Sarah Paulus (Text), Rolf G. Wackenberg (Fotos) / 9. September 2016 / Keine Kommentare


WMÜFR – Wie Männer über Frauen reden

Zur Feier ihres neuen Films haben sich die Produzenten Björn Birg und Henrik Regel nicht lumpen lassen und in den Berliner Zoo Palast geladen. So, wie es sich für eine Weltpremiere gehört. Im Schatten des Waldorf Astoria, unweit vom Kudamm, auf Tuchfühlung mit dem Bikinihaus. Denn Birg und Regel präsentieren mit WMÜFR ihren ersten Spielfilm. Der Cineastik ganz generell dienen sie hingegen schon seit Jahren.

Die Produzenten Produzenten Björn Birg und Henrik Regel (von links nach rechts) präsentieren die  Filmpremiere "WMÜFR". (Foto: Rolf G. Wackenberg

Die Produzenten Björn Birg (li) und Henrik Regel präsentieren „WMÜFR“ – Wie Männer über Frauen reden.(Foto: Rolf G. Wackenberg)

Erstmalig 2005 mit der Veröffentlichung von Rap City Berlin, einem visuellen Mixtape über den Berliner Untergrund, das zur bestverkauften deutschen Rap-DVD avancierte. 2011 folgte Unlike U – Trainwriting in Berlin. Die neunzigminütige Dokumentation über vier Berliner Sprayer-Generationen fand weit über die Grenzen der Szene hinaus Beachtung. Allerdings blieb die Freude über den Erfolg nicht ungetrübt. Denn kurz nach Veröffentlichung des Films erreichte die Filmemacher eine Unterlassungsklage der Berliner Verkehrsbetriebe (BVG), die zum sofortigen Verkaufsstopp führte, bis die Klage schließlich im Oktober 2012 vom Berliner Kammergericht abgewiesen wurde.

Filmpremiere Wie Männer Über Frauen Reden im Berliner Zoo Palast

Filmpremiere „WMÜFR“ – Wie Männer über Frauen Reden – im Berliner Zoo Palast
(Foto: Rolf G. Wackenberg)

Die Idee zu WMÜFR entstand inmitten des Rechtsstreits. „Als wir in erster Instanz gegen die BVG verloren hatten, überlegten wir, welches Thema sich als nächstes anbieten könnte“, erzählt Regel. „Das Drehbuch meines Bruders hat uns sofort begeistert. In der Folgezeit konnten wir Freunde und Bekannte überzeugen, das Projekt mitzufinanzieren. Ebenso schnell hatten wir die Gruppe der Schauspieler sowie das Team zusammengestellt. Plötzlich steckten wir in einer Filmproduktion, die normalerweise nur mit einem Millionenbudget realisiert werden“, ergänzt Birg. Die finanziellen Mittel für Postproduktion und Vermarktung seien schließlich über Crowd Investing eingesammelt worden. „Mit einem fertigen Film im Gepäck haben wir uns dann einen Filmverleih gesucht“, so Regel.

Ganze fünf Jahre hat die Produktion gedauert. Bleibt zu hoffen, dass den Filmemachern erneute juristische Winkelzüge erspart bleiben. Denn: Wie Männer über Frauen reden, ist nicht immer stubenrein, mitnichten politisch korrekt. „Du weißt doch, wie das mit den Frauen läuft. Stopfen sich in dein Leben und saugen sich richtig schön voll“, erklärt Schauspieler Oliver Korittke, der im Film einen in die Jahre gekommenen DJ mimt. Seine Versuchsanordnung: Ein Tampon, das er in eine halbvolle Bierpulle tunkt. Sehr lustig. Der Zoo Palast feiert.

Ob der Rest der emanzipierten Zuschauerschaft derlei Spaß versteht, wird sich zeigen. Dem Team der Hauptdarsteller um Oliver Korittke, seinen Film-Sohn Martini aka Frederick Lau neben Barnaby Metschurat alias Frankie und Kida Khodr Ramadan, der den immerfort notgeilen Marco spielt, gelingt es zumindest auf der Leinwand, dem gängigen Cliché, Männer würden nicht reden, eine sprichwörtliche Absage zu erteilen. Gleichzeitig erbringen sie den Beweis, dass auch Männer dem nimmermüden Grundrauschen weiblicher Geschwätzigkeit ein ebenso wenig tiefsinniges Pendant entgegen zu setzen haben. Denn ewig lockt das Weib: Hauptdarstellerin Ellenie Salvo Gonzáles alias Tine verkörpert die Versuchung mit lässigem Charme und natürlicher Schönheit. In ihrem Fahrwasser eine Reihe von Amazonen, die dem Mannsvolk ans Gebälk wollen.

Auf dem roten Teppich im Zoo Palast:  Oliver Korittke, Barnaby Metschurat, Ellenie Salvo González, Kida Khodr Ramadan,Frederick Lau (von li nach re). (Foto: Rolf G. Wackenberg

Auf dem roten Teppich im Zoo Palast (von li nach re): Oliver Korittke, Barnaby Metschurat, Ellenie Salvo González, Kida Khodr Ramadan, Frederick Lau. (Foto: Rolf G. Wackenberg)

WMÜFR ist eine Komödie über das Liebesleben egozentrischer Großstädter. Eine Parodie auf ihr selbstreferentielles Dasein inmitten einer hauptstädtischen Bohème, die sich durch die vermeintlich ewige Jugend feiert – als gäbs kein Morgen. In diesem Sinne ist der Film eine Reminiszenz an die guten alten Zeiten. Als noch überall geraucht, gesoffen, gekifft wurde und ganze Vormittage lang im Bett abgehangen werden durfte, ohne dass irgendjemand von Bio, Gemüse-Smoothies oder veganem Brotaufstrich schwatzte. Allein deshalb ist der Film sehenswert. Weil wir uns gern erinnern und gleichzeitig „so alt“ geworden sind, wie selbst Jungspunde wie K.I.Z. besingen.

Darüber hinaus lassen Birg und Regel immer mal wieder die eigene Sozialisierung durchblicken. Sie sind Berliner. Hiphop hat ihre Jugend bestimmt, wie auch den neuen Film. Kreuzberg mit Kotti und Schlesi bilden die szenische Verortung. Graffiti und U1-Trasse das visuelle Rückgrat. Und für den Bruchteil einer Sekunde erinnert ein kleiner Sticker an ihren Erstling Rap City Berlin. Ein Credo, das Jahr ein Jahr aus Millionen von Touristen in die Hauptstadt pilgern und ebenso viele außen vor bleiben lässt. Weil ihnen die Stadt zu räudig, zu realitätsfern, zu schmuddelig erscheint.

Kinosaal im Berliner Zoo Palast zur Filmpremiere "WMÜFR". (Foto: Rolf G. Wackenberg

Kinosaal im Berliner Zoo Palast zur Filmpremiere „WMÜFR“ – Wie Männer über Frauen reden.
(Foto: Rolf G. Wackenberg)

WMÜFR ist Beziehungs-Odyssee und Hauptstadtfilm in einem. Eine Hommage an den Genius Loci der Spree-Metropole und ihre Vergangenheit. Ein Film zum rechten Zeitpunkt, weil er neben vielem Slapstick auch jene Art von Melancholie ausstrahlt, die einen in guten Zeiten ergreift. Von denen man weiß, dass sie zu Ende gehen, ohne zu wissen, was danach kommen wird.

Ob der Film ankommt, wissen Birg und Regel seit gestern: Wenige Tage nach Kinostart stieg WMÜFR auf Platz 5 in die Kino-Charts ein – weit vor dem heiß beworbenen „Mängelexemplar“.

(Text: Sarah Paulus, Fotos: Rolf G. Wackenberg)

 


 
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