Dr. Alexander Krüger / 8. Juni 2017 / Keine Kommentare


EZB sagt niedrigeren Leitzinsen adieu

Seit heute sieht der EZB-Rat keine konjunkturellen Abwärtsrisiken mehr. Zudem ist die Möglichkeit niedrigerer Leitzinsen im geldpolitischen Ausblick nicht mehr enthalten. Unseres Erachtens bereitet die EZB damit vor, im September sinkende Wertpapierkäufe für Januar 2018 anzukündigen. Eine Kommentierung von Dr. Alexander Krüger.

EZB

Die EZB signalisiert vorsichtig ein Ende der niedrigen Leitzinspolitik
(Foto: ECB European Central Bank)

Die EZB hat sich auf ihrer Ratssitzung heute geldpolitisch nicht, rhetorisch allerdings kräftig bewegt. Dies betrifft ihre Wachstumsprojektion. Die Notenbank hob diese für 2017/18/19 um je einen Zehntelprozentpunkt auf 1,9, 1,8 bzw. 1,7 % an. Für ihren wachstumsfreundlichen Ausblick sieht sie die Risiken überdies erstmals seit Langem nicht mehr als abwärts gerichtet, sondern als „ausgeglichen“ an. Deutlich nahm die EZB ihre Inflationsprojektion zurück: Für 2017 von 1,7 auf 1,5 %, für 2018 von 1,6 auf 1,3 % und für 2019 von 1,7 auf 1,6 %. Die Unsicherheit über den Inflationsausblick habe sich verringert, so EZB-Präsident Mario Draghi auf der Pressekonferenz.

Erheblichee Grad an geldpolitischer Akkomodierung

Auch ihre Forward Guidance hat die EZB angepasst. Dort erwartet sie nun nicht mehr, dass die Leitzinsen noch sinken können. Vielmehr geht sie davon aus, dass die Leitzinsen „für längere Zeit und weit über den Zeithorizont des Nettoerwerbs von Vermögenswerten hinaus auf ihrem aktuellen Niveau bleiben werden“. Damit bestehen nun noch folgende zentrale Vorgaben: Erstens sind Leitzinserhöhungen nicht vorgesehen. Zweitens wird beabsichtigt, die Leitzinsen nicht vor Beendigung des Wertpapierkaufprogramms zu erhöhen. Und drittens können die Wertpapierkäufe bei Bedarf ausgeweitet werden. Aus ihren einleitenden Bemerkungen geht hervor, dass die EZB weiter einen erheblichen Grad an geldpolitischer Akkomodierung für erforderlich hält, damit die Kerninflation steigernd auf die Gesamtinflationsrate wirkt.

Geldpolitischer Ausblick

Die Änderung des geldpolitischen Ausblick war unseres Erachtens überfällig. Dass dies bereits heute erfolgen würde, war allerdings unsicher. Aufgrund des überaus freundlichen Wachstumsausblicks der EZB und der erfolgten Korrektur der Inflationsentwicklung in den vergangenen Monaten ist dies aus unserer Sicht jedoch angemessen. Anderenfalls hätte sich die EZB fragen lassen müssen, welch günstiger Bedingungen es noch bedarf, um die Option sinkender Leitzinsen fallen zu lassen.

Laut Draghi hat der EZB-Rat heute nicht über ein Tapering und die Drosselung der Wertpapierkäufe gesprochen. Wir erwarten, dass dies in Kürze nachgeholt wird: Die Käufe sind bis Ende 2017 vorgesehen, ein abruptes Ende hatte die Notenbank bisher ausgeschlossen. Auf Basis der heutigen Entwicklung erwarten wir daher, dass sie im September ankündigen wird, das Kaufvolumen ab Januar um 20 Mrd. € zu senken. Der Ausstieg aus den Wertpapierkäufen dürfte sich bis Ende 2018 ziehen.

  • Verweis:
    Interview mit Dr. Alexander Krüger, Bankhaus Lampe:
    Die Enteignung findet bereits statt
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