Ursula Pidun / 27. Oktober 2011


Absurdes Geldsystem – Interview mit Prof. Dr. Franz Hörmann

Univ.Prof. Franz Hörmann hat in diesen Tagen die Äußerung getätigt, es gebe ein "systemisches Betrugsmodell einer Institution, der in unserem Wirtschaftssystem das Monopol zur Geldschöpfung über Kredite eingeräumt wird". Wir haben nachgefragt. Im Gespräch mit dem Wirtschafts- und Finanzexperten Prof. Dr. Franz Hörmann, Wien.

Es ist wohl noch nicht so richtig bis zur Politik durchgedrungen, aber die Bürger tolerieren Rettungsaktionen mit finanzakrobatischen Hebelwirkungen und Summen in Billionenhöhe nicht. Wie gefährlich schätzen Sie die derzeitigen Rettungsaktionen ein?

Was in der Politik momentan passiert ist bei weitem nicht so interessant, wie es in den Medien der Öffentlichkeit dargestellt wird. Alle diese Summen, die durch Zinseszins und Spekulation künstlich weiter erhöht werden, besitzen in Wahrheit keine wirtschaftliche Bedeutung mehr. Jeder nur halbwegs ökonomisch gebildete Mensch weiß, dass solche Beträge, einmal in realwirtschaftliche Kaufkraft umgesetzt, zu Hyperinflation in „biblischem Ausmaß“ führen würde, daher bleiben diese Geldbeträge auch das, was sie immer waren: bloße Zahlen auf Papier. Die Eigentümer jedoch, die auf den „Wert“ dieser Staatsanleihen und anderen Papiere Erwartungen hinsichtlich ihres persönlichen Wohlstands gründen, sollten sich langsam ernsthaft die Frage stellen, ob sie selbst an diese Spiele noch glauben. Es wäre für diese Menschen wesentlich erfüllender, ihr Glück im Sein anstatt im Haben zu finden, frei etwa nach Erich Fromm.

Was würden Sie den politischen Akteuren in der derzeitigen Situation der vermeintlichen Staatspleiten in Europa raten?

Ich würde ihnen empfehlen nicht von „Staatspleiten“ sondern von einer historischen Falschbuchung und einem damit verbundenen fehlerhaften Geldschöpfungsprozess zu sprechen. Eine „Pleite“ setzt doch, rational überlegt, zumindest ein funktionierendes Geldsystem voraus, in dem man überhaupt „pleitegehen“ kann! Geld, das jedoch durch eine historische Falschbuchung erzeugt wird, in diesem Sinne daher Falschgeld, kann daher weder einer Unternehmens-, noch einer Staats- oder auch einer Privatpleite zugrunde liegen. Alle diese absurden Prozesse und Streitereien müssen daher schleunigst ausgesetzt werden, so lange, bis wir, zumindest in Europa, günstigstenfalls auch weltweit, erstmals über so etwas wie ein „funktionierendes Geldsystem“ verfügen. Dieses darf natürlich nicht als verzinste Schuld vom Monopol privater, gewinnorientierter Unternehmen erzeugt werden. Wenn wir dann auch noch erkannt haben, dass die Grundfunktion des Geldes einfach darin besteht, die Verteilung von Gütern und Dienstleistungen in einer Gesellschaft zu regeln, dann können wir das, beim Stand der heutigen Technologie, auch viel effizienter bewerkstelligen, als durch die kreisförmige Weitergabe „virtueller Goldstücke“, also ein traditionelles Geldsystem. Diese Entwicklung muss aber von der aufgeklärten Bevölkerung ausgehen. Man kann heute sogar so weit gehen zu sagen: „Demokratie beginnt mit einem demokratischen Geldsystem!“

Nehmen wir an, die Vernunft regiert und es kommt früher oder später zu einem ganz neuen Geldsystem. Wie könnte dies idealerweise ausgestaltet sein und auf welche Weise kann ein solches System die Realwirtschaft wieder stärken?

Wenn Politiker, Banker, Juristen und die breite Bevölkerung ihre unbewusste Konditionierung auf den Individualtausch, d.h. die beinahe zeit- und wertgleiche Gegenleistung für jede empfangene Leistung, überwunden haben, dann kann man die Probleme der Realwirtschaft auch sehr grundlegend neu denken, wobei traditionelles Geld uns nicht mehr behindern wird. Jede Gesellschaft muss zwei grundlegende Probleme lösen: erstens die (möglichst ökologische, nachhaltige, effiziente) Produktion von Gütern und Dienstleistungen und zweitens deren (möglichst gerechte!) Verteilung. Unser historischer Fehler liegt nun darin, dass wir diese beiden Themenbereiche miteinander, über das Geldsystem, verkettet haben: Menschen verdienen in den Produktionsprozessen ein Einkommen und dieses bestimmt dann auch ihre Kaufkraft, d.h. es regelt auch den Mechanismus der Verteilung.

Damit also praktisch auch gleich den sozialen, monetären und beruflichen Status der Menschen?

Ja, aber auf Augenhöhe und nicht mehr in einem Machtegfüge. Alle Paradoxien, die wir in der Gesellschaft heute beobachten können (z.B. der scheinbare Widerspruch zwischen ökologischen, sozialen und ökonomischen Zielsetzungen), liegt im Kern in dieser unglücklichen Verkettung begründet. Wenn etwa ein Unternehmen keine Produkte mehr verkaufen kann, weil sie am Markt nicht mehr gefragt sind, dann verlieren die Mitarbeiter ihre Jobs und damit einen Großteil ihres Einkommens, womit sie aber auch als Nachfrager für andere Unternehmen ausfallen, auch diese in die Krise geraten und ein Konjunkturzyklus entsteht. Konjunkturzyklen sind daher nur Rückkoppelungseffekte, welche durch die Verkettung des Produktions- und des Verteilungsproblems entstehen. Wären Produktion und Verteilung streng voneinander getrennt, würden also nach ganz verschiedenen Regeln erfolgen, wären Konjunkturzyklen gar nicht mehr möglich. Es entspringt aber einem primitiven Gerechtigkeitsdenken der einfachen Bevölkerung, zu fordern, „wer nicht arbeitet soll auch nicht essen“ – auf diese archaische Sichtweise ist dieser Fehler zurückzuführen.

Das System bringt auch den Unternehmen Probleme?

Ja, denn ein zweites Problem ist die Konkurrenz zwischen den Unternehmen. Systemisch ist sie nur darauf zurückzuführen, dass die Banken in der Geldschöpfung eben kein Geld für Zinsen erzeugen, d.h. die Unternehmer der Realwirtschaft müssen ihren Geschäftspartnern (Kunden, Lieferanten, Mitarbeitern, Investoren etc.) immer Geld abknöpfen, das sie für die Bezahlung ihrer Bankzinsen verwenden können. Dieses entnehmen sie dem Geldkreislauf und damit wieder dem Kreditgeld ihrer Geschäftspartner. Durch diese künstliche Geldverknappung werden also alle Wirtschaftstreibenden zu Konkurrenten und unfähig zur Kooperation. Man weiß aber schon lange, dass Konkurrenz zu Doppel- und Mehrfachgleisigkeiten, mangelnder Qualität (wegen Preiskonkurrenz) sowie Ressourcenverschwendung durch Überproduktion führt. Besser wäre globale Kooperation durch transparente Echtzeit-Kommunikation, wobei genau jene Dinge in den Mengen und Qualitäten produziert werden, die von der Bevölkerung tatsächlich benötigt werden – also die Deckung des Bedarfs und nicht der Nachfrage, diese ist ja mit Kaufpreisen gewichtet. In diesem System wären daher personalisierte Güter- und Dienstleistungsgutscheine, die nicht getauscht sondern nur eingelöst werden können, eindeutig das bessere Geld! Geld führt, durch die Preismanipulation, nachweislich weltweit zur Verknappung der bepreisten Güter und darüber hinaus konnte und kann auch keine Zentralbank oder Regierung jemals die Kaufkraft des Geldes für die Bevölkerung stabil halten. Wenn also die möglichst sichere Versorgung der Gesamtbevölkerung mit Gütern und Dienstleistungen bei friedlicher Kooperation, ökologisch nachhaltiger Produktion und persönlicher Freiheit das Ziel unserer Gesellschaften sein soll, dann ist die Überwindung des konventionellen Geldsystems zunächst der wichtigste Schritt.

Source: Franz Hörmann zum Thema Geldsystem.

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One Response to Absurdes Geldsystem – Interview mit Prof. Dr. Franz Hörmann

  1. Schorsch Dreher-Pellhammer 18. März 2015 at 22:55

    ja, endlich.
    es ist schon lange an der Zeit, Denker wie Franz Hörmann zu Wort kommen zu lassen.
    Im Hinblick auf „Blockupy“ ein durchaus gelungenes Interview.
    Intelligente Fragen ergeben intelligente Antworten.

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