Ursula Pidun / 1. Juni 2015 / 5 Kommentare


Heribert Prantl, ein Pamphlet und der Rundumschlag eines WELT-Redakteurs

Ein renommierter Journalist und Jurist - genauer gesagt handelt es sich um Heribert Prantl, Mitglied Chefredaktion der Süddeutschen - macht sich ernsthafte Gedanken um unsere bisher missglückte Flüchtlingspolitik und das unerträgliche Massensterben im Mittelmeer. Dazu entwirft er fiktiv ein Konzept und publiziert es auch noch unter dem Titel: „Im Namen der Menschlichkeit“. Unverschämt, nicht wahr?

So jedenfalls muss wohl Dirk Schümer vom Nachrichtenmagazin WELT gedacht haben und setzt an zum Rundumschlag. Spürbar entsetzt, empört, ja geradezu echauffiert wettert der Redakteur aus dem Springer Verlag gegen besagtes Prantl-„Pamphlet“ und wirft dem Journalisten Zynismus vor.

„Schon die Ankündigung, Europa halte für jeden Gast freien Antransport, freie Ortswahl, ärztliche Versorgung, Schule, Wohnung und Grundeinkommen parat, würde sofort einen gigantischen Ansturm auf die viel geschmähte „Festung Europa“ auslösen“,

schreibt Schümer in seinem Beitrag vom 31.05.2015.

„Wie würden die Bürger reagieren, zumal an den Grenzen in Griechenland, Italien oder Bulgarien, wo schon die Einheimischen kaum über die Runden kommen? Bräche jedes Sozialsystem nicht sofort zusammen?“

führt er weiter aus. Was tatsächlich zusammenbricht, ist wohl eher die eigene Ideologie. Während die Wirtschaft globalisiert, dass sich die Balken biegen, wächst sich die zunehmende Abwehrhaltung gegenüber der Kehrseite der Globalisierung in bestimmen Kreisen zu einer regelrechten Paranoia aus. Dabei lässt sich das alles kaum trennen. Globalisierung bedeutet nicht nur, dass bei dem einen oder anderen Staat die Kasse besonders kräftig klingelt, sondern auch, dass Kontinente und Staaten zusammenwachsen. Globalisierung besteht nicht nur aus guten Geschäften und immer mehr Wachstum. Es fordert vor allem, sich aus der Engstirnigkeit und nationalen Komfortecke hinaus zu wagen und globale Verantwortung zu übernehmen. Und zwar für alle Faktoren, die zwangsläufig mit einer zunehmenden Globalisierung zusammenhängen.

Dimension der Globalisierung völlig unterschätzt

Mit Sicherheit ist jenen, die Globalisierung als reinen Wirtschaftsfaktor sehen, das Ausmaß in der damit einhergehenden Dimension bis dato nicht gewusst. Im Angesicht von Globalisierung und weltweiter, digitaler Vernetzung kann praktisch jeder Mensch von jedem Standort aus recherchieren, wie es sich woanders lebt auf dieser Welt. Dass es im Angesicht von Hoffnungslosigkeit, Hunger, Leid, Not und Tod in vielen Ländern zu einem weltweiten Fluchtverhalten kommt, das künftig weiter zunehmen wird, ist daher kaum überraschend. Was sollen derart benachteiligte Menschen sonst tun, um sich selbst und ihre Angehörigen über die Zeit zu retten?

Eine Lektion, die sich gewaschen hat

Prantl denkt in seinem „Pamphlet“ Lösungswege an. Was könnten wir hier in Deutschland konkret tun und wie ließe sich ein Meilenstein setzen gegen die Todesspirale im Mittelmeer und die bisher nicht einmal im Ansatz gelöste Flüchtlingsproblematik? Prantl zieht die Möglichkeit einer Ansiedelung von Flüchtlingen im brachliegenden Osten Deutschlands in Betracht und heimst sich damit unverdientermaßen eine WELT-Lektion ein, die sich gewaschen hat.

„Er müsste wissen, dass seine Maximalforderungen illusorisch sind und sich nur in Form einer moralischen Diktatur umsetzen ließen. Welchen humanitären Vorteil böte zudem die Entvölkerung gescheiterter Staaten und die Umsiedlung ihrer dynamischen und jungen Eliten nach Europa denn für die Zurückgebliebenen, für Arme, Kranke, Kinder in Afrika?„

keilt WELT-Redakteur Schümer gegen Prantl und bringt seinen Unmut mit barschen und recht drastischen Worten zum Ausdruck. Im Fluss seiner wenig überzeugenden Gegenargumentationsstrategie lässt Schümer gänzlich unerwähnt, dass Siedlungspolitik bzw. Siedlungswanderungen für viele Staaten kein Neuland ist. So abwegig und exotisch, wie Schümers entrüstete Haltung es suggeriert, ist also Prantls Gedankenwelt für praktizierte Menschlichkeit nicht. Sie ließe sich eher als kosmopolitisch einordnen. Das mag für strikt neoliberal geprägte und in nationalen Grenzen jonglierende Gemüter eine Herausforderung darstellen.

„Wahnwitzige Idee einer neuen Ostkolonisation“ und „Satire“ nennt Schümer denn auch Prantls dokumentierte Überlegungen „Im Namen der Menschlichkeit“. Und kanzelt seine Bemühungen um faktische Untermauerung mit folgenden Worten ab:

„Spätestens da wird klar, dass dieses völlig unausgegorene Manifest gar nicht im Namen der Menschlichkeit verfasst wurde, sondern im Namen wohlfeiler Moral.“

Wahnwitzig oder überfällig und im höchstem Maße integer?

Spätestens hier wird allerdings auch klar, wie sehr wir Menschen wie Prantl benötigen, die überhaupt noch zu weitgehend ideologiefreien, konzeptorientierten und meinetwegen auch visionären Impulsgebungen befähigt sind. Und wie sehr sich Deutschland noch immer von der nationalen Denke medialer Patriarchen einengen und einlullen lässt. Globalisierung benötigt Empathie, Gestaltungswille und Schritte nach vorne. Der renommierter Journalist und Jurist Heribert Prantl macht sich Gedanken darum. Und das ist weder zynisch noch unverschämt, sondern überfällig und im höchsten Maße integer.

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5 Kommentare zu "Heribert Prantl, ein Pamphlet und der Rundumschlag eines WELT-Redakteurs"

  1. Wolfram 1. Juni 2015 at 14:04

    Weder Herr Prantl noch Herr Schümer und auch nicht die Verfasserin dieses Beitrages, Frau Pidun, sprechen hier mit einer Silbe die wahren Ursachen der Flüchtlingsströme an.
    Empfehlen möchte ich dazu zur Einführung die Buchrezension zu „Weltmacht IWF – Chronik eines Raubzugs“ von Sabine Feininger.

    Antworten
  2. MrPeHaGe 6. Mai 2016 at 11:02

    Sehr geehrte Frau Pidun.

    Sie schreiben :

    „Empathie, Gestaltungswille und Schritte nach vorne sind überfällig und im höchsten Maße integer.“
    Wenn Sie erlauben, darf ich einen kreativen Vorschlag unterbreiten

    JOURNALISTENFLÜCHTLINGSSOLIDARBEITRAG.

    Jeder Journalist, der sich für das Wohl der Flüchtlinge einsetzt, zahlt 2,5 % seines gesamten Einkommens als JournalistenFlüchtingssolidarbeitrag an eine noch zu gründende VIFAA ( kurz für Vereinigung zur Integration von Flüchtlingen aus
    Afrika und Arabien ). Damit redet er/sie nicht nur rum, damit zeigt
    er/sie, wie wichtig ihm die Flüchtlingssolidarität wirklich ist.
    Im Gegenzug : Die, die nicht zahlen, sollen still sein.

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  3. Benjamin Nussbaum 6. Mai 2016 at 13:37

    Die Vertreter des rechtskonservativen Parteienspektrums halten sich doch die Bäuche vor Lachen. Eine bessere Wahlwerbung als die seltsamen Methoden des Heribert Prantl zur deutschen Volksbeglückung, können sie sich gar nicht vorstellen. Gestern hat die FPÖ bei Wahlen in Österreich ihren Stimmenanteil auf 27 Prozent verdreifacht. So ähnlich wird es auch in Deutschland laufen.

    Antworten
  4. HH-wellmer 6. Mai 2016 at 13:40

    Menschlichkeit hat nichts mit rechts oder links zu tun. Die einen haben sie, viele andere nicht. Letzteres macht alles so schwierig.

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