Roland Hermanns / 24. Mai 2013 / 15 Kommentare


Sinn-Krise bei Professor Sinn? – Thesen für ein besseres Deutschland

In seiner neuen Publikation zum Thema Zukunftsprogramm für Deutschland gibt ifo-Chef Prof. Dr. Hans-Werner Sinn selbstbewusst seine Erklärung zur Dynamik des deutschen Arbeitsmarktes zum Besten. Deren Plausibilität lässt sich kaum erschließen. Ein Kommentar von Roland Hermanns.

Harte Arbeit für wenig Lohn (Foto: kadmy / Clipdealer.de)

Harte Arbeit für wenig Lohn (Foto: kadmy / Clipdealer.de)

Prof. Dr. Hans-Werner Sinn leitet das ifo Institut für Wirtschaftsforschung, das über der Hälfte aus Zuwendungen der öffentlichen Hand finanziert wird und gerne die jeweiligen Bundesregierungen berät. Darüber hinaus lehrt er Nationalökonomie und Finanzwissenschaft an der Ludwig-Maximilians- Universität München. Die gut alimentierten Jobs lassen ihm scheinbar viel Zeit, um immer wieder einmal Bücher zu schreiben. Aktuell erscheint im Redline-Verlag seine Publikation „Verspielt nicht eure Zukunft!“. Dabei stellen Sinn(?)freie Thesen in acht Punkten die Ideologie eines Zukunftsprogramms für Deutschland dar.

Außer Thesen nichts gewesen

These Nr. 1, der wir uns hier widmen, erzählt von Sinns brennendem Wunsch nach einer möglichst breiten Ausweitung des bereits bestehenden Niedriglohsektors. Damit hängt sich der Ökonom an die in Politikerkreisen gängige Vorstellung, Deutschlands Wettbewerbsfähigkeit sei unter anderem mit der seit Bestehen der Agenda 2010 betriebenen Niedriglohnkultur und einem dramatischen Ausbau des größten Niedriglohnsektor Europas zu sichern.

FOCUS-Online publizierte kürzlich im Rahmen der Buchvorstellung auszugsweise aus einem Gastbeitrag für die FOCUS-Ausgabe 19/2013 Sinns selbstbewusste und gleichsam seltsame Erklärung zur Dynamik des deutschen Arbeitsmarktes. Deren Plausibilität lässt sich allerdings nur schwerlich erschließen. So erklärt Sinn:

„Es ist ein großer Fehler, dem Zeitgeist folgend, Mindestlöhne beziehungsweise Lohnuntergrenzen abzunicken. Damit verlässt man den Weg zu einer strukturellen Gesundung des Arbeitsmarkts und gefährdet den Niedriglohnsektor, der Deutschland in den letzten Jahren so viel wirtschaftliche Dynamik gebracht hat.“

Diese Aussage, die ein verzerrtes, ja geradezu bizarres Wunschbild vermeintlicher Erfolge am Arbeitsmarkt zeichnet, offeriert bereits in den wenigen geäußerten Worten puren Un(Sinn). Ein Arbeitsmarkt gesundet nicht, vielmehr entartet er, wenn der Preis des vermeintlichen Erfolgs darin besteht, unzähligen Menschen angemessene Lohnzahlungen bewusst vorzuenthalten. Eine diesbezügliche gesellschaftliche Duldung rechtfertigt solche Tatbestände nicht und kann demzufolge auch nicht als Dynamik wirtschaftlicher Verhältnisse in Deutschland gewertet werden.

Wettbewerbsfähigkeit als Dumpinglohnmodell?

Wettbewerbsfähigkeit, die es schon immer, also auch bereits vor zunehmenden Globalisierungsfaktoren gab, zählen zum grundsätzlichen und maßgeblichen Faktor einer jede Unternehmung. Sie lässt sich aller Erfahrung nach nur mittels Innovation des Produkte bzw. Dienstleistungen, herausragendem Engagement, Fleiß, Einsatzbereitschaft und Präzision erreichen. Mit Dumpinglöhnen und Lohnzuschusskosten hingegen sind qualitative, wettbewerbsfähige Maßstäbe nicht erreichbar. Damit wird allenfalls eine Spirale immer absurderer Armutslöhne angefacht, die am Ende in einer sozialpolitischen Katastrophe enden. Schließlich kann es die vermeintliche Konkurrenz – ob in Asien oder hierzulande – immer noch ein wenig billiger. Unternehmen, die moderate, aber akzeptable Löhne nicht zahlen können, machen zudem keinen gesellschaftlichen Sinn. Für Professor Sinn hingegen macht genau das Sinn. Er geht noch einen Schritt weiter und erklärt:

„Noch stärker als bisher sollte man auf Lohnzuschusselemente setzen. Motto muss sein, dass jeder, der arbeiten will, arbeiten kann und dann – unterstützt durch Lohnzuschüsse – genug zum Leben hat.“

De facto bedeutet es, dass Alimentierungen und Lohnkostenzuschüsse an Unternehmen durch Steuerzahler gängige Praxis werden und nicht etwa streng eingegrenzte Ausnahmefälle bleiben. Marktwirtschaftliches Unternehmertum sieht anders aus. Sinns Zukunfts-Phantastereien hebeln gezielt ausgewogene Vereinbarungen zwischen Arbeitnehmern und Arbeitgebern aus, die abhängige Beschäftigung überhaupt erst rechtfertigt und zu einem sinnvollen, gesellschaftsrelevanten Instrument macht. Zudem: Der abhängig beschäftigte Arbeitnehmer stellt neben seiner Tätigkeit an sich auch kontinuierlich seinen (Lebens)-Zeit in erheblichem Maße zur Verfügung. Für Unternehmen ein hohes Gut, denn so kann verlässlich geplant werden. Auch dies rechtfertigt eine angemessene Entlohnung selbst einfacher Tätigkeiten. Sinn hingegen präferiert mit seinen Forderungen die Aushebelung angemessener Gegenleistungen für betroffene Arbeitnehmer zu Gunsten einseitiger Gewinnmaximierung.

Sünde und Würde – welch große Worte

Ein solches, inadäquates Unternehmerverhalten will der Wirtschaftsexperte zusätzlich mittels kräftiger Lohnzuschusskosten – freundlich gesponsert vom Steuerzahler – honorieren. Spezielles Paradoxon: Am Ende der Kette solcher Abstrusitäten alimentieren sich Niedriglöhner über die Zahlung von Mehrwertsteuer für dringend benötigte Verbrauchsgüter gar noch selbst – also auch dann, wenn sie aufgrund niedrigster Löhne keine Einkommensteuer zahlen. Sinn unterstützt mit seiner These für Deutschland zudem ausdrücklich die inzwischen wie selbstverständlich praktizierte Methode, Menschen trotz Vollzeitjob in die Aufstockung durch Jobcenter zu drängen. Solche unzumutbaren Verhältnisse beinhalten, dass ein werktätiger Bürger am Ende eines arbeitsreichen Monats bettelt, um das nackte Überleben zu sichern. Dauer-Alimentierung einer erheblichen Werktätigengruppe inklusive staatlichem Gängelfaktor – ein Zukunftsprogramm für Deutschland sieht anders aus.

Sinn rechtfertigt seine These schließlich mit folgender Aussage:

„Nur eine solche Unterstützung der Menschen „in der Arbeit“ ist menschenwürdig. Eine Unterstützung allein „außerhalb der Arbeit“ ist eine Sünde gegen ihre Würde.“

Sünde und Würde – welch große Worte! Es muss schon eine gewaltige Sinn-Krise sein, die Sinn als Autor der Publikation zu solchen Thesen hinreißen lässt. Ausnahmsweise zitieren wir einmal Wolfgang Schäuble (CDU), der einmal sagte, es sei mit der „Autorität von akademischen Titeln und von wissenschaftlichen Instituten, die mit viel Geld vom deutschen Steuerzahler subventioniert werden, eine besondere Verantwortung verbunden“. Der Finanzminister bezog dies zwar auf bestimmte Äußerungen Sinns zur Finanzkrise. Zu seiner befremdlich anmutenden These Nr. 1 im Thesenpapier für ein Zukunftsprogramm für Deutschland passt dieser treffliche Seitenhieb allerdings mindestens ebenso perfekt.



15 Kommentare zu "Sinn-Krise bei Professor Sinn? – Thesen für ein besseres Deutschland"

  1. Jrgen 24. Mai 2013 at 17:10

    Der Mann hat vermutlich mal irgendwann in seinem Leben beschlossen, wichtig sein zu wollen. Am besten geht sowas mit einer Bilderbuchkarriere in der Wissenschaft. Da gibt es mehr Titel, als Inhalt und das gesprochene Wort wiegt gleich viel schwerer. Ganz davon abgesehen, dass die Wirtschaftswissenschaften weit davon entfernt sind, eine exakte Wissenschaft zu sein. Nicht weiter schlimm – wenn sie gleichzeitig aber den Anspruch erhebt, verbindliche Gesetzmäßigkeiten auf zukünftige Entwicklungen anzuwenden und Aussagen zu treffen, wird das ganze ein sehr sehr fragwürdiges Schauspiel.

    Solche Leute machen leider wenig Sinn an diesen Positionen und bringen durch ihre Arbeit unterm Strich zwar für ihr gewähltes Klientel Vorteile, der Großteil der Menschen kann daraus allerdings für sich keine Verbesserung der Lebensumstände ableiten. Soll er doch weiter in seinem Institut schalten und walten, wichtig ist, dass ein ausreichendes Gegengewicht an gesundem Menschenverstand und sozialer Empathie besteht.

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  2. MacPaul 29. Mai 2013 at 10:07

    Wer dem Niedriglohnsektor, also so niedrigen Löhnen, dass man sich davon kaum was von dem kaufen kann, was produziert wurde, „wirtschaftliche Dynamik“ zuspricht, dem kann man eh nicht mehr helfen.
    Ganz zu schweigen davon, wovon die Lohnzuschüsse denn kommen sollen, wenn die meisten Menschen immer weniger verdienen, dadurch auch weniger Steuern reinkommen und die Unternehmen sowieso kaum noch Steuern zahlen.
    Das ist nichts anderes als das Pseudo-Wirtschafts-Modell eines Wahnsinnigen.

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  3. Wolfgang 30. Mai 2013 at 09:06

    Es muss wohl so im Jahre 2005 gewesen sein, da wurde im Manager-Magazin laut über eine Schließung des ifo-Instituts nachgedacht … Vielleicht sollte man diese Überlegungen weiterführen

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  4. FRANKONIA 13. Juni 2013 at 16:47

    Herr Sinn hat in vielen Punkten recht. Aber leider will man in Dtl. nie die Wahrheit hören, sondern immer nur irgendwelchen Wunschvorstellungen nachhängen. Dazu gehört jene, dass jeder von seiner Hände Arbeit leben kann. Dies wird es nur im Sozialismus mit Planwirtschaft geben. Bsp: Solange Leute nicht bereit sind z.B. “50EUR für einen Herren-Trocken-Haarschnitt” zu bezahlen, sondern lieber für 6 EUR beim Billigfriseur schneiden lassen, ist ja wohl logisch, dass der Unternehmer seiner Friseurin niemals einen anständigen Lohn zahlen kann. Zudem ist es ja wohl logisch, dass Mindestlöhne (ML) zu Arbeitslosigkeit führen, wenn die Unternehmer nicht bereit sind, den ML zu zahlen. So werden dann einfach einige Arbeiter entlassen & sind dann eben arbeitslos. Dann zahlt der Steuerzahler halt das komplette Arbeitslosengeld & ggf auch noch Hartz4, anstatt einen Lohnzuschuss. Das wird dann eben richtig teuer. Und der Arbeitslose hat nichts vom ML. Der Lohn ist ein Preis wie jeder andere. Aber eben ein Preis am Arbeitsmarkt. Steigen die Preise (Löhne), sinkt die Nachfrage nach Arbeitskräften.Also steigt die Arbeitslosigkeit. Diesen Grundzusammenhang sollte man auch ohne VWL-Studium kapieren können. Oder gibts in Dtl tatsächlich Menschen die sich ihr neues Auto erst kaufen, wenn es teurer geworden ist? Nein, die meisten greifen zu, wenn es billiger wird. So ist das nun mal. Wer eine schlechte Bildung hat oder sogar gar keine Berufsausbildung, wird nie auf ein Ingenieursgehalt kommen. Für die Jungen Menschen muss also die Devise lauten: Bildung zahlt die besten Zinsen. Für die ältere Generation kommt diese Einsicht jedoch zu spät. Sie werden wir auch weiterhin alimentieren müssen…

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  5. taranis 21. Juni 2013 at 23:48

    Genau, und am Broker um die Ecke kann man dann endlich mit den Löhnen über einen Index spekulieren, so dass man morgens nicht weiß, was man abends verdient hat. Geht hier ja nur um die menschliche Arbeitskraft.

    Warum kann denn der Billigfriseur einen Haarschnitt für 6 Euro anbieten? Genau, weil unser Sytem so einige Fehlfunktionen hat.

    Lasst uns Deutschland wieder in zwei Teile zerlegen. Vielleicht diesmal in Nord und Süd. Dann könnt ihr auf der einen Seite weiterhin euren geld- und machtgeilen Egotrip fahren und wir auf der anderen können uns in Ruhe den schöneren Dingen des Lebens widmen.

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  6. Frankonia 23. Juni 2013 at 10:49

    @taranis: der Billigfriseur kann den Haarschnitt nicht für 6EUR anbieten, sonder muss ihn dafür anbieten. Weil ansonsten die Kunden einen großen Bogen um seinen Laden machen. Sicher gibt es am System viele Verbesserungsmöglichkeiten. Eine lautet auch, dass die Geiz-ist-Geil-Mentalität in der Bevölkerung letztlich zu solchen Preisauswüchsen führt. Kein Kunde will mehr für irgendetwas bezahlen. „Was die Jeans soll 100EUR kosten? Dann kauf ich sie erst im SSV, wenn sie 50EUR kostet.“ „Was die Butter kostet 1,50 EUR? Neee, die kauf ich erst wieder im Angebot, wenn sie 0,49EUR kostet.“ Wenn alles in diesem Land nichts kosten darf, bleibt halt in den einfachen Berufen der Lohn der Arbeiter auf der Strecke. Das Schlaraffenland, in dem jeder ein mtl. Grundgehalt von 5000 EUR bekommt, wird es nie geben. Letztlich liegt es doch an jedem selbst, sich ein bestimmtes Gehalt auszuhandeln. Niemand wird gezwungen, für 4 EUR/h zu arbeiten. Jeder kann seinen Arbeitsvertrag ohne Angabe von Gründen kündigen und sich was neues suchen. Und ja, es kann auch sein, dass man für einen besser bezahlten Job in eine andere Stadt/Region umziehen muss. Letzteres habe ich vor vielen Jahren auch gemacht. Und bin heute froh drüber.
    Noch eines: Niemand wird als Arbeiter oder Unternehmer geboren. Jeder ist seines eigenen Glückes Schmied, in dem er sich überlegt, welchen beruflichen Weg er/sie beschreiten will. Wer in der Schule nicht aufpasst, schlechte Noten bekommt & am Ende gerade so die 10. Klasse schafft, muss damit rechnen, nicht die bestbezahlten Jobs zu bekommen. Aber auch solche Personen können nochmal die Kurve kriegen, indem sie in der Abendschule Abitur machen & ggf. noch ein berufsbegleitendes Studium angehen. Auch hier habe ich letzteres durchgezogen & bin heute stolz darauf. Wer sich aber das ganze Leben nur hängen lässt & nur rummosert, für denjenigen wird sich nichts bessern. Und mit einer durchschlagenden unternehmerischen Idee lässt sich auch eine eigene Firma gründen, die von Null an ganz langsam wächst.

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  7. Jenny 25. Juni 2013 at 08:18

    Der Ökonom Posen hat vor kurzem erst darauf hingewiesen, dass DE sich mit Ausbau des Niedriglohnsektors auf einen Irrweg befindet. In DE wird seit ca. 2001 weniger investiert als in anderen Industrieländern. Reife Volkswirtschaften sollen normalerweise über Innovationen und technische Entwicklungen konkurrieren, also über Qualitätsfaktoren und nicht über Niedriglöhne. Die produktivität wurde in DE gesenkt, weil eben nur niedrigproduktive Stundenjobs entstanden.

    Das DIW rundete letztens diese Erkenntnis ab mit dem ebenfalls erfolgenden Hinweis, dass in DE seit über einem Jahrzehnt weniger investiert wird, sogar weniger als in den momentanen Krisenländern, welche angeblich sogar besser dastehen werden künftig.

    Das DIW sieht es ebenfalls als fatal an, dass in DE seit 15 Jahren Löhne stagnieren.

    ich vergleich DE immer mit Skandinavien und Frankreich:

    seit 2002 sanken in DE die Reallöhne um 0,8%
    seit 2002 stiegen in Frankreich die Reallöhne um 10%
    in Dänemark um 19%
    in Schweden um 16%
    in Norwegen um 33%
    in Australien um 22%

    eigentlich in den meisten entwickelten Volkswirtschaften — das liegt daran, dass dort ein hoher Fachkräftebedarf ist, weil investiert wird. Dies lässt Löhne steigen. Auch werden viele in Bereichen wie soziale und öffentl. Dienste rekrutiert, vor allem Frauen, was deren Einkommenssituation bessert.

    in DE ist der Niedriglohnsektor Frauendomäne.

    wir reden in DE ständig über Fachkräftemangel — nun hab ich einen Erfahrungsbericht aus Norwegen, wie ein Fachkräftemangel aussehen würde! Vergleicht das mal mit DE, dem angeblichen „Land des Mangels“:

    1. alle Stellen sind tarifgebunden
    2. es gibt Mindestlöhne, gezahlt wird aber über Tarif, weil Mangel an Fachkräften in vielen Gegenden ist.
    3. es ist wesentlich leichter als in DE eine Stelle zu finden
    4. die Einkommensdisparitäten sind geringer, auch Handwerker etc. verdienen gut.
    5. Zeitarbeit wird genauso bezahlt wie Festangestellte.

    so in etwa müsst ihr euch einen Fachkräftemangel vorstellen — in DE gibt es keinen Fachkräftemangel. Das ist mein Resumee aus dem ganzen.

    ich studiere gerade und sehe keine Perspektiven für mich in DE — in vielen Gegenden wird zu schlecht bezahlt und zu wenig investiert. Auch befinden sich Teile von DE im Rückbau bei Stellen, Investitionen etc.

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    • Frankonia 25. Juni 2013 at 14:22

      Sehr geehrte Jenny,
      man muss sich natürlich fragen, warum in Dtl. seit EUR-Einführung (1998) das Wachstum zurückging und nicht/kaum noch investiert wurde, um Lösungsansätze zu finden. Dtl war in der Tat das Schlusslicht in den OECD-Ländern. Dies lag daran, dass das Kapital durch die Euro-Einführung und die damit einhergehende Haftungsgemeinschaft (Dtl. haftet am Ende für alles) in die südlichen Eurostaaten floß. Die Finanzierungszinsen sanken ja nachweislich, weil Dtl. beim EURO mitmachte. Es ist in einer Marktwirtschaft nun mal so, dass dort wo das Kapital hinfließt, die Wirtschaft erblüht und dort wo es abfließt, das Wachstum zurückgeht oder sogar ganz erlahmt. Der Kapitalfluss reguliert sich über die höhe der Zinsen. Aber investiert wird wiederum nur dort, wo die Kreditzinsen niedrig und die zu erwartenden Erträge hoch sind. Also hat die EURO-Einführung eine große Mitschuld an dem Wachstumsdilemma Deutschlands bis 2008. Wegen der anhaltenden EURO-Krise jedoch kehrten sich bereits seit 2009 die Kapitalströme um. Das Geld wurde in Ländern wie Griechenland abgezogen und wieder in den vermeintlich sicheren Hafen Dtl. gebracht. Hier fing die Wirtschaft plötzlich wieder an überdurchschnittlich zu wachsen. Auch das kann nachgelesen werden.
      Im Übrigen hängt die Produktivität der Arbeiter an ihrer eigenen Qualifikation. Damit kann z.B. der Staat diese nicht willkürlich verändern. Und für einen Unternehmer ist nunmal entscheidend, dass ihm ein Arbeiter mehr Geld einbringt, als er kostet. Wenn ein Arbeiter mehr kostet, als er dem Unternehmen nützt, dann wird er nicht eingestellt bzw. wird entlassen. Das ist zwar nicht wünschenswert, aber es ist leider so.

      In Ihren Ausführungen nennen Sie fast ausschließlich Länder, die den Euro nicht haben. Daher ist auch logisch, warum dort die Reallöhne steigen konnten. Diese Länder sind mit ihren eigenen Währungen flexibler & können über Wechselkursanpassungen Kapital ins Land holen. Dieser Weg bleibt den Ländern im EURO nach wie vor versperrt, weil sie im EURO gefangen sind. Nur Frankreich als nächster Pleitekandidat kommt in Ihrer Liste vor. Auch Frankreich hat von den niedrigen Zinsen profitiert, wie Spanien, Italien & Griechenland etc. . Frankreich wird meiner Meinung nach als nächstes Land über EZB (Notenpresse) & ESM finanziert werden…Das EURO-Drama geht weiter…

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  8. Jenny 25. Juni 2013 at 08:27

    in meinem Bundesland arbeitet schon jede 2. Frau in manchen Landkreisen nur noch im Minijob. Darunter viele, die mit mir zusammen gelernt haben.

    @Frankonia: der 2. Bildungsweg ist die größte Frechheit von DE und wäre in anderen Ländern so nicht nötig — anderswo bekommen die Azubis alle Fachhochschulreife/Abitur mit, weil es durchlässige Systeme sind:

    hier:http://forum-kritische-paedagogik.de/start/?p=130

    in DE versucht man viele systematisch von Allgemeinbildung abzuschneiden. In Frankreich muss man nicht noch mal jahrelang zur Schule gehen, sondern bekommt ein Bac Pro. DE wurde bereits 1980 von der EU aufgefordert, das Bildungssystem zu reformieren, hat es aber unterlassen.

    Das ist die Lebenszeit der falsch verteilten Schüler, die dabei drauf geht! wie sollen die das mit 15,16 besser wissen?

    das ist eine Frechheit in DE — faktisch sind das Highschoolschüler, DE hat eine 12jährige Schulpflicht und diese Schüler werden nur als billige Arbeitskräfte betrachtet.

    das gibts in anderen Ländern so nicht – dort wird auch der Bildungsanspruch des Individuums wahrgenommen. In DE sind das nur billige Arbeitskräfte ab dem Alter von 10 Jahren!

    und warum sollen sie nicht als 10jähriger das Recht auf gleichen Bildungszugang gehabt haben wie die anderen Schüler??? Warum ist für Sie selbst ein Umweg zulässig, während die anderen unverzüglich ab 10 bessere Bildung genießen durften. Darüber mal nachgedacht? Sie sind doch auch Bürger hier, wo war da ihr Bürger- und Menschenrecht auf qualitativ hochwertige Bildung?

    es ist schön, dass sie noch Abi und Studium machen konnten. Faktisch sind viele vom 2. Bildungsweg nachher zu alt für den deutschen Arbeitsmarkt. Ein Bekannter von mir war als Maschinenbauingenieur als Berufsanfänger mit Ende 30 schlichtweg uninteressant in DE – ein Problem, was viele Studenten des 2. Bildungsweges haben.

    Schon ab dem Alter von 10 diskriminiert und kein volles Menschenrecht auf Bildung erhalten und dann noch diskriminiert nachher wg. hohem Alter beim Stellenzugang.

    in Ländern mit Fachkräftemangel, der nicht eingebildet ist, finden übrigens auch Ältere noch Stellen. Kenne Handwerker die in Dänemark mit über 50 noch ne Stelle fanden.

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  9. Jenny 25. Juni 2013 at 08:35

    recherchieren sie mal ein bisschen zum deutschen Bildungsschisma, z.B. „Lissabon und die duale Ausbildung“

    ich hab mich eingehender damit befasst, weil ich selbst mit meiner angeblich ach so tollen Ausbildung von jedweder Weiterbildung durch Arbeitgeberwillkür abgeschnitten wurde. Deshalb hab ich nebenberuflich nämlich auch Abitur 3 Jahre und alles nachgeholt – da wurde ich neugierig und hab mal mit anderen Nationen verglichen. Ich bin auf Verstöße gegen das Menschenrecht auf Bildung gestoßen in DE und auf handfeste Diskriminierung im Vergleich mit anderen Ländern!!

    das Bildungssystem in DE in heutiger Form konnte ich bis in das Jahr 1799 zurückverfolgen. Es war von Anfang an ein Bildungsver- und behinderungssystem. Man hat es selbst im 21. Jahrhundert noch so belassen! Humboldts Intention war eine Gesamtschule.

    wussten Sie, dass es Recht auf höhere Bildung gibt? Wussten Sie, dass es in DE ein spezifisches weltweit einmaliges Bildungsschisma gibt, was der einen Bevölkerungshälfte den vollen Bildungszugang sogar verweigert, obwohl es ein Menschenrecht ist?

    The right of access to higher education is mentioned in a number of international human rights instruments. The UN International Covenant on Economic, Social and Cultural Rights of 1966 declares, in Article 13, that „higher education shall be made equally accessible to all, on the basis of capacity, by every appropriate means, and in particular by the progressive introduction of free education“. In Europe, Article 2 of the First Protocol to the European Convention on Human Rights, adopted in 1950, obliges all signatory parties to guarantee the right to education.

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  10. Jenny 25. Juni 2013 at 08:40

    Tja — und nächstes Jahr schreib ich meine Thesis Franconia und hab dann wegen Altersdiskriminierung im deutschen Fachkräftemangel keine Perspektiven.

    so kann man das natürlich auch machen – erst ein umständliches Bildungssystem für die selektierten 10jährigen Kinderchen, die man dann schon auf Berufe dressiert, die angeblich ihrer „Begabung“ angemessen sind — hat eine Demokratie überhaupt ein Recht datzu, so über 10jährige zu befinden? Das ist Obrigkeitsstaat des 19. Jahrhunderts – was geht den Staat den späteren Beruf der kleinen Bürger an???

    das Schulsystem in DE mit der Begabungsideologie wurde von einem Eugeniker aus dem Nationalsozialismus in die „neue Zeit hinübergerettet – gegen die Intention der Amerikaner, die eine demokratische Schule wollten“

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  11. Jenny 25. Juni 2013 at 08:42

    naja – danke noch für die verspätete kostenlose Ausbildung an den höheren Bildungsstätten — mangels Fachkräftemangel in DE werd ich es wie viele Bekannte von mir woanders probieren, wo man auch noch ältere Absolventen einstellt. Jetzt wird mir nämlich sogar von meiner eigenen „Personalabteilung“ die mangelnde einschlägige Berufserfahrung vorgeworfen, nach dem man mir zuerst Weiterbildung vorenthalten hat.

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  12. Jenny 25. Juni 2013 at 08:45

    @Franconia — einen noch, weil ich mich so über ihre Äußerungen hier ärger:

    in DE gibts für viele Menschen ohne Abitur nicht mal anständige Weiterbildung, Umschulung und ähnliches. Diese müssen bei der Hartzbehörde hinterherbetteln, die diese Mittel kürzt. Faktisch können sich diese Leute nicht weiterbilden. Wer wieder zur SChule gehen will, bekommt viel zu niedriges Schülerbafög. Umschulungen werden nur für 2 Jahre gefördert, viele mittel wurden gekürzt.

    in DE ist das gar nicht so leicht, einen einmal erlernten Beruf wieder zu verlassen. Es werden einen Steine in den Weg gelegt allerorten. Egal ob man arbeitslos ist oder arbeitet.

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  13. Jenny 25. Juni 2013 at 10:05

    und noch etwas:

    in DE wird viel zu viel für den Niedriglohnsektor gezielt ausgebildet. Die Ausbildungen über Bedarf führen in vielen Gegenden dazu, dass jeder 2. Berufsanfänger nachher nie im erlernten Beruf bleibt. In meinem Bundesland landeten viele Mädchen dann im minijobsektor, der ja eh Frauendomäne ist. Mittllerweile wandern auch viele Ausbildungsberufe in diesen Wirtschaftsektor des Minijobs.

    es sind vor allem die klassischen Frauenberufe, die in den Minijob ausgelagert werden. Eine aktuelle Geschichte dazu:

    in meiner Stadt gab es Horte, wo sozialpädagogische Asisstentinnen mit Ausbildung und nach Tarif angestellt waren. Nun schafft man diese ab und es entstehen betreute Grundschulen.

    auf einmal sollen Eltern ehrenamtlich Personal und Mittel verwalten.

    und was passiert: statt soz.päds. nun nur noch eine Erzieherin, der Rest wird mit Minijobbern gedeckt. Zwar sind das auch Studenten mit pädagogischer Studienerfahrung, aber wo sollen Frauen nachher noch arbeiten, wenn deren Berufe in den 450 euro Sektor wandern?

    noch fragen? Passiert hier überall – egal ob Kinderbetreuung, Pflege, Büro… alles die Frauenberufe.

    und warum bildet man in DE zu viel im Niedriglohnsektor aus?

    Da kann ich auch Geschichten zu erzählen. Laut GG ist DE eigentlich verpflichtet die Berufswahlfreiheit einzuhalten, in dem genug Ausbildungsplätze vorhanden sind – das ist seit Jahrzehnten nicht mehr so.

    in einigen ostdeutschen Bundesländern wird auf Druck der CDU un FDP nun schulische Ausbildungsalterantiven wie CTA abgeschafft zugunsten der dualen Ausbildungen, die dort v.a. in Niedriglohnjobs ausbildet wie Gastronomie, wo die Einkommen sinken oder oft nur Minijobs entstehen.

    Antworten
  14. Jenny 25. Juni 2013 at 10:06

    und die duale Ausbildung ist qualitativ unter aller Sau. Auch Berufswahlfreiheit kann in einem Land nichts gelten, in dem man 10jährige Kinder versucht, auf bestimmte Berufe zu fixieren.

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