Ursula Pidun / 5. Juli 2013 / 1 Kommentar


politplag: „Mir hat es buchstäblich die Sprache verschlagen“

Bekannte Politiker wie etwa Karl-Theodor zu Guttenberg und Annette Schavan haben es bereits hinter sich, andere werden folgen: Dissertationen, die als Plagiate enttarnt werden, führen zu erheblichen Konsequenzen. Im Prinzip muss jeder Politiker, der in der Vergangenheit einen Doktortitel erworben hat, auch künftig mit politplag rechnen. Wir haben nachgefragt.

So wie es derzeit aussieht, werden Martin Heidingsfelder und sein Team so schnell nicht arbeitslos. Aktuell gibt es erneut mehrere Plagiatsfälle zu beklagen. Wir haben nachgefragt. Im Gespräch mit Martin Heidingsfelder. Der Gründer von VroniPlag Wiki und Betreiber von politplag kandidiert im Herbst für den Bayerischen Landtag und den Deutschen Bundestag.

Herr Heidingsfelder, Sie betreiben das Portal politplag. Was genau steckt dahinter und welche Ziele verfolgen Sie mit Ihren Mitarbeitern?

Martin Heidingsfelder

Martin Heidingsfelder (Foto: Dirk Messberger)

Wir erlebten in der laufenden Legislaturperiode, dass mit Hilfe von engagierten Bürgern, den Medien, Plagiatssuchern und Plagiatsdokumentaren Minister ihre Posten verloren haben und etliche Plagiatoren ihre Doktortitel zurückgegeben haben. Auf einer von mir 2011 gegründeten Dokumentationsplattform wurden mehrere delikate Fälle, wie der des ehemaligen sächsischen Kultusministers Wöller und der Ex-Bundesministerin Annette Schavan, nicht dokumentiert.

Dem Plagiat von FDP Bürgermeister Jürgen Goldschmidt wurde bei VroniPlag Wiki nur unbeherzt nachgesetzt. Somit war es in meinen Augen eine Notwenigkeit, das Bewusstsein auf Schaufensterdissertationen und Plagiate bei Politikern im Rahmen von www.politplag.de zu legen.

Die zurückliegenden Plagiatsfälle haben einen ziemlichen Wirbel verursacht. Wurden Sie und Ihre Mitarbeiter hinsichtlich Ihrer Aufklärungsarbeit schon einmal angegriffen?

Na, es gab schon mal Drohbriefe. Einer, der allerdings nicht bei mir, sondern bei einer Parteizentrale einging, führte auch zu einer Strafanzeige und Ermittlungen. Persönlich lasse ich bedrohliche Mails meist links liegen. Wenn mich Vorwürfe von einem ersichtlichen Absender erreichen, antworte ich, sofern ich Zeit habe. Häufiger sind allerdings Beleidigungen, aber das „juckt“ mich nicht. Ein handgeschriebener, persönlicher Brief mit Lob eines anständigen Professors wiegt hunderte nicht so schöner Mails auf.

Die Einsicht, einen großen Fehler gemacht zu haben, ist bei Betroffenen nicht durchgängig erkennbar. Zählen Plagiate zur Abteilung Kavaliersdelikte?

Aus Sicht der Wissenschaft ist das absolut kein Kavaliersdelikt. Zu Recht werden Plagiatoren aus dem Wissenschaftsbetrieb entfernt. Die Urheberrechtsverletzungen, der strafbare Teil, ist meist unerheblich und wird fast immer gegen Geldauflage eingestellt.
Aus Sicht der Politik wird leider versucht, Plagiate als Kavaliersdelikt hinzustellen. Legendär war die Äußerung unserer Kanzlerin: „Ich habe keinen wissenschaftlichen Assistenten […] berufen…“

So, wie es aussieht, werden Sie und Ihr Team nicht arbeitslos. Gibt es aktuell einen Fall, der über Hinweise hinaus bereits definitiv als Plagiat eingeordnet werden kann?

Tatsächlich haben wir in den letzten Wochen wieder einen Höhepunkt der Plagiatssuche erlebt und kommen mit der Arbeit kaum mehr nach. Plagiatsprüfungen sind sehr zeitaufwendig, wenn man sie seriös machen will, wie dies bei uns der Fall ist.“ Somit gibt es im Nachgang der Schavan-Affäre etliche Plagiatsfälle.

Aufgrund der Hitze waren wir bei VroniPlag® letzte Woche weniger in Bibliotheken, hatten etwas Zeit und haben fünf Plagiatsanzeigen geschrieben. Zwei davon betrafen Plagiate aus dem Umfeld der Union. Diese zwei Plagiatoren sind weder aktuelle Bundestags- noch Landtagskandidaten, eher „kleine Fische“. Bei politplag wurde vor einiger Zeit ein Selbstplagiat in der Dissertation eines Bundestagsabgeordneten entdeckt. Wir haben zwar noch keine Antwort von der Universität, gehen aber davon aus, dass die Voruntersuchung schon begonnen hat.

Auf Anregung der Bundesministerin Wanka will die Hochschulrektorenkonferenz nun die Verjährung von Plagiaten in Betracht ziehen. Wie denken Sie darüber?

Das Feedback, welches ich von Wissenschaftlern zum Thema Verjährung erhalte, zeigt eher Empörung über diesen Vorschlag. Deutschland wäre international ein Vorreiter, der sich in der Wissenschaft lächerlich macht. Ihnen, Frau Pidun, als Journalistin, habe ich unter dem Mantel der Verschwiegenheit einen spektakulären Plagiatsfund mit Plagiatsanzeige und Gerichtsunterlagen einer Dissertation aus dem Jahr 1994 übermittelt. Der Herr Doktor wurde 1991 wegen fortgesetztem Titelmissbrauchs verurteilt, am 30. Juni 1994 erneut. Im selben Jahr hat er eine „vermeintlich ordentliche Dissertation“ veröffentlicht. Aufgrund der Vorgeschichte wurde ihm später der Doktortitel wieder aberkannt. Durch die Instanzen hat er am Verwaltungsgericht, aus welchen Gründen auch immer, Recht bekommen und führt den Doktortitel nun seit knapp 20 Jahren.

Als ich seine Dissertation ohne diese Vorkenntnisse in die Hand nahm und auf Anhieb vier Plagiate auf vier Seiten entdeckte, hat es mir buchstäblich die Sprache verschlagen. Dieser Mann hatte ganze Absätze aus einem Buch wortwörtlich ohne Anführungszeichen „abgekupfert“.

Was ging Ihnen angesichts einer derart haarsträubenden Diagnose durch den Kopf?

Nicht nur mir stellt sich bei solchen Erkenntnissen die Frage: Sollte dieser Wissenschaftsbetrüger und Wiederholungstäter nun lebenslang Doktor sein? Mit einer illegalen Doktorwürde würde dieser Mann bei einer Verjährung fortdauernd einen Vorteil durch seine planmäßigen Untaten erlangen. Er würde sich eine höhere Reputation, höheres Vertrauen in seine Leistungen und bezüglich seiner Seriosität verschaffen. Er würde fortwährend gesellschaftliche und materielle Vorteile erlangen. Wenn der Doktortitel ein Gewohnheitsrecht sein soll, verliert er an Wert. Das kann nicht im Interesse der anständigen Doktoren sein.

In welchem Maße wurde Ihrer Erhebung nach plagiiert und wie stufen Sie einzelne Fälle im Vergleich zu anderen Plagiaten ein, bevor Sie diese anzeigen?

Grundsätzlich versuchen wir, uns bei Plagiatsanzeigen auf zwei DIN A 4 Seiten zu beschränken, wenn wir uns sicher sind, dass weitere erhebliche Plagiate in der Dissertation vorliegen. Die fünf Anzeigen der letzten Woche erfüllten das alle locker. Wenn Sie allerdings eine Dissertation mit nur 10-12 Seiten vorliegen haben, dann reicht in unseren Augen schon wenig aus für unsere Empfehlung, die Arbeit von Universitätsseite zu untersuchen sowie anschließend den Titel zu entziehen. In der Regel beschäftigen wir uns zwei Tage mit einer Dissertation. Reichen die Funde bis dahin für eine Anzeige nicht aus, empfehlen wir unseren Geschäftspartnern die Untersuchung abzubrechen. Natürlich rutscht dabei bestimmt auch mal ein Plagiator durch unser feinmaschiges Netz.

Nehmen Sie Kontakt mit Betroffenen auf, wenn Sie eindeutig Plagiate verifiziert haben, falls ja, wie sind die Reaktionen?

Gelegentlich nehme ich Kontakt zu Personen auf, bei denen die Herkunft des Doktortitels unklar ist. In einem Fall, an den ich mich gut erinnere, hat mich der doktortitelführende Unternehmensberater angeschwindelt. Weitere Recherchen haben ergeben, dass er sich den Titel vor Jahrzehnten in der Schweiz gekauft hatte. Heute hat er alle Hinweise auf seinen Doktortitel im Internet und auf Geschäftspapieren entfernt. Er hat in den Vereinen und Verbänden, in denen er aktiv war, einige schwere Canossagänge hinter sich gebracht und seinen Fehler dort eingestanden.

Die Kopie seines korrigierten Ausweises hat er mir zwar noch nicht geschickt, aber zu sehr will ich die Menschen auch nicht belästigen. Zudem ist es wahrscheinlich gefährlich, den Doktortitel bei den Behörden verschwinden zu lassen, da diese solche Verstöße den Ermittlungsbehörden weitermelden müssen.

An meiner Alma Mater habe ich fehlende Anführungszeichen in der Arbeit einer Juristin todesmutig dem Doktorvater persönlich vorgelegt. Er hat die Dame verteidigt, was ich erst einmal honorig finde. Dann hat er mich ins Schwitzen gebracht. „Sind Sie Jurist?“ Somit könne ich das gar nicht beurteilen. Allerdings waren seine Argumente nicht schlüssig. Wir haben vereinbart, unser Gespräch im Juli fortzusetzen.

Was geschieht denn nach einer Plagiats-Diagnose? Benachrichtigen Sie zunächst die zuständige Universität und stellen später Strafanzeige? Und wann gehen Sie an die Öffentlichkeit?

Das unterscheidet sich von Fall zu Fall. Strafanzeigen stelle ich nur bei extremen Fällen des Titelmissbrauchs, also eher bei gekauften Titeln. Bei Plagiaten versuchen wir zunächst immer den freundlich-kooperativen Weg mit den Universitäten. Außerdem bin ich nach mittlerweile mehr als zwei Jahren Plagiatssuche etwas geläutert. 2011 war ich der Überzeugung, man müsse jeden noch so kleinen Fall öffentlich machen. Zu dieser Zeit lag mir der Aufbau und das Wachstum von VroniPlag Wiki am Herzen. Im Sommer desselben Jahres bekam ich aber die ersten Zweifel. Insbesondere tat mir die Stoiber Tochter Veronica Saß etwas leid, da diese durch meine Wiki-Namensgebung „Vroni“ und den großen Erfolg des Wikis nun auf alle Zeiten als Plagiatorin in den Enzyklopädien dieser Welt und bei Wikipedia stehen wird. So empfehle ich meinen Kunden immer Zurückhaltung, Fälle zu veröffentlichen. Bei Personen, die nicht im öffentlichen Leben und auf den roten Teppichen zu sehen sind, meine ich, sollte man umsichtig Maß halten.

Sind derzeit weitere Fälle von Prominenten in Arbeit, die möglicherweise erneut die Nation erschüttern?

Meinen prominentesten Fund habe ich bereits Anfang 2012 gemacht, aber die Krux an meinem Unternehmerdasein ist, dass ich einerseits den akademischen Gepflogenheiten anderseits durch Vereinbarung mit dem Auftraggeber zur Verschwiegenheit verpflichtet bin. Ich bin mir sicher, dass es weitere große Plagiatsfälle gibt und noch einiges Überraschendes ans Tageslicht kommen wird.

Wünschen Sie sich für Arbeit künftig noch mehr Unterstützung und in welcher Form könnte das geschehen?

Wenn ich mir etwas wünschen dürfte: dass die nächste Bundesregierung jemanden findet, der das Problem wirklich beherzt und nachhaltig angeht. Annette Schavan war vermutlich befangen. Nach monatelanger Untätigkeit in Sachen Plagiaten wurde ihr eigener Sündenfall publik. Wissenschaftler ließen sich instrumentalisieren und bagatellisierten in ihrem Fall die Sachlage. Da war ich richtig geschockt, welche Kräfte an einem klaren Regelwerk Hand anlegten, um Frau Schavan den „Allerwertesten“ zu retten. Da die Nachfolgerin Johanna Wanka mit Verjährung und anderen Vorschlägen ebenfalls die Zügel schleifen lassen will, haben wir es offensichtlich mit einer weiteren Fehlbesetzung in diesem ominösen Wechselkabinett Merkel II zu tun.

Planen Sie auch in der weiteren Zukunft ihr Berufsleben in den Dienst der Plagiatssuche zu stellen?

Die Arbeit, welche ich jetzt als Freiberufler ausübe, gehört irgendwann zurück an die Universität, damit das Sinnvolle, das wir tun, die formelle Anerkennung erhält, die spezialisierte Plagiatssucher verdient haben. Wir haben einen jahrzehntelangen Missstand aufgedeckt und in die Öffentlichkeit getragen. Die Qualität der Dissertationen ist durch aufgedeckte und veröffentlichte Plagiatsfälle gestiegen und die Anzahl der neuen Plagiate sicher rückläufig. Eigentlich warte ich schon seit ein paar Monaten darauf, dass eine Universität oder Landesregierung den Mut hat, eine entsprechende Stelle auszuschreiben und als Pilotprojekt zu starten.

Das Interview führte Ursula Pidun

Foto: Dirk Messberger
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Ein Kommentar zu "politplag: „Mir hat es buchstäblich die Sprache verschlagen“"

  1. Rudi S. 25. Juni 2013 at 11:47

    sovlel dann zu Schichten, also Ober- Unter- und Mittelschicht. Wo ordnen sich dann diese Herrschaften ein?

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