Ursula Pidun / 29. Februar 2012 / Keine Kommentare


Matijevic-Publikation: Michael Martens (FAZ) will nicht mit der Hölle leben (1)

Der FAZ-Redakteur Michael Martens veröffentlichte 2011 einige Beiträge zu einer seltsamen Publikation einer ehemaligen Bundeswehrsoldatin. Die Autorin hatte ein Buch über ihren Auslandseinsatz mit dem griffigen Titel "Mit der Hölle hätte ich leben können" geschrieben und kündigt schaurige Szenarien an, "die die Grenzen unserer Vorstellungskraft sprengen".

Foto: M. Martens

Foto: M. Martens

Der FAZ-Redakteur Michael Martens veröffentlichte Ende Februar 2011 einige Beiträge zu einer seltsamen Publikation einer ehemaligen Bundeswehrsoldatin. Die Autorin hatte ein Buch über ihren Auslandseinsatz geschrieben. Das Buch mit dem griffigen Titel „Mit der Hölle hätte ich leben können“ kündigt im Klappentext schaurige Szenarien an, „die die Grenzen unserer Vorstellungskraft sprengen“.

Martens kommt in seinen Veröffentlichungen „Der grausige Krieg der Daniele M.“ und „Bundeswehrsoldaten mussten keine Hunde essen“ sowie „Kameradin M. und ihre Truppe“ allerdings zu dem Schluss, dass hinsichtlich der Erzählungen der Autorin Daniela Matijevic wohl nicht alles mit rechten Dingen zugeht. Behauptungen, deutsche Soldaten hätten „dem Mord an Kindern zugesehen und aus Hunger Hundefleisch gegessen“, sieht er ebenso skeptisch, wie Beschreibungen über Kriegsszenarien, bei der die Autorin „Dinge erlebt hat, die keiner von uns erlebt hat“. „Wir haben die Hölle erlebt, wir standen knietief in Leichen“, erzählt sie beispielsweise. Das ist als absolut heikel zu bezeichnen, denn „seit 1995 bis heute ist bei den Einsätzen auf dem Balkan, in Bosnien und im Kosovo, kein einziger deutscher Soldat bei einer Gefechtshandlung ums Leben gekommen“, schreibt Martens. Dennoch wurde die Autorin zum Liebling der Medien und geisterte mit ihren furchtbaren Erinnerungen inklusive eines posttraumatischen Belastungssyndroms (PTBS) in Form einer Buchvorstellung durch etliche Gazetten, Radiosender und Talk-Shows.

Aufgeschreckt durch soviel Ungereimtheiten und medial inszenierten Nonsens haben wir nachgefragt. Immerhin geht es auch um die Sichtweise auf die Bundeswehr, rassistische Aspekte und die Rolle der Medien und deren Sorgfaltspflicht hinsichtlich ausreichender Vorabrecherchen. Im Gespräch mit Michael Martens. Der FAZ-Redakteur befasste sich unter anderem mit der Berichterstattung aus Afghanistan während des amerikanischen Krieges gegen die Taliban. Im Sommer 2002 wechselte er nach Belgrad und war dort sieben Jahre lang als Korrespondent zuständig für die Nachkriegsberichterstattung vom Balkan. Im Sommer 2009 wechselte Martens nach Istanbul. Seitdem berichtet er aus der Türkei und behält auch Rumelien im Fokus.

Michael Martens, sind mögliche Märchen der Autorin Daniela Matijevic eventuell allzu eilfertig von den Medien übernommen worden? Immerhin tingelte die Autorin durch unzählige Talk-Shows, Zeitungen und Magazine. Auch Radiosender haben sich der Sache angenommen. Da lässt sich eine eingehende Vorabrecherche durchaus erwarten?

Sollte man meinen, aber es ist wohl naiv, so zu denken. In der Tiefebene deutscher Talkshows und des wutbürgerlichen Lifestyle-Journalismus wird nicht gern recherchiert, wenn die Tendenz stimmt. Lieber übernimmt man vorgefertigte Gedankenhäppchen und Gefühlsbrocken. Das Heyne-Buch ist ein Beispiel dafür. Es ist ja nicht so, dass man die Welt umstülpen müsste, um auf all die Fehler und Ungereimtheiten zu stoßen, die es enthält. Eine Stunde Beschäftigung mit dem Thema hätte für den Anfang genügt. Aber selbst dazu blieb offenbar keine Zeit. Kein Wunder, denn diese Quasselshows werden in so hoher Stückzahl produziert, dass gerade genug Zeit bleibt, die nächste Sau heranzuholen, nachdem die vorige durchs Dorf getrieben wurde.

Gerade bei einer solchen Geschichte, die sowohl die Bundeswehr in ein äußerst merkwürdiges Licht stellt als auch tendenziell rassistische Züge offenbart, muss akribische Recherche sein. Wenn Verlagen das zu teuer ist, wie sieht es mit den öffentlich-rechtlichen Sendern aus? Sie verfügen über immense finanzielle Ressourcen, da ist es kaum allzu naiv, erstklassige Arbeit zu erwarten?

Ich lebe seit vielen Jahren im Ausland und empfange keine deutschen Sender, kann mir also kaum ein Urteil erlauben. Dass es erstklassige Journalisten sowie erstklassigen Journalismus bei den öffentlich-rechtlichen Sendern gibt, bezweifle ich nicht. Meine Stichproben bei der Recherche zum Fall des Heyne-Buches haben aber gezeigt, dass es auch unheimlich viel wohlfeilen, pseudokritischen Mülljournalismus gibt. Er ist kritisch im Gebaren, nicht in der Substanz. Dieser Journalismus gibt sich unerschrocken, obwohl der Gegner, gegen den er anzurennen vorgibt, keineswegs erschreckend ist. Ich musste bei solchen Fällen von Journalismus oft an eine Notiz von Ernst Jünger aus dem letzten Band seiner Tagebücher denken. „Heute gilt es für löblich, gegen den Strom zu schwimmen, aber das sind nur Pissrinnen.“ Der Mann stand im 101. Lebensjahr, als er das schrieb, er dürfte reichlich Erfahrung damit gemacht haben.

Auf ein solche „Pissrinne“ sind Sie nun gestoßen?

Die Autorin des Heyne-Buchs wurde immer wieder als mutige Frau dargestellt, die unbequeme Wahrheiten ausspricht. Was nun aber unbequem sein soll an ihren Feststellungen, wurde nie klar. Es ist doch längst unbestritten, dass Deutschland in Afghanistan im Krieg steht und sich um seine Kriegsheimkehrer kümmern muss. Nur hat das alles mit dem Balkan nichts zu tun. Verstörend am Fall Heyne ist nicht das Buch selbst, sondern das Versagen des Verlages und der Medien im Umgang damit.

Dann aber eben auch das Versagen der Öffentlich-Rechtlichen? Diese haben ja auch darüber berichtet…

Ja, dieses Versagen spielte sich zu großen Teilen auch bei den öffentlich-rechtlichen Sendern ab. Im „Kölner Treff“ von Bettina Böttinger zum Beispiel. Laut Darstellung ihres Haussenders, des Westdeutschen Rundfunks, zeichnet Frau Böttinger sich durch die Fähigkeit aus, Gespräche journalistisch kompetent und gleichzeitig unterhaltsam zu führen. Mag sein, dass sie das kann, aber von journalistischer Kompetenz war bei der völlig uninformierten und kritiklosen Beweihräucherung der Heyne-Autorin nicht viel zu merken. Und da heißt es dann, Böttingers „Talk“ sei zu einem Markenzeichen des WDR geworden – made im Lande Irgendwo der journalistischen Beliebigkeit.

Die Redaktion erklärte auf meine Nachfrage, man habe sich beim Heyne Verlag rückversichert. Aufgrund der vorliegenden Informationen habe es für die Redaktion keinen Anlass gegeben, den Wahrheitsgehalt der Geschichte in Frage zu stellen. Der Kölner Treff ist allerdings kein Einzelfall…

Nein, denn viele öffentlich-rechtliche Sender sind ähnlich oberflächlich mit dem Buch umgegangen. Bei „Hallo Niedersachsen“ im NDR waren aus dem getöteten Kind, das der Autorin angeblich aus der Hand geschossen wurde, sogar „gepfählte Kinder“geworden. Im Bayerischen Rundfunk gibt es eine Sendung namens „Eins zu Eins. Der Talk“ sowie im Hessischen Rundfunk eine Sendung namens „Bärbel Schäfer live“, die sich durch besonders naive Interviews mit der Heyne-Autorin auszeichneten. Diese Interviews könnten in jedem Volontariat als Beispiel dafür herangezogen werden, wie man es nicht macht. Es geht nicht um einzelne sachliche Fehler, die unterlaufen jedem Journalisten. Man kann noch so sorgfältig arbeiten, Irrtümer sind unvermeidbar. Aber Irrtümer und eine grundsätzlich schlampige Arbeitsauffassung sind nicht dasselbe.  Weiterlesen in Teil II

Interview-Wegweiser: Teil ITeil II 

Fotoquelle: M Martens



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