Matthias Weik und Marc Friedrich / 12. Juli 2018


Schadensmaximierung: Das Dilemma mit Target2

Interessanterweise ist Target2 aktuell in aller Munde. Zuvor hatte sich die Forderung der Deutschen Bundesbank gegenüber den anderen Notenbanken in der Eurozone klammheimlich auf einen neues Rekordniveau entwickelt (976 Milliarden Euro!), und zwar ohne dass die Presse großartig darüber berichtet hat. Eine Betrachtung von Marc Friedrich und Matthias Weik.

Target2 führt derzeit zu kontroversen Auseinandersetzungen.

(Foto: Verena Müller/via Friedrich Weik)

Um so erstaunlicher ist es, dass auf einmal aus verschiedenen Richtungen (Spiegel, Die Zeit) eine regelrechte Flut an Artikeln veröffentlicht wird, um die Allgemeinheit zu beruhigen. Als Ökonomen können wir über die dort gemachten Aussagen und Beschwichtigungen nur den Kopf schütteln und warnen, die Target2 Forderungen auf die leichte Schulter zu nehmen. Bereits 2014 haben wir diesem Thema in unserem zweiten Buch „Der Crash ist die Lösung“ ein Kapitel gewidmet. Die Problematik ist dieselbe – nur die Dimension ist noch größer geworden.

Target2 – was ist darunter zu verstehen?

Kurz gesagt geht es dabei um die Verrechnung wechselseitiger Forderungen der Zentralbanken der Euro-Zone. Aha! Reden wir zum besseren Verständnis und aktuellem Anlass kurz über Fußball. Nicht nur über dem spanischen Staat und den dortigen Banken kreist der Pleitegeier. Mehr als ein Dutzend spanische Profi-Clubs mussten sich für zahlungsunfähig erklären und Gläubigerverfahren einleiten. Wie das gesamte Land, so leben dort die besten Fußballvereine seit Jahren über ihre Verhältnisse: Sie geben im Jahr 2,1 Milliarden Euro aus, nehmen aber nur 1,8 Milliarden ein. Nachhaltiges Wirtschaften sieht anders aus. Die Clubs der Primera Division werden daher von einem Schuldenberg von insgesamt 3,5 Milliarden Euro erdrückt. Die Verbindlichkeiten aller spanischen Profivereine zusammen werden auf 5 Milliarden Euro geschätzt. Alle Clubs sind mittlerweile so gravierend verschuldet, dass der Liga der Ruin droht. Die Zeitung El País fragte sich:

„Muss die EU nun auch den spanischen Fußball retten?“

Dummerweise zahlte eine Vielzahl der Vereine jahrelang keine Steuern. Die Finanzämter beziffern die Verbindlichkeiten der Profi-Clubs gegenüber dem Staat inzwischen auf weitere 750 Millionen Euro. Nun stellen Sie sich sicher die berechtigte Frage: Was haben Spanien, der spanische Fußball und irgendwelche komischen Zentralbank-Forderungen eigentlich mit mir als europäischen Bürger tun? Die erste Antwort klingt vermutlich ein bisschen knifflig. Mithilfe des Fußballs lässt sich das alles aber recht erläutern.

Das „Trans-European Automated Real-time Gross settlement Express Transfer system” ist an sich etwas furchtbar Technisches. In jeder Sekunde werden im Euroraum Abermillionen von Zahlungsvorgängen abgewickelt. Sehr viele davon innerhalb einzelner Länder und ausschließlich zwischen verschiedenen Geschäftsbanken oder Sparkassen. Daneben kommt es aber zu sehr vielen grenzüberschreitende Zahlungen. Damit dabei nicht die Übersicht verloren geht, die nicht zuletzt für die Erfassung von Zahlungs- und Leistungsbilanzen wichtig ist, schalten sich die nationalen Zentralbanken und die EZB dazwischen, die all die transnationalen Überweisungen bündeln. Das Target2-System erledigt das in Echtzeit.

Die Süddeutsche Zeitung hat das System im August 2012 anschaulich erklärt:

„Verkauft zum Beispiel ein deutscher Händler ein Auto nach Spanien, fließt das Geld folgenden Weg: Der Spanier geht zu seiner Hausbank, um die Überweisung nach Deutschland in Auftrag zu geben. Die Hausbank wendet sich an die spanische Zentralbank, die der Europäischen Zentralbank EZB Bescheid gibt. Die EZB meldet die Summe der Bundesbank, die dann das Geld an die Hausbank des deutschen Autohändlers zahlt. Der Deutsche sieht es dann auf seinem Konto und schickt das Auto an den Spanier. Eigentlich ein gutes Geschäft – nur senden sich die spanischen und die deutschen Notenbanken kein Geld hin und her, denn Zentralbanken erschaffen quasi Geld aus dem Nichts. Die Bundesbank erhält somit ‚nur’ eine virtuelle Forderung, die an den Mittler der Euro-Zone gerichtet ist, an die EZB.“

Wir wissen, dass es rund um das Thema Target2 eine kontroverse Debatte unter den Ökonomen gibt. Einige, vorneweg der ehemalige Chef des Münchner ifo-Instituts, Hans-Werner Sinn, gehen mit guten Argumenten davon aus, dass in diesem an sich rein technischen Abwicklungssystem sehr reale Forderungen aufgelaufen sind. Andere sehen in den Target-Salden nur eine theoretische Verrechnungseinheit, da die eigentlichen Waren- und Geldflüsse ja 1:1 abgewickelt worden seien. Das ist auch der offizielle Standpunkt der Deutschen Bundesbank. Klar ist: Der deutsche Händler hat fast immer sein Geld, und der Spanier das gewünschte Auto erhalten. Vom Werk bis zum Endkunden werden alle Forderungen früher oder später glattgestellt. Das ist aber sozusagen nur die betriebswirtschaftliche Seite der Sache. Volkswirtschaftlich wird es spannend, wenn die Spanier weit mehr in Deutschland einkaufen als sie uns liefern. Statistisch entsteht dann ein Leistungsbilanzdefizit. Monetär entsprechen diesem Defizit die Target-Salden. Deutschland etwa hat mehr Forderungen an Spanien oder Griechenland als umgekehrt.

Target2 -Salden nehmen immer skurrilere Züge an

Der Punkt ist nun, dass diese transnationalen Forderungen der Zentralbanken gegeneinander in der Summe eben leider nicht alle beglichen worden sind. Denn im Gegensatz zu allen Geschäftsbanken sowie jenen Zentralbanken, die nicht am Euro-System teilnehmen, müssen die Euro-Zentralbanken ihre Forderungen und Guthaben nicht täglich um 24:00 Uhr auf Euro und Cent abrechnen. Die Hausbank des deutschen Autohändlers hat von der Bundesbank via EZB Geld bekommen und dies ihrem Kunden auch gut geschrieben. Die spanische Nationalbank aber hat der EZB bislang lediglich angekündigt, dass sie das Geld bitte überweisen soll. Das Geld des spanischen Autokäufers hat sie jedoch noch gar nicht angewiesen. So stehen Jahr für Jahr höhere Differenzen in den Büchern der EZB.

Und nun kommt wieder der Fußball ins Spiel. Laut Rolf von Hohenhau, dem Präsidenten des Bundes der Steuerzahler in Bayern und der Taxpayers Association Europe, nimmt die Tragweite der Target2-Salden immer skurrilere Züge an. Denn auch im Fußball kommt das Eurosystem zum Tragen.

„Letztlich laufen die Ablösesummen spanischer Clubs für Spieler – wie beispielsweise für Sami Khedira – über die Bundesbank und erhöhen die Target-2-Forderungen“,

warnt von Hohenhau. Der Fußballstar war 2010 gegen eine Ablösesumme von 14 Millionen Euro vom VfB Stuttgart zu Real Madrid gewechselt. Doch eigentlich wurde der Transfer von der Deutschen Bundesbank bezahlt. Die grenzüberschreitende Zahlungsverrechnung erfolgte über das System Target2. Hierzu erteilte die spanische Nationalbank der Bundesbank den Auftrag, 14 Millionen Euro an den VfB (bzw. dessen Bank) auszuzahlen, was zweifelsfrei auch geschehen ist. Zum „Ausgleich“ erhielt die Bundesbank Papierforderungen gegen die EZB (= positive Target-2-Forderungen). Und irgendwie hatten im selben Zeitraum die deutschen Vereine eben nicht so viel Geld übrig wie die verschwenderischen spanischen Clubs, weshalb sie auch nicht ganz so viele und nicht ganz so teure Stars in Spanien einkaufen konnten.

Wo stehen wir heute – 500 Milliarden Euro später?

Auf diese simple Weise ist die Deutsche Bundesbank 2014 um insgesamt rund 510 Milliarden Euro von den „Südländern“ (Spanien, Griechenland, Italien usw.) gerupft worden. Heute sind es bereits 976 Milliarden Euro. Das sind 12.000 Euro pro Einwohner in Deutschland. Das Geld dürfte in Anbetracht der volkswirtschaftlichen Lage in Spanien wohl unwiederbringlich weg sein. Wohl gemerkt: unser Geld! Denn die Bundesbank gehört letztlich den Bürgern der Bundesrepublik Deutschland. Sie werden als Steuerzahler einspringen müssen, wenn die Buchhalter der EZB eines Tages mit den Schultern zucken, weil die Bundesbank Gutschriften zu ihren Forderungen schließlich irgendwann auch einmal sehen möchte.

Somit haben wir im konkreten Fall Khedira auch dem VfB Stuttgart 14 Millionen Euro in Form vermutlich wertloser EZB-Schuldscheine gepumpt. Jetzt denken Sie vielleicht, Khedira ist bereits lange raus Spanien, was interessiert das noch, es ist ewig her. Toni Kroos ist jedoch noch immer (seit 2014) bei Real Madrid und hat bereits drei Mal in Folge die Champion League gewonnen. Manch einer unserer Top-Fußballer kickt im Ausland und macht unter anderem auch deutschen Clubs die Fußballwelt schwer: So schafft man sich selbst Wettbewerb. Als Ökonomen wie als bekennende Fußballfans stellen wir uns natürlich die Frage: Für wie dumm werden wir verkauft?

In der aktuellen Kolumne in „Die Zeit“ wird die Gefahr der Target2 Salden heruntergespielt und in die beliebte populistische Ecke gestellt: Das Ganze sei ein Angriff auf Europa. Es handle sich lediglich um eine rein virtuelle Forderung, alles sei halb so wild und die Argumentation, das Geld sei verloren, wäre purer Populismus. Dies sehen wir komplett anders. Die wertlosen Target2 Forderungen sind Vermögen der Bürger, das Ländern geliehen wurde, um unseren eigenen Export zu finanzieren bzw. zu subventionieren. Das bedeutet nichts anderes, als dass ein beachtlicher Teil der deutschen Exporte durch die Deutsche Bundesbank finanziert wird. So ein Geschäftsmodell krankt in sich und ist keinesfalls nachhaltig!

Besonders dann, wenn an Länder verliehen wird, die nicht kreditwürdig, wenn nicht sogar bankrott sind. Länder wie Italien, Spanien…etc. werden die Forderungen niemals zurückführen. Wenn es sich tatsächlich um rein virtuelle Buchungen handelt – wie es die „Zeit“ behauptet, könnten sie doch einfach gestrichen werden, oder? Wird aber nicht gemacht. Wieso nur? Selbst der Euro-Hüter Mario Draghi sagt, dass beim Austritt eines Landes aus der Eurozone die Target2 Forderungen zu begleichen sind. Viel Spaß beim eintreiben! Der volkswirtschaftliche Schaden wäre enorm. Wenigstens wird in der Meinungskolumne richtig erkannt, dass es im Extremfall es zu einem Kollaps kommt. Da sehen wir genauso. Fazit: Nicht das Aufzeigen eines kranken Systems wird Europa zerstören, sondern eine – aus unserer Sicht – falsche Politik mit dem gescheiterten Währungsexperiment Euro.

Zweifel an der Funktionsfähigkeit des Euro

Hoffnung macht die FAZ. Sie hat die Brisanz erkannt und warnt völlig zurecht vor der tickenden Zeitbombe Target2. Der Blog Querschuesse bringt es pointiert auf den Punkt:

„Beim Konstrukt des Euroraumes handelt es sich eindeutig um einen dysfunktionalen Währungsraum, statt Konvergenz produziert die Realität immer mehr Divergenz. Die Ungleichgewichte schaukeln sich immer weiter auf und dies ist zwingend, denn die Target2 Salden zeigen auf, wie viel Milliarden aufgebracht werden müssen, um das Fehlkonstrukt Euro künstlich am Leben zu halten, bis zu dem Tag, an dem die Währungsunion implodieren wird.“

Dieser Chart zeigt, dass die Eurozone nicht funktioniert: Die Entwicklung der Target2 Salden-Verbindlichkeiten anderer Notenbanken gegenüber der Bundesbank sprechen eine eindeutige Sprache. Dies ist volkswirtschaftliche Schadensmaximierung in Perfektion und würde die EZB in den Ruin treiben. Dann muss entschieden werden, ob die EZB bzw. die Bundesbank abgewickelt wird oder der Bürger sie rettet. Wir sind überzeugt: Einen Großteil des Geldes sehen wir nie wieder.

Verweise:

Das Ende der Ära Merkel und wird die EU eine Diktatur?