Christoph Quarch / 18. Januar 2017 / Keine Kommentare


Der Pippi-Kult und die postfaktische Welt

„Ich mach mir die Welt, wie sie mir gefällt.“ Pippi Langstrumpf ist Kult und ihr kesses Mantra ist für viele Menschen zum persönlichen Lebensmotto geworden. Doch was bedeutet es, wenn man diese Art von ichbezogener Selbstverwirklichung zum Ideal verklärt und die Welt als persönliche Villa Kunterbunt, als Spielplatz des eigenen Egos, wahrnimmt? Ein Essay von Christoph Quarch.

Der Pipi-Kult spiegelt ein flaches Freiheitsverständnis und eine postfaktische Sichtweiseauf die Welt wider. (Foto: olgaaltunina / Clipdealer.de)

Sie kennen doch die Pippi Langstrumpf, oder? Rote Zöpfe, Sommersprossen, rot-weiß gestreifte Ringelsocken, circa 12 Jahre, wohnhaft in der Villa Kunterbunt; auffällig durch ein gerütteltes Maß an Selbstbewusstsein und Chuzpe; meistens in Begleitung zweier Tiere und zweier Menschenkinder namens Tom und Anika. Sie kennen sie und fragen sich, wieso Sie sich hier mit ihr befassen sollen? Ganz einfach: Weil Pippi Langstrumpf beste Chance hat, zur Kultfigur des Jahres zu werden.

Tatsächlich sehen immer mehr Menschen – Frauen vornehmlich – in Pippi ihr Idol. Frauenzeitschriften feiern die „Pippi-Langstrumpf“-Strategie und erklären ihren Leserinnen, wie sie endlich Glück und Erfüllung finden: indem sie Pippis Mantra folgen, das da lautet: „Ich mach mir die Welt, widewide wie sie mir gefällt“. Nachdem erst das Selbstbild zum Selfie wurde, kommt nun auch das Weltbild an die Reihe. Egal ob mein Leben oder die Welt – ich mach’s mir selbst. Also sprach die Zeitgeistin.

„Jetzt bist du dran“

Sich das Leben nach dem eigenen Gusto einrichten: Die Pippi-Strategie findet Beifall in einer Szene, die seit Jahren schon das Ego pimpert. Autoren wie Veit Lindau oder Robert Betz erreichen Bestseller-Auflagen mit Titeln wie „Heirate dich selbst“ oder „Dein Weg zur Selbstliebe“. Der Cantus Firmus dieser Evangelisten des Ego ist stets derselbe: „Jetzt bist du dran!“; „Gönn dir was!“; „Sieh zu, dass du nicht zu kurz kommst!“ Und die Leserinnenschaft setzt die Maximen eifrig um.

Bei der Pippi-Strategie kommt nun aber eine Komponente zur Geltung, die in der Flut der Selbstliebe-Ratgeber wohl angelegt war, tatsächlich aber erst bei den Pippi-Fans zum vollen Durchbruch kommt: die Postfaktizität. „Postfaktisch“, so viel am Rande, wurde wohl nicht zufällig gerade erst zum Wort des Jahres 2016 gekürt. Was sagt das Wort? Postfaktisch ist, wer sich nicht so sehr dafür interessiert, was tatsächlich – faktisch – in der Welt geschieht, sondern lediglich dafür, wie es sich anfühlt oder wahrgenommen wird. Das heißt: Postfaktisch ist, wer beim Wetterbericht nicht die gemessene, sondern nur die gefühlte Temperatur anschaut. Postfaktisch ist auch, mit Pippi die faktische Welt auszublenden und sich die stattdessen eine eigene Welt zu machen – ganz so, wie es gefällt.

Die Welt als Villa Kunterbunt

Ja, ist denn irgendetwas schlecht daran? Was ist denn schon dabei, wenn ein junges Ding sich die Welt zu ihrem Spielplatz macht? Ist es nicht vielmehr großartig, sich eine Villa Kunterbunt zu schaffen, in der man völlig frei und ungezwungen seine Spiele spielen kann. Ist es nicht gerade eine Feier höchster Freiheit. Ganz im Sinne von Pippis Schöpferin, der großen Astrid Lindgren, die sagte: „Freiheit bedeutet, dass man nicht unbedingt alles genauso machen muss, wie andere Leute.“ So gesehen wäre doch das Pippi-Spiel der Inbegriff der Freiheit. Und der unlängst auf einer Frauenzeitschrift abgedruckte Titel: „Ich mach mir mein Leben, wie es mir gefällt“, wäre die Formel, wie man dorthin kommt.

So mag es scheinen, aber so ist es nicht. Gewiss, beim Spielen sind wir Menschen frei und es ist eine großartige Sache, wenn Menschen, auch Erwachsene, in Spielwelten eintauchen. Aber das eigene Leben zur Villa Kunterbunt zu machen und die Erfüllung darin suchen, sich voll und ganz auszuspielen – das wird schnell zum falschen Spiel, das am Ende des Tages nur Unglück und Leid in die Welt trägt.

Das wird einem klar, sobald man sich die Mühe macht, genauer hinzuschauen und die Frage aufzuwerfen, was es denn mit dem Spielen eigentlich auf sich hat. Dann wird man rasch erkennen, dass Spiele uns nur dann gut tun, wenn sie ein paar wichtige Voraussetzungen erfüllen. Die erste Voraussetzung ist, dass Spiele einen klar umrissenen Spielplatz, ein Spielfeld und eine Spielzeit brauchen. Denn ein Spiel funktioniert nur dann, wenn klar ist, dass es jenseits des Spiels noch eine andere, eine Nicht-Spielwelt gibt, die vom eigenen Spiel völlig unbeeinflusst bleibt. Man kann gewiss die Villa Kunterbunt zu seiner Spiel-Welt machen – aber man kann nicht die Welt zu seiner Villa Kunterbunt machen. Auch nicht sein Leben, es sei denn, dass die Villa Kunterbunt eine Einsiedelei ist, aus der man nie heraustritt.

Falsches Spiel

Sowenig man die Welt ungefragt zu seinem Spielplatz machen kann, sowenig auch die anderen Menschen. Man spielt nur dann wirklich, wenn man weiß, dass diejenigen, die jenseits des Spielfeldes leben, keine Mitspieler sind und auch nicht willkürlich ins Spiel einbezogen werden können. Tut man es trotzdem, missbraucht man sie. Dann spielt man mit ihnen auf faule Weise, nämlich ohne sie zu Mitspielern zu machen. Mitspieler sind sie nur, wenn sie aus freien Stücken mit im Spiel sind.

Das aber setzt voraus, dass sie die Regeln teilen. Wenn ich anderen meine eigenen Regeln überbrate, spiele ich nicht mit ihnen, sondern beherrsche sie. Genau dies tut Pippi Langstrumpf, wenn auch auf charmante Weise, findet sie doch in ihren Spielkameraden Tom und Anika willfährige Mitspieler, die sich bedingungslos ihrem Regelwerk unterwerfen. Andere, die sich wie die Bruselise versehentlich in ihre Spielwelt verirren, haben schwer zu leiden.
Das muss zu denken geben. Wenn die heutigen Pippi- Fans ihr Leben so machen wollen, wie es ihnen gefällt, dann gibt es nur zwei Möglichkeiten: Entweder, sie schaffen sich ihre eigene wohldefinierte und klar von der Außenwelt abgegrenzte Spielwelt, zu der nur sie oder einige wenige andere Zutritt haben – oder sie weiten ihre Spielzone gewaltsam aus und zwingen den anderen ihre Regeln auf, was aber nur so lange gut, wie die anderen mitspielen. So oder so steht am Ende des großen Pippi-Spiels meist nicht die große Freiheit, sondern die große Einsamkeit. So, wie es Udo Jürgens einst besang: „Du bist frei – endlich frei, aber du bist nicht befreit, du bist nur verdammt in alle Einsamkeit.“

Die vermeintliche Freiheit der Pippi Langstrumpf erweist sich mithin als ein falsches Spiel: als postfaktisches Refugium für diejenigen, die sich nicht länger dem Spiel des faktischen Lebens und seinen Regeln unterwerfen wollen; die sich von einem flachen Freiheitsverständnis blenden lassen, obgleich schon die antiken Denker wussten, dass es nicht trägt. Denn frei, so lehrte etwa Aischylos, ist nicht, wer der eigenen Natur als seinem „Eigengesetz“ folgt, sondern „wer das gemeinsame, göttliche Gesetz zu seinem eigenen macht.“

Abgesang der Emanzipation

Von dieser Weisheit haben wir uns weit entfernt. Viel näher liegt uns, dem Eigengesetz zu folgen und die Freiheit – frei nach Astrid Lindgren – dort zu suchen, wo wir etwas anders machen; unter völliger Ausblendung der Frage, ob sich das, was wir da machen, auch ins Große-Ganze einfügt: ob es stimmt und gut ist; in völliger Ignoranz des Umstandes, dass wir nur da frei sind, wo wir uns nicht gegen die Welt und andere behaupten müssen, sondern im Einklang mit ihnen sind.

Bedenklich ist, dass im Jahre 2017 so viele Frauen diesem flachen Freiheitsglauben folgen. Könnte es sein, dass die präpubertäre Pippi-Freiheit der traurige Rest dessen ist, was einmal als Emanzipationsbewegung angefangen hat und dann irgendwie unter die Räder des egozentrischen Zeitgeistes geriet: Nun färben sie Haare rot, flechten sich Zöpfe und schaffen sich eine Traumwelt. Und bilden sich ein, sie könnten ein Pferd in die Luft stemmen. Dabei ist der Pippi-Kult am Ende selbst ein Luftschloss.

Freiheitsstatue mit roten Zöpfen

Oder etwa nicht? Steht er nicht gerade jetzt im Begriff, Wahrheit zu werden? Manches spricht dafür. Wenn auch auf unerwartete Weise. Einer nämlich zieht ihn durch, mit großem Erfolg. Einer, von dessen Lippen das „widewide wie sie mir gefällt“ allerdings weit weniger charmant klingt: Donald Trump, der Mann, der angetreten ist, um sich die Welt nach seinem Bilde zu erschaffen und ihr, ohne wenn und aber, seine Regeln aufzuzwingen. Der Mann, der willens und – schlimmstenfalls – auch in der Lage dazu ist, erst die USA und dann die Welt zu seiner Villa – naj vielleicht nicht gerade kunterbunt, eher zum weißen Haus – zu machen; der Mann, der so tut, als könne er Pferde in die Luft stemmen und dessen Intellekt durchaus präpubertäre Züge trägt. Ausgerechnet an ihm wird erkennbar, wie falsch das Spiel des Pippi-Kultes ist. Und wie gefährlich.

Denn dieser Pippi-Präsident hat nicht nur einen Tom und eine Anika für sich eingenommen, sondern die Mehrheit der Bürger einer Supermacht. Vor allem der Bürgerinnen, wofür nun en passent eine Erklärung gefunden sein könnte. Wie, wenn Trump tatsächlich die lebende Projektionsfläche all derer ist, die sich nach jener Pippi Freiheit sehnen, die nicht mehr fragt, was gut und wahr ist, sondern nur noch, was gefällt? Und das ausgerechnet in den USA, die einst als Land der großen Freiheit galten. Vielleicht sollten wir Trump vorschlagen, der Freiheitsstatue Ringelstrümpfe anzuziehen und Zöpfe zu flechten. Damit wäre immerhin der Wahrheit genüge getan. 2017 könnte wirklich zum Jahr der Pippi werden.

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