Redaktion Spreezeitung / 18. November 2015 / Keine Kommentare


Angriff auf das Spiel

Fußball ist eine Kraftquelle unserer Kultur. Wir dürfen nicht zulassen, dass sie vergiftet wird, weder von Terroristen noch von Funktionären. In seinem Kurz-Essay „Angriff auf das Spiel“ nimmt Philosoph und Autor Christoph Quarch Stellung zu den aktuellen Geschehnissen in Europa und Paris. Eindringlich plädiert er für eine Neuentdeckung des Spiels als Kraftquelle im Kampf gegen den Terror.

Foto: obs/Hannover 96 GmbH & Co. KGaA/Talanx AG / Johannes Heine"

Foto: obs/Hannover 96 GmbH & Co. KGaA/Talanx AG / Johannes Heine

Und jetzt auch noch Hannover – kein ausgeführter Anschlag zwar, doch eine Bedrohungslage, die es den Verantwortlichen unumgänglich erschienen ließ, das Freundschaftsspiel der deutschen und der niederländischen Nationalmannschaft abzusagen. Der Terror hat ein neues Ziel: den Fußball.

(Foto: Nomi Baumgartl)

(Foto: Nomi Baumgartl)

Das Ziel ist konsequent gewählt. Denn Fußball ist mehr als nur ein Sport. Ein Fußballstadion ist mehr als nur eine Menschenansammlung, in der man maximales Unheil anrichten kann. Das Stadion ist ein säkularer Tempel, das Fußballspiel ist eine Art von säkularem Kult: ein Spiel, das wie nichts sonst alle sozialen, religiösen, kulturellen, geschlechtlichen und ökonomischen Grenzen überspringt und Völker rund um den Globus verbindet; ein Spiel, das begeistert und berührt; ein Spiel, das Menschen lachen und weinen lässt, das in ihnen Glück und Lebendigkeit entfesselt; ein Fest, das das Leben feiert. Es ist das Spiel, was die Islamisten hassen und zerstören wollen. Sie legen ihre blutige Hand an eine der tragenden Wurzeln unserer Kultur, sie wollen einen der Brunnen vergiften, die unsere Seelen nähren: das Spiel.

Das Spiel ist Religion im ursprünglichen Sinn des Wortes: Religio – Rückbindung: Rückbindung an das, was unser Menschsein schmückt und adelt. Sie stiften Verbundenheit auch da, wo Menschen gegeneinander spielen. Spiele haben ihren Sinn in sich. Sie sind schön. Todestrunkene Dschihadisten können das nicht dulden. Denn Spiele entziehen sich deren schrecklicher Logik, die alle Lebensäußerungen in den Dienst dogmatischer Gebote und Verheißungen rückt.

Das Spiel als Feier der Lebendigkeit steht am Anfang unserer europäischen Kultur und ist dieser von jeher eingezeichnet. Die Griechen erneuerten ihre Kultur und ihre Gemeinschaft bei den panhellenischen Spielen in Olympia und Delphi. Ihre Spiele waren Religio im vollen Sinne des Wortes – Rückbindung an die Wurzeln der eigenen Kultur und Lebendigkeit. Sie waren den Göttern geweiht, das sind die heutigen Spiele nicht mehr – aber darin gleichen sie doch einander: dass sie kulturtragend und –verbindend sind. Und nirgendwo sonst wird dies so deutlich, wie beim Fußballspiel. Wer es angreift, greift das Fundament unserer Kultur an.

Das Drama ist: Der Fußball ist in diesen Tagen nicht nur durch den religiösen Fundamentalismus gefährdet. Nicht weniger groß ist die Bedrohung, der es von unserer eigenen (Un)Kultur her ausgesetzt ist: der Instrumentalisierung und Kommerzialisierung. Die Enthüllung der Skandale bei FIFA und DFB machen überdeutlich, wie sehr das Spiel von denen benutzt wird, deren einzige Absicht darin liegt, Profit damit zu machen. Auch davor muss das Spiel bewahrt werden. Auch der Ökonomismus mit seinen giftigen Früchten wie Korruption und Manipulation bedroht die Wurzel unserer Kultur: das Spiel.

Das Wunderbare ist: Unter dem doppelten Druck, dem das Spiel jetzt ausgesetzt ist, entfaltet es einen unerhörten Glanz. Wie bewegend sind die Bilder aus dem Wembley-Stadion, wo die Fußballnationalmannschaften von England und Frankreich ein wahrhaft spirituelles Fest zelebrierten! Sie zeigen, welche Kraft dem Spiel in diesen Tagen innewohnt: es ist die Kraft des Lebens selbst, die sich entschlossen hat, den Agenten des Todes zu widerstehen. Es ist die Kraft ursprünglichster Religion, die dort aufkeimt, wo die Perversion der Religion ihre grässlichste Fratze zeigt und der geldgierige Nihilismus seine Krallen nach dem Spiel ausstreckt. Das Fußballspiel ist ein leuchtender Stern in der Finsternis. Entdecken wir es als solches neu. Wir dürfen den Spielverderbern nicht nachgeben.

Der Autor:
Dr. phil. Christoph Quarch, 1964 in Düsseldorf geboren, Philosoph, Theologe und Religionswissenschaftler, arbeitet freiberuflich als Autor, Publizist, Seminarleiter, Redner und Berater. Er ist Gründer und Herausgeber der Zeitschrift „Wir – Menschen im Wandel“ und Lehrbeauftragter für Ethik an der FH Fulda. Von 2000 bis 2006 war er Programmchef des Deutschen Evangelischen Kirchentags; von 2006 bis 2008 Chefredakteur von „Publik-Forum“. Autor und Herausgeber von über 30 Büchern. Seine jüngsten Veröffentlichungen: „Wir Kinder der 80er (2013); Der kleine Alltagsphilosoph (2014); „Das große Ja“ (2014). Christoph Quarch lebt mit seiner Familie in Fulda.

Webseite Christoph Quarch

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