Ursula Pidun / 8. August 2014 / 2 Kommentare


Erster Weltkrieg – 100 Jahre danach!

Der Ausbruch des Ersten Weltkrieges jährt sich in diesem Jahr zum 100. Mal. Für das Heeresgeschichtliche Museum in Wien ist dies Anlass, die damaligen Ereignisse erneut in den Fokus zu rücken und sich mit einer neuen Ausstellung auf besondere Weise dieser Thematik zu widmen. Wir haben nachgefragt.

HGM

Pressekonferenz mit dem österreichischen Bundesminister für Landesverteidigung und Sport, Gerald Klug (re) und HGM-Direktor Christian Ortner. (Foto: Heeresbild- und Filmstelle)

Am 28. Juni 2014 jährte sich zum 100sten Mal das Gedenken an das Attentat von Sarajevo. An diesem Tag konnte der Erste Weltkriegssaal im Heeresgeschichtlichen Museum(HGM) in Wien durch den Leiter der Sektion I., Sektionschef Mag. Christian Kemperle (BMLVS) und Dr. M. Christian Ortner (Direktor HGM) im Beisein der beiden ehemaligen österreichischen Verteidigungsminister BM a.D. DI Dr. Helmut Krünes und BM a.D. Dr. Werner Fasslabend sowie dem Stellvertretenden Chef des Generalstabes GenLt Mag. Berhard Bair neu eröffnet werden.

Die Ausstellung fokussiert unter anderem auch das Attentat auf das österreichisch-ungarische Thronfolgerpaar Franz Ferdinand und Sophie in Sarajewo. Besucher der neuen und einzigartigen Ausstellung erwartet neben der chronologischen Gliederung der zeitgeschichtlichen Ereignisse rund um den Ersten Weltkrieg insbesondere auch räumliche, zeitliche und thematische Schwerpunkte der Jahre 914 bis 1918. Zudem stehen verschiedene „Querschnitts“-Themen wie etwa „Kriegsbegeisterung & Ausmarsch 1914“, „Verwundung und Tod“, „Pflege und Trauer“, „Frau im Krieg“, „Kriegspropaganda“ oder „Kriegserinnerung“ im Mittelpunkt.

Viele der in Wien ansässigen ausländischen Botschaften entsandten zur Eröffnung der neuen Ausstellung Ihre Vertreter. Auch der Amtsführende Vorsitzende der Parlamentarischen Bundesheerkommission, Bgrd. Prof. Walter Seledec, war anwesend. Die bei der Eröffnung gezeigten Stummfilme wurden durch zeitgemäße Klaviermusik begleitet. In dem extra für die Eröffnung eingerichteten Feldpostamt konnten Sondermarken und Feldpostkarten zum Attentat sowie zum Ersten Weltkrieg erworben und auch gleich vor Ort weltweit versandt werden. Das Interesse an der Eröffnung war derart groß, das das Museum bis auf den letzten Platz gefüllt war. Wir haben nachgefragt. Im Gespräch mit Mag. Manfred Litscher, Leiter des Fotoateliers und Referent für Öffentlichkeitsarbeit im Heeresgeschichtlichen Museum Wien.

Herr Litscher, aktuell wurde im HGM die Ausstellung „Erster Weltkrieg – 100 Jahre danach!“ eröffnet. Wie kam es zu der Überlegung, die bisherige Ausstellung neu zu konzipieren?

HGM

Eingang: Feldherrnhalle des HGM
(Foto: Heeresbild- und Filmstelle)

Der Gedanke einer Neukonzeption kam mit dem Anwachsen der Sammlung. Das Jahr 2014 als Gedenkjahr war natürlich auch bei uns im Heeresgeschichtlichen Museum (HGM) schon seit Jahren ein Thema. Der eigentliche Umbau bzw. die Ausgangsbasis dafür war ein Ideenwettbewerb zu Beginn des Jahres 2012.

Was ist völlig neu und welche Eindrücke erwartet Besucher der neuen Ausstellung?

Völlig neu ist natürlich der Saal selbst. Um die Möglichkeit eine zusätzliche Plattform zu schaffen, wurde 1,80 Meter in die Tiefe gegraben. Durch die Plattform konnte der nutzbare Ausstellungsbereich von 1.000 Quadratmetern auf 1.400 Quadratmetern erweitert werden. Die Objekte werden nüchtern präsentiert und wirken selbst durch ihre „Aura“.

Es ist nun möglich in Form eines Rundganges durch die Ausstellung zu gehen. Dieser Rundgang wurde so konzipiert, dass die Schlüsselobjekte sehr bewusst in einem historisch zusammenhängenden Rahmen stehen. Er endet symbolisch bei Kreuzen. Die ersten zwei Toten von Sarajevo, der Thronfolger Franz Ferdinand und sein Frau Sophie von Hohenberg, werden so den Millionen Menschen, die am Schlachtfeld oder den widrigen Umständen des Krieges zum Opfer gefallen sind, gegenüberstellt.

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Panzerkuppel aus der Festung Przemysl (Foto: Heeresbild- und Filmstelle)

*Anmerkung:Der Durchmesser der Kuppel beträgt 2,47 Meter, die Kuppelhöhe 84 Zentimeter. Die ursprünglich eingebaute 8-Zentimeter-Panzerkanone wurde entfernt. Die Kuppel wurde 1894 von der Firma Skoda in Pilsen hergestellt. Die Deformierung an der Kuppelaußenseite wurde durch einen Treffer einer russischen 28-Zentimeter-Mörsergranate verursacht.

Das HGM verfügt über einen beträchtlichen Sammlungsbestand gerade aus den Jahren 1914 bis 1918. Woher kommen all diese Gegenstände und Unikate der damaligen Zeit?

Aufgrund der Zuweisung von erheblichen Mengen von Objekten musste das Museum mit dem Beginn des Ersten Weltkrieges schon bald für den allgemeinen Besuch geschlossen werden. Eine generelle Schließung des Museums nach 1918 konnte abgewendet werden und man besann sich, der Geschichte eine Chance zu geben. Die Nachkriegsgenerationen sollten eine Möglichkeit erhalten, über diesen Großen Krieg reflektieren zu können. Schenkungen und Nachlässe sowie auch Ankäufe ergänzen die Sammlung zum Ersten Weltkrieg, zu denen auch sehr wertvolle Gemälde zählen. Ein Bild von Egon Schiele oder „Den Namenlosen“, von Albin-Egger Lienz, werden z.B. in der Ausstellung präsentiert.

HGM

Uniform des Thronfolgers Franz-Ferdinand (Foto: Heeresbild- und Filmstelle)

*Anmerkung: Unter der Uniform ist das Canapé zu sehen, auf dem Thronfolger Franz-Ferdinand gestorben ist.

Das HGM präsentiert auch Objekte zum Attentat von Sarajevo. Um was handelt es sich und in welchen Zustand befinden sich die Sammlerstücke?

Im völlig neu gestalteten Sarajevo-Saal – dem Saal, der dem Attentat von Sarajewo gewidmet ist – findet man das Automobil der Marke Gräf & Stift, in dem der Thronfolger Franz Ferdinand und seine Frau, am 28. Juni 1914 ermordet wurden. Das Attentat war ein entscheidendes Puzzle, welches in der Folge den Ersten Weltkrieg auslöste.

Sarajewo

Das blutige Hemd des Thronfolgers
(Foto: Heeresbild- und Filmstelle)

Die Stücke zum Attentat von Sarajevo sind in einem – den Umständen entsprechenden – guten Zustand und können als Schlüsselobjekte zum Ersten Weltkrieg bezeichnet werden. Außer dem Fahrzeug kann der Besucher auch die Uniform und das Canapé, auf dem der Thronfolger starb, besichtigen.

Weitere Ausstellungstücke, wie zum Beispiel drei der Attentatswaffen und Gegenstände aus dem Besitz von Sophie von Hohenberg sind in diesem Saal zu sehen. Gemälde des Thronfolgers und seiner Frau sollen den Besuchern einen Eindruck dieser beiden Persönlichkeiten vermitteln. Sie waren die ersten Toten des Ersten Weltkrieges.

Das HGM präsentiert auch jenseits der Ereignisse um Sarajewo viele Bereiche, die thematisch Bezug auf den Ersten Weltkrieg nehmen. Was zählt hierzu?

Nach dem Verlassen des Sarajevo-Saals wird der Besucher nicht nur über die militärischen Gegebenheiten dieser Zeit aufgeklärt, er erhält auch eine politische Übersicht über die Verhältnisse im Jahr 1914. Da dieser Krieg auch die Zivilbevölkerung stark in Mitleidenschaft zog, wird in der Ausstellung auch das zivile Leid thematisiert. Auch Kinder waren davon nicht ausgeschlossen. Spielsachen die den jungen Menschen auf das Grauen vorbereiten sollten, fanden ihren Weg in die heimatlichen Stuben.

HGM

Der Wagen des Thronfolgerspaares im Original (Foto: Heeresbild- und Filmstelle)

Neben Stücken, die bereits in der Obhut des HGM liegen, konnten auch ganz neue Sammlerstücke erworben werden. Kommen solche seltenen Stücke überwiegend aus privater Hand und wie werden solche Unikate entdeckt?

HGM-Direktor Dr. M. Christian Ortner präsentiert eine der Tatwaffen des Sarajewo-Attentats. (Foto: (Foto: Heeresbild- und Filmstelle)

HGM-Direktor Dr. M. Christian Ortner präsentiert eine der Tatwaffen des Sarajewo-Attentats. (Foto: Heeresbild- und Filmstelle)

Da das HGM international einen guten Ruf genießt, kommt man hier auf uns zu. Objekte mit einer besonderen Vergangenheit sollen auch für die Nachwelt erhalten werden und hier im HGM weiß man sie gut aufgehoben. Durch unsere Mitgliedschaft bei  ICOM (Internationaler Museumsrat) haben wir uns diesbezüglich zu sehr hohen ethischen Vorgaben verpflichtet. Natürlich sind wir selbst auch immer auf der Suche und haben schon das eine oder andere Juwel zutage gefördert.

Bei den neuen Objekten handelt es sich sowohl um Dauerleihgaben als auch um Schenkungen und auch um gekaufte Stücke.

Das HGM wir in der neuen Ausstellung auch bisher nie gezeigte Exponate präsentieren. Was zählt u.a. dazu?

Die Freiwilligen Verbände sind ein oft vernachlässigter Teil dieses Krieges. Im Zuge der Europäischen Union besinnt man sich hier aber wieder auf historische Wurzeln und so konnten wir den Einsatz albanischer, polnischer und ukrainischer „Legionäre“ auf Seiten der k.u.k. Streitkräfte in Form von Uniformen, Waffen und persönlichen Gegenständen darstellen.

Das HGM möchte Besucherinnen und Besuchern ein möglichst umfangreiches Bild des damaligen Geschehens bieten. Wie wurde die Ausstellung organsiert, um diesem Anspruch gerecht zu werden?

Bereits 2010 gab es erste Bestrebungen die bestehende Saalgruppe zu überarbeiten. Wie so oft war es nicht leicht, die Mittel dafür zugesagt zu bekommen. Einen Teil der Kosten wurden dem HGM auferlegt. Die Möglichkeit 2014 ein Projekt dieser Größenordnung auf Schiene zu bringen und mit dem sich ankündigenden Gedenkjahr zum Ersten Weltkrieg gut in Einklang zu bringen, schien aussichtsreich. Wie bereits erwähnt wurde 2012 ein Ideenwettbewerb ausgeschrieben, der die Schaffung eines Rundganges als inhaltliche Vorgabe hatte. Diesen Vorgaben wurden mit dem angesprochenen, erheblichen Umbau schließlich entsprochen.

HGM

38 cm Haubitze (Foto: Heeresbild- und Filmstelle)

*Anmerkung: 38 cm-Haubitze mit einer Reichweite von 15 Kilometern und einem Gesamtgewicht von rund 81 Tonnen wurde von den Skoda-Werken in Pilsen in den Jahren 1916 und 1917 gebaut. Im März 1918 kam sie erstmals an die Westfront.

Die Sinne der Besucher und Besucherinnen werden schon beim Betreten des Museum sensibilisiert. Man spürt förmlich, dass man sich hier auf historischen Boden bewegt. Durch die vielen Kontakte zu anderen Museen und wissenschaftlichen Forschungseinrichtungen sowie durch die Mitgliedschaft bei ICOM ist es möglich immer am Puls der Zeit zu bleiben um den Objekten das bestmögliche Umfeld zu bieten. Wir versuchen auch so viele Originale wie möglich auszustellen.

Welche Vorsorge muss getroffen werden, damit solche kostbaren Sammlungen auch künftig gut erhalten bleiben?

Als Mitglied bei ICOM sind wir mit internationalen Museen sehr gut vernetzt. Direktor, HR Dr. Christian Ortner und sein Stellvertreter Dr. Christoph Hatschek sowie ihr Team, sind hier mit den neuesten wissenschaftlichen Errungenschaften in der Museumslandschaft vertraut und am Laufenden. Somit wird dafür Sorge getragen, dass unser Sammlung nach bestem Wissen und Gewissen erweitert und der Nachwelt erhalten werden kann.

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Sammlerstück im Heeresgeschichtlichen Museum in Wien ((Foto: Heeresbild- und Filmstelle)

Wird die Ausstellung dauerhaft präsentiert und welche Öffnungszeiten gibt es?

Die neue Ausstellung zum Ersten Weltkrieg ist eine Dauerausstellung. Das Museum hat bis auf wenige Feiertage täglich von 09.00 bis 17.00 Uhr geöffnet. Wer es einrichten kann, ist gut beraten an einem ersten Sonntag im Monat vorbeizuschauen, denn dann gibt es im HGM freien Eintritt.

*Manfred Litscher, geboren in der Steiermark/Österreich absolvierte eine Ausbildung als Fotograf sowie ein Studium der Kultur- und Sozialanthropologie.. Während der militärischen Ausbildung nahm Litscher an vier Auslandseinsätzen teil. Seit 1999 ist der Experte Leiter des Fotoateliers im Heeresgeschichtlichen Museum in Wien und seit 2010 Referent für Öffentlichkeitsarbeit im HGM.



2 Kommentare zu "Erster Weltkrieg – 100 Jahre danach!"

  1. Kurz Josef 6543 Nauders 317 b Tirol 7. Juli 2014 at 06:33

    Gratulation zur erfolgreichen Eröffnung und weiteren Dauerausstellung des neuen 1.WK Museums.Bin selber begeisterter Sammler von Objekten aus dem 1.WK , habe viel von den tiroler Standschützen und Kaiserjägern , Uniformen , Fotomaterial usw. Habe aber bisher noch nie persönlichen Kontakt mit dem HGM gehabt !

    viele Grüße Josef

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  2. Johna404 17. Dezember 2015 at 06:53

    You are a really persuasive writer. I can see this in your writeup. You’ve a way of writing compelling info that sparks significantly interest.

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