Ursula Pidun / 23. Juli 2014 / 1 Kommentar


„Krieg der Scheinheiligkeit“ – Im Gespräch mit Prof. Dr. Thomas Druyen

Wer sich von Finanzkrisen, Leid, Elend und Terror dieser Welt überfordert fühlt, der kann sich abschotten und abwenden. Als Alternative bietet sich die Betrachtung komplexer Probleme unter Zuhilfenahme des gesunden Menschenverstandes, appelliert Prof. Dr. Thomas Druyen. Der aber wird nicht selten von Scheinheiligkeit verdrängt. Nachgefragt!

Im Angesicht gesellschaftlicher, politischer sowie finanz- und marktrelevanter Fehlentwicklungen ermutigt Prof. Dr. Thomas Druyen in seiner Ende 2012 im MAXLIN Verlag erschienen Buch „Krieg der Scheinheligkeit„dazu, den Schleier der stark verbreiteten Scheinheiligkeit zu zerreißen. Auf seinem spannend und sehr informativ gezeichneten Weg dorthin entpuppt sich diese allzeit präsente Scheinheiligkeit als Geißel und „größte Blase des 21. Jahrhunderts“. Gewinnen Mut und Verantwortung am Ende die Oberhand, so bleibt auch der Weg hin zur „Konkretethik“  nicht weiter versperrt. Nachgefragt. Im Gespräch mit Prof. Dr. Thomas Druyen

Herr Prof. Druyen, Sie haben Ihre Publikation „Krieg der Scheinheiligkeit“ den „Treuen und Authentischen“ unter uns gewidmet. Sterben Eigenschaften wie etwa Geradlinigkeit und Glaubwürdigkeit Ihrer Ansicht nach zunehmend aus?

Prof. Dr. Thomas Druyen (Fotos: Markus Feger)

Prof. Dr. Thomas Druyen (Fotos: Markus Feger)

Tugenden und Werte sind sicherlich weiterhin vorhanden. Aber es wird immer schwieriger, sie umzusetzen und durchzuhalten. Allein die Aufrichtigkeit stößt an ihre Grenzen, solange politische und ökonomische Interessen, Geldwahn und Vorteilswahrung die Gesellschaften dominieren.

Wo nur der Erfolg und der Selbstnutzen im Vordergrund stehen, sind Werte leider eher Sand im Getriebe. Diese Struktur führt zwangsläufig zur Heuchelei.

Mit Ihrem Buch sprechen Sie die Scheinheiligkeit an, die sich praktisch wie eine Seuche verbreitet.

Die Vortäuschung falscher Tatsachen ist zu einem Grundmuster der öffentlichen Kommunikation geworden. Das  Spektrum reicht von harmloser Beschönigung, Hochstapelei, Amtsmissbrauch bis hin zur vorsätzlichen Verschleierung von Finanzkrisen, Waffenhandel und Parallelwelten. Ob Dopingskandale, Korruptionsaffären oder despotisches Herrschaftsgebahren, solange der Zweck die Mittel heiligt, hat der Schein als systemischer Deckmantel Hochkonjunktur. Nehmen wir nur die vielen Skandale und Skandälchen der letzten zwölf Monate – und da hat jeder Leser sofort viele Bilder im Kopf – spüren wir die Krake der Scheinheiligkeit. Dies betrifft aber nur bekannt gewordene Entlarvungen.  Es liegt in der Natur der Scheinheiligkeit Nebelkerzen zu werfen und Ablenkungsmanöver zu starten. Daher ist uns der Großteil dieser manipulativen Strategie gar nicht bewusst. Und genau das macht sie zum Virus und zum Gift.

Worin liegen die Ursachen und warum verstärkt sich dieser Trend zunehmend?

Sicher nicht, weil der Mensch an sich schlechter geworden ist. Aber seine Verführbarkeit ist enorm gewachsen, weil jene, die sich weltweit vor allem in einem wohlhabenden Umfeld befinden, immer stärker von äußeren Statuszielen anlocken lassen. Diese individuelle und kollektive Blendung hat ihre Ursache in einer fast religiösen Aufwertung von Geld, Erfolg und Wachstum. Drei zentrale Scheinheiligkeiten dokumentieren wie weit sich Illusion und Wirklichkeit schon voneinander verabschiedet haben: Erstens wird zwar von einer Weltgesellschaft mit sieben Milliarden Menschen gesprochen, aber de facto haben höchstens zwei Milliarden Zugang zu dieser Lebensqualität.

Zweitens erzielt die Realwirtschaft nur ein Viertel jener Umsätze, die der Finanzsektor erreicht. Das bedeutet, dass nur ein winziger Teil von Banken, Unternehmen und Netzwerken noch in der Lage ist, gewinnbringend am großen Spiel teilzunehmen. Und drittens leben zwar alle Nationen im 21. Jahrhundert, aber ihre kulturellen, religiösen, sozialen, politischen und ökonomischen Entwicklungsstufen sind teilweise Jahrhunderte voneinander entfernt. Insofern ist es eine lächerliche Illusion von einer souveränen Weltpolitik zu sprechen. Vor diesem Hintergrund unzähliger Unvereinbarkeiten wurde die Scheinheiligkeit zu einem Medium der Macht und der Ohnmacht.

Auch in der Politik nimmt das Phänomen „Scheinheiligkeit“ erkennbar zu. Ein gefährliches Unterfangen?

Es ist sicherlich gefährlich und furchteinflößend, wenn die von uns gewählten Repräsentanten die Wirklichkeit nur aus ihrer parteipolitischen Perspektive betrachten. Etwas augenzwinkernd wäre es ja auch nicht ratsam, wenn in der Bundesliga ein Vertreter der Heimmannschaft als Schiedsrichter auftreten würde. Wenn man Politik betreibt, um letztlich Wahlen zu gewinnen, kann man seine Aufgabe nicht mit der nötigen Distanz wahrnehmen. Das politische und kulturelle Management eines Landes muss sich als Vertretung aller verstehen. Wer nur Klientelpolitik betreibt, ist im letzten Jahrhundert stehen geblieben. Bei den vielen chaotischen und kernlosen Botschaften von Politikern aus allen Parteien scheint dies aber genau der Fall zu sein. Viele Vorkommnisse der letzten Monate dokumentieren eindeutig, dass die Scheinheiligkeit in der Politik zu Hause ist.

Wie erklären Sie sich das Phänomen, wenn sich Politiker, die eigentlich vom Volk beauftragt sind, in ihrem Denken, Handeln und in der Entscheidungshaltung extrem verselbständigen und vom eigentlichen Willen des Volkes abwenden?

Dies ist sicherlich keine vorsätzliche Abwendung. Vielmehr entspricht es einer strukturellen und psychologischen Überforderung. Der Raum um eigenständige Politik zu machen, ist sehr eng geworden. Schulden, Finanzkrisen, Währungsprobleme und das Schmieden politischer Allianzen sind ein ständiger Drahtseilakt. Da hat man Angst vor dem großen Wurf und sucht Sicherheit in Detailfragen. Da ist es nicht verwunderlich, dass man um den heißen Brei herumredet. Die Tragik liegt darin, dass die Politik den komplexen Verhältnissen hinterherhinkt ohne sie wirklich noch proaktiv gestalten zu können. Da ist das Verfolgen eigener Interessen zwangsläufig, fast wie ein Weg zur Selbstorientierung.

Sie plädieren dafür, sich wieder mehr dem gesunden Menschenverstand zuzuwenden. Quasi als Notwehr bzw. Waffe gegen die zunehmende Scheinheiligkeit?

Die systemische Scheinheiligkeit ist zurzeit die Antwort und der Ausdruck unserer Ohnmacht.  Niemand weiß genau wie diese globale und voneinander abhängige Welt richtig gestaltet werden soll.  In diesem geistigen Vakuum kann ein gesunder Menschenverstand erste Anhaltspunkte bieten. Demnach ist zum Beispiel jedem klar, dass ein bestimmtes Maß an Verschuldung zum Untergang führt. Dass auch starke Länder nicht alle Probleme der anderen schultern können. Dass jedes System, jede Kultur, jede Firma und jeder Mensch eigene Interesen verfolgt. Wenn wir allein diese drei allen verständlichen Einsichten mit der Wirklichkeit abgleichen, sehen wir sofort, wie weit wir von einem vernünftigen Weg abgekommen sind. Insofern kann ein gesunder Menschenverstand gerade jetzt als Kompass dienen. Aber auch hier ist zu berücksichtigen, den einen gesunden Menschenverstand gibt es nicht – das wäre ja diktatorisch. Wir müssen einen gemeinsamen gesunden Menschenverstand suchen, der ein Mindestmaß an Fairness für alle beinhaltet.

Die aktuelle Euro- bzw. Finanzkrise verursacht in der breiten Bevölkerung eine Ohnmacht, die bedenklich ist. Lassen sich auch hier die Problematiken relativieren, wenn bei jedem einzelnen Bürger der gesunde Menschenverstand deutlicher zum Zuge kommt?

Es ist eher die Ohnmacht der Mächtigen, die die Ohnmacht der Bürger hervorruft. Im alltäglichen Leben ist ein gesunder Menschenverstand ständig aktiv, ohne ihn könnten wir gar nicht überleben. Sehen Sie nur den Straßenverkehr: neben den Regeln ist es der Wille der Einzelnen sich einzufädeln, der das Ganze nicht zum vollkommenen Chaos führt. Als Bürger müssen wir von den Politikern und Konzernlenkern viel mehr Verantwortung fordern als Konzernzahlen, Krisenerläuterungen und scheinheiliges Palaver.

Um zu erfolgreichen Ergebnissen zu kommen, müsste der gesunde Menschenverstand vor allem auch bei den Politikern dominieren. Ist ein solches Zusammenspiel nicht fast aussichtslos angesichts der Abschottung, die Politik ja durchaus praktiziert?

Da gebe ich Ihnen vollkommen Recht. Mit der gegenwärtigen Geistesverfassung  werden die Probleme nur verschärft. Glauben wir Albert Einstein, der sagte, dass man mit der gleichen Art und Weise, mit der Probleme erzeugt wurden, sie nicht lösen kann.  Wir müssen uns verwandeln.

Wer Ihr Buch aufmerksam liest, der erfährt, dass Ihnen der Weg hin zur „Konkrethik“ sehr am Herzen liegt. Was ist im Wesentlichen darunter zu verstehen?

Dies ist meine Vorstellung eines Weges, der zur notwendigen Verwandlung führen könnte. Jahrtausendelang hat uns die Ethik wunderbare Ideale und Anregungen geschenkt. Aber jetzt haben wir keine Zeit mehr. Nun kommt es darauf, was wir konkret daraus machen. Das meine ich ganz skizzenhaft mit Konkrethik. Im Prinzip geht es um die praktische Aufrichtigkeit, mit bestem Gewissen etwas verantwortungsbewusst zu Ende zu bringen und umzusetzen. Konkrethik ist die Verantwortung für die Folgen des eigenen Handelns. Nicht mehr Versprechen und Ankündigungen sind gefragt, sondern definitive Ergebnisse. Wir haben erst dann gelernt, etwas richtig zu machen, wenn wir es richtig gemacht haben. In meinem Buch wird diese Idee anschaulich gemacht.

Sie sind Professor für Vergleichende Vermögenskultur und Vermögenspsychologie an der Sigmund Freud Universität in Wien und haben Millionäre bzw. Milliardäre interviewt. Welche Schlüsse konnten Sie daraus in Hinblick auf „Konkrethik“ bei sehr vermögenden Zeitgenossen ziehen?

Auch die allermeisten Vermögenden wissen, dass die wichtigsten Dinge im Leben mit Geld nicht zu bezahlen sind: Gesundheit, Liebe und Glück. Und ebenso wird den Meisten immer bewusster, dass eine Welt mit einer Handvoll Privilegierter und einem Heer Chancenloser absolut kein Zukunftsmodell sein kann. Insofern ist die Konkrethik ein Modell für alle Menschen, alle Milieus und auch für alle Kulturen.

Wir möchten die Publikation „Krieg der Scheinheiligkeit“ ausdrücklich empfehlen. Fehlentwicklungen und Probleme der Zeit werden schonungslos angesprochen und  durchweg authentisch kommentiert. Darüber hinaus wird der Leser stark einbezogen und aufgefordert, sich in die Denkprozesse einzuklinken. Ein Buch mit sehr viel Mehrwert und gekonnt geschrieben.  Was wünschen Sie sich persönlich im Sinne eines Effekts der Nachhaltigkeit Ihrer Publikation?

Vielen Dank für Ihre Einschätzung und Ihr Kompliment. Nach ebenso ermutigenden Reaktionen von Lesern habe ich die stille Hoffnung, dass es in so viele Hände und Köpfe gerät wie nur möglich. Damit meine ich weder Interessen am Marketing noch an der Person des Autors, sondern an der Chance, dass sich jeder Leser seines eigenen gesunden Menschenverstandes vergewissern kann.

 
Krieg der Scheinheiligkeit

BUCHEMPFEHLUNG:

Krieg der Scheinheiligkeit
Autor: Thomas Druyen

MAXLIN Verlag 288 Seiten

ISBN: 978-3981414141
Preis: 24,90 Euro
Fotos Th. Druyen: Markus Feger
Buchcover: MAXLIN Verlag



Ein Kommentar zu "„Krieg der Scheinheiligkeit“ – Im Gespräch mit Prof. Dr. Thomas Druyen"

  1. Hans von Atzigen 5. Mai 2015 at 11:06

    Zweifelsfrei ein sehr empfehlenswerter Titel für Junge wissbegierige.
    Ältere die sich ein leben lang um gesunden
    Menschenverstand bemüht haben bietet sich da kaum
    etwas neues.
    Dem Rest ist ohne hin nicht mehr zu helfen.

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