Marlen Albertini / 17. März 2015 / 1 Kommentar


Andauernde Hatz gegen Griechenland – Muss das wirklich sein?

Rund eine halbe Milliarde Euro hat Griechenland gestern an den IWF überwiesen. Damit hat das Land trotz extrem schwieriger Haushaltslage sein Versprechen eingelöst. Dennoch geht die Hatz gegen dieses EU-Land weiter. Das schadet der Demokratie und wirft ein katastrophales Bild auf eine Hardliner-Politik, die sachbezogene Argumentationen sowie Maß und Ziel aus den Augen verliert.

Es muss Schluss sein mit der Hatz gegen Griechenland. Die Diskussionen der vergangenen Tage um ein Video mit dem griechischen Finanzminister, der Deutschland vermeintlich mittels eindeutiger Gestik beleidigt haben soll, offenbart die Irrwege, in die sich Politik und Medien und damit auch die Bürger verhakeln. Die politischen und medialen Umgangsformen sollten überdacht werden. Anlass erneuter Scharfschüsse gegen Griechenland war die vergangene Talk-Show von Günther Jauch. Im Mittelpunkt stand Yanis Varoufakis, der sich in der Sendung kritischen Fragen stellte und durchaus sachlich, authentisch und vorurteilsfrei argumentierte.

Ein Video als Selbstzweck?

Auf eine objektive Diskussion wollten sich die Teilnehmer der Runde allerdings nicht einlassen und verrannten sich mangels sachlicher Argumentationen lieber in ein Video, das den griechischen Finanzminister vermeintlich in eindeutig abwertender Gestik gegenüber Deutschland erwischte. Anstatt sich auf die Kernpunkte der Diskussion zu konzentrieren, drehte es sich fortan um immer gleiche Vorurteile, Söder-Floskeln und Schuldverschiebungen. Schließlich mündete der asburde Talk in der ebenso falschen wie haarsträubenden Behauptung des Gründungsintendanten des Deutschlandradios, Ernst Elitz, wonach Reparationszahlungen der Deutschen gegenüber den Griechen „juristisch längst erledigt“ seien. Anstatt unverzüglich eine Korrektur dieser Aussage anzumahnen, um Zuschauer nicht erneut in die Irre zu leiten, hielt sich die Runde lieber an dem besagten Video fest.

Worum geht es tatsächlich?

Außenstehende Beobachter stellen sich inzwischen die Frage, um was es eigentlich tatsächlich geht. Griechenland hat gestern rund eine halbe Milliarde an den IWF überwiesen und damit trotz extrem schwieriger Haushaltslage sein Versprechen eingelöst. Anstatt dies mit entsprechenden Kommentaren zu honorieren, geht die Hatz gegen dieses EU-Land weiter. Pünktlich am Tag der Überweisung mischte sich einmal mehr auch Finanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) in die Debatte ein und schürt kräftig den Feuerhaken. Mit finsterem Blick auf die griechische Regierung äußerte er anlässlich einer Diskussion im Adenauer-Haus in Berlin:

„Sie haben alles Vertrauen zerstört. Das ist ein schwerer Rückschlag“.

Schäuble, Söder & Co. würde es gut zu Gesichte stehen, endlich abzurüsten und den Dialog auf Augenhöhe zu suchen. Schließlich repräsentieren sie nicht nur sich selbst, sondern alle Deutschen. Die Art und Weise, wie dies geschieht, ist nicht zwangsläufig im Sinne der Bürger. Polemik mag zwar an deutschen Stammtischen gut ankommen. Doch was zu weit geht, geht zu weit. Das stringente Sparpaket unter der Kontrolle verfassungsrechtlich nicht autorisierter Troika-Bürokraten wird auch durch gebetsmühlenartige Wiederholungen nicht effektiv. Die Protagonisten sollten eingestehen, dass der Plan vollständig gescheitert ist und schnellstens Maßnahmen gegen die humanitäre Krise einleiten, die das rigide Spardiktat in Griechenland verursacht hat.

Verspekuliert im Namen des Volkes

Die EU-Länder haben sich zu einer gleichberechtigten Union zusammengeschlossen und es gibt keine Leitfiguren, die den alleinigen Ton angeben und zum Zuchtmeister der EU avancieren. Eine Gemeinschaft hält nur dann, wenn sie gemeinsam Schwierigkeiten bewältigen kann. Von einem professionellen Krisenmanagement kann jedoch kaum die Rede sein. Im Fall Griechenland wäre deutlich mehr Ehrlichkeit vonnöten. Der überwiegende Teil der bisher genehmigten Gelder kommen deutschen und französischen Banken zu Gute, die sich in Griechenland verspekuliert haben und nicht etwa hungernden Griechen. Die kommunikative Kraft, die in pure Polemik gelegt wird, kann besser für Offenheit gegenüber den Bürgern genutzt werden, um endlich klarzustellen, wer die Krise tatsächlich verursacht hat. Die Hatz gegen Griechenland muss ein Ende haben – und das möglichst sofort!

Zur Talk-Show mit dem griechischen Finanzminister Yanis Varoufakis

Verweise:

Schäuble und die Bargeldspende – Interview mit dem holländischen Journalisten Rob Savelberg

Andauernde Hatz gegen Griechenland – Muss das wirklich sein?



Ein Kommentar zu "Andauernde Hatz gegen Griechenland – Muss das wirklich sein?"

  1. Heidi Preiss 17. März 2015 at 20:05

    Endlich einmal ein Bericht, der Fakten sprechen lässt. Es scheint doch nicht wirklich um Geld zu gehen; ein Erfolg der Syriza wird gefürchtet. Blickt man auf Spanien, Portugal, Italien, Frankreich etc. könnte dies ja Schule machen.

    Zudem geht es m.E. auch nicht mehr um eine Aufbauhilfe für die griechische Wirtschaft, sondern um eine von nicht demokratisch legitimierten Kommissaren der Finanzinstitute überwachte Ausbeutung des Landes und seines öffentlichen Eigentums.

    Zudem fordert Schäuble, Tsipras soll zu den Verträgen ihrer korrupten Vorgänger stehen. Er selber will aber keine Altschulden aus Nazi-Zeiten an Griechenland zahlen. Gerade Schäubles CDU steht doch in recht ungeklärter Nachfolge […].

    Ich frage mich, warum soll Athen für Altschulden von gestern aufkommen, Berlin aber nicht für Altschulden von vorgestern.

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