Ursula Pidun / 26. Oktober 2011 /


Interview mit Prof. Dr. Uwe Kamenz: „Jedes Plagiat wird auffliegen“

Kann eine systemische Reihenuntersuchung von Dissertationen relevanter Persönlichkeiten weiteren Spekulationen den Nährboden nehmen und Klarheit schaffen? Prof. Dr. Uwe Kamenz zeigt sich überzeugt: "Jedes Plagiat wird in der Zukunft noch nachträglich auffliegen."

Prof. Dr. Uwe Kamenz von der FH-Dortmund hat ein ambitioniertes Ziel, mit dem er in diesen Tagen Schlagzeilen macht. Er möchte mehr als 1000 Dissertationen hochrangiger Politiker unter die Lupe nehmen und auf mögliche Plagiatshinweise untersuchen. Dabei steht ihm nicht nur ein professionelles Team zur Seite sondern auch ein hochmoderner Fujitsu Scanner f-6800. Mit dem Aufdecken von Plagiaten soll nach den unsäglichen Plagiats-Affären in der Vergangenheit der Ruf der Wissenschaft gestärkt werden.

Auf Plagiats-Suche ist Professor Kamenz allerdings schon seit fünf Jahren. Solange besteht bereits die Plattform Profnet.de, ein Internet-Netzwerk von Professoren unterschiedlicher Fachrichtungen. Seit Guttenberg, Koch-Mehrin und anderen sind Interesse und Druck aus der Öffentlichkeit deutlich gestiegen. Kann eine systemische Reihenuntersuchung von Dissertationen relevanter Persönlichkeiten weiteren Spekulationen den Nährboden nehmen und Klarheit schaffen? Noch stößt das Projekt auf wenig Gegenliebe seitens der Politik und den Parteien. Doch Professor Kamenz zeigt sich überzeugt: „Jedes Plagiat wird in der Zukunft noch nachträglich auffliegen.“ SPREEZEITUNG Berlin fragt nach.

Foto: Prof. Dr. U. Kamenz

Foto: Prof. Dr. U. Kamenz

Herr Prof. Kamenz, etwa 1000 Dissertationen hochrangiger Politiker und Minister auf mögliche Plagiate zu durchforsten, das ist ein ambitioniertes Vorhaben. Wie kann das effizient vonstattengehen?

Mit Hilfe der Internetnutzer. Die werden uns bei der Identifizierung und Beschaffung der Dissertationen helfen, sollten wir die Dissertationen nicht von den Politikern oder über Fernleihe bekommen. Und ich bin mir auch sicher, dass wir gemeinsam die durch das händische Einscannen entstehenden Kosten von 10 € pro Dissertation aufbringen werden.

Was geschieht, wenn der Scanner anschlägt und es erste Anzeichen für Plagiate gibt?

Der Scanner behandelt alle Seiten gleich und speichert die Seiten als Grafiken ab. Dann macht eine Texterkennungssoftware daraus einen Text. Für diesen suchen wir im Internet und in unserem Archiv nach Plagiatsindizien. Diese stellen wir in einem Report für den Prüfer einfach dar, so dass dieser dann entscheiden kann, wie er weiter vorgeht. Wir suchen also mit Software nach Plagiatsindizien, die eigentliche Entscheidung über ein Plagiat trifft immer der Fachmann.

Sie berichten, dass ihre Anfragen bezüglich der Zusendung von Promotionsarbeiten der jeweiligen Politiker nur schleppend vorangehen. Wie lässt sich das erklären? Wer nicht plagiiert, der hat auch nichts zu befürchten.

Die Politiker haben viele Anfragen bekommen, so dass Sie verständlicher Weise etwas zurückhaltend sind. Sobald wir ein auf wissenschaftlicher Basis erstelltes und durch die Medien verbreitetes Ranking über die gefundenen Plagiatsindizien veröffentlicht haben, wird sich die Teilnahme der Politiker ändern. Allerdings nur 9 der 70 antwortenden Politiker haben bisher ihre Publikationsfreigabe gegeben. Warum erlaubt z.B. Frau Merkel nicht die Online-Publikation ihrer Dissertation? Dann könnte sich jeder Bürger ein eigenes Bild über die erbrachte Leistung machen.

Hat Sie die diesbezügliche mangelnde Bereitschaft der Politiker zur Mitarbeit überrascht? 

Grundsätzlich nicht. Das Thema Plagiate wird von den Politikern immer noch passiv und defensiv bearbeitet. Man glaubt uns auch noch nicht, dass wir die 90 Prozent guten Arbeiten präsentieren wollen.

Fujistu-Scanner und Profnet.deGibt es schon Funde, die Sie überraschen? Auch hinsichtlich der Personen, die hinter den Dissertationen stehen? 

Wir sind keine Plagiatsjäger, sondern analysieren alle ca. 1.000 Arbeiten mit den gleichen Kriterien. Erst wenn wir 100 Politiker-Dissertationen haben, werden wir ein erstes Ranking der Politiker bezüglich der gefundenen Indizien auf Plagiate publizieren. Die dann in dieser Liste oben stehenden Politikerarbeiten werden wir verschiedenen Professoren aus dem jeweiligen Fachgebiet zur genauen Plagiatsüberprüfung empfehlen. Wir suchen die Indizien, Fachleute begutachten dies bezüglich Plagiat.

Könnte der eine oder andere Plagiator seine Dissertation noch schnell vernichten, bevor sie in das Blickfeld Ihres Instituts und des unbestechlichen Scanners kommt? Oder ist das völlig aussichtslos? 

Jeder jemals publizierter Text und wahrscheinlich sogar alle in den Kellern der Hochschulen verschimmelnden Prüfungsarbeiten werden irgendwann digitalisiert, so dass jedes Plagiat oder andere Schummeleien in der Zukunft noch nachträglich auffliegen werden. Somit kann sich der Mogelant nur durch physikalische Vernichtung aller gedruckten Exemplare schützen. Ich lasse mich überraschen, ob die Zahl der Buchdiebstähle in Bibliotheken zunehmen wird.

Die Vorfälle der Vergangenheit vermitteln den Bürgern nicht unbedingt Reue und Einsicht des jeweiligen Plagiators. Was könnten für Gedanken dahinter stecken, wenn jene, die plagiieren, ihr Verhalten scheinbar als Kavaliersdelikt abtun? Es geht um Betrug, oder nicht?

Das Internet hat den Zugang zu Informationen verändert. Copy-and-paste ist ein normaler Vorgang geworden und fängt in der Schule an und hört in den Unternehmen nicht auf. Und in der Bachelor-Thesis oder Dissertation soll dann der Prüfling plötzlich damit anfangen, ein uraltes Zitierungs- und Formulierungsritual zu nutzen. Und da immer noch nur ein geringes Risiko der Aufdeckung besteht, warum sollte man es dann nicht machen? Und ist es denn Betrug, wenn es alle machen und sogar die „betrogenen“ Prüfer alle davon wissen und nichts dagegen unternehmen? – Natürlich, denn die ehrlichen Prüflinge, die Doktoranden die über Jahre selber die Texte geschrieben haben und dafür auch noch nicht mal bessere Noten als die Plagiatoren bekommen, die werden betrogen.

Wie groß ist der Schaden für die Wissenschaft, der durch die Plagiatsaffären entsteht und glauben Sie, dass der klassische Plagiator Überlegungen hierzu überhaupt anstellt? 

Der Plagiator denkt sicher nicht an die Wissenschaft, sondern nur an seine eigene Produktivität, also mit möglichst geringem Aufwand die bestmögliche Note zu erhalten. Die Hochschulen und auch die verantwortlichen Wissenschaftsminister sehen bis heute in den Plagiaten keinen Schaden für die Wissenschaft, sondern nur in der hochschulinternen oder öffentliche Diskussion darüber. Deshalb wird auch weiterhin nicht flächendeckend nach Plagiaten gesucht, sondern lieber auf die Verflüchtigung des Themas gehofft.

Eliten sollten Vorbilder sein. Wer sich einen Titel auf diese Weise erschleicht, ist als Politiker untragbar? Oder sollten wir solche Vergehen eher etwas entspannter sehen?

Ein Politiker ist ein Mensch wie jeder andere auch. Er plagiiert auch nicht mehr als andere. Und wenn er zu seinem Fehlverhalten steht, kann und muss der Wähler darüber entscheiden, ob er Politiker bleiben darf oder nicht. Er hat dann gute Chancen.

Anders ist es wenn er ein herausgehobenes Amt bekleidet. Frau Koch-Mehrin wollte trotz Entzug des Doktortitels in den Forschungsausschuss der EU. Herr Althusmann redet als Vorsitzender der Kultusministerkonferenz und „Vorbild“ aller Schüler in Deutschland von handwerklichen Fehlern in seiner Dissertation. Dieses Verhalten eines Politikers finde ich persönlich noch sehr viel schlimmer als Mogeleien in Prüfungsarbeiten, denn mit welchem Recht kann Herr Althusmann in Niedersachsen dann noch einen Schüler durchfallen lassen? Auch die machen immer nur „handwerkliche“ Fehler.

Das Interview führte Ursula Pidun
Foto: Prof. U. Kamenz