Dr. Alexander Krüger / 27. Juni 2016 / Keine Kommentare


Großbritannien sorgt für Erdbeben – Brexit und was nun?

In einer historischen Abstimmung hat die britische Bevölkerung vergangene Woche für einen Austritt Großbritanniens aus der EU votiert. Dies ist ein massiver politischer Schaden für die EU. Auch wenn Vieles noch unklar ist, zeichnet sich dennoch ab, dass Verhandlungen über den Austritt geführt werden. Dies dürfte die Konjunktur belasten und das Pfund auf Dauer schwächen. Eine Kommentierung von Dr. Alexander Krüger.

Die EU steht nach  dem Brexit Großbritanniens vor einem Scherbenhaufen.  (Foto:  Wandersmann  /  Pixelio.de)

Die EU steht nach dem Brexit Großbritanniens vor einem Scherbenhaufen.
(Foto: Wandersmann / Pixelio.de)

 
Den Briten reicht’s! In einer engen Abstimmung haben sich 52% der Bevölkerung für den Austritt Großbritanniens aus der Europäischen Union (EU) ausgesprochen. Vor allem Engländer und Waliser stimmten eher dafür, Nordiren und Schotten eher dagegen. Aus unserer Sicht hat dabei nicht die ökonomische Vernunft den Ausschlag gegeben. Vielmehr standen mit der als Bevormundung empfundenen Fremdbestimmung aus Brüssel und nationalen Sicherheitsbedenken (auch durch die Flüchtlingsmigration) starke Vorbehalte ganz oben auf der Unzufriedenheitsskala der Bevölkerung.

Für Großbritannien bricht damit politisch und ökonomisch eine auch im historischen Kontext neue Zeitrechnung an. Zwar ist die künftige Entwicklung derzeit bisweilen noch nebulös. Gleichwohl wagen wir die nachstehenden Einschätzungen:

  • Politik I: Das Votum der Bevölkerung ist für die britische Regierung kein starkes Mandat und formal nicht bindend. Jedoch halten wir es für wenig wahrscheinlich, dass die Bevölkerung gefragt, das Votum am Ende aber nicht umgesetzt wird. Unterstützung für diese Sicht gibt die Erklärung von Premierminister Cameron, sein Amt als Parteivorsitzender im Oktober aufzugeben. Wir erwarten, dass er auch als Premierminister zurücktreten wird. Als Nachfolger wird derzeit bereits Boris Johnson in Stellung gebracht, ein Brexit-Befürworter. Auch dies ist unseres Erachtens ein Indiz dafür, dass die Trennung von der EU faktisch vollzogen wird.
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  • Politik II: Nach Artikel 50 des EU-Vertrages stehen nun Verhandlungen Großbritanniens mit der EU an, in der die Austrittsbedingungen festgelegt werden. Für diesen Prozess sind bis zu zwei Jahre vorgesehen, die im Bedarfsfall ausgeweitet werden können. Wir rechnen mit harten und für Großbritannien nachteiligen Verhandlungen, da die EU anderen Mitgliedstaaten keinen Ausstiegsanreiz liefern dürfte. Ob es zu einer sauberen oder schmutzigen Scheidung kommt, ist zu diesem Zeitpunkt rein spekulativ. Bis zum Verhandlungsende jedenfalls bleibt Großritannien formal weiter Mitglied in der EU, seine Position ist aber geschwächt.
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  • Politik III: Durch den Brexit hat der schwache politische Zusammenhalt in der EU weiteren Schaden genommen. Dessen Dimension ist aus unserer Sicht sogar noch gestiegen: Betraf das zementierte politische Nebeneinander bisher die EU und die Währungsunion, hat der Brexit nun auch Spaltungstendenzen im Vereinigten Königreich befördert. Hinzu kommt, dass die EU, um nicht weitere Mitglieder zu verlieren, künftig zwar mehr auf eine Politik der langen Leine setzen dürfte, damit aber ihre Stabilität voraussichtlich selber untergraben wird. Auch dies dürfte euro-skeptischen Parteien weiter in die Hände spielen. Wir gehen daher davon aus, dass das Gemeinschaftsgefüge der Länder mittel- bis langfristig auf eine neue Probe gestellt wird; das gilt insbesondere auch für die Währungsunion.
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  • Konjunktur: Es fehlt zwar der Präzedenzfall, von konjunktureller Normalität aber wird sich Großbritannien erst einmal verabschieden müssen. Bis zum Verhandlungsende bleibt das Land zwar Mitglied des Europäischen Binnenmarktes. Da das Ob und das Wie der künftigen Handelsbeziehung aber nebulös ist und etwa 50% der britischen Exporte in die EU gehen, dürften Investitionen in die gewachsene Handelsstruktur vorerst auf ein Minimum reduziert werden. Unsere Prognose für das Wachstum des Bruttoinlandsprodukts (BIP) für 2016 senken wir daher von 1,9% auf 1,6% und für 2017 von 1,8% auf 1,2%. Eine Rezession infolge des EUAustritts halten wir damit weiter für nicht zwingend. Von einer Senkung unserer 2016/17er BIP-Prognosen für den Euroraum sehen wir zum jetzigen Zeitpunkt ab, die hierfür ohnehin bestehenden Abwärtsrisiken haben jedoch zugenommen.
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  • Bank of England: Im Vorfeld des EU-Referendums hat die Notenbank in Aussicht gestellt, im Brexit-Fall bei Bedarf Liquiditätshilfen bereitzustellen und die Leitzinsen zu senken. Inwieweit dieser Bedarfsfall eintreten wird, hängt aus unserer Sicht von den Kursbewegungen an den Finanzmärkten in den nächsten Wochen ab. Bis dato sind diese hitzig ausgefallen, jedoch nicht panisch. Damit unterscheidet sich die aktuelle Situation deutlich von der Lehman-Insolvenz. Auf kurze Sicht dürfte die Bank of England somit zunächst Gewehr bei Fuß stehen und damit einen klaren geldpolitischen Lockerungs-Bias haben. Hinsichtlich unserer Langfristsicht gehen wir aufgrund des Brexits nun nicht mehr davon aus, dass die Notenbank die Leitzinsen Mitte des nächsten Jahres anheben wird.
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  • 10-jährige Gilt: Die Marktakteure hatten einen Brexit zuletzt wieder etwas ausgepreist. In der Folge war die Rendite der 10-jährigen Gilt von rund 1,10% auf 1,50% gestiegen. Aufgrund des Brexits ist sie aktuell auf 1,08% gesunken. Die allgemeine Risikoaversion, die konjunkturellen Sorgen hinsichtlich der britischen Wirtschaft und die Aussicht auf eine geldpolitische Lockerung der Bank of England dürften vorerst weiter positive Impulse liefern. Das Unterschreiten der 1%- Marke würde uns daher nicht überraschen. Auf 3- bis 6-Monatssicht wird es dann wohl zu einer Beruhigung und einem moderaten Renditeanstieg kommen.
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  • EWU-Staatsanleihen: Die durch den Brexit gestiegene Risikoaversion dürfte im 10-Jahresbereich auch andere sichere Häfen vorerst unterstützen. Auf Sicht der nächsten Wochen erwarten wir die Renditen von Bundesanleihen und Treasuries daher erst einmal auf ihren derzeit niedrigeren Niveaus. Dagegen dürften Peripherie-Staatsanleihen vom EU-Referendum tendenziell belastet werden, da die Wahrscheinlichkeit für Abspaltungen auch anderer Länder aus Sicht der Marktakteure gestiegen sein dürfte. Für sämtliche Renditebewegungen gilt, dass wir sie als eine kurzfristige Reaktion auf den Ausgang des Referendums ansehen. Temporäre Gegenbewegungen kämen für uns im Anschluss nicht überraschend. Mit Blick auf das von uns erwartete fundamentale Umfeld (vgl. auch unseren Kapitalmarkt-Ausblick vom 25.05.2016), die Aussicht auf neue expansive Maßnahmen der Bank of Japan und der EZB sowie eine in puncto Leitzinserhöhung sehr zaghaft agierende Fed erwarten wir grundsätzlich aber weiterhin ein extremes Niedrigrenditeumfeld.
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  • EUR-GBP: Infolge des abschlägigen EU-Votums ist das Pfund bereits unter Druck geraten. Knapp über 0,80 ist die Marktreaktion aber auch hier lediglich hitzig, nicht aber panisch ausgefallen. Da wir davon ausgehen, dass die Scheidung von der EU letztlich auch vollzogen wird, dürfte die Währung durch Kapitalumschichtungen auf Dauer geschwächt werden. Zurzeit sieht es danach aus, dass dies eher geordnet als im Wege einer Kapitalflucht erfolgen wird. Die bisher von uns erwartete Pfund-Erholung kassieren wir damit ein. Auf Sicht der nächsten Wochen dürften die Marktakteure eher die Marke von 0,85 ins Visier nehmen. Hierfür sprechen die konjunkturellen Aussichten für Großbritannien und das Zwillingsdefizit (Staatshaushaltssaldo -3,5% des BIP, Leistungsbilanzsaldo -5% des BIP). Sollte die Bank of England die Leitzinsen senken, bedeutete dies eine zusätzliche Schwächung für die Währung. Vom Referendum gestützt werden dürften zudem die bereits als sichere Häfen gesuchten Schweizer Franken und japanischer Yen.
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  • Aktien: Die kurz- und langfristigen Wirkungen auf den Aktienmarkt sind schwer abzuschätzen, da es keine historische Blaupause gibt. Auf sehr lange Sicht dürften Aktien vom Brexit belastet werden (hohe institutionelle Unsicherheit, Stärkung der Zentrifugalkräfte in anderen EU-Ländern, eventuell steigender Protektionismus), allerdings ist es für sie mehr ein politischer als ein mit dem LehmanKollaps vergleichbarer Schock. Auf kurze Sicht ändert sich für Unternehmen zunächst wenig. Da die Anleger von einem Verbleib Großbritanniens ausgegangen sind, ist die Abstimmung eine große Überraschung − entsprechend negativ fiel die erste Marktreaktion aus. Eine weitere massive Korrektur ist zunächst aber eher wenig wahrscheinlich. Dazu dürften auch Liquiditätszusagen der Notenbanken beitragen. Auf mittlere Sicht hängt vieles von den Verhandlungen zwischen Großbritannien und EU ab. Insgesamt bleibt es damit wohl für die nächsten Quartale bei einem schwankungsintensiven Umfeld (8.200–11.200 Punkte). Das erwartete untere Ende der Spannweite wird im Falle einer Abschwächung globaler Frühindikatoren aber rascher erreicht werden als bislang erwartet. Das obere Ende erfordert nunmehr wohl stärkere geldpolitische Maßnahmen. Alles in allem erwarten wir eine anhaltend hohe Volatilität an den Aktienmärkten. Dies begünstigt (in relativer Perspektive) Qualitäts-Aktien mit stabilen Cash Flows.
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