Ursula Pidun / 29. Juni 2013 / 2 Kommentare


Turbo-Jugend: Der gelackte Lebenslauf

Nach Höherem zu streben zählt zweifelsfrei zu jenen Tugenden, die das gesellschaftliche Ansehen steigern und monetären Wohlstand versprechen. Wer jetzt jung ist, hat keine andere Wahl. Jugend wird getrieben. G8, Bachelor mit Bestnote, nur wirklich überzeugend mit aufgesetztem Master, summa cum laude selbstredend. Turbo lautet die Devise, selbst Wein darf länger reifen.

Einen Doktortitel und unzählige Bewerbungsschreiben weiter, (Achtung: nicht älter als 25 Jahre sein!), wird auch der gelackte Lebenslauf verschickt. 1 a nicht nur die Noten, auch die Formatierung bringt Sonderpunkte ein. Titel, Länge, Schriftgröße, Zeilenabstand, Textmenge, Ränder, Block- oder Flattersatz, das Papier nicht stärker als 120 g/m² – all dies umrahmt die amtlich beglaubigten Glanz-Turbo-Leistungen würdevoll.

Wer es damit schafft, im Assessmentcenter zu landen, hat erst die halbe Miete. Jetzt geht`s ans Eingemachte. Kompetenz-Test, Stress-Test, Wissens-Test, Reaktions-Test, Psycho-Test…! Jede Menge Fangfragen weiter ist es endlich geschafft: Der Proband darf (zum Beispiel) eine Arbeitsprobe einreichen, ein längeres, selbstverständlich unbezahltes Praktikum ableisten oder – man glaubt es kaum – zum zweiten Vorstellungsgespräch. Andere ergattern ein Traineeship oder nennen nach den Strapazen ein Volontariat ihr eigen. Ist das alles noch normal? Normal nicht, aber „en vogue“ in deutschen Unternehmensstuben. Es soll das Problem der Fehlbesetzung verhindern und Kosten sparen. Erkennt es auch das wahre Genie? Durchs Rost fallen unzählige Hoffnungsträger.

Der Proband hingegen fühlt sich an diesem Punkt nur wenig genial. Den Job endlich mühsam ergattert, scheint er sichtlich gealtert, kaum gereift. Die Jugend vorbei und die Hoffnungen getrübt. Intrigante Kollegen und ein welker Gummibaum bestimmen womöglich das sich stetig wiederholende „eight-to five“-Dasein. Hat sich das Streben nach Höherem gelohnt oder ist das Glück auf der Strecke geblieben? Albert Einstein äußert einmal:

„Die banalen Ziele menschlichen Strebens: Besitz, äußerer Erfolg, Luxus, erschienen mir seit meinen jungen Jahren verächtlich“.

Ein Asessmentcenter hat er nie von innen gesehen, sein Lebenslauf war nicht gelackt. Genial hingegen – das war er stets sein Leben lang.

Foto: styleuneed / Clipdealer.de



2 Kommentare zu "Turbo-Jugend: Der gelackte Lebenslauf"

  1. Gereon 29. Juni 2013 at 08:58

    …. geniale und gute kommen da nicht durch.
    Da kommen nur die Trickser und Blender durch, das Ergebnis ist entsprechend. Gönnen wir es den Protagonisten….

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  2. Rudi S. 29. Juni 2013 at 09:51

    Wenn sich diese Generation das alles gefalllen lässt. Ich glaube nicht daran, dass solche Lebensläufe plus unzählige Test ein Garant dafür sind dass der Posten ideal besetzt wird. Mir als Inhaber eines Betriebs sind Mittelklasse-Absolventen mit Herz und Verstand sowieso lieber, als Automaten mit Maximalzensuren aber mangelndem Idealismus. Dieses ganze Einstellungstheater war sicher der Flut der Bewerber zu verdanken. das lässt in Zukunft dank demografischer Kurve nach und dann tritt ganz automatisch wieder Normalität ein.

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