Marlen Albertini / 25. Oktober 2014 / Keine Kommentare


Jürgen Domian und die sieben Todsünden

"Wie lebt man so, dass man über jede Stunde sagen kann: Ja, ich bin mir und den anderen gerecht geworden?" Mit dieser Frage beschäftigt sich der Radio-Moderator Jürgen Domian in seiner Publikation: "Richtig leben - und dann tu, was Du willst". Eine Rezension von Marlen Albertini.

Jürgen Domian befasst sich in seinem Buch u.a. auch mit "sieben Todsünden". (Foto: © Annika Fußwinkel).

Jürgen Domian befasst sich in seinem Buch u.a. mit Todsünden und Lastern.
(Foto: © Annika Fußwinkel).

„Spätestens dann, wenn der glatte und glitzernde Lebensfluss stockt, im Falle eines Schicksalsschlages, einer schweren Erkrankung oder im Angesicht des Todes, erwachen viele. Gibt es etwas Schlimmeres, als auf dem Sterbebett erkennen zu müssen, dass man falsch gelebt hat?“

Der Radio-Moderator Jürgen Domian hört Nacht für Nacht Lebensgeschichten, Schicksale, Sorgen und Nöte von Menschen aus ganz Deutschland. Fast immer dreht es sich um die Frage, was richtig und was falsch, was gut und was schlecht ist. Mit seiner aktuell erschienenen Publikation folgt er den Leidenschaften des Menschen und findet so Antworten auf eine Frage, die ihn und so viele andere bewegt. „Wie lebt man so, dass man über jede Stunde sagen kann: Ja, ich bin mir und den anderen gerecht geworden?“

Die Messlatte liegt hoch

Damit setzt der Autor eine hohe Messlatte. Ist es ihm mit seinem Buch gelungen, Antworten auf die für jedermann so wichtige Frage zu finden? Herausgekommen ist jedenfalls ein höchstpersönliches Buch voller Geschichten und Gespräche, Begegnungen und Erfahrungen. Ein Buch über den Wert des Augenblicks und über eine Gegenwärtigkeit, die frei und lebendig macht.

In seiner Publikation bietet der Autor sehr persönliche und folgenhafte Ratschläge für das Leben anderer. Dabei muss sich auch Domian stets messen und bewerten lassen, wenn er in diesem Zusammenhang von Erfahrungen berichtet, die zu seiner persönlichen Sicht der Dinge führen. Dies gelingt und er untermauert seine Standpunkte glaubwürdig. Der Autor wählt einen guten Einstiegspunkt zum Zen-Buddhismus, ohne jedoch zu engstirnig und ernst in die Materie einzutauchen oder den Leser gleich mit einer Flut an Wissen zu überfordern.

Über Todsünden, Laster und Moral

Schnell und spürbar streng taucht er dann in die Kapitel der aus seiner Sicht vermeidbaren „Todsünden“ ein. Zu streng? Entlang einer Strecke von sieben definierten Lastern, in denen sich der eine oder andere Zeitgenosse sicherlich wiedererkennen kann, gibt Domian vermeintlich untugendhaften Eigenschaften viel Raum und warnt davor, sie sich zu Eigen zu machen.

Zu den sogenannten „Todsünden“ zählen u.a. Neid, Zorn, Wollust und Trägheit. Relativ hart geht der Autor mit jenen zu Gericht, die solchen Lastern frönen. Dabei setzt Domian die moralischen Grenzen eng und kaum ein Leser kommt ohne Seitenhieb davon. Vielleicht ist der von ihm gewählte Begriff „Todsünden“ ungünstig gewählt. Schließlich unterliegt jedwede Beurteilung von Eigenschaften natürlich immer auch einer subjektiven Beurteilung. Die spürbare Strenge weckt den Eindruck einer moralischen Absolutheit. Nicht jeder Leser geht damit zwangsläufig konform.

Das hohe Maß der Perfektion

Der Wunsch der Menschen nach Zerstreuung (Party) wird beispielsweise bereits als Laster (Trägheit) definiert. Ist dies nicht zu weit gegriffen? Bestimmte Eigenschaften sind menschlich. Selbst bei den ambitioniertesten Vorsätzen kann und will nicht jeder ein klösterliches Leben führen, weil seine „Natur“ das gar nicht hergibt. Das sagt schon der gesunde Menschenverstand. Domian verrät, dass er sich durchaus von Menschen distanziert, wenn die von ihm als Laster bzw. „Todsünden“ gewichteten Eigenschaften spürbar werden.

Birgt eine solche Schlussfolgerung nicht die Gefahr der Isolation „besonders Tugendhafter“, die sich nur noch jenen zuwenden, die ein hohes Maß an Perfektion im moralischen Umgang pflegen? Domian untermauert seine Haltung auch diesmal an einem Beispiel. Eine Journalistin, die anlässlich eines Treffens nur von sich erzählte und Domian kaum Fragen stellte, fiel bei ihm komplett unten durch. Vielleicht hätte hier eine kurze Aussprache das Problem gelöst und aus dem schnellen Urteil wäre eine intensivere Freundschaft geworden?

Fazit: Jürgen Domian gelingt es in seiner Publikation die wesentlichen Probleme, die unter den Menschen zu Konflikten führen, sehr treffend zu analysieren. Auch wenn hinsichtlich einiger Inhalte zu hohe Ansprüche wachsen, so ist dennoch ein Buch mit konkretem Nutzen entstanden, das sich nicht in der Selbstdarstellung des Autors verfängt. Als Ansporn, an bestimmten Stellen das eigene Verhalten zu verbessern und das eigene Handeln zu hinterfragen, eignet sich der „Gedankengeber“ hervorragend. Das Bewusstsein, nicht allen erwähnten Anforderungen gewachsen zu sein, weil wir viel zu sehr Mensch sind, muss niemanden ernsthaft betrüben. Denn auch der aktuelle Trend zu einem neuen deutschen Moralismus zeigt glücklicherweise kaum Chancen, einen Siegeszug anzutreten.

*Jürgen Domian wurde 1957 in Gummersbach geboren. Nachdem er bei verschiedenen Sendern der ARD als Autor und Reporter arbeitete, moderiert er seit 1995 die bimediale Telefon-Talkshow „Domian“ (WDR-Fernsehen/WDR-Hörfunk 1LIVE). 2003 wurde er für die Sendung mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet. 2013 erschien sein erstes Sachbuch „Interview mit dem Tod“, das sofort auf der SPIEGEL-Bestsellerliste einstig und sich mehrere Wochen dort hielt.
 

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Header-Foto: © Annika Fußwinkel
Video: YouTube



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