Ursula Pidun / 24. April 2013 / 4 Kommentare


PolitPlag – „Dr. Merkel plagiatsgeprüft plagiatsfrei“

Die Online-Plattform „PolitPlag“ macht in diesen Tagen von sich reden. Die Initiatoren checken jeweils im Auftrag wissenschaftliche Arbeiten promovierter Politiker, die sich als Kandidaten zur Bundestagswahl 2013 stellen. Das ruft auch Kritiker auf den Plan. Im Gespräch mit Prof. Dr. Ursula Gresser.

Zweifelsfrei haben die bisher aufgedeckten Plagiatsfälle, die insbesondere Politiker in Amt und Würden betrafen, das Land zutiefst erschüttert. Den Anstoß zur Aufdeckung solcher Fälle gab die Internet-Plattform „VroniPlag“. Ein weiteres Projekt mit einem erweiterten Angebot ist gerade an den Start gegangen. Bürger bzw. Interessenten erhalten mit PolitPlag die Möglichkeit, die Prüfung einer wissenschaftlichen Arbeit eines bestimmten Kandidaten für die Bundestagswahl 2013 in Auftrag zu geben. Wir haben nachgefragt. Im Gespräch mit Prof. Dr. med. Ursula Gresser, Wissenschaftliche Leitung „PolitPlag.de“.

Prof. Dr. Ursula Gresser

Prof. Dr. Ursula Gresser
Wissenschaftliche Leiterin PoltitPlag
(Foto: U. Gresser)

Frau Professor Gresser, PolitPlag ist ein Projekt von VroniPlag.de. Hinter VroniPlag.de steht der Gründer der Plattform VroniPlag Wiki, jener Plattform, die durch das Aufdecken einer Vielzahl an Plagiatsfällen insbesondere bei Politikern bekannt wurde. Was ist neu bei PolitPlag und an wen wenden Sie sich mit dem neuen Angebot?

Bei PolitPlag kann jeder, den es interessiert, jeden promovierten Kandidaten für die Bundestagswahl 2013 auf Plagiat prüfen lassen.

PolitPlag entstand aus einer Idee von Martin Heidingsfelder, der bei seinen Plagiatsprüfungen immer häufiger festgestellt hat, dass es bei Politikern wohl mehr Plagiate gibt als bei Nicht-Politikern. Und es wurde hier wohl auch besonders deutlich plagiiert, die Dissertation wurde wohl oft nicht als ernsthafte wissenschaftliche Herausforderung angesehen, sondern als Booster für die Karriereleiter.

In unseren Diskussionen kamen wir dazu, die Hypothese anzudenken, dass Plagiate in einer frühen wissenschaftlichen Arbeit, z.B. einer Doktorarbeit, möglicherweise ein Frühsymptom einer weniger ehrlichen Persönlichkeitsstruktur sein könnte, mal vorsichtig ausgedrückt. Und als Bürger haben wir uns gefragt, wie ein Verfall des einst so angesehenen „Made in Germany“ geschehen kann, wie er sich derzeit bei Stuttgart 21, dem Berliner Hauptstadtflughafen, der Hamburger Elbphilharmonie oder dem Justizfall Mollath zeigt.

Auftrag zur Plagiatsprüfung kann über www.politplag.de jeder erteilen, nach Wunsch anteilig oder für eine komplette Prüfung.

Die Akteure sind selbst Wissenschaftler, die -anders als bei „VroniPlag“ – nicht anonym agieren?

PolitPlag will nicht aus der Anonymität heraus agieren, sondern offen und fair. Herr Heidungsfelder hat ein Team an Wissenschaftlern und Plagiatsfachleuten zusammengestellt, die mit ihm die Arbeiten prüfen. Meine Rolle ist die eines wissenschaftlichen Beraters, denn nicht jede plagiierte Stelle hat auch inhaltliche Konsequenzen, und muss entsprechend bewertet werden.

Die Plattform „PolitPlag“ war gerade erst online, da hagelte es bereits Kritik aus den verschiedensten Richtungen. Können Sie die Aufregung nachvollziehen?

Naja, die meisten Plagiatsprüfer arbeiten aus der Anonymität heraus, und Herr Heidingsfelder steht mit seinem Namen für seine Arbeit und seine Ergebnisse ein. Er macht nicht nur Plagiatsprüfungen, sondern berät auch Universitäten und Doktoranden, wie man Plagiate vermeidet bzw. erkennt. Damit wird er dann – wie jetzt der Fall von Frau Schavan zeigt – zu einem gefragten Fachmann, und das verursacht auch Eifersucht. Ich finde es richtig, dass er nicht aus dem Verborgenen arbeitet, sondern ganz offen zu seiner Arbeit steht. Anders wäre ich auch nicht bereit gewesen, mitzuwirken.

Ein Vorwurf bezieht sich darauf, dass derzeit praktisch nur Politiker ins Rampenlicht gezerrt werden, die im Verdacht stehen, plagiiert zu haben. Politiker stehen allerdings auch in einer ganz besonderen Verantwortung?

Eine Doktorarbeit ist eine Art Reifeprüfung für einen jungen Wissenschaftler und war früher der Beginn einer Laufbahn als Forscher und Wissenschaftler. Das hat sich geändert. Die Doktorarbeit wird immer weniger aus wissenschaftlichem Interesse verfasst und immer häufig zum Zweck des Titelerwerbs. Mit einem „Dr.“ vor dem Namen kann man offensichtlich leichter Karriere machen, als ohne – und das betrifft wohl vor allem den Bereich Politik und Wirtschaft.

Und wer nur den Titel haben will, und nicht vorhat, das Thema weiter zu beforschen, der kann es sich leichter machen. Wozu mühsam viele meist englischsprachige Originalliteratur lesen und auswerten, wenn man doch auch die Auswertung aus bereits publizierter Sekundärliteratur – wie Übersichtsarbeiten oder Lehrbuchartikeln – übernehmen kann. Dass dadurch das immer Gleiche immer wieder als überprüft und neu verkauft wird, kümmert nicht. Ohne „Plagiieren“ wäre es z.B. nicht möglich gewesen, über Jahrzehnte einen fehlerhaft 10-fach überhöhten Eisengehalt des Spinats fortzuschreiben und Generationen an Kindern mit Spinat zu quälen – einem Spinat, der in Wirklichkeit im Vergleich zu anderen Gemüsen wenig verwertbares Eisen enthält. Es hat einfach jeder vom anderen den falschen Wert abgeschrieben, über Jahrzehnte.

Somit ist es also sogar ganz besonders wichtig, speziell Politiker unter die Lupe zu nehmen?

Ja, es ist besonders wichtig, weil offensichtlich unter Politikern die Plagiatsquote höher ist, als bei anderen Berufen. Und natürlich auch, weil Politiker eine Vorbildfunktion haben sollten, haben müssten. Man kann sich ja sagen, es ist egal, ob es unter den Bürgern einen Vertrauensverlust gibt, in Politiker und Rechtsstaat, Hauptsache, es wird wie immer gewählt und die Steuern werden bezahlt. Aber es eben nicht egal: Menschen brauchen Vorbilder, und Menschen, die im Rampenlicht stehen, wie Politiker, müssen Vorbilder sein. Ich will hier nicht weiter auf die verheerenden Auswirkungen des Falles Schavan auf den Wissenschaftsstandort Deutschland eingehen, darüber wurde genug geschrieben. Es ist nicht schön.

Wieder andere behaupten, besonders Politiker aus den Reihen von CDU, CSU und FDP stehen unter verschärfter Beobachtung. Trifft das objektiv betrachtet überhaupt zu?

Nein, dem ist nicht so, die meisten Plagiatsprüfer arbeiten vollkommen neutral, überparteilich und überkonfessionell. Es ist allerdings so, dass die Quote an promovierten Mandatsträgern bei der FDP und bei CSU und CDU höher ist, als in den anderen Parteien. PolitPlag führt alle provierten Kandidaten für die Bundestagswahl auf, ohne eine Auswahl zu treffen. Und für die Ausgewogenheit bei PolitPlag sorge auch ich: ich war 15 Jahre in der FDP, stamme noch aus der Zeit von Hildegard Hamm-Brücher, bin Naumann-Stipendiatin und seit nunmehr über 20 Jahren aktives Mitglied der CSU. Herr Heidingsfelder war in der SPD und hat 2012 zu den Piraten gewechselt, um vielleicht selbst den Bundestag oder den Landtag zu entern. Wir sind bunt gemischt.

Die Initiatoren von „PolitPlag“ agieren also in jeder Beziehung unabhängig?

Soweit ich weiß und Einfluss nehmen kann: ein klares Ja.

Es wird durchaus schon fleißig nach Auswegen aus dem Dilemma für betroffene Plagiatoren gesucht. So wird etwa eine Verjährung diskutiert, um den Schaden für diese Klientel zu begrenzen. Was halten Sie davon?

Die Verjährung kennt man aus dem Strafrecht, auch dem Zivilrecht. Doktorarbeiten sind Darstellungen wissenschaftlicher Erkenntnisse, quasi eine Urkunde, und ihr Inhalt wird Bestandteil des Wissens der Welt. Inhaltlich falsche oder duplizierende und damit Daten verstärkende Arbeiten – und Plagiate sind vor allem letzteres – schaden der Wissenschaft und müssen identifiziert werden. Und das Aufdecken von Plagiaten hat auch eine hohe präventive Wirkung: meine Doktoranden passen ganz genau auf, arbeiten sehr sorgfältig.

Wie auch im aktuellen Fall von Bundesbildungsministerin Annette Schavan führen manche Kommentatoren Quantität der Plagiate als ein Parameter für eine Beurteilung auf. Was halten sie von der These, ein wenig Plagiieren sei weniger problematisch, als praktisch durchgängig zu Plagiieren?

Zitierungsfehler können jedem passieren, und bislang hat noch keiner seine Arbeit aberkannt bekommen, weil er lediglich Anführungszeichen oder einige wenige Quellenangaben in der Einleitung seiner Arbeit vergessen hat. Viel wichtiger als die Quantität von Plagiaten in einer Arbeit ist die Qualität der Plagiate. Wenn jemand als seine eigenen neuen Erkenntnisse Inhalte nennt, die Jahre zuvor bereits von einem anderen Wissenschaftler veröffentlicht wurden, und er erwähnt dies nicht, dann ist dies ein eklatantes wissenschaftliches Fehlverhalten.

In einem Beitrag des Nachrichtenmagazins WELT wird behauptet, Auftraggeber für eine Überprüfung einer speziellen wissenschaftlichen Arbeit müssten „tief in die Tasche greifen“. Trifft dies zu – und falls nein – mit welchen Kosten muss tatsächlich gerechnet werden?

Ich kenne nur die Beträge, die auf PolitPlag genannt sind. Für Bestellen und Scannen der Arbeit 50,- Euro ist ein rein symbolischer Preis. Alleine das schonende und ordentliche Scannen einer gebundenen Dissertationsschrift dauert mindestens eine Stunde. Und die Umwandlung vom pdf-Scan zu Text für 100,- Euro: es kann Stunden dauern, bis man die Scanfehler im Text per Hand ausgebessert hat. Verbleiben Scan-Fehler, kann der Text nicht mit anderen Texten – die in gleicher Weise vorbereitet werden müssen – digital verglichen werden. Alles sehr aufwendig, man braucht Zeit, Sorgfalt und Wissen.

Und denken Sie daran: die Preise sind inklusive 19 Prozent Mehrwertsteuer, unser Staat verdient bei jeder Plagiatsprüfung mit.

Lässt sich angesichts des noch relativ kurzen Zeitraums seit dem Start der Plattform „PolitPlag“ beurteilen, wie groß das Interesse der Bürger an dem neuen Angebot ist?

Die Plattform ist erst im Januar 2013 online gegangen, und durch die Diskussion um den Fall Schavan ist der Ansturm gewaltig. Wir suchen händeringend nach Wissenschaftlern, die uns beim Prüfen helfen. Ich gehe davon aus, dass bis zur Bundestagswahl im September 2013 alle promovierten Bundestagskandidaten geprüft sind. Und es ist ja auch besser für alle Beteiligten, wenn das vor der Wahl gemacht wird, nach dem Motto von PolitPlag „Besser nicht antreten, als zurücktreten“.

Rechnen Sie mit weiteren spektakulären Aufdeckungen?

Ja, ich habe derzeit zwei sehr problematische Arbeiten sehr bekannter Persönlichkeiten auf dem Schreibtisch. Mal sehen, wie sich das weiterentwickelt. Aber eines kann ich Ihnen schon verraten: Frau Dr. rer. nat. Angela Merkel´s Doktorarbeit ist nach meinen Erkenntnissen „plagiatsgeprüft plagiatsfrei“.

Das Interview führte Ursula Pidun

Verweise:



4 Kommentare zu "PolitPlag – „Dr. Merkel plagiatsgeprüft plagiatsfrei“"

  1. Hellmut Wilde 9. Februar 2013 at 09:31

    Natürlich ist Frau Dr. Merkels Dissertation plagiatfrei, wovon man sich überzeugen kann, wenn man sie liest. Bei Vroniplag /oder war es Guttenplag, konnte man sich nämlich eine illegale Raubkopie davon ansehen und herunterlagen- was nicht gerade für die *plags spricht. Außerdem hatten die dabei die letzten drei Seiten nicht mitkopiert, die einen wichtigen Hinweis der Autorin enthielten. Na ja.
    Wie prüft denn Vroniplag so eine naturwissenschaftliche Arbeit überhaupt? Zitate gibt es in der Naturwissenschaft fast nie, die man prüfen könnte und alphanumerische Textvergleiche führen wegen der reichlich enthaltenen Mathematik bei der Arbeit auch nicht weiter. Vroniplag hätte sich also aufs Lesen (und vestehen) beschränken müssen, oder auf eine frühere (sehr positive) Stellungnahme eines Physikers in der Zeit, die im Netz vorhanden ist.

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    • Gerhard Hindemith 9. Februar 2013 at 11:34

      das Vroniplag Wiki hat nie die Arbeit von Frau Merkel „geprüft“. Wie kommen sie darauf? Weil der Politplag-Gründer Heidingsfelder auch mit dem Namen „Vroniplag“ hausieren geht?

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      • Davelo 9. Februar 2013 at 21:42

        Vroniplag ist schon längst Schnee von gestern. Ihr habt Schavan doch verteidigt!

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    • Sotho Tal Ker 10. Februar 2013 at 10:50

      Der Link zur „illegalen Raubkopie“ steht übrigens auch im ZEIT online Forum. Und auf vielen anderen Webseiten. Ansehen konnte man sich die Arbeit im Guttenplag Wiki und Vroniplag Wiki nie. Höchstens mal einen Link zum runterladen finden – und den findet man wie gesagt sogar bei ZEIT online.

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