Ursula Pidun / 24. August 2012 /


„Die Enteignung findet bereits statt“

Laut Einschätzung von Experten haben wir es in der Euro-Schuldenkrise mit einer "Finanziellen Repression" zu tun. Inwieweit lässt sich angesichts der Niedrigzinspolitik bereits von einer Enteignung sprechen? Wir haben nachgefragt. Im Gespräch mit Dr. Alexander Krüger, Chefvolkswirt im Bankhaus Lampe.

Die Euro-Krise zeigt sich noch immer von der scheinbar unlösbaren Seite. Während Rufe nach immer höheren Steuerlasten lauter werden, bangen Sparer weiter um ihr Vermögen. Sind die Sorgen berechtigt und steckt dahinter möglicherweise sogar politisches Kalkül? Wir haben nachgefragt. Im Gespräch mit Dr. Alexander Krüger, Chefvolkswirt Bankhaus Lampe.

Fotorechte: A. Krüger / Bankhaus-Lampe

Fotorechte: A. Krüger / Bankhaus-Lampe

Herr Dr. Krüger, folgt man der Einschätzung von Experten, so haben wir es angesichts der Krise mit einer „Finanziellen Repression“ zu tun. Was bedeutet das für die Sparer?

Das wesentliche Merkmal der Finanziellen Repression sind künstlich niedrig gehaltene Refinanzierungszinsen für Staaten. Idealerweise liegt der Zinssatz unter der Inflationsrate. Diese entwertet die Zinsbelastung und einen Teil der vorhandenen Staatsschulden. Für Sparguthaben bedeutet dies, dass neben der Zinsgutschrift ein Teil des vorhandenen Vermögens durch Inflation „aufgefressen“ wird.

Niedrige Zinsen und inflationäre Tendenzen sind Gift für das Sparbuch. Lässt sich angesichts der Niedrigzinspolitik schon von einer Enteignung der Sparer sprechen?

Die Enteignung findet in Deutschland bereits statt. Ursache der Niedrigzinsen ist neben der EZB-Leitzinspolitik, dass Bundesanleihen bei Investoren als sicher gelten. Sie werden stark nachgefragt, weil in Staatsanleihen anderer EWU-Länder aufgrund der dortigen Verschuldungssituation kaum investiert wird. In Italien, Portugal und Spanien sind die Realzinsen daher noch positiv.

Es steht der Verdacht im Raum, verschuldete Staaten würden versuchen, sich auf Kosten der Sparer zu sanieren. Was sagen Sie dazu?

Die Finanzielle Repression ist, neben langwieriger Haushaltskonsolidierung und Strukturreformen, ein Konzept, das den Druck im Staatsschuldenkessel bereits unmittelbar senkt. Dies reduziert das Risiko eines Schuldenschnitts oder Staatsbankrotts. Die Vernichtung von Geldvermögen ist da eine Nebenwirkung.

Sie sprachen im Nachrichtenmagazin WELT-Online sogar von einer möglichen „Verschwörung„. Wie müssen wir uns das vorstellen?

Der Begriff „Verschwörung“ ist hier nicht als bewusster politischer Komplott gegen den Sparer zu verstehen. Vielmehr geht es darum, die Staatsschuldenkrise mit den verfügbaren Instrumentarien zu bekämpfen. Und dazu zählt auch das Konzept der Finanziellen Repression mit all seinen Nebenwirkungen. Ungelegen kommt der Politik das Konzept aber sicherlich nicht, da es, anders als andere Maßnahmen zum Schuldenabbau, geräuschlos abläuft.

Die Sparvermögen verlieren schon jetzt Jahr für Jahr an Wert. Wenn offensichtlich eine Umverteilung der Einkommen über sehr niedrige Zinsen stattfindet, was bleibt Sparern an Alternativen, wenn sie weiterhin möglichst risikofrei anlegen möchten?

Sparer müssen sich entscheiden: Wer sein Risiko auch in Zeiten Finanzieller Repression gering halten möchte, muss niedrigere nominale Erträgen bzw. einen Vermögensverlust akzeptieren. Höhere Erträge lassen sich nur mit einem höheren Risiko erwirtschaften. Inwieweit das klassische Sparen hier zum Auslaufmodell wird, liegt also an den Sparern selbst.

Hat sich seit der Krise die Rolle der Zentralbank verändert und befürworten Sie diese Entwicklung?

Die EZB hat keine andere Wahl, als das System zu stützen, da es sonst sofort kollabieren würde. Hier ist sie bislang sehr besonnen vorgegangen und hat für Finanzmarktstabilität gesorgt. Das wird sie auch künftig tun. Die EZB kann aber lediglich Zeit kaufen. Lösen muss die Krise die Politik, sie ist der Krisenverursacher.

Die Bevölkerung sieht das Anwerfen der Notenpresse als kritisch an. Zu Recht?

Die Inflationsgefahr steigt dadurch sicherlich. Allerdings sehe ich diese Gefahr erst für die Zeit ab 2014/15. Eine etwas höhere Inflationsrate ist in einer Phase der Finanziellen Repression aber willkommen, da sie den Realzins weiter senkt. Hinsichtlich der Notenpresse bzw. der EZB-Staatsanleihekäufe mache ich mir mehr Sorgen dahingehend, dass diese künftig zwar an Auflagen gebunden sein werden, letztere aber nicht immer eingehalten werden müssen. Da es keine echten Sanktionen gibt, wäre es besser, wenn Krisenländer Sicherheiten in Form von Gold- und Devisenreserven bei der EZB hinterlegen müssten. Dies würde den Reformdruck dauerhaft aufrechterhalten und im Ernstfall den Steuerzahler im europäischen Ausland entschädigen.

Welche Maßnahmen können in der Finanziellen Repression noch ergriffen werden?

Neben der Notenbank kommt der Finanzaufsicht eine zentrale Bedeutung zu. Sie kann Anlagevorschriften ändern mit dem Ziel, Staatsanleihe-Investoren (u. a. Banken und Versicherungen) zu Käufen bestimmter Staatsanleihe zu verpflichten. Außerdem sind Sondersteuern auf alternative Anlagen (z. B. Aktien, Immobilien), Zwangsanleihen (für Institutionelle Investoren und hohe Privatvermögen) und Kaufverbote (z. B. für Edelmetalle) denkbar. Die Spitze der Repressionsmaßnahmen ist sicherlich die Beschränkung der Kapitalmobilität. Grundsätzlich gilt: Es hilft alles, was den Zinssatz nach unten drückt bzw. ihn niedrig hält.

Wie schätzen Sie die politische Krisenbewältigungsstrategie ein und lässt sich Ihrerseits daraus eine Prognose eruieren?

Die Politik muss und wird weiter auf die Konsolidierung der Staatshaushalte und auf Strukturreformen ausgerichtet bleiben. Gerade bei den Staatsfinanzen gibt es in allen Ländern bereits Fortschritte, das Reformtempo könnte hingegen höher sein. Eines wird in jedem Fall gefragt bleiben: Geduld! Nachhaltige Ergebnisse können bis jetzt gar nicht vorliegen. Dazu fehlt, auch in Deutschland, der politische Wille, die Bevölkerung angesichts hoher Staatsschulden und einer alternden Bevölkerung auf einen niedrigeren Lebensstandard vorzubereiten. Alles in allem wird uns die Krise daher noch einige Jahre beschäftigen.

Das Interview führte Ursula Pidun
Fotorechte: A. Krüger / Bankhaus-Lampe



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