Dr. Alexander Krüger / 20. Oktober 2016 / Keine Kommentare


EZB öffnet ihrerseits das Tapering-Fass

Die EZB hat für Dezember weitere Lockerungsmaßnahmen signalisiert. Neu ist, dass sie ein abruptes Ende ihrer Wertpapierkäufe für unwahrscheinlich hält. Damit hat sie ihrerseits das Tapering-Fass geöffnet. Wird dies rasch oder eher schonend vonstatten gehen? Eine Kommentierung von Dr. Alexander Krüger.

Die EZB kündigt  "Tapering" an. Geht das rasch oder schonend vonstatten?  (Foto: Photodune.com)

Die EZB kündigt ein „Tapering“ an. Geht das rasch oder schonend vonstatten? (Foto: Photodune.com)

Die EZB hat aktuell ihren geldpolitischen Expansionsgrad unverändert beibehalten. Jüngste Gerüchte an den Finanzmärkten, sie werde die bisher für den Anleiheerwerb monatlich vorgesehenen 80 Mrd. € bald kürzen (tapern), bestätigten sich damit nicht. Vielmehr beabsichtigt die Notenbank, ihr Kaufvolumen bis März 2017 aufrechtzuerhalten, erforderlichenfalls auch darüber hinaus. Dies soll laut Presseerklärung solange erfolgen, bis „eine mit dem Inflationsziel in Einklang stehende nachhaltige Korrektur der Inflationsentwicklung erkennbar“ ist.

Massive Verfehlung des Preisziels

Auf der Pressekonferenz hat EZB-Präsident Mario Draghi zudem erklärt, die Notenbank habe weder über eine Verlängerung ihres Wertpapierkaufprogramms noch über das Tapern gesprochen. Ein abruptes Ende ihrer Käufe, und das ist neu, hielt er allerdings für unwahrscheinlich. Zudem wies Draghi darauf hin, die EZB werde sich, auch auf Basis der zurzeit arbeitenden Ausschüsse, im Dezember hinsichtlich ihres weiteren Vorgehens erklären.

Unsere Sicht auf die EZB hat sich durch die heutige Ratssitzung nicht verändert. Wir rechnen damit, dass die Notenbank im Dezember den Einlagesatz um 10 Basis¬punkte auf -0,50% senken (einen Hauptrefinanzierungssatz von -0,05% erwarten wir nicht mehr) und ihr Wertpapierkaufprogramm bis Ende 2017 verlängern wird. Maßgeblich hierfür wird unseres Erachtens die anhaltend massive Verfehlung ihres Preisziels sein: Die Inflationsrate dürfte bis dahin kaum steigen, ebenso wenig die niedrigen langfristigen marktbasierten Inflationserwartungen. Aus EZB-Sicht behindern Negativzinsen die geldpolitische Transmission zudem nicht, wie Draghi betonte. Überdies dürfte die EZB im Dezember Stellschrauben ihres Anleihekaufprogramms adjustieren, um Engpässen zu begegnen. Infrage kommt vor allem, unter dem Einlagesatz rentierende Wertpapiere zum Kauf zuzulassen, höhere Käufe pro Emission zu gestatten und neue Wertpapierarten einzubeziehen (nicht: Aktien).

Grundsatzfrage zum Austrittstempo

Mit ihrer heutigen Rhetorik hat die EZB zudem ihrerseits das Tapering-Fass geöffnet. Auch wenn es aus unserer Sicht noch dauert, bis sie tapert, ist derzeit unklar, ob dieses rasch oder schonend erfolgen wird. Solange ein zügiger Ausstieg aus den Wertpapierkäufen aber eine Option bleibt, besteht ein hohes Risiko für frühzeitig und nachhaltig steigende Staatsanleiherenditen. Da die EWU-Staatshaushalte aber noch lange auf extrem niedrige Refinanzierungszinsen angewiesen sein werden, wird sich die EZB etwas einfallen lassen müssen, dies zu verhindern. Eine Grundsatzentscheidung über das Ausstiegstempo wird sich daher nicht lange aufschieben lassen.

 

  • Verweis:
    Interview mit Dr. Alexander Krüger, Bankhaus Lampe:
    Die Enteignung findet bereits statt
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