Ursula Pidun / 1. März 2015 /


Ex-„Stern“-Reporter Gerd Heidemann: Kriege werden am Schreibtisch geplant (2/4)

In Teil II unseres mehrteiligen Interviews spricht der Journalist und Ex-"Stern"-Reporter Gerd Heidemann über den ewigen Kreislauf der Gewalt und erklärt, warum er glaubt, dass Antikriegsgeschichten und Antikriegsfilme eigentlich Pro-Kriegsgeschichten sind.

Gerd Heidemann begann in den 1950er Jahren als freier Fotoreporter und war von August 1955 bis Mai 1983 Reporter des Magazins „Stern“. Dort machte er sich nicht nur als erstklassiger Recherchespezialist zu unzähligen brisanten Reportagen einen Namen, sondern auch als Kriegsberichterstatter. Unter oft schwierigsten Bedingungen berichtete er von insgesamt 13 Kriegsschauplätzen, unter anderem aus Biafra, Angola, Cabinda, Mozambique und Guinea-Bissao. In Teil II unseres vierteiligen Interviews spricht Gerd Heidemann über den ewigen Kreislauf der Gewalt und erklärt, warum er glaubt, dass Antikriegsgeschichten und Antikriegsfilme eigentlich Pro-Kriegsgeschichten sind.

Stichwort Kriegsschauplätze. Einen weiteren Arbeitseinsatz gab es für Sie im Biafra-Krieg?

Foto: Gerd Heidemann

Foto: Gerd Heidemann

Ja, dort war ich auf der Seite der nigerianischen Armee, bevor ich einen Monat später, im August 1968 in die Tschechoslowakei musste, um dort den Einmarsch der sowjetischen Armee zu recherchieren. Und so ging es Schlag auf Schlag weiter. Es folgte der sogenannte „Schwarze September“ in Jordaniens Hauptstadt Amman. Von den palästinensischen Terroristen waren drei Flugzeuge entführt worden. Nachdem man diese in der Wüste gesprengt hatte, griff die jordanische Armee die Palästinenser im Land an.

Es kam in der Hauptstadt zu einer blutigen Auseinandersetzung. Ich konnte meinen Freund und Kollegen Randolph Braumann aus dem Gebiet der Palästinenser retten, indem ich einen Waffenstillstand zwischen den kämpfenden Parteien herbeiführte. Mein Kollege flog mit dem Fotomaterial nach Hamburg zurück, und ich blieb noch einige Tage in Amman, weil ich jeden Tag die Fronten wechseln durfte und die Soldaten solange das Feuer einstellten.

 

Alle Fotorechte: Gerd Heidemann; Animation: U. Pidun/SPREEZ.

 

Gerd Heidemann 1970 mit Hans-Jürgen Wischnewski im Hiof der Deutschen <br /> Botschaft in Amman/JordanienBis hierhin kamen Sie ohne nennenswerte Blessuren davon? 

Wie schon im Kongo, wo eine Kugel in der Kniekehle durch meine Hose geflogen und zwei Löcher hinterlassen hatte, ohne mich zu verletzen, hatte ich auch hier wieder Glück. Ein Schuss riss nur meine Hose auf, die ich mir vor der Reise gekauft hatte und hinterließ eine Brandspur an meinem Bein. Als ich dies dem „Stern“ nach meiner Rückkehr mitteilte, weil ich hoffte, die Kosten ersetzt zu bekommen, teilte man mir nur kurz mit: „Für Versicherungsschäden dieser Art kommt die Versicherung nicht auf.“

Bald hatten sie auch andere Sorgen, als einen Versicherungsschaden für eine Hose geltend zu machen. Viel Krieg und wenig Frieden? 

Das kann man so sagen, denn es folgten die Kolonialkriege in Angola, Mozambik, Cabinda und Guinea-Bissao. Zwischendurch musste ich den Aldi-Entführer nach Mexiko verfolgen, durfte von dort nach Peru fliegen, um das deutsche Mädchen Juliane Koepcke im Urwald von Peru zu suchen.

Juliane Koepcke im Urwald von Peru (1972) <br /> Juliane war an Heiligabend aus einem explodierenden Flugzeug in den Urwald gefallen. Sie hatte sich einige Tage schwimmend durch den Urwald fortbewegt. Dann wurde sie durch Holzfäller vor dem Verhungern gerettet in einer Linguisten-Station der Amerikaner, die Indio-Dialekte erforschte, gesund gepflegt. Dort musste ich die Konkurrenz der gesamten Weltpresse überwinden, um die Geschichte exklusiv zu bekommen. Schon bald darauf wurde ich zu Saddam Hussein geschickt, weil ich dort mit meinem Kollegen Randolph Braumann über den Kurdenkrieg berichten sollte.

Dachten sie nie daran, damit aufzuhören, sich dermaßen in Gefahr zu begeben?

Doch, denn als ich ein Dutzend Kriege voll hatte, musste ich auch meiner damaligen Frau versprechen, nie wieder in den Krieg zu ziehen. Das versprach ich hoch und heilig. Doch Ostern 1979 rief mich der stellvertretende Chefredakteur Viktor Schuller an und teilte mir mit, dass zwei Kollegen in Uganda vermisst seien und ich mit meiner Erfahrung dem Team, das jetzt nach Kenia geschickt würde, mit Rat und Tat helfen solle, das Schicksal dieser beiden Kollegen zu klären. Das konnte ich natürlich nicht ablehnen. Als ich in Kenia angekommen war, charterte ich ein Kleinflugzeug und ließ mich mit einem Kollegen nach Entebbe in Uganda fliegen. Bald darauf traf das ganze „Stern“-Team in Kampala ein und, wir fanden nach einiger Zeit die Leichen der beiden anderen Kollegen, die von ugandischen Polizisten ermordet worden waren und überführten die sterblichen Überreste nach Deutschland.

Gerd Heidemann Ostern 1979 vor einem zerstörten ugandischen Panzer. <br /></p><br /><br /><br /> <p><br /> Und was ist dran an der Geschichte mit dem seltsamen Souvenir, das Sie aus Uganda mitbrachten? 

Die Geschichte ist in der Tat wahr. Während des Aufenthaltes in Uganda, leerte ich den Schreibtisch von Idi Amin mit den Geheimdokumenten aus und nahm nebenbei auch seine Unterhose aus dem Schlafzimmerschrank als Souvenir mit, da sie die imponierende Größe von wahrscheinlich XXXXL hatte. Diese tauschte ich später gegen Dokumente in einem deutschen Auktionshaus ein. Dort ersteigerte sie der bekannte Schauspieler Jan Fedder und gliederte sie in seine Kuriositäten-Sammlung ein.

Kriege sind die hilflosesten und unintelligentesten aller Versuche, zu einer wie auch immer gearteten Entscheidung zu gelangen. Haben Sie während Ihrer Einsätze über Sinn und Unsinn dieser gewalttätigen Auseinandersetzungen nachgedacht? 

Wenn Sie in Ihrer Frage behaupten, dass Kriege immer die hilflosesten und unintelligentesten aller Versuche sind, eine bestimmte Entscheidung herbeizuführen, muss man sich die Geschichte der Menschheit ansehen. Seit es Menschen gibt, hat es unter ihnen Zank, Streit, Verbrechen und kriegerische Auseinandersetzungen gegeben. Fast keine Nation und das von ihr besiedelte Land ist ohne vorherige Kriege, Massaker und Abschlachten Tausender von Menschen entstanden. Natürlich ist jeder Krieg ein Verbrechen in großen Dimensionen, aber offensichtlich scheint der Mensch von der Natur oder von Gott darauf programmiert zu sein. Und so optimistisch und blauäugig bin ich nicht, dass ich glaube, dass sich daran etwas in der Zukunft ändern wird. Auch grüne Politiker sind der Meinung, dass militärische Gewalt eine Option bleiben muss, wenn jedes andere Mittel einer friedlichen Lösung versagt. Das bewies auch der frühere Außenminister Fischer, als er seine Zustimmung zur Intervention deutscher Truppen im Kosovo gab. War das etwa ein unintelligenter Versuch? In diese Kategorie würde ich aber den von Präsident Bush angeordneten Angriff auf den Irak einordnen.

Kongo 1964 Immerhin – doch erklärt es tatsächlich den ungebrochenen Kreislauf der Gewalt bis heute?

Zuerst kämpfte seit Bestehen der Menschheit Mann gegen Mann, dann Gruppe gegen Gruppe, danach Stamm gegen Stamm, schließlich Volk gegen Volk und endlich Völker gegen Völker. Das führte letztendlich zu den beiden großen Weltkriegen. Und dem furchtbaren Zweiten Weltkrieg verdankt nun die Bundesrepublik ihr Entstehen, denn sonst würden wir noch im Großdeutschen Reich leben. So könnte man auch denen Recht geben, die behaupteten, der Krieg sei der Vater aller Dinge. Mir scheint, er ist eher der Stiefvater, dem das Schicksal der Menschen gleichgültig ist. Es gibt auch den Spruch: „Das Paradies ist unter dem Schatten der Schwerter“, womit gemeint ist, dass man potentielle Angreifer durch entsprechende Aufrüstung abschreckt.

Dank des Gleichgewichts der Waffen und der Gefahr der gegenseitigen endgültigen Vernichtung durch die furchtbarste aller Waffen, die Atombombe, ist es nach dem Zweiten Weltkrieg zu einem Patt der zerstrittenen Weltmächte gekommen. Man hat sich einander angenähert und wird sich hoffentlich nie wieder bekriegen und vielleicht sogar zu einer atomaren Abrüstung kommen. Aber auch hier besteht wieder die Gefahr, dass jemand wie der nordkoreanische Diktator querschießt und sich vernünftigen Gesprächen und Abkommen verweigert.

Außerdem geht es wieder rückwärts: Einzelne religiöse Fanatiker kämpfen gegen den Rest der Welt, es gibt zunehmend wieder mehr Stammeskämpfe in Afrika, dazu kommen religiöse Auseinandersetzungen in Indien, Pakistan, Irak und Afghanistan und eventuell auch wieder in Europa. Das alles mag ziemlich unintelligent sein, aber viele Kleinkriege, wie beispielsweise der Söldnerkrieg im Kongo, den ich als ersten meiner 13 Kriege miterleben durfte, wurde von intelligenten Menschen am Schreibtisch einer großen Minengesellschaft in Brüssel geplant und führte sogar zu einem gewissen Erfolg für diesen Konzern.

 

Alle Fotorechte: Gerd Heidemann; Animation: U. Pidun/SPREEZ.

 

Dann geht es vor Ort einfach um den Job, der so gut wie möglich gemacht werden muss und man versucht, auszublenden?

Gerd Heidemann 1970 im Urwald von Cabinda (1970Das ist komplex. Man blendet nicht aus und blendet in gewisser Weise doch aus. Als wir beispielsweise im September 1964 von Henri Nannen den Auftrag bekamen, über diesen Söldnerkrieg zu berichten, schleppte ich neben meiner umfangreichen Fotoausrüstung auch mein damals sehr großes Tonbandgerät mit in den Urwald. Ich wollte von den Söldnern wissen, warum sie sich freiwillig in ein solches blutiges Abenteuer eingelassen hatten und warum mancher von ihnen dabei zum Mörder wurde. Es ging mir also nicht nur um Fotoaufnahmen, ich wollte die Hintergründe dieses Krieges und die Motive der Beteiligten erforschen. Ich musste erleben, wie nach wenigen Tagen im Urwald die dünne Zivilisationsschicht von diesen jungen Männern abfiel und sie keine Hemmungen mehr hatten, andere Menschen zu töten.

Auch nach Veröffentlichung unserer kritischen Reportage wurde ich um eine Erfahrung reicher. Denn jede Antikriegsgeschichte, jeder Antikriegsfilm, ist eigentlich eine Pro-Kriegsgeschichte. Wir hatten im „Stern“ die Taten dieser Söldner und den Krieg angeprangert, aber das Ergebnis war, dass wir viele Zuschriften junger Männer bekamen, die anfragten, wo und wie sie sich zum Söldnerdienst melden könnten.

Es zog Sie – trotz aller Gefahren – immer wieder zurück zu den Kriegsschauplätzen?
Seit damals zog es mich immer wieder in Kriegsgebiete. Wie schon anfangs erwähnt, erlebte ich den Sechs-Tage-Krieg Israels auf jordanischer Seite, machte in Biafra auf Regierungsseite den Krieg mit, war mit den verschiedensten portugiesischen Militäreinheiten in Angola, Cabinda, Mozambique und Guinea-Bissao unterwegs und durfte mit Genehmigung Saddam Husseins über den Kurdenkrieg im Irak berichten. Und als letzten und 13. Krieg, half ich mit, meine erschossenen Kollegen in Uganda zu suchen und ihre Leichen nach Deutschland zu überführen. Was mich dann allerdings sehr enttäuschte, war die Abwesenheit Henri Nannens bei der Beerdigung dieser Kollegen. Darum habe ich immer wieder Kollegen abgeraten, sich freiwillig für den „Stern“ in solche Lebensgefahr zu begeben.

Lesen Sie in Teil III: NS-Recherchen führten zu Konsequenzen

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Das Gespräch führte Ursula Pidun
Alle Fotorechte: Gerd Heidemann;
Fotobearbeitung und Flashanimationen up/SPREEZEITUNG.de