Redaktion Spreezeitung / 14. Januar 2016 / 4 Kommentare


Köln-Desaster: Der Niedergang des öffentlichen Raumes

Oh, wie die Debatte zäh ist! Schuldzuweisungen von rechts nach links, von links nach rechts. Opfer werden Täter, Täter werden Opfer. Jeder redet mit und tischt die alten Dogmen auf: Feministen und Faschisten, Politiker und Pädagogen, Fremdenfreunde, Fremdenfeinde. Alle sehen sich bestätigt. Gedanken zur aktuellen Köln-Debatte von Christoph Quarch.

Oh, wie die Debatte zäh ist! Schuldzuweisungen von rechts nach links, von links nach rechts. Opfer werden Täter, Täter werden Opfer. Jeder redet mit und tischt die alten Dogmen auf: Feministen und Faschisten, Politiker und Pädagogen, Fremdenfreunde, Fremdenfeinde. Allen sehen sich bestätigt, alle kennen ihre Feinde. Alle wissen, wer an allem schuld ist. Und der Schwarze Peter wandert um den Kölner Dom herum. Welch‘ bedrückendes Spektakel, das mehr als die Vorfälle selbst den beklagenswerten Zustand unserer Gesellschaft spiegelt!

Dr. Christoph Quarch (Foto: Nomi Baumgartl)

Dr. Christoph Quarch (Foto: Nomi Baumgartl)

Was in der Silvesternacht wirklich geschah, habe ich noch nicht erfahren. Zuwenig ist bekannt über die Vorfälle: die Täter und die Opfer, die Zeugen und die Einsatzkräfte. Kein Kommentar ist mir hier möglich. Wohl aber, was die Reaktionen und den Wirbel angeht, der nun in unserem Land entfacht ist. Und dort vermisse ich den wachen Blick, der weiter reicht als bis zu den üblichen Verdächtigen; der tiefer dringt als zu den alten Dogmen.

Mehr Kameras genügen nicht

Die Vorfälle von Köln zeigen zunächst eines: Der öffentliche Raum ist in Gefahr. Wenn es gefährlich wird, allein als Frau – oder als Mann, gleichviel – in der Silvesternacht den Bahnhofsvorplatz zu durchqueren, dann stimmt etwas nicht mehr: Dann stimmt etwas nicht mehr, das nicht allein durch mehr Kameras und mehr Einsatzkräfte repariert werden kann. Dann stimmt etwas in den Köpfen und Herzen derer nicht, die diesen öffentlichen Raum miteinander teilen. Dann ist das ein Indiz dafür, dass der politische Raum im Denken und Fühlen verkommen ist. Und das ist ein Problem, das von weither rührt und nicht erst seit gestern zu beobachten ist.

Was ist der öffentliche Raum? Was ist der Raum des Politischen? Er ist der Raum der Begegnung – ein Raum, in dem wir anderen begegnen. Begegnen, das ist mehr als bloß Geschäfte machen. Der öffentliche Raum ist mehr als nur ein Marktplatz. Begegnen ist auch mehr als sich den anderen zeigen. Der öffentliche Raum ist mehr als eine Bühne für die Selbstdarstellung und Konsum. Er ist der Raum, worin sich Menschen frei bewegen können, wo sie sich als Personen treffen können, ohne damit rechnen zu müssen, als Kunden, Zuschauer oder Verbraucher missbraucht zu werden. Der öffentliche Raum wird allenthalben missbraucht – ebenso wie die Menschen in ihm, „Täter“ und „Opfer“ gleichermaßen. In Wahrheit sind diese Kategorien gänzlich unangemessen für das, worum es hier tatsächlich geht: um ein gravierendes kulturelles Problem, um den Niedergang des Gemeinsinns.

Alles ist warenförmig

Wir haben eine Welt geschaffen, in der ein jeder um sich selber kreist und danach fragt, wie er für sich am meisten rausholen kann. „Das, was du willst, das kannst du haben“, so schreit es von den Werbeflächen, „du musst nur auf dem Markt bestehen, musst gut sein, musst dich zeigen! Mache dich zur Ware und dir steht die Welt der Waren offen.“ Alles wird warenförmig, wird verfügbar. Alles ist zu haben, alles ist zu wollen. So missverstehen wir das große Wort der „Freiheit“, das in diesen Tagen gern gesprochen wird.

Der Preis, den wir dafür bezahlen, sind Verbindlichkeit und Zugehörigkeit; ist das Politische. Wo es nur darum geht, als Ware unter Waren zu bestehen und konkurrenzfähig zu bleiben, erscheint uns niemand mehr als „Du“, wie Martin Buber sagte. Wir sehen uns umgeben von Objekten, die wir nutzen und gebrauchen können, wie es uns gefällt. Wir selber machen uns zu Objekten, die ihre Erfüllung darin finden, bei hohem Profit gebraucht und konsumiert zu werden – oder möglichst günstig andere Objekte zu konsumieren und zu verbrauchen: egal ob vegane Kost oder Pornos, egal ob Menschen oder Informationen. Wir sind Verbraucher – und wir machen Selfies.

Was geht mich das an?

Ein solches „Leben“ aber kann nur führen, wer sich verkapselt: wer sich abkoppelt von der Gemeinschaft, keine Verbindungen mehr eingeht, keine Verbindlichkeiten mehr zulässt, unberührbar wird und dessen Mantra lautet „Was geht mich das an?“ Wenn aber andere und anderes einen nichts mehr angehen, verfällt der öffentliche Raum zu Markt und Bühne, die man nutzen kann – dann hört er auf, der Ort zu sein an dem einem Personen als ein Du begegnen. In einem solchen Raum kann nur bestehen, wer schon durch Konsumismus und Egozentrismus vorformatiert und besser deformiert ist. Hier kann man nur noch leben, wenn einen der Rest nichts angeht; wenn man seine Selfies macht und sich auch sonst in „Freiheit“ selbst besorgt, was man gern haben und verbrauchen will.

Wie aber geht es Menschen, die die Spielregeln nicht kennen? Wie geht es solchen, die es nicht gelernt haben, das bindungslose Spiel der Elementarteilchen mitzuspielen? Die Ernst machen mit der allgegenwärtigen Verheißung, der öffentliche Raum sei ein Marktplatz, auf dem man Waren konsumieren kann – und die sich diese Waren rauben, wenn sie sonst nicht an sie kommen? Sind diese Menschen nicht ein Spiegel, der uns vorgehalten wird – ein Spiegel der uns zeigen kann, wozu wir uns und unseren öffentlichen Raum gemacht haben?

Es gibt kein Wir mehr

Die Vorgänge von Köln lehren vor allem eines: Wir haben es versäumt, unsere Kultur zu pflegen. Wir haben es versäumt, uns als Teile eines Gemeinwesens zu betrachten, die für den Bestand des öffentlichen Raumes und der Kultur echter Begegnung von Ich zu Du verantwortlich sind. Anstelle einer Gesellschaft, der man dienen könnte und müsste, ist da ein Heer von Elementarteilchen, die sich bedienen und derer man glaubt, sich bedienen zu können. Wir haben es zugelassen, das unsere Gesellschaft auseinanderfällt – so dass da kein in sich stimmiges Ganzes mehr ist, das eine Million Flüchtlinge in sich aufnehmen könnte. Das Drama lässt sich auf die Formel bringen: Es gibt kein Wir mehr, das das schaffen könnte.

Das ist die eigentliche Pathologie, deren Symptome in der Silvesternacht erkennbar wurden. Sie zu kurieren, ist die Aufgabe, vor der wir alle stehen. Sie zu bewältigen, erfordert viel Geduld und ein radikales Umdenken. Wir müssen wieder lernen, das Politische zu pflegen. Und da die wenigsten noch wissen, was das ist, ist es die Pflicht des Staates, seine Bürger darin auszubilden. Nur eine solche Pflicht wird unsere Freiheit retten: die wahre Freiheit, die aus mehr besteht als aus dem faulen Spiel, mit nichts und niemandem verbunden zu sein und nichts Verbindliches zu akzeptieren. Das Gemeinwesen ist das Verbindliche und es steht ihm zu, das darin zu bekunden, dass es seine Bürgerinnen und Bürger in die Pflicht nimmt. Wir brauchen einen Bürgerdienst für alle – für Einwohner und Zuwanderer – bei dem wir wieder praktisch einüben und lernen, was wir wirklich sind: Wesen der Verbundenheit, zoon politikon, wie Aristoteles schon wusste.

Der Autor:
Dr. phil. Christoph Quarch, 1964 in Düsseldorf geboren, Philosoph, Theologe und Religionswissenschaftler, arbeitet freiberuflich als Autor, Publizist, Seminarleiter, Redner und Berater. Er ist Gründer und Herausgeber der Zeitschrift „Wir – Menschen im Wandel“ und Lehrbeauftragter für Ethik an der FH Fulda. Von 2000 bis 2006 war er Programmchef des Deutschen Evangelischen Kirchentags; von 2006 bis 2008 Chefredakteur von „Publik-Forum“. Autor und Herausgeber von über 30 Büchern. Seine jüngsten Veröffentlichungen: „Wir Kinder der 80er (2013); Der kleine Alltagsphilosoph (2014); „Das große Ja“ (2014). Christoph Quarch lebt mit seiner Familie in Fulda.

Silvester 2015/16 am Kölner Hauptbahnhof (N24):

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(Header-Foto: SC / YouTube.com)



4 Kommentare zu "Köln-Desaster: Der Niedergang des öffentlichen Raumes"

  1. LaurisM 14. Januar 2016 at 18:15

    Dieser Gedankengang unterscheidet sich wohltuend von den schrillen Tönen anderer Medien. Gerade die eingeübte, reflexartige Ablehnung von Meinungen der Gegenseite im Verbund mit Schuldzuweisugen an die jeweils anderen, führte zu einer Verrohung des Umgangs miteinander.

    Wer nicht für die Aufnahme von Menschen mit anderem kulturellen Hintergrund war, musste Menschenfeind, rechts und Nazi sein. In der Komsequenz durfte ich diesem Menschen nicht mehr zuhören.

    Wer für die Aufnahme von Flüchtlingen war, wurde plötzlich abwertend zum Gutmenschen, was eigentlich naive Realitätsferne unterstellte. Wenn dann sogar alle Zugang bekommen sollten, wurde daraus ein Volksverräter, einer der Deutschland zerstören wollte.

    Wer in der Mitte stand und sagte, er habe kein Problem mit Ausländern, aber man möge zuerst Voraussetzungen schaffen und Aufnahmefähigkeit und -willigkeit prüfen konnte sich aussuchen, von welcher Seite er oder sie zuerst vebale Prügel bezog.

    Wo ist der ergebnisoffene Diskurs? Wo die Achtung der Menschen, die sich über ein so wichtiges Thema, wie Millionen Neuankömmlinge in unsere Gesellschaft zu integrieren sind oder eben nicht, in demokratischer Form auseinandersetzen möchten?

    Derzeit empfindet es ein Journalist als normal sich über Hass und Hetze im Netz zu echauffieren, um im gleichen Satz die erkannten Hetzer als Mob, Pöbel und Idioten zu beleidigen.

    Wir geben irrwitzige Summen als Staat in die Hände von Vereinen und Verbänden, die damit öffentlich einen immer größeren Anteil an der Gesellschaft eine falsche Gesinnung zu unterstellen, anstatt das gleiche Geld für die Wiedereingliederungshilfe von Menschen auszugeben, die sich in den rechten und linken Extremen verloren haben, weil ihnen die sogenannte Mitte fremd vorkommt.

    Dieser Artikel war ein Zeichen für eine andere Form des Umgangs.

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  2. EuroTanic 14. Januar 2016 at 21:19

    Der Mensch weiss nur das was er selber weiss. Heisst, alles was andere ihm mitteilen hat eine Intention, sind quasi Nachrichten, weil er sich danach richten soll.
    Der Mensch ist auch (noch) nicht für ein WIR geschaffen. Er ist noch zu sehr im der Hülse des 3. Imperialismus (Rudolf Steiner: Der freie Mensch und die macht), als dass er dem Ideal des guten, dem Gemeinwohl (Was soll das sein?) entsprechenden Wesen entspricht. Diese Entwicklung ist wieder eine individuelle. So hoffe ich, dass immer mehr diesen Wandel mitmachen, erkennen, dass man das Alte loslassen muss, bevor etwas neues entsteht.

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  3. Walter Wertebach 14. Januar 2016 at 21:49

    Danke, für diesen Kommentar, der sich wohltuend von vielen anderen zum aktuellen und auch brisanten Thema Zuwanderung und Kriminalität unterscheidet.
    Der Werteverlust in unserer Gesellschaft ist erschreckend. Es ist allerhöchste Zeit in diesem Sinne Korrekturen einzuleiten und zu vollziehen.
    Voraussetzung dafür ist aber eine vorurteilsfreie Diskussion über die Art, wie unsere Gesellschaft zukünftig aussehen will/soll.

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  4. hurlylu 16. Januar 2016 at 04:29

    Ein guter Kommentar!

    Nur leider wird eine Veränderung seitens der Machthaber nicht statt finden, da es nicht ihre Interessen entspricht.
    Die Politik und die sie steuernden Hintermänner haben spätestens mit der Agenda 2010 begonnen bewusst und absichtlich Menschen auszugrenzen.
    Teile und Herrsche ist die Maxime.

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