Marlen Albertini / 13. September 2012 / 1 Kommentar


„Die Patin“ von Gertrud Höhler – Jenseits einer Schmachschrift

Das Corpus Delicti wiegt 296 Buchseiten schwer. Die gigantische, tiefschwarze Silhouette auf dem Cover signalisiert schwere Kost, noch bevor die erste Seite aufgeschlagen wird. Was folgt, ist eine im wahren Wortsinn messerscharfe Analyse, die unsere Bundeskanzlerin trifft.

Foto: Cover Archiv SPREEZ.

Foto: Cover Archiv SPREEZ.

Gertrud Höhler, Politikberaterin und Autorin der Publikation: „Die Patin – Wie Angela Merkel Deutschland umbaut“ informiert, irritiert und fordert die Leser mit ihren Ausführungen zum politischem Tun und Lassen der Kanzlerin gnadenlos heraus. Zustimmung oder schroffe Ablehnung – dazwischen bleibt kaum Raum. Die Mehrzahl der Medien hat Ablehnung praktiziert. Schäumend vor Wut lieferten unzählige Redakteure renommierter Blätter den gnadenlosen Zerriss, als es das Buch in Gänze noch gar nicht zu lesen gab.

Es darf analysiert werden

„Die Patin“ zählt zweifelfrei zu den spektakulärsten Bucherscheinungen in diesem Herbst. Unter den vielen Selbstinszenierungen, biografischen Einlassungen und publizistisch aufgearbeiteten Eitelkeiten, die uns in dieser Buchsaison entgegenfluten, mutet Höhlers Versuch, die Kanzlerin kritisch zu beleuchten, wie ein Fremdling – beinahe sogar wie ein Feindling an. Darf eine Kanzlerpersönlichkeit öffentlich derart kritisiert, analytisch herausgearbeitet, bewertet und beurteilt werden?

Die Frage ist leicht zu beantworten: Es darf! Persönlichkeiten in hochrangigen Positionen müssen sich Beurteilungen gefallen lassen und sich damit konstruktiv auseinandersetzen. Dass die Zielpersonen verständlicherweise Lobhudeleien mit weitaus größerer Genugtuung und stets dankend zur Kenntnis nehmen, ist verständlich, kann aber nicht immer bedient werden. In unserer konsensgelenkten Gesellschaft wird Kritik nicht als Positivum anerkannt. Das macht die Schleimspuren so breit, die besonders wichtige Persönlichkeiten begleiten. Dabei ist Kritik nichts anderes als eine Beurteilung der Handlungsweise anhand von Maßstäben. Davon macht Gertrud Höhler zielgerichtet Gebrauch.

Merkels Weg und Aufstieg im Visier

„Ich glaube nicht, dass ich unter den Verhältnissen des Westens Politikerin geworden wäre“ äußerte Merkel im Jahr 2009. So jedenfalls steht es im Buch gleich zu Beginn auf Seite 13. Diese Aussage allein rechtefertigt die Publikation. Immerhin ist Merkel unter den Verhältnissen des Westens nicht nur Politikerin sondern gleich auch noch Kanzlerin geworden. Ihr Satz stimmt ein auf das, was unter Merkel kam und nun im Buch sachlich, jedoch nicht zimperlich aufgearbeitet wird.

Ein Blatt nimmt die Autorin dabei nicht vor den Mund. Sie schreibt, was sie glaubt, mitteilen zu müssen. Das ist legitim. Es gibt kein Beispiel, das denunzierenden Charakter trägt, wie es die Presse unaufhörlich suggeriert. In unseren zutiefst westlich geprägten Gefilden wird Kritik außerhalb der Schleimspuren nicht nach den Befindlichkeiten der Adressaten ausformuliert – weder der Politik noch der Presse zuliebe. Authentizität wird bedient, nicht etwa harter Tobak. Seite für Seite beschreibt die Autorin Merkels Weg im Zeichen des Wandels und persönlichen Aufstiegs und begleitet ihn mit hellwach kritischem Sachverstand.

Demokratie-Defizite beim Namen benannt

Ihr zentrales Anliegen offenbart sich am ehesten in der Beschreibung von Demokratie-Defiziten, die sie beispielhaft aufführt. Angesichts der Tatsache, dass niemals zuvor in der Geschichte der Republik das Bundesverfassungsgericht so häufig bemüht werden musste, ist auch dies legitim. Anlässlich des aktuellen ESM – Urteils titelte der SPIEGEL aktuell: „“Karlsruhe beflügelt Merkel“. Richtig ist: Karlsruhe beflügelt einmal mehr die Demokratie und zwar durch folgenschwere Auflagen. Damit rückte das Gericht die Demokratie durch eine erneut angemahnte Stärkung des Parlaments zurück ins Gleichgewicht. Höhler beleuchtet Ursachen solcher schieflagiger, politischer Weichenstellungen und kommt zu zugegebenermaßen wenig schmeichelhaften Ausführungen:

„Der mangelnde Sachverstand, den er (George Soros, US-amerikanischer Finanzexperte / Anm. der Red.) und andere Experten bei der Kanzlerin diagnostizieren, bliebe der für Politiker erlaubte Normalfall. Gefährlich wird die Mischung mit der Arroganz der Macht. Anmaßung bei mangelnder Expertise: eine explosive Mischung, wenn es um die Zukunft eine ganzen Staates geht.“

Ohne öffentlichen Diskurs geht es nicht

Harte Worte fürwahr. Allerdings aus dem Mund einer Expertin, die schon so manche politische Dissonanz herausfilterte, wenn andere noch gar nicht bemerkten, dass es überhaupt eine gab. Wer will zudem die Abstrusität, so mancher Abläufe leugnen? Spätestens seit Norbert Röttgens (CDU) Rauswurf aus Amt und Ehren in atmosphärischer Eiseskälte werden die ansonsten eher „lautlosen Sprengungen“ offensichtlich, die Gertrud Höhler beschreibt und auch die Konsensgesellschaft alarmieren sollte. Ein Politiker mit Kanzlerpotenzial, entsorgt ohne jegliche plausible Erklärung. Damit wurde sowohl Röttgen als auch das Volk verdienter Chancen beraubt.

„Die Patin“ ist keine Schmachschrift sondern ein Angebot an die Gesellschaft, sich mit Sachverhalten und Blickwinkeln auseinander zu setzten. „Das Lautlose ist dann gefährlich, wenn es wichtige Absprachen ohne öffentlichen Diskurs, also undercover, abräumt: Der Diskurs wird ja vermieden, weil er Gegenstimmen brächte. Von denen lebt die Demokratie“, äußert Gertrud Höhler und fordert mit ihrem Buch auf, wach, kritisch und aufmerksam zu bleiben. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Es geht um unser aller Land. Die Macht einer Kanzlerschaft ist eine Leihgabe auf Zeit unter der Bürgschaft der Wähler. Insofern liegt nicht nur der Wille, sondern auch die Verantwortung für das, was geschieht, letztlich stets beim Volk.

Die Patin: Wie Angela Merkel Deutschland umbaut
Autorin Gertrud Höhler
Gebundene Ausgabe: 296 Seiten
Verlag: Orell Füssli (August 2012)
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 328005480X



Ein Kommentar zu "„Die Patin“ von Gertrud Höhler – Jenseits einer Schmachschrift"

  1. Dieter Poitevin 15. September 2012 at 09:11

    …danke, Frau Pidun, für diese sachliche Rezension. Ich habe das Buch auch gelesen und bin Frau Höhler dafür dankbar: Sie ist eine der Wenigen in diesem Lande, die sich darum bemühen, Merkel mit Kenntnis- und Faktenreichtum die Maske vom Gesicht zu reissen. Das „Wirken“ Merkels wird immer mehr zur Belastung Deutschlands, seiner demokratischen Strukturen und damit seiner Bevölkerung. Leider tut das BVG im Moment noch zu wenig dagegen…

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