Ursula Pidun / 14. Januar 2014 / Keine Kommentare


Marcus von Jordan: „torial will letztlich systemrelevant sein“

torial – das Netzwerk für Journalisten – leistet im wahren Wortsinn Pionierarbeit. Die Idee: Dramatische Veränderungen in der Medienbranche als Chance sehen und Journalisten tatkräftig unterstützen, die damit dem veränderten Markt noch effektiver und lukrativer begegnen können.

In Zeiten der Neuen Medien gewinnt Qualitätsjournalismus vor allem auch in Hinblick auf ein überbordendes Informations-Chaos einen noch höheren Stellenwert. Mit der Möglichkeit für Journalisten, via torial ein professionelles, dynamisches Portfolio im Netz anzulegen und sich damit adäquat in Szene zu setzen, entsteht ein ganzheitlicher Mehrwert – bis hin zum Verwerter. Welche Grundidee steckt hinter torial und was kann das Angebot für Journalisten explizit leisten? Wir haben nachgefragt. Im Gespräch mit Marcus von Jordan. Seit 2011 ist er Chefredakteur und Conceptioner bei der Audible Web GmbH für die Journalistenplattform „torial„.

Herr von Jordan, das Webangebot „torial“ – die Plattform für Journalisten – besteht seit 2013. Welche Idee steckt dahinter?

Marcus v. Jordan (torial). (Foto: M.v.J)

Marcus v. Jordan (torial). (Foto: M.v.J)

torial liegt die Einschätzung zu Grunde, dass Journalismus immer „freier“ wird. Damit ist nicht nur der Umstand gemeint, dass es für immer weniger Journalisten feste Anstellungen gibt. Sondern vor allem ist es so, dass das Internet kurze und spontane Kommunikationswege zwischen und unter den Journalisten und den Publizisten ermöglicht. Um ein spannendes, schnelles, journalistisches Produkt effizient zu produzieren und zu vermarkten, wird es immer wichtiger, eben diese Möglichkeiten zu nutzen.

Was bedeutet das konkret und in Hinblick auf torial?

Ein Kreativer sollte spontan und schnell definieren können, welche anderen Kreativen relevant sind für seine aktuelle Arbeit und die Verwerter sollten ebenso spontan die Expertise finden, die sie gerade brauchen. Netzwerk mit denen also, die man braucht und nicht nur mit denen, die man kennt!
Damit das funktionieren kann, braucht es einen Platz im Internet, an dem die Expertise vieler Journalisten zusammengefasst wird. Das passiert bei torial. Es entsteht ein Pool aus Kompetenz und Expertise, der semantisch geordnet ist und den einzelnen Journalisten raus nimmt aus dem digitalen Chaos und ihn in den richtigen Kontext setzt. Ein digitales Kollektiv für Journalisten – der Einzelne profitiert von der Gruppe.

Ein klarer Vorteil also auch für Verwerter bzw. potenzielle Auftraggeber, die Journalisten mit Fachkompetenz suchen, sei es kurz- mittel- oder langfristig?

Ganz klar ja. Auch die Ebene der Verwerter wird immer vielschichtiger und muss zusehends damit zurecht kommen, nicht für alles einen Experten im eigenen Haus sitzen zu haben. Expertise hat viele Gesichter – von der jahrelangen Befassung mit einem Thema bis hin zu schieren Anwesenheit an einem bestimmten Ort. Sie zu finden wird immer schwieriger und immer notwendiger – dadurch, dass viele mitmachen bei torial, entsteht eben eine Quelle und der einzelne, digitale Auftritt kommt raus aus der verhältnismäßigen Anonymität des Netzes und hinein in den richtigen Kontext. Da wo dann eben auch Verwerter mit einem angemessenen Aufwand suchen können: torial.com

Somit versteht sich „torial“ also auch als Brückenschlag von Verlagen zu Journalisten und zwar in Zeiten, die sowohl für Medien als auch für Journalisten in Hinblick auf vielfältige Erfordernisse zu Neuausrichtungen durchaus schwierig sind?

Ja. Wir antizipieren bei torial eine Entwicklung, die aber bereits eingesetzt hat und wirkt.
Die großen Marken haben vielleicht noch genug interne Redaktionskraft und ihre analogen Netzwerke sind groß genug, so dass sie noch keinen echten Veränderungsbedarf spüren. Für kleinere Verwerter oder Nischenformate wird es schneller relevant, eben spontan genau die Expertise zu finden, die gerade benötigt wird.

Entscheidend ist, dass das Netz defacto die Möglichkeiten dafür schafft, kurze Wege zu nutzen und schnell und zielgenau Informationen zu bündeln, kompetente Kommentatoren anzusprechen, räumlich und thematisch involvierte Personen zu befragen, zeitlich begrenzt kooperativ zu arbeiten und so aktuelle Ereignisse hochwertig zu reflektieren. Jetzt passieren solche Dinge häufig noch im „Experiment“ oder einfach aus Geldknappheit. Aber was, wenn klar wird, dass so einfach die besseren, spannenderen journalistischen Produkte entstehen?
Und: ja, es sind schwierige Zeiten, einfach weil extrem viel Veränderung auf eine extrem kurze Sequenz fällt. Es mag helfen, sich auf das zu besinnen, was gleich bleibt und es ist noch lange nicht ausgemacht, dass die Situation für Journalisten oder Medien schlechter sein wird, als zuvor.

Noch Fragen? Marcus v. Jordan steht als Ansprechpartner bereit (Foto: M.v.J.)

Noch Fragen? Marcus v. Jordan steht als Ansprechpartner bereit (Foto: M.v.J.)

Niemals zuvor konnten Medien derart vielfältig, unterhaltsam, investigativ und abwechslungsreich um Leser (Nutzer) werben wie in diesen Zeiten. torial könnte damit zum hilfreichen Unterstützer werden, damit diese Ressourcen auch tatsächlich ausgereizt werden – sowohl von großen als auch von kleinen Verwertern?

Ich bemühe mal eine Metapher: Stellen Sie sich einen deutschen Bauern im Jahr 682 n.Ch. vor, der plötzlich auf eine fruchtbare Südseeinsel versetzt wird. Fast alles ist besser dort – er braucht keine dicke Kleidung, das Meer ist voll, die Bäume voller Früchte und es gibt auch keinen bösen Lehensherr mehr. Aber natürlich wäre er im Stress, weil alles neu ist und er sich nicht zurechtfinden kann. Man wird ihm nicht helfen, wenn man ihm immer noch eine Neuigkeit vorstellt und ihn immer nur rumführt und auf ihn einbrüllt. torial zeigt ihm erstmal eine Höhle und einen Aussichtspunkt, stellt ihm die anderen Bewohner vor und hilft ihm die Sprache zu lernen.
Wir wollen das Basislager sein, der Treffpunkt und vielleicht auch der Marktplatz. Und ja, das brauchen alle.

Wie erfahren Verwerter denn von torial?

Jetzt noch, weil wir sie ansprechen. Wir tun das auch, weil wir von ihnen das Einverständnis bzw. die Zusage brauchen, dass sie es billigen, wenn ihre Autoren lizensierte Inhalte für die Eigenwerbung bei torial nutzen. Die erste Kooperationszusage haben wir von Handelsblatt Online bekommen – wir waren aber auch schon bei SZ, Spiegel, Springer, taz und Brandeins. Alles Marken, deren Autoren und Inhalte eben auch schon auf torial zu finden sind. Man muss aber auch klar sagen: die großen Marken werden nicht ab morgen ihre Freien auf torial suchen. Sicherlich sind es kleinere Verlage, Nischenprodukte und corporate publishers, die zu erst zu uns kommen. Das ficht uns aber nicht an, denn erstens werden wir mit jedem neuen Nutzer interessanter für alle Verwerter und zweitens ist die beste Quelle für einen Journalisten immer noch ein anderer Journalist – und da den geeigneten Ansprechpartner zu finden, das funktioniert jetzt schon bei torial.

Hinter torial steht ein professionelles Team. Welche Arbeiten werden hinter den Kulissen gemeistert und welchen Aufgabenbereichen widmen Sie sich jetzt und künftig?

torial arbeitet mit einem eigenen Entwicklerteam, mit Designer und Konzepter. Idee, Informationsarchitektur, Design und technische Umsetzung – alles selbstgemacht! Ich persönlich bin der „Außenminister“ bei torial und habe sozusagen den praktischen Bedarf in das Team getragen. Jetzt verfolge ich jeden Journalisten im Lande so lange, bis er bei torial mitmacht! Nach unserem Umstieg in die Gemeinnützigkeit, werde ich der Geschäftsführer sein.

Stichwort Gemeinnützigkeit: Welche Bedeutung hat das für Nutzer bzw. Journalisten der Plattform?

Unser Weg geht zur Gemeinnützigkeit und ich denke, dass freier und engagierter Journalismus wichtig genug ist, dass er in einer Zeit des Umbruchs zumindest teilweise aus dem permanenten, kapitalistischen Selbstbeweis herausgenommen werden darf. Aber natürlich sind die Projekte und Konzepte, die im neuen Umfeld schon wirtschaftlich voll tragfähig sind extrem wertvoll! Freies Unternehmertum ist Garant für engagierte Arbeit und auch Vielfalt und Unabhängigkeit.
torial will das große Rad langsam drehen – d.h. wir wollen letztlich systemrelevant sein. Eben der beschriebene Raum für Journalisten, das Drehkreuz, die Kontaktbörse, die Community – wie auch immer. Ich bin sicher, das das nur geht, wenn wir transparent sind und frei von den wirtschaftlichen Interessen einzelner.

Wie viele Journalisten nutzen das Portal inzwischen?

Aktuell benutzen fast 2.000 Journalisten torial. Wir wachsen langsam, aber auf hohem Niveau und haben viele interessante und aktive User. Für torial ist auch in Zukunft die Qualität wichtiger als rasantes Wachstum.

Anmelden und mitmachen: wwww.torial.de



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