Malte Olschewski / 29. Juni 2016 / 3 Kommentare


Fußball, Politik und Krieg

Fähnchenschwingende Massen und als Fan verkleidete Politiker - trotz der Entnationalisierung des Fußballs klammert sich ein medial aufgeputschter Nationalismus an das runde Geschoss. "Wir sind besser als die anderen!". Eine kritische Reflexion des Publizisten und früheren ORF-Korrespondenten Dr. Malte Olschewski.

Den Ball flach halten  - die bessere Strategie?  (Foto: yuran-78 / Clipdealer.de)

Den Ball flach halten – die deutlich bessere Strategie? (Foto: yuran-78 / Clipdealer.de)

Der Stürmer schießt, doch der Abwehrwall hält stand. Der Angriff bleibt in der Verteidigung stecken. Der Strafraum wird belagert. Das feindliche Tor steht nach einem Flankenangriff unter Trommelfeuer. Der Mittelstürmer bombt vom Sechzehner, doch der Torwart wirft sich in die Schussinie. Nun geht der Gegner mit einer neuen Strategie in die Offensive. Eine abgefeuerte Granate wird noch abgewehrt, doch dann schlägt das Geschoss ein. Schlachtenbummler mit Kriegsbemalung im Gesicht feiern den Sieg.

Fussball – der brave Enkel des Krieges

Fußball und Krieg sind enge Verwandte. Fußball ist der brave Enkel des Krieges. Beiden wird oft in hymnisch-religiösen Tönen gehuldigt. Bei TV-und Radioübertragungen kommen über zwanzig Prozent der eingesetzten Metaphern aus dem Militärischen. Fußball ist eine Abstraktion des Krieges, daher ist der Kampf um das runde Leder auch zur beliebtesten Sportart der Welt geworden. Fußball ist ein Pseudokrieg, der durch ein relativ einfaches Regelwerk gezähmt und entschärft erscheint. Orgiastische Gesten nach einem Treffer verweisen in noch tiefere Schichten und in Zeiten, da die Beute gejagt und erlegt wurde: Der Jäger, der das Tor oder das Wild mit dem Ball oder mit dem Speer getroffen hat, wird von der Meute gefeiert. Mit den erzielten Treffern ergibt sich bei jeder Meisterschaft unweigerlich eine Rangordnung, wobei sich heute die Gesellschaft fast nur mehr nur in Tabellen und Rankings auszudrücken scheint. Der herrschende Sozial-Darwinismus unterwirft im Ranking alle Produkte und Aspekte dem dominierenden Schema von Auf- und Absteigern. Heute regieren Tabellen oder Rankings das ganze Dasein. Einer muss siegen, der andere muss verlieren. Auf- und Absteiger kollidieren nicht nur auf dem grünen Rasen sondern in allen Ecken und Enden der Gesellschaft.

Kollektive Indentifizierung mit der Nation

Fußball war in Deutschland und Österreich ab 1945 einer der wenigen Orte, an dem eine kollektive Identifizierung mit der Nation offen ausgesprochen und auch gelebt werden konnte. Der Bezug auf diese Nation im zivilen und politischen Leben war ein Tabu. Doch mit Emphase wird man aufgefordert, den Helden des grünen Rasens die Daumen zu drücken und ihre Siege zu feiern. Nur im Fußball kann politisch korrekter Nationalismus ausgelebt werden. Ob mit Worten oder Schienbeintritten, es ist sogar ein wenig kontrollierte Aggressivität gestattet. Obwohl der Fussball heute entnationalisiert worden ist, wird das runde Leder immer stärker in nationale Geiselhaft genommen. Es werden Fahnen geschwenkt und Hymnen gesungen. Die Fans halten Transparente mit schlimmen Slogans hoch. Man beschmiert den eigenen Körper mit den Farben der Flagge. Sprechchöre donnern von den Tribünen. Die Stimmung ist rauschhaft. Das Individuum auf den Rängen geht in der Masse der Gleichgesinnten auf. Das kriegerische Potential bricht hervor. Der Philosoph Gilles Deleuze spricht vom Fußball als einer Quelle unerschöpflicher Rivalität, da sie die Spaltung zum Prinzip hat.

Jedes Jahr eine EM oder WM

Der Fußball hat als Geschoss der Globalisierung seine Flugbahn verändert. Für die jeweiligen Nationalmannschaften müssen Spieler zusammengeholt werden, die von finanzstarken Vereinen anderer Staaten aufgekauft worden sind. Bei der vorletzten WM standen sich kaum mehr Spieler aus dem Vereinsfußball zweier Nationen gegenüber. Viele nationale Teams setzen sich größtenteils aus Legionären zusammen, die meist außerhalb ihrer Heimat bei europäischen Spitzenklubs spielen. Die Zahlen lassen hier einige Rückschlüsse zu. Die insgesamt 32 Mannschaften hatten jeweils 23 Spieler. Von den insgesamt 636 Team-Mitgliedern waren 367 Legionäre. Die Teams von Togo, Brasilien, Ghana, Elfenbeinküste, Kroatien, Australien, Tschechien, Polen und Argentinien hatten zwischen 19 und 22 Legionäre. Unter den Favoriten trat nur Italien ohne Legionäre an, was die Qualität des späteren Siegers beweisen könnte. England zählte zwei, Deutschland und Spanien jeweils drei Legionäre. Umgekehrt spielt bei einigen Spitzenklubs kaum mehr ein im Land geborener Spieler. Im Finale der Champions spielten für Arsenal London zwei Briten, für den FC Barcelona drei Spanier. Auf dem grünen Rasen glänzt keine Nation mehr, sondern nur mehr transferisches Gold. Es wäre daher für den Sport ganz allgemein besser, würde es jedes Jahr eine EM oder WM geben und die nur finanziell gesteuerten Champions würden abtreten.

Spitzenvereine agieren wie Global-Player

Nach 1990 sind die finanzielle Möglichkeiten des Fußballs weltweit abgeschöpft worden. In Brasilien, Osteuropa und Afrika sind Talente aufgespürt und weitergezüchtet worden, um dann für gigantische Summen durch die europäischen Spitzenklubs zu zirkulieren. Der Transfermarkt boomte wie eine Börse. Milliardäre begannen Klubs als Spielzeuge zu kaufen. Europäische Spitzenvereine agieren heute wie Konzerne oder Global Player. Ihre Merchandising-Einnahmen sind durch internationale Werbetourneen nach Asien und in die USA gesteigert worden.

Über das Fernsehen können ebenfalls gigantische Summen eingenommen werden. Da die Spiele in den nationalen Ligen international nur begrenzt vermarktet werden konnten, wurde 1992 die Champions League mit den besten europäischen Mannschaften geschaffen. Im Vergleich zu dem vorausgegangenen Europapokal der Landesmeister wurde die Zahl der Mannschaften verdreifacht. Dabei sind mehrere gute Teams aus den starken europäischen Ligen zugelassen worden, um damit ereignisreiche Spiele zwischen erstrangigen Teams zu schaffen. So erhöhte sich die Zahl der Begegnungen um mehr als das Fünffache, was zu mehr Fernseh-Einnahmen führte.

Konzerne kaufen Spieler als Werbeträger

Einzelne Fußballstars werden immer seltener für ein nationales Publikum inszeniert. Große Konzerne haben sich berühmte Spieler als Werbeträger gekauft, wobei dann in den Spots jeder nationale Hinweis unterlassen wird. Wenn also Ronaldinho für Computer wirbt, so ist er vorher entbrasilianisiert worden. Transnationale Konzerne wie Pepsi oder Nike werben oft mit eigenen Teams aus Superstars, die aus verschiedenen Spitzenklubs kommen. Die Betonung des nationalen Aspektes und damit des Heimatlandes solcher Spieler wird als Hindernis für den Absatz der jeweiligen Produkte angesehen, die ja weltweit vertrieben werden.

Aufgeputschter Nationalismus

Trotz der Entnationalisierung des Fußballs klammert sich ein medial aufgeputschter Nationalismus an das runde Leder, das längst nicht mehr aus Leder, sondern aus Kunststoff ist. Das Ergebnis auf dem grünen Rasen bestätigt den alten Trieb des Nationalismus. „Wir sind besser als die anderen!“ In jedem Nationalismus wohnt Gewaltbereitschaft, die tendenziell immer den anderen verdrängen oder besiegen will. Ist der Fußball auf dem Spielfeld internationalisiiert worden, so geschieht das Gegenteil auf den Rängen. Die bellizistische Pantomime am Rasen wird immer öfter von einem Krieg unter Zuschauern gerahmt. Ob das eine oder andere Team siegt, hat dabei wenig Bedeutung. Wie immer das Ergebnis ausfällt, so kommt es zu Aufruhr, Prügeleien und Randale. Die gezügelte Gewalt auf dem grünen Rasen wird oft blutig ergänzt: Auf den Rängen, außerhalb des Stadions, gegen Polizei oder Unbeteiligte und auch ohne Sieg oder Niederlage als Motiv. Die meisten dieser Hooligans sind Modernisierungsverlierer ohne Chancen und Zukunftsperspektiven. Vor ihren Augen am grünen Rasen laufen 22 Modernisierungsgewinner dem Ball nach und verdienen damit ungeheure Summen. Das, was streng verboten ist, hat schon immer zur Übertretung gereizt. Die politische Korrektheit als Ideologie des herrschenden Neoliberalismus verbietet in nahezu ängstlicher Totalität alle Formen des Nationalismus, des Rassismus und des Antisemitismus. Im Strafgesetz werden dafür schärfste Sanktionen angedroht.

Einer, der schon als Jugendlicher trotz Lernen und Arbeiten nie etwas gewinnen kann, sieht den höchsten Reiz darin, die festgegossenen Tabus dieser Gesellschaft zu verletzen. Es geht ihm hauptsächlich darum, vor einem möglichst großen Publikum in den Stadien und vor TV-Kameras das zu tun, was maximal verboten ist. Über Mobiltelephone verabreden die gewaltbereiten Gruppen ihre Aktionen in der dritten Halbzeit, das heißt: nach Spielende. Oft aber wird während des Spiels von den Zuschauertribünen aus mit Wurfgeschossen und Feuerwerkskörpern auf bestimmte Spieler gezielt. Es werden Fanclubs wie „Wannseefront“, „Endsieg“ oder „Zyklon B“ gegründet. Auf der Tribüne werden fallweise Hakenkreuzfahnen geschwenkt. Arme werden massenhaft zum römischen Gruss gereckt.

Als Fans verkleidete Poltiker

Die maximale Aufmerksamkeit des Fußballs lockt nun auch Politiker an, die sich als Fans verkleiden. Sie erscheinen auf Tribünen. Sie nehmen notfalls einen Ankick vor. Sie herzen und beschmatzen siegreiche Spieler. Da Politik ohne Inszenierung nicht mehr möglich ist, drängen sich Regierungschefs und Minister ins Zentrum der Aufmerksamkeit und auf den grünen Rasen. Politik oder Parteien können die Massen mit ihren Programmen nie so mobilisieren wie es der Fußball vermag. Ein gesellschaftlicher Druck richtet das Individuum zu: Du musst Ja sagen! Du musst Dich begeistern! Wer nicht für Fußball ist, ist ein Verräter und ein vaterlandsloser Geselle.

Fußball ist auch zu einem Geschoss des Werbe-Terrors geworden. Die Spieler sind runum und oft auch über ihr Hinterteil beschriftet. Die deutsche Lufthansa hatte bei der WM 2006 ihren Flugzeugen Nasen aufgemalt, die wie Fußbälle ausschauten. Im Kaufhaus wurden damals Büstenhalter mit Fußbällen als Körbchen angeboten. In Stadtzentren waren riesige Tore aus Neonröhren aufgerichtet. Vor dem Berliner Kanzleramt waren zwei riesige Kickerschuhe aus Plastik zu sehen.

Symbol der Nullen auf dem Konto

Im Fernsehen nahmen damals 80 Prozent der Werbespots Bezug auf die Weltmeisterschaft. Stromkonzerne wollten nun „Umweltmeister“ werden. Banken betonten ihre „Geldmeisterschaft“. Die Bahncard bot eine „Verläääään-gerung“, während die Mastercard ihre Bonuspunkte als „Toooooore“ anpries. Die Stadien bieten einen idealen Rahmen für den bipolaren Extremismus, der die moderne Gesellschaft nicht nur im Fußball prägt. Auf beiden Seiten oder an beiden Polen wird übertrieben. Die Gelder, die von den Fußballern eingestreift werden, verspotten in ihrer obszönen Höhe die Prinzipien der Leistungsgesellschaft. Der Ball umtanzt als ein Symbol der Globalisierung einen milliardenschweren Menschenhandel, bei dem die Spieler immer höhere Preise erzielen. Als Vaganten des grünen Rasens ziehen sie von einem Club und von einem Land zum anderen. Der Ball wird zu einem Symbol der vielen Nullen auf ihren Bankkonten.

Der Soziologe Gerhard Vinnai von der Universität Bremen hat schon 1970 in seinem Werk „Fussballsport als Ideologie“ (Europäische Verlagsanstalt) festgestellt, dass der Fußball die Gesellschaft zementiert. „Freizeit darf hierbei nicht zur Freiheit werden“. Die Pseudoaktivität mit dem Lederball kanalisiere die Energien, die das „Gehäuse der Hörigkeit sprengen könnten“. Fussball sei eine „Animierdame des Status quo“. Der Spektakel tröste durch die Fiktion einer Nation als größere Gemeinschaft. Und er kanalisiere und kontrolliere die Energien, die zu einer Veränderung eingesetzt werden könnten. Fußball diene in seiner Ablenkungsfunktion ganz besonders zur Stabilisierung politischer Herrschaft durch magische Rituale am Spielfeld. Die Tore seien somit allesamt „Eigentore der Beherrschten“. Der Spektakel am grünen Rasen sei eine „einzige Abseitsfalle“.

Verweise:

Interview mit Dr. Malte Olschweski: „Die modernen Medien sind Manichäer“

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3 Kommentare zu "Fußball, Politik und Krieg"

  1. Zorab 29. Juni 2016 at 12:40

    Fussball nervt einfach!

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  2. Fingerzeig66 29. Juni 2016 at 12:59

    Das ist ein phantastischer Artikel! Ich finde es zwar unheimlich schade, dass es so ist, wie es ist, ich würde mir wünschen, man könnte ein gutes Fußballspiel einfach als solches genießen, aber so ist es eben nicht.
    Als „Fossil“ träume ich immer noch davon, dass es irgendwo ein paar Spieler gibt, die nicht nur „gemanaged“ werden, die einem Verein, in dem sie großgeworden sind, treu bleiben und nicht nur dem Höchstgebot folgen. Aber ich denke, das ist kaum noch möglich. Und die Tatsache, dass bei einem Spiel schon mehr Polizei im Einsatz sein muss, um die Gewalttätogkeiten außerhalb der Stadien unter Kontrolle zu bringen, ist erschreckend. Wie wenig Information, Reisemöglchkeiten, die Möglichkeit, mit Menschen anderer Nationen Kontakte zu pflegen, letztlich bewirkt, ist gruselig. Vielleicht ist die grauenvolle Voratellung, dass eine so lange Periode ohne wirklichen Krieg, für die man so dankbar sein sollte, fast schon schädlich ist für eine große Zahl von Menschen. Vielleicht geht die Wertschätzung verloren und man muss erst wieder ganz unten angekommen sein, um diese wieder zu erlangen???
    Eine erschreckende Vorstellung.

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  3. Richy 29. Juni 2016 at 14:33

    Die beste Analyse , die ich seit langem gelesen habe.

    Antworten

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