Hans-Joachim Selenz / 1. Juli 2015 / 2 Kommentare


Das Scheitern der Euro-Vision ist nur noch eine Frage der Zeit

Als braver Bürger geht man selbstverständlich davon aus, dass unsere Volksvertreter nicht absichtlich Unsinn produzieren. Geschieht es doch, so ohne jeden Arg und Vorsatz. Unter dieser (positiven) Annahme zeigt nicht nur die Dauer-Krise um Greichenland, dass offenbar nur wenige begriffen haben, was sie da so alles anstellen. Ein Kommentar von Prof. Dr. Hans-Joachim Selenz.

Ist es bald vorbei mit der Euro-Visioon?  (Foto: Wandersmann / Pixelio.de)

Eurokrise und kein Ende – Ist es bald vorbei mit der Euro-Vision? (Foto: Wandersmann / Pixelio.de)

Die Mehrzahl hat die Euro-Problematik offenbar nicht einmal im Ansatz gerafft. Es ist allerdings auch nicht ganz leicht, sich ein Bild vom Euro zu machen. Insbesondere dann, wenn man als Politiker bereits Probleme damit hat, die Milliarde trennscharf von der Million zu unterscheiden. Auch Top-Politiker haben von Finanzen oft keinen blassen Schimmer. So vermeldete SPD-Chef und Wirtschaftsminister Gabriel einst als Niedersachsen-MP, er beginne die Schulden abzubauen. Dabei versuchte er damals lediglich, die Neuverschuldung zu reduzieren. Im Klartext: Weniger neue Schulden zu machen als im Jahr zuvor. In einem Anfall von Heldenmut forderte daher Bundespräsident Gauck die Kanzlerin bereits vor geraumer Zeit auf,

„den Bürgern die Maßnahmen zur Euro-Rettung besser zu erklären. Sie hat nun die Verpflichtung, sehr detailliert zu beschreiben, was das „auch fiskalisch bedeutet“.

Gleichzeitig bot er sich selbst als Helfer in der Erklärungsnot an:

„Manchmal ist es mühsam zu erklären, worum es geht. Und manchmal fehlt die Energie, der Bevölkerung sehr offen zu sagen, was eigentlich passiert. Da kann ich helfen“.

Was Volksaufklärer Gauck in seiner hochgejubelten Bellevue-Rede jedoch als präsidiale Hilfe ablieferte, war mehr als traurig. Um sich als „Global-Player“ behaupten zu können, brauche Europa „keine Bedenken-, sondern Bannerträger, keine Zauderer, sondern Zupacker“. Doch wie sieht dieser „Welt-Spieler“ Europa eigentlich aus? Mit Erklärungsversuchen von Politikern, die das Thema selbst nicht begriffen haben (s. o.), ist dem Bürger nicht gedient. Sind Zusammenhänge kompliziert, versucht man gern, sie bildlich darzustellen. Insbesondere dann, wenn unser Vorstellungsvermögen an seine Grenzen stößt. Lösungen kann man bekanntlich nur entwickeln, wenn man weiß, wo man steht und was man tut.

In meinem Kommentar „Der Euro – eine griechische Tragödie“ hatte ich versucht, die Situation in Europa und in der Euro-Zone mit einem Ruderboot zu beschreiben. Das trifft die Problematik zwar, ist aber viel zu grob. Besser als das Ruderboot trifft den „Global-Player“ Europa das Bild eines Schleppzugs von Schiffen (Einzelstaaten) unterschiedlichster Größe. Vom Dampfer (Deutschland) bis zum Bade-Boot (Griechenland). Die sind auf vielfältige Weise miteinander verkettet. Und das kam so: Früher fuhr jedes dieser Schiffe für sich allein – quasi als „Local-Player“. Das eine schneller, das andere langsamer. Jedes hatte seine eigene Währung und trieb Handel mit dem, was an Bord produziert wurde.

Vor Zeiten bemerkte man, dass andere Schiffe immer größer wurden. Die fuhren zudem sehr viel schneller und produzierten weitaus mehr als viele europäische Schiffe. China erzeugt z. B. bereits viermal so viel Stahl wie alle EU-Schiffen zusammen. Um dem zu begegnen, beschlossen die EU-Kapitäne, auch groß zu werden. Warum sollte man die Schiffe nicht einfach miteinander verbinden? Das müsste ein stattlicher Schleppzug werden. Der wäre dann, so glaubten sie, mindestens ebenso mächtig wie eines der ganz großen Schiffe, also ein „Global-Player“. Gesagt getan. Um die Schiffe zu verbinden, erfand man den Euro. Der ist die Kette, die den Schleppzug zusammenhält. Zugleich erleichterte er den Handel von Boot zu Boot. Geschwindigkeit und Kurs versprach man, penibelst einzuhalten. Denn sonst drohten unweigerlich Kollision und Untergang. Die Admiralität, die alles koordinieren sollte, platzierte man in Brüssel. Das war die Euro-Vision.

Es gab Boote, auf denen war das Leben zuvor hart, andere drohten abzusaufen. Freundliche Banker halfen auch ihnen in den Schleppzug. Die Admiralität kümmerte sich derweil um Glühbirnen. Auf den Booten konsumierte man – Euro sei Dank – auf Teufel komm raus. Geld war billig und wenn es nicht reichte, ließ man anschreiben. Bei der Schleppzug-Zentralbank in Frankfurt. Kennwort: „Target 2„. Irgendjemand wird die Schulden irgendwann – hoffentlich – begleichen. Auf vielen Booten explodierten die Schulden. Zudem sind einige inzwischen schwer angerostet. Die Kapitäne streiten um den Kurs und die Geschwindigkeit. Der Schleppzug treibt führerlos dahin. Auf dem deutschen Boot wird zwar noch kräftig gerackert, denn deutsche Autos sind weltweit beliebt. Ob das Geld der EU-Freunde jedoch jemals auf deutschen Konten landet, wissen nur die Admiräle und die Banker. Wie sich der „Global Player“ Europa weiterentwickelt überlasse ich nun ganz Ihrer Phantasie…

*Prof. Dr. Ing. Hans-Joachim Selenz ist Wirtschaftsethiker und 1. Vorsitzender der Initiative CLEANSTATE e.V. Für Recht und Gerechtigkeit in Politik, Staat und Wirtschaft.

Verweise:
Funktioniert unser Rechtssystem nicht?

Foto: Wandersmann / pixelio.de

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2 Kommentare zu "Das Scheitern der Euro-Vision ist nur noch eine Frage der Zeit"

  1. Cource 1. Juli 2015 at 12:20

    Da können wir noch so viele Wahrheiten auf den Tisch legen, wir alle sind machtlose Sklaven egal welches System (Kapital- oder Sozialismus) gerade herrscht, und wenn morgen ein Brief zur Einberufung als Reservist im Briefkasten liegt, können wir nur versuchen diesem trügerischen Schlaraffenland heimlich zu entfliehen

    Antworten
  2. Hans von Atzigen 23. Dezember 2016 at 11:15

    Hervorragender Artikel.
    Hervorragend Bildlich Dargestellt.
    Anmerkung:
    Das mit dem Wissen der Kapitäne und Banker.
    Lacher.
    Die haben einfach noch nicht geschnallt.
    Das dies eine schöne Illusion ist.
    Vergessen:
    Verbraten ist und bleibt verbraten.

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