Ursula Pidun / 9. März 2008 /


Brisantes Spiel mit der Pressefreiheit – Sprachlos zwischen Orient und Okzident

Ein wahrhaft zündender Gedanke, ein paar feine Striche aus der Feder und ein Redakteur, der die so entstandenen Karikaturen für die Print-Ausgabe durchwinkt – fertig ist ein Zwist zwischen Orient und Okzident, der seinesgleichen sucht.

Sprachlos zum kalten Krieg – so geschehen, nachdem bereits im September 2005 zwölf künstlerisch eher miserable Mohammed-Karikaturen in der dänischen Zeitung „Jyllands-Posten“ erschienen sind. Nachdem dänische Zeitungen im Februar dieses Jahres als Protestreaktion gegen ein Mordkomplott von Muslimen eine der umstrittenen Karikaturen nachdruckten und fünfzehn weitere Zeitungen eine der Zeichnungen von Kurt Westergaard aus dem „Jyllands-Posten“ veröffentlichten, hatte sich diesbezüglich Al-Kaida-Chef Bin Laden per Video-Botschaft gemeldet. In dem Video-Clip drohte er der europäischen Union massiv mit Rache.

Ein Blick zurück

Auf den umstrittenen zwölf Skizzen aus dem Jahr 2005 wird der Prophet und Religionsstifter Mohammed als düsterer Terrorist mit Bombe im Turban dargestellt. Auf einer weiteren Zeichnung verwehrt Mohammed Männern den Zutritt zum Himmel. Dazu gibt es einen Untertitel mit den Worten: „Stopp, uns sind die Jungfrauen ausgegangen!“ Eine Karikatur mit vier Frauenportraits trägt die Unterschrift: „Prophet! Mit einem Knall im Kopf hält er Frauen unter dem Deckel!“. Eine andere Karikatur zeigt einen dunkelhaarigen Schüler, der als Zuwanderer abgebildet wird. Er schreibt auf eine dänische Schultafel die arabischen Worte: „Jyllands-Postens Journalisten sind ein Haufen reaktionärer Provokateure!“ Zweimal wird Mohammed zwar auch als freundlich aussehender älterer Herr präsentiert. Doch die in Bewegung geratene Lawine zwischen Orient und Okzident rast ungebremst in einen Konflikt zwischen zwei völlig verschiedenen Kulturen, die ohnehin mit einer gegenseitigen Verständnislosigkeit zu kämpfen haben.

Ungebremst dem Konflikt entgegen

Die Kontroverse gewann an Schubkraft, nachdem die Empörung der islamischen Welt über die Veröffentlichung in der dänischen Zeitung „Jyllands-Posten“ unter Berufung auf die Pressefreiheit kein Gehör fand und die Karikaturen in einigen europäischen Blättern nachgedruckt wurden. In Deutschland zeigte unter anderem „Die Welt“, in Neuseeland die Zeitungen „Dominion Post“ und „The Press“ und in Frankreich die „Franc Soir“, dass Pressefreiheit nicht nur Nomenklatur ist. „Es ist wichtig, dass unsere Leser sehen, um was solch ein Aufheben gemacht wird und dass sie sich ihre eigene Meinung bilden können“, äußerte Tim Pankhurst, Chefredakteur der „Dominion Post“. „Wir wollen nicht bewusst provozieren, aber wir sollten uns auch nicht einschüchtern lassen.“

Während der Westen heftig über Pressefreiheit debattiert, bahnen sich düstere Szenarien einen Weg. Die Reaktionen der islamischen Welt auf die Mohammed-Karikaturen sind extrem. Der Orient lauert angriffslustig in den Startlöchern und droht dem Westen – durchaus auch mit Gewalt. Was sich anhört wie ein Märchen aus Tausend und einer Nacht, wird zur bizarren Realität. In der islamischen Welt demonstrierten und protestierten im Jahr 2005 Zehntausende auf der Straße, um gegen die Karikaturen aber auch europäische Regierungen zu wettern, die es scheinbar erlauben, den Propheten Mohammed zu verunglimpfen. In Kairo, Bagdad und den palästinensischen Gebieten, aber auch in Indonesien war in Kundgebungen die Rede von der Schande des Westens, der „unter dem Deckmantel der Meinungsfreiheit eine solche Gotteslästerung zulasse“. In Damaskus versammelten sich Tausende Menschen vor den Botschaften Dänemarks und Norwegens. Demonstranten durchdrangen die Absperrungen der Polizei, stürmten Gebäude und legten Feuer. In Gaza wurde das Gelände der deutschen Vertretung vereinnahmt, die deutsche Flagge heruntergerissen und verbrannt.

Wirtschaftliche Nachteile

In der Folge entwickelten sich wirtschaftliche Nachteile in erheblicher Größenordnung. Für Dänemark stand der Verlust von mehr als 11.000 Arbeitsplätzen auf dem Spiel. Langfristig geriet der skandinavische Nachbar vor allem auch im Bereich Export von Lebensmitteln und Agrarprodukten in Gefahr. Aus einem Boykott, der ein Jahr anhält, kann allein für diesen Bereich ein Einnahmeverlust von ca. 320 Millionen resultieren. Gefördert werden solche Verluste durch reibungslose Absprachen in der islamischen Welt. Per SMS über Handy unterrichten Saudis ihre Freunde, Bekannte und Verwandte von geplanten Aktivitäten. Solche Informationen und Anweisungen breiteten sich wie ein Lauffeuer nach Qatar, Kuwait und bis in die Vereinigten Arabischen Emirate aus. Vor drei Jahren belief sich der Verlust durch einen Verkaufsstopp allein bei „Arla Foods“ auf ca. 1,5 Millionen Euro täglich. „Arla Foods“ exportiert ein Drittel sämtlicher dänischer Produkte in die Golfregion. Neben diesem Verlust verloren damals 150 Arbeitnehmer vor Ort ihren Job.

Irans Präsident Mahmud Ahmadinedschad kündigte die Auflösung der Wirtschaftverträge mit den Ländern an, in denen die Karikaturen erschienen sind. „Man muss die Wirtschaftsverträge mit dem Land überprüfen und annullieren, das mit diesem abscheulichen Akt begonnen hat und mit den Ländern, die ihm gefolgt sind“, äußerte Ahmadinedschad gegenüber der Nachrichtenagentur Insa. Für die Umsetzung der Maßnahmen habe er bereits ein Gremium gegründet, das aus ranghohen Beamten besteht, hieß es weiter. Auf den Zug des Konflikts waren auch die arabischen Regimes aufgesprungen. Riad zog seinen Botschafter aus Kopenhagen ab, Libyen schloss seine Botschaft und die Arabische Liga intervenierte bei der dänischen Regierung. Wie schwer die Unfähigkeit zu einem Dialog wiegt, zeigt das Missverständnis an den Adressaten der Konfliktursache. Regierung und Politik im Westen sind nicht verantwortlich für Presseinhalte. Es ist das Wesen der Pressefreiheit, keiner Regime-Steuerung zu unterliegen.

Pressefreiheit – Freibrief ohne Grenzen?

Die Proteste zeigten Wirkung: Chefredakteure wurden gefeuert und Verlage dazu gezwungen, Entschuldigungen abzudrucken. Über Pressefreiheit kann man in westlichen Ländern glücklicherweise nicht streiten. Sie ist garantiert und im Grundgesetz formuliert. In Deutschland ist sie in Artikel 5 Absatz 1 Satz 2 verankert:

Jeder hat das Recht, seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern und zu verbreiten. Die Pressefreiheit und die Freiheit der Berichterstattung durch Rundfunk und Film werden gewährleistet. Eine Zensur findet nicht statt.

Mit der Veröffentlichung einer Mohammed-Karikatur auf der Titelseite und Karikaturen aus dem dänischen Blatt „Jyllands-Posten“ im Innern der Zeitschrift endete für den Chefredakteur der „Franc Soir“ diese Form der grundsätzlichen Pressefreiheit. Er wurde vom ägyptischen Besitzer der Zeitung fristlos entlassen. Freie Publizistik als demokratisches Instrument ist im Westen unerlässlich und professionell genutzt ein Wächter der Demokratie. Geschmacklosigkeiten sind subjektive und sehr individuelle Wahrnehmungen. Und die Freiheit der Presse steht im Einklang mit der Freiheit eines jeden einzelnen Bürgers, Publikationen wahr zu nehmen, abzulehnen oder komplett zu ignorieren. Dies setzt die im Westen vorhandene Bereitschaft voraus, unterschiedliche Meinungen, Ansichten, Lebensweisen aber auch differenzierte Formen von Humor zu respektieren.

Wenn Satire zum Sprengstoff wird

Karikaturen sind eine besondere Form der Satire. Sie übertreiben und zeichnen ein deutlich überzogenes Bild. Dennoch – auch für Satiriker und Karikaturisten ist das Recht der Meinungsfreiheit nicht grenzenlos. Beleidigungen und Beschimpfungen sind tabu. Doch basiert der tiefe Konflikt in diesem Fall auf den gravierenden Unterschieden zwischen zwei völlig verschiedenen Kulturen, die zu einer schier unüberbrückbaren Verständnislosigkeit geführt haben. Europäer können mit Kritik und Satire über die Kirche umgehen. Für Muslime ist der Glaube unantastbar und eine Trennung von Kirche und Staat nicht möglich. Der Koran verbindet die geistige Haltung mit einem Gerüst für die Gesetzgebung. Seit den Ereignissen vom 11. September 2001 fühlen sich Muslime zudem vom Westen verfolgt und kontrolliert. Einzelne, fanatische Gruppen nutzen jede Kritikmöglichkeit am Westen, um gegen ihn zu wettern, aufzuhetzen und Gewalt anzudrohen.

Publizistische Verantwortung

In einer Demokratie darf jeder selbst entscheiden, wo Beleidigung anfängt und aufhört. Er kann alles machen, muss aber auch die Konsequenzen dafür tragen. Verantwortlich handelt, wer Umsicht, Weitsicht und manchmal auch Geschmack walten lässt. Darstellungen in Bild oder Wort, die keinerlei sachlich-informellen Hintergrund aufweisen und aufgrund möglicher verheerender Folgen unter Abwägung der Verhältnismäßigkeit nicht veröffentlicht werden, stellen unsere Demokratie nicht in Frage und dezimieren auch nicht das Informationsrecht der Bürger. Die Gratwanderung zwischen Inszenierung und Brüskierung einerseits und möglichen Gefahren, die eine spektakuläre und provozierende Veröffentlichung mit sich bringt, ist für Verantwortliche in Redaktionen stets eine große Herausforderung, macht aber auch publizistische Professionalität aus. Angesicht der angespannten und problematischen Lage zum Nahen Osten ist eine frei bestimmte Abstinenz wohl immer dann Gold, wenn Menschenleben auf dem Spiel stehen und Unbeteiligte am Ende die bittere Zeche zahlen.

(Beitrag vom 9. März 2008)