt. Das überschreitet jegliche Grenzen und entbehrt seriöser Recherche und sachlicher Beurteilung. Ohne Richtigstellung lässt es sich nicht mehr aus der Welt schaffen.

Das im Jahr 1977 gegründete Simon Wiesenthal Center mit Hauptsitz in Los Angeles versteht sich als Menschenrechtsorganisation. Augenblicklich begibt es sich in gefährliches Fahrwasser. Hält es an dem Eintrag des Verlegers Jakob Augstein auf der Liste der gefährlichsten Antisemiten der Welt fest, dann bricht es genau das, wofür es sich einsetzen will. Laut Wiesenthal-Zentrum geht es um Beiträge von Augstein, die vermeintlich einen ausgeprägten Antisemitismus unter Beweis stellen. Tatsächlich handelt es sich - in Teilen durchaus um überspitzte – Kritik an bestimmten politischen Agitationen des Staates Israel.
Das sind definitiv zwei verschiedene Schuhe, auch wenn Augstein im Gegensatz zu vielen anderen Journalisten ziemlich harsch zur Sache geht. So weist er unter anderem besonders nachdrücklich auf mögliche Gefahren durch die israelische Atombombe hin und scheut sich nicht, den Gaza-Streifen als ein Lager zu bezeichnen, in dem "der jüdische Staat seine künftigen Feinde" ausbrütet. Auch für die ultra-orthodoxen Juden gibt es keine beschwichtigen Worte. Augstein setzt sie in einen Vergleich mit islamischen Fundamentalisten.
Sachliche Beurteilungen Fehlanzeige?
In einem Interview der FAZ äußert Salomon Korn, Vizepräsident des Zentralrats der Juden, das Wiesenthal-Zentrum habe sich in der Beurteilung des Journalisten Jakob Augstein „nur auf das verlassen, was der Publizist Henryk Broder ihm gesagt hat, ohne sich Gedanken zu machen, ob das zutrifft“. Sofern das stimmt, haben wir es mit einem ausgemachten Skandal zu tun, den niemand kleinreden kann. Ohne Richtigstellung lässt er sich nicht aus der Welt schaffen. Als ausdrücklich überparteiliches Medium stehen wir garantiert nicht im Verdacht, links-ideologisch geprägte Publizisten unbegründet zu verteidigen und zu unterstützen. Hier aber wird etwas praktiziert, das so in keinem Fall stehen bleiben kann. Es stellt einen Journalisten nicht nur unter einen falschen und unerträglichen Verdacht sondern unter eine falsche Tatsachenbehauptung. Die Wochenzeitung „Freitag“, die Augstein selbst herausgibt sowie eine Vielzahl anderer Medien geben Gelegenheit, sich mit den kritisierten Augstein-Texten sowie sachlichen Beurteilungen auseinanderzusetzen.
Das Gebrodel Broders
Henryk M. Broder dementiert derweil im Tagesspiegel, Augstein diffamiert zu haben. Dass sich der Publizist wohl kaum persönlich mit dem Wiesenthal-Zentrum in Verbindung gesetzt haben wird, um eine Eintrag Augsteins auf einer weltweiten Pranger-Liste zu forcieren, nimmt ihm wohl jedermann ab. Schließlich würde dies das sichere Ende einer erfolgreichen Publizisten-Karriere bedeuten. Worte können allerdings nachhaltige Wirkung entfalten, darüber ist sich so ziemlich jeder Schreiberling im Klaren. Das Gebrodel Broders brodelt seit vielen Jahren aus etlichen Medienkanälen seicht auf uns hinab. Die "Achse des Guten" wird zur Plattform für Broders bitterböse Polemik. Dort bezeichnet er den Jounalisten Augstein als "lupenreinen Antisemiten" und ""antisemitische Dreckschleuder. Augstein sei "ein Überzeugungstäter, der nur Dank der Gnade der späten Geburt um die Gelegenheit gekommen ist, im Reichssicherheitshauptamt Karriere zu machen." Sachbezogene Statements oder gar tiefgehende Literatur? Bei Broder Fehlanzeige! Stattdessen Meinung, Brief "An meinen Lieblingsantisemiten Augstein" (den der SPIEGEL nicht, die WELT hingegen heroisch veröffentlichte) und Ressentiments pur – der Mann ist dennoch gut im Geschäft. Eine spezifische Leserschaft folgt ihm und hängt an seinen mitunter recht saloppen Lippen. Das Wiesenthal-Zentrum etwa auch?
Loyalität und Sachlichkeit
Selbstbeschränkung bei der Wahl seiner Worte kennt Broder im Falle Augstein allerdings auch im Nachgang nicht und stochert weiter im Eklat herum: „Augstein sieht sich als kritischer Journalist, so wie sich ein Pädophiler als Kinderfreund ansieht. Auf die Selbstwahrnehmung kommt es dabei nicht an“, erklärt er mittels ausgeklügelter Wortwahl und stramm an seiner Kritik festhaltend. Nicht festhalten will er hingegen am RBB. Eine Kolumne, die seit langem jeden Freitag durch den Äther dröhnt, wird eingestellt. Der Grund: Broders Auftritt in der vergangenen Woche sollte durch einen Beitrag mit einem Antisemitismusexperten ersetzt werden. Dies sei ihm gegenüber illoyal und sachlich durch nichts zu rechtfertigen, beschwert sich Broder - ganz Experte auf diesen sensiblen Gebieten.
Publizistik auf dem Tiefpunkt
Aus der Welt schafft es die Augstein-Geschichte, die Züge einer privaten Publizisten-Fehde suggeriert, sicher nicht. Dazu müsste sich das Wiesenthal-Zentrum schon selbst zur Fehleinschätzung bekennen mit allen sich daraus ergebenden Konsequenzen. Salomon Korn ist indes überzeugt, dass für alle Beteiligten kein großer Schaden entstanden sei. „Es geht Menschen wie Augstein und Broder ja auch darum, publik zu sein. Nicht immer ist der Zusammenhang willkommen, aber es erhöht den Bekanntheitsgrad. Das Wissen die Beteiligten durchaus zu schätzen“, führt der Vizepräsident des Zentralrats der Juden im Interview der FAZ weiter aus. Wenn das stimmt, fangen die Probleme erst an. Dann nämlich hat Publizistik einen bisher nicht geahnten, qualitativen Tiefpunkt erreicht, auf den wir künftig besser verzichten sollten.
