Ursula Pidun / 27. Oktober 2011


Absurdes Geldsystem – Interview mit Prof. Dr. Franz Hörmann

Univ.Prof. Franz Hörmann hat in diesen Tagen die Äußerung getätigt, es gebe ein "systemisches Betrugsmodell einer Institution, der in unserem Wirtschaftssystem das Monopol zur Geldschöpfung über Kredite eingeräumt wird". Wir haben nachgefragt. Im Gespräch mit dem Wirtschafts- und Finanzexperten Prof. Dr. Franz Hörmann, Wien.

Welchen Platz nehmen dann noch private Banken ein?

Banken hatten historisch die Funktion, jene Dinge aufzubewahren, welche der Gesellschaft am wichtigsten waren. Anfänglich waren dies Münzen und Edelmetalle, später Dokumente, Verträge und Geldscheine, welche heute nur noch in Form von Bits und Bytes existieren. Das wichtigste Gut in heutigen Gesellschaften ist jedoch Wissen. Wenn die Banken ihre Rechenzentren und Netzwerke zur Verfügung stellen, damit freie Gesellschaften darauf ihre produktiven Kooperationen verwalten können, wobei die Teilnehmer dort ihr Wissen in jeder denkmöglichen Form (z.B. auch multimedial) weitergeben und sich dafür (etwa in Form der personalisierten Güter- und Dienstleistungsgutscheine) belohnen, dann transformieren sie sich zu den „Kooperations- und Wissensbanken des dritten Jahrtausends“ und knüpfen somit unmittelbar an ihre historisch wertvolle, gesellschaftsnützliche Tradition an. Der Kreditreferent des dritten Jahrtausends könnte dann ein persönlicher Wegbegleiter für jeden Menschen sein, welcher ihn dabei unterstützt, sein individuelles Lebensglück durch optimale Entfaltung seines persönlichen Potentials zu finden, wobei die Resultate dieser frei gewählten Tätigkeiten dann über spezielle Schnittstellen so in die Gesellschaft eingebracht werden, dass dadurch der maximale Gemeinschaftsnutzen entsteht. Für jede einzelne Lebensphase könnte dieser Wegbegleiter seinen Schützlingen genau jene Kaufkraft (in Form individualisierter Warenkörbe) zur Verfügung stellen, welche sie in diesem Lebensabschnitt benötigen, um sich bestmöglich für sich selbst UND die Gesellschaft in individueller Freiheit entfalten zu können.

Dann profitieren auch die „ganz normalen“ Bürger? Sie sind es ja, die den gesamten Wirtschaftskreislauf tagein- und tagaus aufrechterhalten.

Wie bereits erwähnt sollte das Ziel eines neuen Wirtschaftssystems nach dem Geld darin bestehen, die menschliche Entwicklung durch maximale Freiheit bei der Entfaltung der einzelnen Individuen zu befördern. Wenn die Notwendigkeit für Geld und für den permanenten Individualtausch (also zeit- und wertgleiche Gegenleistungen in jedem menschlichen Kommunikationsprozess) wegfällt, dann stellen maximale individuelle Freiheit der Entwicklung und maximaler Gemeinschaftsnutzen nämlich keinen Widerspruch mehr dar, weil die notwendige Tauschbeziehung zwischen Individuum und Gemeinschaft nicht mehr existiert. Nur diese zwanghafte Tauschbeziehung in Form eines Nullsummenspiels, das durch die doppelte Buchhaltung erzeugt wird, ist ja die Wurzel der ganzen Probleme! Historisch hat sich die Menschheit aus einer Händlerkultur entwickelt. Wer aber tauscht, der täuscht, nicht umsonst besitzen diese Wörter den gleichen Stamm, denn ein Händler maximiert ja immer nur den Wert der erhaltenen Gegenleistung, nicht den Wert der selbst hingegebenen Sache. Wenn also zwei Händler bei einem Tauschhandel zweier Waren A und B ein für beide Seiten vorteilhaftes Geschäft realisieren wollen, dann ist dies schon rein logisch nur dann möglich, wenn diese beiden Menschen die Waren A und B jeweils aus einer anderen Perspektive bewerten, z.B. der eine aus der Perspektive der Haltbarkeit, der andere aus der Perspektive der Ästhetik. Durch die Bewertung mit Geld (die „Bepreisung“) wird jedoch eine objektive Größe, ein Punkt auf der Zahlengeraden, in die Verhandlung eingeführt. Dieser Punkt befindet sich für beide Personen an derselben Stelle, die Verhandlungen werden eindimensional, nicht mehrdimensional wie ohne Verwendung von Geld, geführt und wenn daher beide Händler nur mehr „in Geld denken“, dann gibt es nach Vertragsabschluss auch nur noch einen „Gewinner“ und einen „Verlierer“, womit Aggression, Rache, Gewalt etc. hier ihren Ausgangspunkt nehmen. In der Natur existieren z.B. für etliche Lebewesen „ökologische Nischen“. Diese sind nur deshalb möglich, weil diese Spezies „das Leben aus einer ganz speziellen Perspektive sehen“, mit der sie anderen, mächtigeren und zahlreicheren Arten, nicht „im Weg stehen“. Friedliche Koexistenz setzt also unterschiedliche Bewertungssysteme voraus. Internationale Standards für Bewertungen, ein globales Geldsystem und andere Vereinheitlichungen führen also aus diesem Grunde zwingend zu schädlicher Konkurrenz, Hass und Gewalt!

Wie hoch schätzen Sie die Wahrscheinlichkeit ein, dass es einmal zu einem solchen, ganz neuen und gerechteren System kommt und wer muss dabei am weitesten über den eigenen Schatten springen?

Da ich einerseits ein unverbesserlicher Optimist bin und andererseits weiß, dass die Menschheit bei Fortführung dieses absurden und schädlichen Geldsystems keine Überlebenschance besitzt, weil sie durch die dann zwangsläufigen weltweiten Verknappungserscheinungen in einer Woge der Gewalt untergehen wird, bin ich vom Vollzug dieses notwendigen Entwicklungsschrittes für die globale Menschheit felsenfest überzeugt. Über den Schatten springen muss genau genommen niemand, die Menschen müssen nur ganz rational, nach Kenntnisnahme und geistiger Verarbeitung dieser für sie zunächst noch neuen Informationen (Geldschöpfung „aus Luft“ aber als verzinste, nicht rückzahlbare Schuld durch private Geschäftsbanken mit der sich daraus zwingend ergebenden Konkurrenz um das immer zu knappe Geld in der Realwirtschaft), ihre eigene innere Einstellung zum Phänomen „Geld“ bzw. „in Geld bewertetem Eigentum“ hinterfragen. Dabei sollten sie sich auch ganz ehrlich überlegen, ob sie nicht in einer Welt ohne Geld, mit genügend realwirtschaftlichen Gütern und Dienstleistungen für jeden Menschen auf diesem Planeten, glücklicher wären als heute. Wie z.B. der Wirtschaftsgeograf Wolfgang Hoeschele in seinem sehr empfehlenswerten Buch „The Economics of Abundance“ nachweist, sind nämlich auch in den Ländern der „dritten Welt“ keineswegs die Nahrungsmittel knapp. Zu knapp ist immer nur das Geld, daher sind diese Dinge einfach nur zu teuer, um weltweit von allen Menschen zu diesen Preisen gekauft zu werden und sie in der bestehenden Rechtsordnung satt zu machen. Wie Jean Ziegler in seiner „dann doch gehaltenen Rede“ ja schon erwähnt hat, geht die UNO heute davon aus, dass wir ganz leicht auf dieser Erde sogar zwölf Milliarden Menschen ernähren könnten – wenn die Verteilungsregeln andere wären als unser heutiges verzinstes Schuldgeld!

Source: Franz Hörmann zum Thema Geldsystem.

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One Response to Absurdes Geldsystem – Interview mit Prof. Dr. Franz Hörmann

  1. Schorsch Dreher-Pellhammer 18. März 2015 at 22:55

    ja, endlich.
    es ist schon lange an der Zeit, Denker wie Franz Hörmann zu Wort kommen zu lassen.
    Im Hinblick auf „Blockupy“ ein durchaus gelungenes Interview.
    Intelligente Fragen ergeben intelligente Antworten.

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