Ursula Pidun / 11. Dezember 2012 / 2 Kommentare


Worthülsen der Politiker – Interview mit Mainhardt Graf von Nayhauß

Der Herausgeber für die Edition Lingen Stiftung nimmt mit weiteren einundzwanzig prominenten Autoren Worthülsen und verbale Verschleierungen von Politikern in seiner aktuellen Publikation "Kauderwelsch – Die Sprache der Politiker" unter die Lupe.

Der Journalist und Autor Mainhardt Graf von Nayhauß hat politische Größen wie etwas Helmut Schmidt, Helmut Kohl, Gerhard Schröder und Angela Merkel auf mehr als 120 Kanzlerreisen begleitet und Licht in „ Die Geheimnisse der Kanzlerreisen“ gebracht. Aktuell macht er mit „Kauderwelsch“ von sich reden. Der einstige Korrespondent von Spiegel, Stern, Bild und Welt ist seit 2011 Herausgeber für die Edition Lingen Stiftung. In seiner aktuellen Publikation „Kauderwelsch – Die Sprache der Politiker“ nimmt er mit weiteren 21 prominenten Autoren Worthülsen und verbale Verschleierungen von Politikern unter die Lupe. Wir haben nachgefragt.

Graf von Nayhauß, spätestens seit Einführung der Wortkreation „Finanzmarktstabilisierungsergänzungsgesetz“ machen sich nicht nur Journalisten Sorgen um die Einhaltung von Zeilenbegrenzungen, sondern Bürger auch um die Sprache der Politiker. Zu Recht?

Foto: Graf von Nayhauß

Foto: Graf von Nayhauß

Ja, und es ist höchste Zeit!

Gibt es eine Kauderwelsch-Formulierung eines Politikers, die Sie selbst auf den ersten Platz einer Top-Ten-Liste leerer Worthülsen setzen würden?

„Schnittmengen“, wenn Gemeinsamkeiten gemeint sind. Die Kanzlerin faselt so, auch Justizministerin Leutheusser-Schnarrenberger.

Was war der Auslöser, das Thema „Kauderwelsch“ und damit verschleiernde Formulierungen zum zentralen Thema Ihrer aktuell erschienenen Publikation zu machen?

Das zitierte Beispiel von den „Schnittmengen“. Aber auch der „Amtskollege“. Also wenn die Medien vom Besuch eines deutschen Politikers bei seinem Gesprächspartner im Ausland berichten. Nur, in welchem Amt sitzen die beiden dauerhaft zusammen? Merkel in Downing Street 10, oder der britische Premier im Kanzleramt?

Politiker, die verschwurbelt sprechen, verfolgen damit sicher eine Absicht. Was steckt Ihrer Meinung nach dahinter?

Entweder sie haben vom Thema keine Ahnung, oder sie wollen sich wichtig machen. Dazu gibt es eine Karikatur in meinem Buch. Fragt ein Politiker den anderen: „Was haben Sie neulich in ihrer Rede zur Steuerreform gesagt?“ Antwort: „Nichts.“ „Das weiß ich. Ich meine, wie haben Sie es formuliert?“

In der Publikation „Kauderwelsch“, die Sie gerade für Ihre Stiftung herausgegeben haben, kommt eine Vielzahl bekannter Politiker zu diesem Thema zu Wort. Nach welchen Kriterien haben Sie die Autoren ausgewählt?

Die meisten, weil ich sie aus meiner jahrzehntelangen Arbeit als Journalist in Bonn und Berlin kenne, und viele meine Leser sind. Zum Beispiel der luxemburgische Premierminister Jean-Claude Juncker!

Gibt es einen gemeinsamen Tenor der Autoren, der politisches Kauderwelsch in die Nähe einer logischen Nachvollziehbarkeit rückt?

Einige der Autoren, zum Beispiel Bundespräsident Roman Herzog, sind selbst frei von Kauderwelsch, und kritisieren in dem Buch diese sprachliche Verwilderung. Andere plappern das schlechte Deutsch einfach nach – unbewusst, oder weil sie es für schick halten.

Glaubwürdiger, authentischer und überzeugender wären aber doch klar verständliche Worte?

Völlig richtig.

Ändert sich aus Ihrer Sicht die Sprache gelegentlich, so wie sich auch politische Überzeugungen verändern? Oder bleibt es beim Kauderwelsch, komme was wolle?

Wörter ändern sich, neue kommen hinzu. Aus Kriegsministern werden Verteidigungsminister, aus Negern Schwarzafrikaner aus Putzfrauen Raumpflegerinnen. Hinzukommt die Unsitte der Benutzung von Anglizismen. Ex-Außenminister Hans-Dietrich Genscher schreibt dazu ein eigenes Kapitel, zitiert Einladungen, wo es zu einem „Get together“ geht, mit „Open End“, „Drinks“ und „Finger Food“.

Sie kritisieren durchaus auch Journalisten, die ihre Aufgabe als Interpret zwischen Politikern und Bürgern nicht immer ausreichend wahrnehmen. Liegt das daran, dass der Schwerpunkt mehr und mehr zu einer meinungslastigen Berichterstattung ausufert, anstatt komplexe Sachverhalte in verständliche, neutrale Worte zu fassen?

Nein, es ist schlicht Faulheit. Jörg Quoos, ab 1. Januar neuer FOCUS-Chef: „Wer als Journalist das Politiker-Kauderwelsch bloß wiederkäut, versündigt sich am Auftrag der freien Presse.“ Und: „Mancher Hauptstadt-Journalist, der sich mit anbiederndem Polit-Sprech in den eigenen Fragen verheddert, darf sich nicht wundern, wenn am Ende die vernünftige Antwort fehlt.“

Ihre Stiftung arbeitet frei und unabhängig von wirtschaftlichen Interessen und politischen Rücksichtnahmen. Lassen sich nur so tatsächlich kritische Hinterfragungen realisieren?

Nein. Das ist einfach eine Frage der sprachlichen Selbstdisziplin beziehungsweise der Natürlichkeit. TV-Moderator Frank Elstner in meinem Buch: „Kaum hat der Toningenieur das Funkmikrofon abgekabelt und die Gästebetreuerin ein frisches Pils gezapft, können Politiker plötzlich Klartext reden.“

„Kauderwelsch“ beleuchtet eindrucksvoll die Sprache der Politiker und zeigt auch kausale Zusammenhänge zur bestehenden Politikverdrossenheit auf. Stehen die Akteure damit in der Pflicht, ihr Sprachverhalten kritisch zu hinterfragen?

„Hinterfragen“ ist auch Kauderwelsch! Warum nicht einfach „prüfen“? Natürlich trägt das Kauderwelsch zur Politikverdrossenheit bei. Also Klartext sprechen, um die Leute an der Politik zu interessieren!

Wie zuversichtlich sind Sie, dass dies auch gelingt?

Da bin ich skeptisch. Sprachpanscher reden, wie ihnen der Schnabel gewachsen ist.

 
Kauderwelsch. Die Sprache der Politiker
Mit Beiträgen von Jean-Claude Juncker, Roman Herzog, Hans-Dietrich Genscher u. a.

Verlag: Lingen 2012
ISBN-13: 9783941118935
ISBN-10: 3941118935
Euro: 9,95



2 Kommentare zu "Worthülsen der Politiker – Interview mit Mainhardt Graf von Nayhauß"

  1. Frau Lehmann 11. Dezember 2012 at 10:47

    Ich finde es interessant, dass sich jemand mit der Sprache der Politik befasst, aber insgesamt bleibt mir das zu oberflächlich, wodurch die Macht der und Manipulation durch Sprache meiner Meinung nach verharmlost wird. Mit Faulheit, Schludrigkeit oder Wichtigtuerei kann man die Sprachvermüllung nicht alleine erklären. Wo Sprache poltisch gebraucht wird, wird auch politisch gehandelt. Politischer Sprachgebrauch ist immer politisch intendiert, da geht es immer um Manipulation, selbst wenn es nur die wäre, den Eindruck zu erwecken, man habe Ahnung, wo keine vorhanden ist (z.B. die Flut von sogenannten Experten, die es nicht mehr nötig haben, auch nur irgendeine ihrer angeblichen Wahrheiten begründen zu müssen). Das zu untersuchen und aufzudecken wäre tatsächlich lohnenswert.

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  2. Erich Lienhart 18. Dezember 2012 at 10:59

    In dem erbärmlich – fragwürdigen Bestreben, besonders schlau, weltoffen und fortschrittlich erscheinen zu wollen, verwenden mittlerweile alle möglichen Leute, angefangen vom Vorstand des drittklassigen Vereins über die Geschäftswelt bis hin in höchste Regierungskreise Anglizismen und das Primitivenglisch Denglisch.
    Ein praktischer Nutzen dieser Entwicklung ist bislang offenkundig ausgeblieben, so daß das Anglizismengehabe eher ein Zeichen von Wichtigtuerei , Nachäfferei, Überheblichkeit und Minderwertigkeitskomplexen ist.
    Warum lassen wir es uns nur gefallen, daß immer mehr Wörter unserer deutschen Muttersprache durch englische/ denglische Ausdrücke verdrängt werden ? Leider haben zu viele unserer Landsleute zu wenig oder das falsche Selbstbewußtsein hinsichtlich unserer Sprache. Mit dem unsinnigen und überflüssigen Gebrauch von Anglizismen schaufelt man der eigenen Muttersprache und somit der eigenen Identität langsam aber sicher das Grab.

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